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„Bist du der gute Muslim oder der problematische Muslim?“

Mit dem YouTube-Video „Reverse Racism“ eroberte er das Internet im Sturm. Aamer Rahman ist ein internationaler Comedian aus Australien. Er versteht es, tiefgründige politische Themen wie Rassismus, Asylpolitik und White Supremacy gekonnt auf den Punkt zu bringen und dennoch zu unterhalten. Er ist Sprachrohr rassifizierter Menschen. Er adressiert seine Comedy nicht an Rassisten, sondern bestärkt jene, die von Rassismus betroffen sind.

Aamer Rahman wurde 2008 als Teil des Comedy Duos Fear of a Brown Planet mit dem Best Newcomer Award des Melbourne International Comedy Festival ausgezeichnet. The Guardian erwähnte ihn kürzlich auf seiner Top 10 Liste der besten Comedy Shows 2014. Im letzten Jahr feierte er den Erfolg vieler ausverkaufter Shows in Amerika und England und ist zurzeit mit seiner Show The Truth Hurts erneut auf Tour. Emine Aslan traf ihn für MiGAZIN in London beim jährlichen Islamophobia Award der Islamic Human Rights Comission und begleitete ihn während seiner Tour.

MiGAZIN: Als internationaler Comedian hast du sehr viel Erfolg damit, gesellschaftlich und politisch ernste Themen unterhaltsam zu verpacken. Wann und aus welchen Gründen hast du damit angefangen?

Aamer Rahman: Gleich nach der Schule. In Australien habe ich Rassismus am eigenen Leib erfahren müssen und habe deshalb nach einem Ventil gesucht. Da kam ich unter anderem mit Themen wie Migration und Flüchtlinge in Berührung. Und weil ich politische Comedy ohnehin schon mochte, und bereits seit sechs Jahren Aktivist war, wollte ich über diese Themen reden.

Hattest du schon immer vor, Comedy als eine Plattform für solche Themen zu nutzen?

Aamer Rahman: Nein, das war Zufall. Ich habe Comedy zwar schon immer gemocht, aber ich hatte nie wirklich vor, selber Comedy zu machen. Mein Freund nahm an einem Wettbewerb teil und ich schloss mich ihm einfach an.

Als Aktivist beschäftigst du dich mit aktuellen politischen Themen. Auf Twitter etwa hast du dich auch zu Charlie Hebdo und zur Meinungsfreiheit geäußert. Wo ziehst du als Künstler die Grenzen von Satire und wo gibt es für dich als Comedian No Go’s?

Aamer Rahman: Charlie Hebdo stellt für mich persönlich keine Satire dar. Satire muss Institutionen oder Personen angreifen, die Macht besitzen. Oft hört man, der Islam sei global betrachtet eine machtvolle Bewegung. Aber hier geht es um Frankreich. Dort sind Muslime eine ständig unter Angriff stehende, marginalisierte und diskriminierte Minderheit. Die Religion dieser Menschen zu verspotten, zu verhöhnen, das ist keine Satire. Das ist Mobbing. Das ist rassistisches Mobbing.

Für mich persönlich ziehe ich die Grenzen an derselben Stelle. Ich möchte mir keinen Spaß über jemanden oder eine Gruppe von Menschen machen, die keine Macht haben, die marginalisiert werden. Verstehst du was ich meine? Das ist nicht witzig.

Das Muslim-Sein in Deutschland ist wahrscheinlich ganz anders als beispielsweise in Australien. Wie lebt es sich dort als Muslim?

Aamer Rahman: Es ist schwer, für alle zu reden, weil es unterschiedliche muslimische Communities gibt. Zwar ist jeder dieser allgemeinen antimuslimischen Stimmungen ausgesetzt, aber da gibt es zum Beispiel die libanesische Community oder die afrikanische, die stärker von Überwachungen beziehungsweise polizeilichen Repressionen betroffen sind als beispielsweise südasiatische Muslime. Unterm Strich haben wir aber eine aggressive antimuslimische Hysterie.

Wie bewertest du die Solidaritäten zwischen den unterschiedlichen muslimischen Communities? Gibt es die überhaupt?

Aamer Rahman: Die immigrierten muslimischen Communities sind in der Regel sehr fragmentiert, und sehr entlang ethnischer Zugehörigkeiten aufgeteilt. Es muss noch viel getan werden, ehe so etwas wie eine Solidarisierung oder ein Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht.

Oft gehen Muslime von Gleichheit aller Menschen aus, nur weil das nach islamischem Verständnis so sein sollte. Dass sie aber nicht ausschließlich mit diesem islamischen Verständnis sozialisiert werden, wird oft ausgeblendet.

