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Migration und Integration in Deutschland

Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Transnationale Perspektiven

Mehr Kosmopolitismus wagen!

Die größte Herausforderung für das Einwanderungsland Deutschland ist die Konstruktion einer neuen kollektiven Identität, die Vielfalt und Pluralismus und einen gesunden Patriotismus unter einem Hut bringt. Von Dr. Yaşar Aydın

Yaşar Aydın, Yaşar, Aydın, Dr.
Yaşar Aydın © privat, bearb. MiG

VONYaşar Aydın

Der Verfasser studierte an der Universität Hamburg Soziologie und Volkswirtschaft (2001), absolvierte an der Universität Lancaster (England) sein Masterstudium in Soziologie (2002) und promovierte 2009 an der Universität Hamburg mit der Dissertationsschrift „Topoi des Fremden: Zur Analyse und Kritik einer sozialen Konstruktion“. Nach der Promotion arbeitete er im Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut und an der Universität Hamburg als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Er beschäftigt sich insbesondere mit Migrations- und Integrationstheorien, Migrationsbewegungen zwischen Deutschland und der Türkei und mit der Türkeiforschung. Derzeit ist er Mercator-IPC Fellow an der SWP und forscht zum Thema „Die neue Diasporapolitik der Türkei“ und lehrt in Hamburg. Seine aktuelle Publikation: „Transnational statt nicht integriert: Abwanderung türkeistämmiger Hochqualifizierter aus Deutschland“.

DATUM30. März 2015

KOMMENTARE8

RESSORTAktuell, Meinung

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In nahezu ganz Europa bekommen ultrarechte Parteien und populistische Politiker Zulauf. Angesichts der gesellschaftlichen Fragmentierung, Entfremdung der Minderheiten und Empörung der Einheimischen über „Integrationsprobleme“ der Migranten plädieren sie für eine Assimilationspolitik, die den Multikulturalimus ablösen soll. Dabei wird vergessen, dass im Zeitalter der Globalisierung Homogenität und Assimilation keine Alternativen sind. Vonnöten ist eine „kosmopolitische Öffnung“. Warum und wie könnte sie aussehen?

Unsere Welt ist von Globalisierungsprozessen gekennzeichnet, die gesellschaftliches Leben einem radikalen Wandel aussetzt. Die globalen Bewegungen von Kapital, Gütern und Dienstleistungen sowie die raumzeitliche Verdichtung unserer Lebenswelt durch immer engere Kommunikations- und Verkehrsnetzwerke (Globalisierung) begünstigen transnationale Orientierungen und Lebensführung, und sie beseitigen viele Mobilitätsbarrieren.

Globalisierung und Migration: Chance und Herausforderung zugleich

Im Zuge von Migrationsbewegungen und Massentourismus wiederum kommt es im Alltag unserer spätkapitalistischen Gesellschaften, insbesondere aber in den Städten, mehr denn je zuvor zu Begegnungen mit Fremden und mit anderen Kulturen. Während den „Fremden“ außerhalb der eigenen Gesellschaft mit Faszination begegnet wird, wird umgekehrt ihre Präsenz in der eigenen Gesellschaft als ein „pathologischer Zustand“ wahrgenommen. Migranten erzeugen nicht selten Furcht und Ressentiments bei den Einheimischen, die Einwanderung und der darauf folgende Integrationsprozess sind häufig durch Spannungen, Konflikte und Dispute über Fragen des Lebensstils oder der kulturellen Werte geprägt. Außerdem stellen sie eine Herausforderung für die Idee einer kulturellen Homogenität als Bezugsrahmen für die eigene Gesellschaft sowie für die Idee einer stabilen nationalen Identität dar.

Unsere globalisierte Welt ist hierarchisch strukturiert und unzählige Menschen sind in einem Kreislauf von Hunger, Armut, Schulden, Ausgrenzung und staatlichen Repressionen gefangen. Getrieben von Not, sind viele Menschen dazu bereit, ihre Organe zu verkaufen. Andere nehmen große Gefahren auf sich, um sich mit Hilfe von Menschenschmugglern nach Europa abzusetzen. Durch Migrationsdruck werden in europäischen Gesellschaften Ängste geschürt und die ohnehin radikalen sozialen Ungleichheiten, durch die unsere Gesellschaft gekennzeichnet ist, werden weiter verschärft.

