MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Die Umstellung darauf, dass jetzt die Ausländer die Überlegenen sind, da sie wenigstens einen Arbeitsplatz besitzen, ist für viele nicht nachvollziehbar.

Friedrich Landwehrmann, Strukturfragen der Ausländerbeschäftigung, 1969

Einwurf

An Aufklärung scheint niemand interessiert zu sein

Eine Professorin an der Universität Leipzig lehnte einen indischen Studenten für ein Praktikum ab, weil sein Heimatland ein „Vergewaltigungsproblem“ habe. Dafür entschuldigte sich die Professorin, die Uni-Leitung und die Ministerin nahmen die Entschuldigung an und alles scheint vergessen. Von Sanjay Patel

universität, leipzig, uni, bildung, hochschule
Die Universität in Leipzig © Gokhan Kutlu @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONSanjay Patel

Der Verfasser ist Berliner indischer Abstammung. Er studierte Mathematik & Informatik und promovierte im Fachgebiet Künstliche Intelligenz.

DATUM13. März 2015

KOMMENTARE9

RESSORTAktuell, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , , ,

Seite 1 2

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Offen ist auch, inwieweit die Behauptung von Beck-Sickiner zutrifft, dass auch andere Organisationen systematische männliche Bewerber aus Indien diskriminieren und damit gegen das Antidiskriminierungsgesetz verstoßen.

Doch an Aufklärung inwieweit der konkrete Verdacht auf widerrechtliche Diskriminierung zutrifft, scheint niemand interessiert zu sein. Die Universität Leipziger schreibt in ihrer Presseerklärung:

Für rassistische Gedanken und Äußerungen sei an der Alma Mater kein Platz. […] Frau Prof. Beck-Sickinger […] hat aus Sicht der Universität mit ihrer Entschuldigung sicher den richtigen, Missverständnisse ausschließenden Weg eingeschlagen. […] An der Universität Leipzig sind derzeit 44 Studierende aus Indien eingeschrieben, davon sind 15 weiblich.

Wenn für rassistische Gedanken und Äußerungen an der Alma Mater kein Platz seien, dann sollte die Uni Leipzig bei Äußerungen, die auf einen systematischen Verstoß gegen das Antidiskriminierungsgesetz hinweisen, die unaufgeklärte Angelegenheit nicht als Missverständnis abtun und sich mit einer Entschuldigung begnügen, sondern auf Aufklärung drängen.

Auch Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) hat kein Interesse an Aufklärung trotz eines konkreten Verdachts auf einen systematischen Verstoß gegen das Antidsikriminierungsgesetz. Sie beeilte sich, die Entschuldigung zu akzeptieren. „Ich unterstelle Professorin Beck-Sickinger keine Absicht, die Gefühle der indischen Studierenden verletzen zu wollen.“ Sie sei eine erfahrene und international anerkannte Wissenschaftlerin.

Für indische Studenten hat Beck-Sickinger nun ein giftiges Ei ins Gehirn gelegt und zwar, dass zukünftige Ablehnungen erfolgt sein könnten, weil man männlich ist und aus einem „Vergewaltigerland“ kommt. Denn neues Licht auf den Vorfall wirft ein Bericht des Mumbai Mirrors auf. Angeblich hat die Professorin bereits vor einem Jahr (März 2014) einen indischen Studenten mit der selben Begründung abgewiesen. Sie soll damals den Studenten geschrieben haben:

„Thanks a lot for your application. Unfortunately, I do no longer accept any male Indian guests, trainees, doctoral students, or post docs due to the severe rape problem in India. I cannot support a society which is not able to respect females in any aspect. I think cultured people cannot close their eyes.“

Weil jeglicher Maßstab bei der Wissenschaftsministerin und der Uni-Rektorin abhanden gekommen ist: Würde man es als Missverständnis abtun und sich mit einer Schablonen-Entschuldigung eines muslimischen Professors begnügen, wenn dieser in E-Mails erklärt, dass er und andere Institutionen jüdische Studenten aus Israel ablehnen, weil deren Gesellschaft zulässt, dass massenhaft Kinder und Frauen in Gaza getötet werden? Ich hoffe sehr, man würde den muslimischen Professor für seine diskriminierenden Aussagen belangen. Denn für „rassistische“ Gedanken und Äußerungen ist an der Alma Mater kein Platz. Willkommen in der neuen Willkommenskultur 4.0.

Seite: 1 2
Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

9 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Wann und wo hat sie denn geäußert, die Mails gelöscht zu haben? Falls dem so ist, lügt entweder sie oder die Rektorin, die behauptet, die Mails gelesen zu haben: http://tierrechtsforen.de/12/1157/1217

  2. aloo masala sagt:

    Hier die Quellen, die belegen, dass Beck-Sickinger, die Mails gelöscht haben soll.

