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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Video-Podcast der Bundeskanzlerin #35/10 vom 30.10.2010

5 Thesen zu kulturweit

Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.

kulturweit ist ein Freiwilligendienst des Auswärtigen Amtes. Offiziell trägt sie zur Völkerverständigung bei. Tatsächlich werden aber die deutsche Sprache und Kultur verbreitet. Es geht also darum, dass sich die Welt auf deutsch verständigt. Von Genia Bless

Auswärtiges Amt, Außenministerium, ministerium, auswärtiges
Auswärtiges Amt © MiG

Spätestens seit 2008 der entwicklungspolitische Freiwilligendienstes weltwärts mit mehreren tausend Plätzen jährlich gestartet ist, gibt es in Deutschland eine größere kritische Debatte über den Sinn und Unsinn von internationalen Freiwilligendiensten: Junge, meist unausgebildete Deutsche reisen für ein Jahr lang in den Globalen Süden um in sogenannten Entwicklungsprojekten mit anzupacken. weltwärts wurde in den Medien, in der Wissenschaft und innerhalb der entwicklungspolitischen Szene selbst immer wieder scharf kritisiert: Als „Egotrip ins Elend“ oder als kolonial-rassistisches Programm. Als eine Person, die ich mich kritisch mit deutscher Außenpolitik befasse, überrascht mich in der Debatte die Ruhe um den kleinen Bruder kulturweit.

Der „internationale kulturelle Freiwilligendienstkulturweit ist der Freiwilligendienst des Auswärtigen Amtes und wird von der Deutschen UNESCO Kommission durchgeführt. Jährlich reisen etwa 400 Freiwillige für 6-12 Monate in Länder des Globalen Südens sowie nach Osteuropa um in einer Institution der deutschen auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, wie z.B. einem Goethe-Institut oder einer deutschen Schule mitzuarbeiten. kulturweit hat im Herbst 2014 seinen fünften Geburtstag gefeiert und bisher gab es ausschließlich positive Kritiken und Berichte. Es ist also durchaus an der Zeit, kulturweit einmal grundsätzlich infrage zu stellen.

Aber warum ist das nötig? Wurde nicht in einer Evaluation herausgearbeitet, dass kulturweit „eine außerordentlich positive Resonanz von Seiten der Freiwilligen und der Einsatzstellen“ erhält? Gerade weil alle beteiligten Akteure – von den Freiwilligen hin zu den Einsatzstellen und Partnerorganisationen, von den Mitarbeitenden und Trainern bis hin zum Auswärtigen Amt und der Deutschen Unesco Kommission – direkt von dem Programm profitieren und sich alle selbst-referenziell aufeinander beziehen, ist ein kritischer externer Blick auf das Programm von hoher Bedeutung, um kulturweit und seine Wirkungen beurteilen zu können.

Unterstützt wurde mein externer Blick durch zwei Interviews und ein Fokusgruppengespräch, die ich im Herbst 2014 mit fünf kritischen, ehemaligen kulturweit-Freiwilligen geführt habe, bei denen ich mich herzlich bedanken möchte. Über einen persönlichen Kontakt wurden mir schnell weitere Gesprächspartner empfohlen. Auf Wunsch sind ihre Namen geändert worden.

kulturweit ist ein imperiales Programm

Im neuen Imageclip wirbt kulturweit-Initiator und Außenminister Steinmeier mit folgenden Worten für das Programm: „Für viele Menschen, gerade junge Menschen, eröffnet sich zum ersten Mal ein Horizont, der auch bedeutet, dass sie sich ihre Zukunft nicht innerhalb der deutschen Grenzen, oder nicht alleine innerhalb der deutschen Grenzen vorstellen können, sondern ein Teil ihres beruflichen Lebens auch im Ausland verbringen.“

Verbunden mit seinem Wunsch auf der Fünfjahresfeier, kulturweit möge „nicht nur 5, oder 50, sondern 500 weitere Jahre“ bestehen, könnte man fast meinen, einen Christoph Columbus sprechen zu hören. Junge Europäer in die Welt zu versenden, um Sprache und Kultur zu exportieren, reiht sich in eine gewaltvolle koloniale Tradition ein. kulturweit als Programm innerhalb der deutschen auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik hat aber nicht nur kein Bewusstsein für die Eroberungs- und Ausbeutungsgeschichte der letzten 500 Jahre, sondern nimmt auch heute einen aktiven Part darin ein, Kolonialismus und Unterdrückungsverhältnisse fortzuführen. Chris schildert das folgendermaßen:

