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Migration und Integration in Deutschland

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Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände

5 Thesen zu kulturweit

"Wo bin ich denn hier gelandet, in einem deutschen Adelsclub?"

kulturweit ist ein Freiwilligendienst des Auswärtigen Amtes. Offiziell trägt sie zur Völkerverständigung bei. Tatsächlich werden aber die deutsche Sprache und Kultur verbreitet. Es geht also darum, dass sich die Welt auf deutsch verständigt. Von Genia Bless

Auswärtiges Amt, Außenministerium, ministerium, auswärtiges
Auswärtiges Amt © MiG

VONGenia Bless

Genia Bless bereitet eine Promotion zu deutscher auswärtiger Kultur- und Bildungspolitik vor.

DATUM31. März 2015

KOMMENTARE28

RESSORTLeitartikel, Politik

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Die Sozialwissenschaftlerin Kristina Kontzi1 beschreibt, Isabel Lorey folgend, diese Alibi-Strategie bei weltwärts als eine Art Medizin, ein phármakon, dass das eigentliche Programm gegen Kritik immunisiert. Bei kulturweit passiert das in offenbar ähnlicher Form durch die Setzung der Seminarinhalte. Darüber hinaus legitimieren die ‚fair-berichten‘-Workshops, die Existenz eines Netzwerkes „von über 500 ‚kulturweit‘-Blogs aus der ganzen Welt, deren Seiten bis zu 80.000 Mal im Monat aufgerufen werden.“ Statt Menschen aus dem Globalen Süden selbst zu Wort kommen lassen, bleibt die koloniale Struktur des FÜR sie zu sprechen erhalten und wird millionenfach konsumiert.

Die Freiwilligen berichten – optimalerweise, die Realität sieht leider deutlich anders aus – nun zwar ‚fair‘, aber die Ungleichverhältnisse bleiben durchaus erhalten: Menschen aus dem Globalen Norden machen sich zum Zentrum der Geschichte(n) und berichten aus ihrer Perspektive über Menschen und Gesellschaften, die sie vormals kolonisiert haben. kulturweit gelingt es also, aktuelle, z.B. postkoloniale Kritiken wie die des Berliner Vereins glokal e.V. und seiner Broschüre „Mit kolonialen Grüßen…„, aufzunehmen und den Freiwilligen ein Gefühl zu vermitteln, sich mit grundlegender Kritik auseinander zu setzen und sie aber gleichzeitig in koloniale Settings zu entsenden. Die Widersprüche werden aufgelöst und geschmeidig gemacht. Widerständige Perspektiven werden dabei inkorporiert und entpolitisiert, eine nicht unbekannte Herrschaftsstrategie.

kulturweit ist Elitenförderung

Die Vor- und Nachbereitungsseminare von kulturweit finden seit der Gründung 2009 in der ehemaligen Pionierrepublik Wilhelm Pieck am Werbellinsee statt. Eva-Maria erzählt:

„Es ist schon merkwürdig. Da stehen 250 Freiwillige auf dem Appellplatz der Pionierrepublik und führen Rituale wie Mazunga durch. Die heutige Elite versammelt sich an demselben Ort, den die Nazis geplant haben und an dem die sozialistische Elite gedrillt wurde. Und genau wie damals, merkt kaum einer, wie sehr wir gebrainwasht werden. Auch wenn heute vielleicht mehr Fokus auf Individualität gelegt wird, ist das ‚wir-Gefühl‘ wichtiger als die Tatsache, dass wir auf Linie gebracht werden.“

Internationale Freiwilligendienste sind in Deutschland schon immer eine Sache für das sogenannte Bildungsbürgertum gewesen. Da es in Post-Pisastudie-Zeiten aber politisch kaum tragbar wäre millionenschwere Programme zur Elitenförderung aufzulegen, läuft kulturweit unter dem Deckmantel der Gemeinnützigkeit. Tatsächlich hat das Programm jedoch von Anfang an Diskriminierung in Bezug auf Klasse und Bildungsabschluss nicht nur hingenommen, sondern durch die Programmgestaltung und den Auswahlprozess vorangetrieben. Die Interviewpartner berichten, dass in ihren Ausreisejahrgängen jeweils 95-100 Prozent der Freiwilligen Abitur hatten oder sich im Studium befanden. Darüber hinaus bestätigten sie, dass eine überdurchschnittlich hohe Zahl der Freiwilligen aus der oberen Mittelschicht und Oberschicht kommt, wie Ezra spezifierte:

„Als ich auf dem Vorbereitungsseminar angekommen bin, wurden wir alphabetisch nach Nachnamen auf Häuser verteilt. Mein Nachname beginnt mit Z und so fand ich mich in einem Zimmer mit drei jungen Frauen, die alle ein „von…“ in ihrem Namen hatten in einem Zimmer einquartiert. Da schluckte ich schon erst mal und dachte, krass, wo bin ich denn hier gelandet, in einem deutschen Adelsclub?“

Pete hingegen betonte an mehreren Stellen den starken Klassismus, auf den er bei kulturweit gestoßen ist. Ihm war wichtig zu benennen, dass dies nicht nur von anderen Freiwilligen, sondern v.a. durch kulturweit selbst und die Trainer vorangetrieben wurde. Ein Beispiel:

„Auf jedem Seminar findet ein sogenannter Kulturabend statt. Da dürfen Teilnehmende Musik, Theater etc. performen. Das ist ein wahnsinniges Showing-Off der Talente. Einerseits ist es stark zu sehen, was die Leute alles können. Aber für mich, der nicht schon 15 Jahre Geigenunterricht hinter mir hatte, war der Abend auch ein bitterer Stich. Zu sehen, wie viel Förderung, Geld und Energie schon in diese ganzen Oberschichtskinder geflossen ist, ist echt frustig. Noch dazu vor dem Hintergrund, dass sie nun noch einmal ein Jahr lang voll gefördert auf Staatskosten noch mehr Kompetenzen erwerben können. Mit sozialer Gerechtigkeit hat so etwas wirklich überhaupt nichts zu tun, außer dass es sie weiter untergräbt.“

Darüber hinaus bemerkten die Interviewpartner, dass im Kontrast zur gesellschaftlichen Realität in Deutschland Freiwillige mit Migrationsgeschichte sehr unterrepräsentiert sind bei kulturweit. Chris problematisiert das und fragt, welchen Einfluss das auf die Wirkung des Freiwilligendienstes hat:

„Ein wichtiges Ziel von kulturweit ist die ‚Vermittlung eines aktuellen und differenzierten Deutschlandbildes‚. Wir leben heute in einer Migrationsgesellschaft, wie kann kulturweit denn ein differenziertes Deutschlandbild vermitteln, wenn im wesentlichen weiße Deutsche Freiwillige entsendet werden? Wir leben doch in unserer Blase und bekommen doch gar nicht mit, was in Deutschland überhaupt passiert. Wie wollen wir denn dann diesen Anspruch umsetzen? Von kulturweit aus, wird das glaube ich nicht als Problem gesehen, sonst würden sie das ja bei der Auswahl und Werbung berücksichtigen.“

  1. Kontzi (2015) []
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28 Kommentare
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  1. Kulturwelt-Fan sagt:

    Die deutsche Sprache ist halt eine Weltsprache, ganz einfach aus dem Grund, weil Jahrhunderte lang mehr deutsche Bücher gedruckt wurden als englische oder französische. Das hat mit „Kolonialismus“ und „Rassismus“ nichts zu tun. Mit dem gleichen Recht müsste man Latein, Arabisch, Altchinesisch und Griechisch verbieten. Mein Vorschlag: Kürzt die Mittel, dann hört das Wehklagen auf!

  2. ehemalige Goethe Mitarbeiterin sagt:

    Danke, Migazin! Der Artikel ist super und deckt sich mit meinen Erfahrungen bei den Goethe Instituten. Ich freue mich über diesen mutigen Artikel, der einen Blick hinter den Dunst der offiziellen Rhetorik von kulturweit wagt! Macht weiter so!!!

  3. Cengiz K sagt:

    Das, was in dem Artikel beschrieben wird, bezeichne ich mit „Deutsche-Zuerst“-Politik.. Supremacism in Reinkultur..

  4. Rinne sagt:

    Ich kann nichts verwerfliches in ihrem Vorwurf finden. Außerdem tun viele Länder das gleiche. Siehe DITIB.