Kosmopolitismus statt Rassismus und Nationalismus

Beide Entwicklungen – Destabilisierung unserer Identitätsentwürfe und Verschärfung der sozialen Ungleichheit – schaffen einen fruchtbaren Boden, auf dem Rassismus gedeihen kann. Rassismusforscher Christian Geulen konstatiert, dass wir an der Schwelle einer Epoche stehen, „in der eine regelrechte Renaissance des Rassismus zumindest möglich erscheint“ (Geschichte des Rassismus, 2007: 9). Im Zeitalter der Globalisierung gewinnt der Rassismus an Bedeutung und könnte in Zukunft eine viel prominentere Rolle spielen. Denn er ist eine Ideologie, die Lösung verspricht: für das Verhältnis Individuum und Gesellschaft sowie von Universalität und Partikularität, d.h. Weltgesellschaft und Nation. Und noch wichtiger: Der Rassismus verspricht, nationale Zugehörigkeit zu stabilisieren. Und darin liegt seine Attraktivität für diejenigen, die angesichts von sozialer Ungleichheit, Prekarisierung und Destabilisierung von Identität und Zugehörigkeit einen Halt suchen.

Wenn wir nicht wollen, dass in unserer Gesellschaft die Fragmentierung entlang ethnischer, kultureller und religiöser Linien voranschreitet, und wir einen Rückfall in den Nationalismus und Homogenitätswahn wie im 19. Jahrhundert ebenfalls ablehnen, dann bleibt nur die Alternative einer kosmopolitischen Öffnung unserer Nationsvorstellung und unseres Wir-Gefühls übrig.

In den letzten Jahren wurde diesbezüglich viel getan. Auch wenn es immer noch Weigerer und Uneinsichtige gibt, hat sich die Erkenntnis, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, weitgehend durchgesetzt. Die Zahl der Politiker – auf kommunaler, Landes- und Bundesebene – mit Migrationshintergrund ist deutlich angestiegen, die Optionspflicht für junge Leute wurde – wenn auch mit Einschränkungen – endlich aufgehoben. Und ganz zu schweigen von den Fortschritten der Migranten auf den Gebieten der Bildung und Arbeits- und Wohnungsmarktes. Auch wenn Diskriminierung und Benachteiligung aufgrund Hautfarbe, Religionszugehörigkeit und Kultur weiterhin eine vollwertige Partizipation verhindern, stehen Verbesserungen ebenfalls außer Frage.

Ein neues Wir-Gefühl – auch für die „neuen Deutschen“

Es gibt aber auch viel zu tun: Die größte Herausforderung für das Einwanderungsland Deutschland ist die Konstruktion einer neuen kollektiven Identität, die Vielfalt und Pluralismus und einen gesunden Patriotismus unter einem Hut bringt. Eine neue kollektive Identität ist vonnöten, die nicht im Widerspruch steht zum Universalimus und zu partikularen Identitäten in der Einwanderungsgesellschaft. Letztere ist besonders wichtig, damit die neue kollektive Identität auch von „neuen Deutschen“ angenommen wird.

Vonnöten ist auch ein neues Wir-Gefühl, das ebenfalls die „neuen Deutschen“, deren Zahl aufgrund von Einbürgerungen enorm gestiegen ist, mit einschließt und miterfasst. Es gilt also, die Wir-Vorstellung so auszuweiten, dass die „neuen Deutschen“ darin ihren Platz finden und diese Wir-Vorstellung und kosmopolitische Werte sich nicht gegenseitig ausschließen.

In den 1970ern lautete der Wahlspruch: Mehr Demokratie wagen. Heute lautet er: Mehr Kosmopolitismus wagen.

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8 Kommentare
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  1. humanoid sagt:

    bruda

    hier wird sich nichts ändern . die juden galten als parade beispiel an assimilation und integration , und dennoch waren ihnen viele bereiche verwehrt geblieben,trotz emanzipation und rechtlicher gleichstellung .

    akzeptanz wird nicht gegeben sondern verdient . undzwar durch macht !
    man muss das akzeptieren was man nicht ändern kann .

    solange deutschland seine identität über andere definiert , sei es im gemeinsamen hass auf die franzosen im 19 jhd , oder später auf die juden , solange wird sich nichts an der mentalität ändern .

    nur politischer und wirtschaftlicher druck kann veränderung bringen , vorallem unter berücksichtigung der demographischen entwicklung .

  2. Rolfi sagt:

    Lauter Illusionen. Die Globalisierung ist keine Schönwetterveranstaltung Herr Aydin. Sie kennt ihre Verlierer und ihre Gewinner. Die Globalisierungsverlierer strömen nach Europa und fordern eine Öffnung der Sozialsysteme und des Arbeitsmarktes. Ein ganz normaler Vorgang. Umgekehrt fordern gerade die Globalisierungsgewinner eine Abschottung. Auch ein normaler Vorgang.
    Leider sind die Kulturen auch im Zeitalter der Globalisierung so unterschiedlich, dass es keine gemeinsame Identität geben kann. Identität heißt gleich sein. Wenn man keine Gleichheit will, nennt man das Pluralität. Insofern halte ich von Ihrem Beitrag nichts. Was wollen Sie eigentlich? Gleichheit oder Pluralität? Wie wollen Sie denn ein „Wir“ definieren, ohne gemeinsame Geschichte, Tradition und Kultur?