„Ich habe in Buenos Aires ein Seminar zu Kolonialität besucht. Dort ging es oft um die europäische Herrschaftsstrategie, lokale Kulturen zu zerstören und europäische Wissens- und Bildungssysteme einzuführen. Plötzlich ging mir ein Licht auf und ich sah kulturweit und mich selbst in einem kolonialen Setting des 21. Jahrhunderts. Das war ein Schock, aber total wichtig für mich. Durch viele Gespräche und dekoloniale Bücher, bin ich mir nun sehr sicher, dass das, was wir machen, wirklich nichts anderes als moderner Kulturimperialismus ist. Die Freiwilligen sind die Missionare von heute.“

Und Eva-Maria erzählt:

„Ich hatte mich bei kulturweit beworben, weil ich der festen Überzeugung war, dass ich durch interkulturelle Begegnungen zu Frieden und Völkerverständigung beitragen kann. Als ich dann aber begriffen hatte, dass kulturweit ein rein deutsches Programm ist, vom deutschen Außenministerium gefördert, mit ausschließlich deutschen Partnerorganisationen und Freiwilligen, da merkte ich, wie naiv ich war und fragte mich: Wurde denn ein einziges Mal im Globalen Süden nachgefragt, ob die uns alle haben wollen? Ist es nicht krass, dass wir Deutschen das einfach so machen können, in andere Länder gehen, noch dazu v.a. ehemalige Kolonien, und dort unsere Sprache und Kultur verbreiten? Das wäre andersherum null denkbar. Daher gibt es wahrscheinlich auch kein incoming-Programm bei kulturweit.“

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26 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Kulturwelt-Fan sagt:

    Die deutsche Sprache ist halt eine Weltsprache, ganz einfach aus dem Grund, weil Jahrhunderte lang mehr deutsche Bücher gedruckt wurden als englische oder französische. Das hat mit „Kolonialismus“ und „Rassismus“ nichts zu tun. Mit dem gleichen Recht müsste man Latein, Arabisch, Altchinesisch und Griechisch verbieten. Mein Vorschlag: Kürzt die Mittel, dann hört das Wehklagen auf!

  2. ehemalige Goethe Mitarbeiterin sagt:

    Danke, Migazin! Der Artikel ist super und deckt sich mit meinen Erfahrungen bei den Goethe Instituten. Ich freue mich über diesen mutigen Artikel, der einen Blick hinter den Dunst der offiziellen Rhetorik von kulturweit wagt! Macht weiter so!!!

  3. Cengiz K sagt:

    Das, was in dem Artikel beschrieben wird, bezeichne ich mit „Deutsche-Zuerst“-Politik.. Supremacism in Reinkultur..

  4. Rinne sagt:

    Ich kann nichts verwerfliches in ihrem Vorwurf finden. Außerdem tun viele Länder das gleiche. Siehe DITIB.

  5. Mike sagt:

    Der Artikel bedient alle Linkenvorurteile: Imperialismus Kolonialismus Elitenfoerderung Adelskreise und unx und der Autorin sei empfohlen einen weniger einseitig linkslastigen Blickwinkel einzunehmen ansonsten wird sie ihr Leben lang Artikel wie diesen verfassen. Das haben selbst die Leser von Magazin nicht verdient

  6. Frank Seidel sagt:

    Auch ich bin davon überrascht, dass kulturweit in der Freiwilligendienst-Debatte bislang so unkritisch dargestellt wurde. Grundsätzlich stehe ich als Gründer eines Portals zur Freiwilligenarbeit im Ausland den Freiwilligendiensten positiv gegenüber, aber auf unserer Darstellung von kulturweit heben wir ebenfalls hervor, dass dieses Programm als „erklärter Teil der deutschen Außenpolitik z. B. für eine “verstärkte Sichtbarkeit der deutschen Einrichtungen der deutschen Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik” sorgen“ soll. http://www.wegweiser-freiwilligenarbeit.com/freiwilligendienst-ausland/kulturweit/ Vielleicht stößt euer Artikel eine wichtige Diskussion darum an.