  5. Mike sagt:

    Der Artikel bedient alle Linkenvorurteile: Imperialismus Kolonialismus Elitenfoerderung Adelskreise und unx und der Autorin sei empfohlen einen weniger einseitig linkslastigen Blickwinkel einzunehmen ansonsten wird sie ihr Leben lang Artikel wie diesen verfassen. Das haben selbst die Leser von Magazin nicht verdient

  6. Frank Seidel sagt:

    Auch ich bin davon überrascht, dass kulturweit in der Freiwilligendienst-Debatte bislang so unkritisch dargestellt wurde. Grundsätzlich stehe ich als Gründer eines Portals zur Freiwilligenarbeit im Ausland den Freiwilligendiensten positiv gegenüber, aber auf unserer Darstellung von kulturweit heben wir ebenfalls hervor, dass dieses Programm als „erklärter Teil der deutschen Außenpolitik z. B. für eine “verstärkte Sichtbarkeit der deutschen Einrichtungen der deutschen Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik” sorgen“ soll. http://www.wegweiser-freiwilligenarbeit.com/freiwilligendienst-ausland/kulturweit/ Vielleicht stößt euer Artikel eine wichtige Diskussion darum an.

  7. Haralds sagt:

    Frau Bless legt eine sehr einseitige Sichtweise dar. Ich kenne die Arbeit von kulturweit nicht im Detail, aber die Aussagen der Interviewpartner von Frau Bless zeigen doch, dass junge und unerfahrene Menschen nun eben nicht für jedes Projekt geeignet sind. Es spricht nichts dagegen, dass deutsche Kultur und auch die deutsche Sprache weltweit verbreitet wird. Da in jedem Fall imperiales Bestreben hineinzuinterpretieren, ist vermessen. Wer die deutsche Geschichte nur auf Weltkriege und Kolonialzeit reduziert, ist sicher nicht geeignet für einen Dienst für Deutschland im Ausland. Offenbar wird kein Land gezwungen, die Goethe-Institute und andere deutsche Einrichtungen arbeiten zu lassen.

  8. KW sagt:

    Ich weiß nicht in welchen Ausreisen die Befragten waren oder mit welchen Menschen sie gesprochen haben, denn bei meiner Ausreise war die Diversität der Freiwilligen enorm hoch. Ein großer Teil waren „Freiwillige mit Migrationsgeschichte“ und auch viele Nicht-Abiturienten waren unter den Ausreisenden. Gerade im Gegensatz zu anderen Förderprogrammen fand ich es beachtlich wie bei kulturweit nicht auf Schulnoten oder dutzende Auslandseinsätze geschaut wurde. Die Sichtweise ist doch sehr einseitig. Und auch auf den Seminaren wurde der Freiwilligendienst selber kritisch hinterfragt in verschiedenen Workshops und Arbeitsgruppen. Es ist also nicht so, dass alles einfach so hingenommen wird. kulturweit ermöglicht den Freiwilligen ihr Deutschlandbild kritisch zu hinterfragen und auch ihr Verhalten und Wirken im Ausland.
    Es kommt vor allem auch darauf an, was der Freiwillige aus seinem Freiwilligenjahr macht

  9. TD sagt:

    Als ehemalige „kulturweit“-Alumni stimme ich Ihnen, Frau Bless, in vielen Punkten zu. Ich finde den Artikel nicht mutig. Nein, eher richtig und gut, dass Sie durch die Befragung einen Beweis und somit einen personifizierten Beweis liefern konnte, wie manche sich nach dem Programm gefühlt haben mussten, sich aber nur nicht getraut haben, es laut auszusprechen.

    Die mediale Aufmerksamkeit fehlte hier komplett. Das ist richtig. Dass jemand über „kulturweit“ mal nachhakt, dass jemand mal das „Bild“ korrigiert, dass habe ich auch vermisst.

    Wie einige aus meinem Jahrgang entzog ich mich während des Vorbereitungsseminars manchen Kursen, weil wir nach paar Tagen schon merkten, wie würden sowieso abgestoßen werden, allein, weil eine kritische Bemerkung wohl ausgereicht hätte, um das paradiesische Bild über die „angebotenen“ Regionen junger Menschen zu zerstören.

    Aber es war zumindest erschreckend, wie die Teilnehmer, die trotz eines sehr guten Abiturs nicht wussten, wie weit entwickelt die ausgewählten Regionen waren. Länderkunde war kaum vorhanden und das ist ein großer Kritikpunkt an die organisatorischen Maßnahmen. Ich als PoC und Minderheit, die daran teilgenommen hat, befand mich schlussendlich auch eher in einem anderen umgekehrten Identitätskonflikt : „Wie wenig „deutsch“ bin ich eigentlich, und wie viel „deutsch-deutscher“ sind die anderen eigentlich?“

    Wenn Sie die Gegenseite wie die UNESCO befragt hätten und mit diesen Ansichten konfrontiert hätten, wäre Ihr Artikel perfekt gewesen. Aber vielleicht kommt ja noch ein zweiter Teil.

