MiGAZIN

Studie

Schulbücher bilden Migranten oft als Opfer ab

Heute hat jeder dritte Schüler unter 15 Jahren einen Migrationshintergrund. Diese Lebensrealität bilden Schulbücher aber nicht ab. Dort werden Migrant und Vielfalt meist als „Problem“ dargestellt. Das sind Befunde einer aktuellen Schulbuch-Studie.

Deutsche Schulbücher bilden die gesellschaftliche Realität einer Studie zufolge oft einseitig ab. Migration werde vor allem als Problem dargestellt, heißt es in einer wissenschaftlichen Untersuchung von Schulbüchern aus fünf Bundesländern, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Dass Vielfalt als Normalfall dargestellt werde, sei eher die Ausnahme, sagte die Leiterin der Studie, Inga Niehaus. Mehrere Schulbuchverlage riefen zu Geduld auf. Sie sehen sich „auf einem guten Weg“.

Nach der Studie stellen die untersuchten Schulbücher Migration und Vielfalt meist nur als Problem und Herausforderung dar „für eine weiterhin überwiegend als homogen vorgestellte Gesellschaft“. Was unter der Integration von Ausländern zu verstehen sei, bleibe oft im Vagen. Migranten werden „wiederholt als passiv Betroffene oder Opfer dargestellt“.

In Schulbüchern haben Deutsche keinen Migrationshintergrund
Zudem erscheinen Migranten in den Büchern demnach oft als Menschen, von denen „eine Anpassungsleistung an die deutsche Gesellschaft“ gefordert werde. Zudem werde nicht präzise formuliert und Begriffe wie „Ausländer“, „Fremde“ oder „Migranten“ nicht voneinander abgegrenzt oder synonym verwendet. „Als ‚Deutsche‘ werden in fast allen Schulbüchern Menschen verstanden, die keine Migrationsgeschichte haben“, heißt es in der Studie.

Viele Arbeitsaufträge in den Büchern würden aus der Perspektive der Dominanzgesellschaft gestellt, erklärte Niehaus. So stelle ein Schulbuch aus Bayern die Frage: „Welche Erfahrungen hast du mit Ausländern gemacht?“. Ein anderes Buch frage, ob die multikulturelle Gesellschaft Fluch oder Segen sei. „Für die Schülerinnen und Schüler von heute ist sie die Realität“, bekräftigte Niehaus.

Özoğuz: Schulbücher müssen Vielfalt abbilden
Die Autoren der Studie empfehlen Verlagen, Autoren und Lehrern daher, gesellschaftliche Vielfalt als normal darzustellen und verallgemeinernde Bezeichnungen wie „die Türken“ oder „die Deutschen“ zu vermeiden. Auch sollten die Potenziale und Chancen von Migration häufiger Thema sein und verschiedene Perspektiven eingenommen werden. Wünschenswert sei zudem, mehr Menschen mit Migrationshintergrund an der Erstellung von Schulbüchern zu beteiligen.

Download: Die „Schulbuchstudie Migration und Integration“ kann auf den Internet-Seiten der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung kostenlos heruntergeladen werden

Die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoğuz (SPD), sagte, die Vielfalt in Deutschland sei in den vergangenen Jahren „doch sehr gewachsen“. Inzwischen habe jeder dritte unter 15-Jährige eine Einwanderungsbiografie. Dies müsse auf eine gute Art und Weise in den Schulbüchern abgebildet werden. „Klischees oder gar diskriminierende Darstellungen haben in Schulbüchern nichts zu suchen“, sagte Özoğuz.

Verlage auf gutem Weg
Schulbücher seien ein Abbild der Gesellschaft, sagte der Leiter des Ernst-Klett-Verlags, Ilas Körner-Wellershaus. Damit Veränderungen in die Bücher einfließen könnten, müsse sich jedoch zunächst die Gesellschaft wandeln. „In diesem Wandel befinden wir uns gerade“, sagte Körner-Wellershaus. Jedoch dürften Schulbücher auch keine Meinungen vorgeben, sondern müssten eine Meinungsvielfalt abbilden.

Der Geschäftsführer der Westermann-Verlagsgruppe, Peter Schell, sagte, Schulbücher bräuchten eine gewisse Zeit, um zu entstehen. Beim Gebrauch einzelner Begriffe müssen man sicher sensibler werden. Insgesamt seien die Verlage jedoch auf einem guten Weg.

Das Georg-Eckert-Institut und die Universität Hildesheim haben für die Studie 65 Schulbücher der Sekundarstufe eins aus Bayern, Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen untersucht. Schwerpunkte waren Bücher der Fächer Geschichte, Geografie und Sozialkunde aus den Jahren 2003 bis 2014. In Auftrag gegeben hatte die Studie Özuguz‘ Vorgängerin Maria Böhmer (CDU). (epd/mig)