  7. Haralds sagt:

    Frau Bless legt eine sehr einseitige Sichtweise dar. Ich kenne die Arbeit von kulturweit nicht im Detail, aber die Aussagen der Interviewpartner von Frau Bless zeigen doch, dass junge und unerfahrene Menschen nun eben nicht für jedes Projekt geeignet sind. Es spricht nichts dagegen, dass deutsche Kultur und auch die deutsche Sprache weltweit verbreitet wird. Da in jedem Fall imperiales Bestreben hineinzuinterpretieren, ist vermessen. Wer die deutsche Geschichte nur auf Weltkriege und Kolonialzeit reduziert, ist sicher nicht geeignet für einen Dienst für Deutschland im Ausland. Offenbar wird kein Land gezwungen, die Goethe-Institute und andere deutsche Einrichtungen arbeiten zu lassen.

  8. KW sagt:

    Ich weiß nicht in welchen Ausreisen die Befragten waren oder mit welchen Menschen sie gesprochen haben, denn bei meiner Ausreise war die Diversität der Freiwilligen enorm hoch. Ein großer Teil waren „Freiwillige mit Migrationsgeschichte“ und auch viele Nicht-Abiturienten waren unter den Ausreisenden. Gerade im Gegensatz zu anderen Förderprogrammen fand ich es beachtlich wie bei kulturweit nicht auf Schulnoten oder dutzende Auslandseinsätze geschaut wurde. Die Sichtweise ist doch sehr einseitig. Und auch auf den Seminaren wurde der Freiwilligendienst selber kritisch hinterfragt in verschiedenen Workshops und Arbeitsgruppen. Es ist also nicht so, dass alles einfach so hingenommen wird. kulturweit ermöglicht den Freiwilligen ihr Deutschlandbild kritisch zu hinterfragen und auch ihr Verhalten und Wirken im Ausland.
    Es kommt vor allem auch darauf an, was der Freiwillige aus seinem Freiwilligenjahr macht

  9. TD sagt:

    Als ehemalige „kulturweit“-Alumni stimme ich Ihnen, Frau Bless, in vielen Punkten zu. Ich finde den Artikel nicht mutig. Nein, eher richtig und gut, dass Sie durch die Befragung einen Beweis und somit einen personifizierten Beweis liefern konnte, wie manche sich nach dem Programm gefühlt haben mussten, sich aber nur nicht getraut haben, es laut auszusprechen.

    Die mediale Aufmerksamkeit fehlte hier komplett. Das ist richtig. Dass jemand über „kulturweit“ mal nachhakt, dass jemand mal das „Bild“ korrigiert, dass habe ich auch vermisst.

    Wie einige aus meinem Jahrgang entzog ich mich während des Vorbereitungsseminars manchen Kursen, weil wir nach paar Tagen schon merkten, wie würden sowieso abgestoßen werden, allein, weil eine kritische Bemerkung wohl ausgereicht hätte, um das paradiesische Bild über die „angebotenen“ Regionen junger Menschen zu zerstören.

    Aber es war zumindest erschreckend, wie die Teilnehmer, die trotz eines sehr guten Abiturs nicht wussten, wie weit entwickelt die ausgewählten Regionen waren. Länderkunde war kaum vorhanden und das ist ein großer Kritikpunkt an die organisatorischen Maßnahmen. Ich als PoC und Minderheit, die daran teilgenommen hat, befand mich schlussendlich auch eher in einem anderen umgekehrten Identitätskonflikt : „Wie wenig „deutsch“ bin ich eigentlich, und wie viel „deutsch-deutscher“ sind die anderen eigentlich?“

    Wenn Sie die Gegenseite wie die UNESCO befragt hätten und mit diesen Ansichten konfrontiert hätten, wäre Ihr Artikel perfekt gewesen. Aber vielleicht kommt ja noch ein zweiter Teil.