  10. ehemalige Freiwillige sagt:

    Mein kulturweit-Jahr empfinde ich für meine persönliche Entwicklung nach wie vor als sehr wichtig: Ich hatte die Möglichkeit meinen Berufswunsch zu überprüfen, erlernte eine neue Sprache, konnte Schwellenängste abbauen und bin in den folgenden Jahren ohne diese meine noch bestehende Beziehung, mit jemanden aus einem anderen Land und Kulturkreis eingegangen. Heute haben wir eine gemeinsame Tochter und ich hoffe, dass sie früher als ich damals, einen kritischen Blick entwickelt und Programme wie kulturweit frühzeitig hinterfragt und dabei nicht vorrangig an ihre eigenen Interessen denkt.
    Viele der im Artikel genannten Erfahrungen habe auch ich so durchlebt: Partys im Goetheinstitut anlässlich der Wahlen, wo ein Großteil der Anwesenden schwarz und gelb trugen um ihre politischen Gesinnungen zu verdeutlichen, Bierfeste mit vornehmlich weißen, männlichen Teilnehmer_innen, eine Einsatzstelle an einer schweizer Schule, welche sich in einer gated community befindet und welche man nur mit Ausweis betreten durfte, Flüge in benachbarte Länder, um an Zwischenseminaren teilzunehmen ,das Gefühl jemand besonderes zu sein, wenn man dem Botschafter die Hand schütteln durfte, Werbetouren mit Steinmeier ohne wirklich zu verstehen was man da eigentlich bewirbt. Erfahrungen für die ich mich heute zum Teil schäme, die mich aber im Laufe des Jahres und insbesondere nach meiner Rückkehr und im Austausch mit anderen kritischen Menschen Vieles überdenken ließen.
    Die ersten Jahre nach meiner Rückkehr betrachtete ich kulturweit noch mit sehr gemischten Gefühlen und habe mich sogar mal um eine Teamer_innenstelle beworben, weil ich dazu beitragen wollte reflektierend vorzubereiten. Mit zunehmendem Abstand und nicht zuletzt dank dieses Artikels kann ich dem Freiwilligendienst allerdings nur noch wirklich wenig abgewinnen.
    Erschreckend finde ich in diesem Zusammenhang, dass wir Kulturweitler_innen des ersten Ausreisejahrgangs damals nach unserem feedback gefragt wurden und sich dennoch scheinbar kaum etwas verändert hat. Meine Einsatzstelle wurde damals in der Folge gestrichen, aber an andere private, deutsche Schulen mit ähnlichen Konzepten wird ohne sich an meiner damaligen Problematisierung zu stören, weiter entsendet.
    Eine Karikatur über die typischen Kulturweitler_innen hatten wir schon auf unserem Ausreiseseminar, für die inzwischen immer wieder erscheinende Campzeitung „Freisprung“ entworfen. Weiß mussten sie sein, einen super Abischnitt vorweisen, mehrere Sprachen sprechen, bereits über Auslandserfahrungen verfügen und natürlich auch schon während der Schulzeit Stipendien und Auszeichnungen erhalten haben. Ich kann mich noch erinnern, dass es damals eine ziemlich hitzige Diskussion über die bevorstehende Veröffentlichung gab und bin mir nicht mehr sicher, ob das Ganze dann überhaupt bzw. vielleicht nur in abgewandelter Version gedruckt wurde. Schade fände ich es, wenn sich auch heute, 6 Jahre später, an den Auswahlkriterien nichts geändert hätte.
    Über das Alumniprogramm erhalte ich nach wie vor regelmäßig Ausschreibungen für bezahlte Positionen, auf die sich ausschließlich Ehemalige bewerben sollen oder Einladungen zu privaten Veranstaltungen im Auswärtigen Amt. Manchmal fühle ich mich dann im ersten Moment besonders, bevor man sich kurz darauf fragt, ob man wirklich Teil dieses widerlichen Eliteförderungssystems sein möchte?
    Wenn man kulturweit etwas abgewinnen kann, dann vermutlich die Tatsache, dass durch unsere Erfahrungen auch einige von uns Rücker_innen zu Botschafter_innen ihrer nun ganz eigenen Interessen geworden sind, welche zum Glück nicht in allen Fällen mit denen des Programmes deckungsgleich sind.
    Danke an die Autorin, dass ich endlich mal wieder einen Anlass hatte mich mit meinen Erfahrungen rückblickend auseinander zu setzen.


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