Aamer Rahman: Das ist absolut zutreffend. Wir müssen begreifen, dass wir nicht in einer islamischen Umgebung aufwachsen. Selbst wenn wir in muslimischen Ländern leben würden, würden wir immer noch innerhalb eines globalen Systems der politischen und kulturellen Hegemonie leben, das uns alle möglichen Ideen lehrt. Ja, Muslime werden genauso mit rassistischen Ideologien indoktriniert wie alle anderen auch. Deshalb ist es wichtig, sich diese Tatsache einzugestehen und nach Wegen zu suchen, um diesen Automatismus zu brechen.

Durch deine Arbeit hast du die Möglichkeit, viele Länder zu bereisen und ganz unterschiedliche Menschen kennenzulernen. Siehst du Gemeinsamkeiten oder Unterschiede bei Problemen, denen Muslime und nicht-muslimische People of Color ausgesetzt sind?

Aamer Rahman: Vorab: Wo immer ich Muslime traf, waren sie immer mit derselben Frage konfrontiert: Auf wessen Seite stehst du? Bist du der gute Muslim oder der problematische Muslim? So entsteht ein interner Kampf innerhalb der muslimischen Communities, der uns ständig auseinanderreißt. Die Communities werden gegeneinander ausgespielt. Und da reicht es nicht zu demonstrieren, dass du ein guter europäischer Muslim, amerikanischer Muslim oder australischer Muslim bist. Nein, du musst dich explizit von der unerwünschten Sorte Muslim, meistens sind das die Armen, distanzieren.

Nicht-muslimische People of Color reagieren auf meine Comedy ähnlich wie Muslime weil sie ähnliche Erfahrungen machen – vor allem der tägliche Druck, dem sie sich ausgesetzt sehen. Aber auch die Auswirkungen von Rassismus auf der Arbeit oder in der Schule usw. sind tatsächlich sehr ähnlich.

In Deutschland jedenfalls habe ich den Eindruck, dass es schwierig ist, Muslime für das Anliegen von anderen Communities zu mobilisieren. Welchen Eindruck hast du von Australien oder anderen Ländern?

Aamer Rahman: Dasselbe Problem existiert überall. Zum einen stehen Muslime selbst unter einem enormen Druck. Da fällt es schwer, sich für die Belange anderer Communities zu solidarisieren. Aber ich denke auch, dass gerade daran kein Weg vorbeiführt. Denn letztlich bekämpfen wir alle dasselbe: Rassismus. Das ist nichts, was aus der Isolation aus erreicht werden kann.

Wie könnte man muslimischen Communities Schub geben?

Aamer Rahman: Zunächst einmal müssen wir ehrlich sein. Wir müssen Selbstkritik üben. Wo liegen unsere Mängel? Gleichzeitig dürfen wir uns von der Kritik nicht vereinnahmen lassen und Dinge selbst aufbauen. Es ist nicht ausreichend, Muslime einfach nur zu kritisieren und sich darüber zu beschweren, dass sie als Gemeinschaft nicht genug tun und dass sie dieses oder jenes nicht verstehen. Wir müssen Möglichkeiten für Menschen schaffen, die etwas tun. Wir müssen Menschen Möglichkeiten bieten, wo sie sich einbringen können.

Es gibt Stimmen, die für so etwas wie eine einheitliche Linie plädieren. Kannst du dich dem anschließen?

Aamer Rahman: Nein, definitiv nicht. Ich denke es müssen unterschiedliche Wege ausprobiert werden. Was hieße eine einheitliche Linie denn? Der Aufbau einer zentralen Organisation, dem sich alle anschließen müssen? So etwas kann nicht funktionieren.

Welchen Rat würdest du jungen Muslimen in Deutschland oder generell in Europa hinsichtlich Identitätspolitik und dem Umgang mit Islamophobie geben?

Aamer Rahman: Islamophobie ist kein einzigartiges Phänomen. Es ist nur eine andere Form von Rassismus. Für viele andere Communities ist Rassismus nichts Neues. Muslime stehen also nicht alleine mit diesem Problem. Daher ist es falsch, sich als Muslime in einer exklusiven Position zu sehen. Das Problem heißt Rassismus. Wenn wir das verstanden haben, müssen wir uns nur noch umsehen, wer noch davon betroffen ist und uns mit ihnen zusammenschließen.

Sehen wir dich vielleicht auch mal in Deutschland?

Aamer Rahman: Ja, sehr gerne, wenn Interesse da ist, wieso nicht.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!