  10. ehemalige Freiwillige sagt:

    Mein kulturweit-Jahr empfinde ich für meine persönliche Entwicklung nach wie vor als sehr wichtig: Ich hatte die Möglichkeit meinen Berufswunsch zu überprüfen, erlernte eine neue Sprache, konnte Schwellenängste abbauen und bin in den folgenden Jahren ohne diese meine noch bestehende Beziehung, mit jemanden aus einem anderen Land und Kulturkreis eingegangen. Heute haben wir eine gemeinsame Tochter und ich hoffe, dass sie früher als ich damals, einen kritischen Blick entwickelt und Programme wie kulturweit frühzeitig hinterfragt und dabei nicht vorrangig an ihre eigenen Interessen denkt.
    Viele der im Artikel genannten Erfahrungen habe auch ich so durchlebt: Partys im Goetheinstitut anlässlich der Wahlen, wo ein Großteil der Anwesenden schwarz und gelb trugen um ihre politischen Gesinnungen zu verdeutlichen, Bierfeste mit vornehmlich weißen, männlichen Teilnehmer_innen, eine Einsatzstelle an einer schweizer Schule, welche sich in einer gated community befindet und welche man nur mit Ausweis betreten durfte, Flüge in benachbarte Länder, um an Zwischenseminaren teilzunehmen ,das Gefühl jemand besonderes zu sein, wenn man dem Botschafter die Hand schütteln durfte, Werbetouren mit Steinmeier ohne wirklich zu verstehen was man da eigentlich bewirbt. Erfahrungen für die ich mich heute zum Teil schäme, die mich aber im Laufe des Jahres und insbesondere nach meiner Rückkehr und im Austausch mit anderen kritischen Menschen Vieles überdenken ließen.
    Die ersten Jahre nach meiner Rückkehr betrachtete ich kulturweit noch mit sehr gemischten Gefühlen und habe mich sogar mal um eine Teamer_innenstelle beworben, weil ich dazu beitragen wollte reflektierend vorzubereiten. Mit zunehmendem Abstand und nicht zuletzt dank dieses Artikels kann ich dem Freiwilligendienst allerdings nur noch wirklich wenig abgewinnen.
    Erschreckend finde ich in diesem Zusammenhang, dass wir Kulturweitler_innen des ersten Ausreisejahrgangs damals nach unserem feedback gefragt wurden und sich dennoch scheinbar kaum etwas verändert hat. Meine Einsatzstelle wurde damals in der Folge gestrichen, aber an andere private, deutsche Schulen mit ähnlichen Konzepten wird ohne sich an meiner damaligen Problematisierung zu stören, weiter entsendet.
    Eine Karikatur über die typischen Kulturweitler_innen hatten wir schon auf unserem Ausreiseseminar, für die inzwischen immer wieder erscheinende Campzeitung „Freisprung“ entworfen. Weiß mussten sie sein, einen super Abischnitt vorweisen, mehrere Sprachen sprechen, bereits über Auslandserfahrungen verfügen und natürlich auch schon während der Schulzeit Stipendien und Auszeichnungen erhalten haben. Ich kann mich noch erinnern, dass es damals eine ziemlich hitzige Diskussion über die bevorstehende Veröffentlichung gab und bin mir nicht mehr sicher, ob das Ganze dann überhaupt bzw. vielleicht nur in abgewandelter Version gedruckt wurde. Schade fände ich es, wenn sich auch heute, 6 Jahre später, an den Auswahlkriterien nichts geändert hätte.
    Über das Alumniprogramm erhalte ich nach wie vor regelmäßig Ausschreibungen für bezahlte Positionen, auf die sich ausschließlich Ehemalige bewerben sollen oder Einladungen zu privaten Veranstaltungen im Auswärtigen Amt. Manchmal fühle ich mich dann im ersten Moment besonders, bevor man sich kurz darauf fragt, ob man wirklich Teil dieses widerlichen Eliteförderungssystems sein möchte?
    Wenn man kulturweit etwas abgewinnen kann, dann vermutlich die Tatsache, dass durch unsere Erfahrungen auch einige von uns Rücker_innen zu Botschafter_innen ihrer nun ganz eigenen Interessen geworden sind, welche zum Glück nicht in allen Fällen mit denen des Programmes deckungsgleich sind.
    Danke an die Autorin, dass ich endlich mal wieder einen Anlass hatte mich mit meinen Erfahrungen rückblickend auseinander zu setzen.


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