  3. Wiebke sagt:

    Eine neue Identität für eine heterogen zusammen gesetzte Gesellschaft hervorzubringen ist leichter gesagt als getan. Das klassische Beispiel sind die USA, die ebenso wie Australien zunehmend durch Überwachung, ein erschreckendes Justiz-System, undemokratische Strukturen und durch immer wieder neue Feindbilder und Krieg zusammen gehalten werden. Übrigens gilt das auch für das ethnisch überaus vielfältig zusammen gesetzte Israel. Ohne die Palästinenser würde da vermutlich trotz einigender Religion der Bürgerkrieg herrschen. Kanada ist eine einsame Ausnahme, zumindest in mancher Hinsicht.
    Übrigens wird oft übersehen, dass der erste große Globalisierungs- und Mobilitätsschub bereits vor dem ersten Weltkrieg in der Folge des Kolonialismus und der von ihm ausgelösten Massenvertreibungen, Massenumsiedlungen, Globalisierung der Wirtschaft auf Kosten der einheimischen usw. , stattfand. Es war sozusagen ein back lash in den Nationalismus. Wo immer soziale Bindungen in großem Stil zerrisssen werden, finden auch heute die Menschen Trost vielleicht weniger im Nationalismus, sondern eher in Pseudo-Gemeinschaften rechter Gruppierungen, Sekten oder gar Terrorverbänden.

  4. hahadi sagt:

    Es sollte doch kein problem sein, das „Wir“ der Bewohner eines landes etwa wie folgt zu definieren oder nach und nach zu fördern:
    – uneingeschränktes bekenntnis zu rechtssystem und landesverfassung (grundgesetz)
    – bekenntnis zur gemeinsamen, im öffentlichen raum verbindlichen und historisch vorgefundenen landessprache,
    – wille zur kulturellen und gesellschaftlichen mitsprache und -gestaltung
    – anerkenntnis demokratisch zustande gekommener entscheidungen
    – anerkenntnis der rechte verfassungsrechtlich geschützter minderheiten und meinungen
    – bereitschaft zur mitverantwortung für die folgen, die sich aus der geschichte des wahllandes für dessen zukunft und stellung in der region und weltweit ergeben
    – …

  5. Ochljuff sagt:

    Was bitte ist „gesunder Patriotismus“? Das müsste mir nch einmal jemand erklären, von alleine erschließt sich mir dieser Begriff nicht.

  6. humanoid sagt:

    hhhh

    deutsche sind doch das volk das sich am meisten über andere definiert .
    und heute mehr denn je .

    sie sind nicht wie wir , darum sind wir wir .

  7. Rinne sagt:

    @Ochljuff

    Gesunder Patriotismus ist der ganz normale Patriotismus. Stolz auf sein sein ohne andere auszugrenzen. Oder wollen Sie ernsthaft behaupten Patriotismus wäre was schlechtes? Die patriotischsten von allen sind meist diejenigen, die ihr eigenes Land verlassen haben, also Migranten, da geht es aber meist um Abgrenzung.

  8. Ochljuff sagt:

    @ Rinne

    Meines Erachtens geht es bei Patriotismus immer um das Abgrenzen. Ob das etwas Schlechtes ist, ist wohl Ansichtssache – ich würde behaupten, in dieser Denkkategorie: ja, das ist (heutzutage) immer etwas Schlechtes (sich über die Zugehörigkeit zu einem Land zu definieren, als Abgrenzung zu anderen, nicht über Werte an sich – darin steckt etwas Exklusives, Ausgrenzendes: „Schlechtes“).

    Das mag einmal anders gewesen sein, z.B. als Patriotismus (Für Deutschland im Gegensatz zur Kleinstaaterei) etwas Vereinendes hatte – doch diese Denkmuster sind ja heute in Bezug auf Länder (meist: Nationen) praktisch nicht mehr vorhanden.

    Insofern würde ich dem Autor zustimmen, dass „wir“ eine neue Identität benötigen. Das konstruktive Angebot über einen „gesunden“ Patriotismus mag hier zwar die Denkkreise erweitern, löst aber das grundsätzliche Problem nicht sondern schiebt es nur auf eine höhere Ebene, wo die Auswirkungen etwas langsamer erfahrbar gemacht werden, weil zunächst Personen neu in die Identität integriert werden, diese aber prinzipiell genauso exklusiv (und damit ausgrenzend) ist, wie die alte.



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