    Folgender Artikel erschien gestern (12.03.). Er bestätigt im nach hinein, dass die Mails gelöscht wurden:
    http://www.l-iz.de/leben/gesellschaft/2015/03/eingesehene-e-mails-entlasten-professorin-beck-sickinger-80206

    Hier ein weiterer Artikel:
    http://www.lvz-online.de/leipzig/bildung/kein-zutritt-fuer-inder-an-der-uni-leipzig-praktikums-absage-loest-internationalen-eklat-aus/r-bildung-a-278074.html

  3. aloo masala sagt:

    @Achim Stößer

    Nachtrag: Die Rektorin hat vermutlich nicht gelogen. Die Aussage der Rektorin wurde in der neuen Pressemitteilung der Uni Leipzig vom 12.03. gemacht, nachdem die gelöschten Mails wieder hergestellt wurden.

  4. Rasti sagt:

    Was lernen wir daraus: Auch in einem privaten Briefwechsel per E-Mail muss man damit rechnen, dass eigene Aussagen weitergeleitet und öffentlich gemacht werden. Also am besten so wenig wie möglich antworten.

    Und übrigens:
    „Davon abgesehen ist die Aussage “Ich glaube, der Student war einfach sauer und wollte sich rächen” in diesem Zusammenhang eine Behauptung, die Beck-Sickinger durch nichts belegt oder belegen kann.“
    „Ich glaube“ ist keine Behauptung,sondern eine Vermutung. Und die Vermutung ist ja auch nicht völlig an den Haaren herbeigezogen. Es ist für mich kein anderer Grund ersichtlich, warum der Name der Professorin in einem öffentlichen Forum genannt wurde. Fragen zu rechtlichen Möglichkeiten o. ä. kann man auch ohne Namensnennung stellen.

  5. aloo masala sagt:

    @Rasti

    Die Frage wurde gemäß der Quora-Richtlinien ohne Namensnennung gestellt.

  6. Rasti sagt:

    @aloo masala:
    Sicher ist in der Originalfrage der Name der Professorin geschwärzt. Alle anderen Informationen (Institute of Biochemistry, University of Leipzig) sind aber da, und es ist mit Google überhaupt kein Problem, herauszufinden, um wen es sich handelt. Sogar ein kleines Bild der Professorin ist zu sehen…

    Die Frage ist natürlich auch, was stand in den E-Mails, die der Student geschrieben hat? Wir kennen den Inhalt nicht, nur die Professorin kennt den Inhalt.

  7. aloo masala sagt:

    @Rasti

    Die Professorin hat die grundsätzliche Echtheit der E-Mails gegenüber der Huffington Post India bestätigt.

  8. […] abgewiesen, mit der Begründung, sein Land habe ein Vergewaltigungsproblem. Biochemie-Professorin Annette Beck-Sickinger verursachte damit einen Sturm der Entrüstung bis nach Südostasien. Dort, wie auch hier, fühlen […]

  9. Reader sagt:

    Mit diesem Artikel wollte ein Kommentator seine politische Botschaft platzieren, ohne eine wesentliche Aufklärung der Geschehnisse abzuwarten.
    Die Angelegenheit hat sich nunmehr dahin entwickelt, dass die betroffene Professorin der Universität und der Studierendenvertretung, von denen zumindest letztere ihrer Person und ihren Handlungen ablehnend gegenüberstehen, Einsicht in die e-Mail-Konversation gewährt hat. Sowohl die Uni als auch die Studierendenvertretung haben festgestellt, dass der Vorwurf, dem Bewerber sei die Praktikumsstelle aufgrund strukturell-rassistischer Motive nicht gegeben worden, nicht haltbar ist. Insbesondere ist festzuhalten, dass dem Bewerber nicht aufgrund einer Generalverdächtigung, sondern wegen fehlenden Kapazitäten der Platz nicht zugesprochen wurde.
    Die im Internet veröffentlichten Ausschnitte sind demnach eine unechte, gefakte Zusammenstellung von Zitaten aus der Konversation. Dass solche Zitate überhaupt fallen, ist nicht gut. Man sollte sich als Außenstehender Kritik an einer fremden Kultur nur dann erlauben, wenn man ein entsprechendes Hintergrundwissen aufweisen kann. Dafür hat sich die betroffene Professorin bereits entschuldigt und ihren Fehler eingestanden.
    Entsprechend sehe ich diesen Artikel kritisch. Der Autor trifft seine Schlussfolgerungen auf Grundlage eines unzureichend aufgeklärten Sachverhalts und lässt sich von seinen Emotionen leiten. Er begibt sich dabei in die Gefahr, Person und Ansehen der betroffenen Professorin schwer zu schädigen. Der Autor handelt unverantworlich und zeigt ein geringes Interesse an sorgfältiger journalistischer Arbeit.



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...