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Neue Debatte über Auswanderung von Juden

Nach dem tödlichen Anschlag auf einen Wachmann in einer Synagoge in Kopenhagen wird über die Auswanderung von Juden und die Sicherheit jüdischer Einrichtungen diskutiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sicherte den Juden in Deutschland ihre Unterstützung zu. Man werde alles dafür tun, dass die Sicherheit jüdischer Einrichtungen und die Sicherheit der Bürger, die jüdischer Herkunft sind, gewährleistet werde, sagte sie am Montag in Berlin. „Wir sind froh und auch dankbar, dass es wieder jüdisches Leben in Deutschland gibt“, ergänzte die Regierungschefin.

Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, stellte sich gegen den Aufruf des israelischen Regierungschefs Benjamin Netanjahu an die europäischen Juden, nach Israel auszuwandern. „Ein Exodus der europäischen Juden nach Israel ist keine Lösung“, sagte sie. Der Terror bedrohe die europäischen Demokratien als Ganzes.

„Wer in Europa Juden angreift, greift die gesamte europäische Gesellschaft und ihre freiheitlichen Werte an.“ Die antisemitische Gewalt müsse in Europa „entschlossen mit allen politischen und rechtsstaatlichen Mitteln bekämpft werden – von Politik, Sicherheitskräften und Gesellschaft“, forderte die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

In einer Reaktion auf den Terroranschlag in Kopenhagen hatte Netanjahu den Juden in Europa und weltweit versichert, Israel erwarte sie mit offenen Armen: „Israel ist eure Heimstätte.“ Zur Aufnahme von Juden aus Belgien, Frankreich und der Ukraine plane seine Regierung die Bereitstellung von 40 Millionen Euro, kündigte der Premierminister an. Widerspruch kam aus Frankreich. Präsident François Hollande appellierte an die französischen Juden, nicht zu emigrieren. „Juden haben ihren Platz in Europa und insbesondere in Frankreich“, sagte Hollande.

Im elsässischen Sarre-Union waren zuvor auf einem Friedhof Hunderte jüdische Gräber geschändet und zerstört worden. Hollande bezeichnete dies als „barbarischen Akt“. Frankreich werde Antisemitismus entschlossen bekämpfen. Die jüdische Gemeinschaft in Frankreich ist mit mehr als 500.000 Mitgliedern die größte in Europa. Seit mehreren Jahren gibt es unter dem Eindruck eines wachsenden Antisemitismus eine steigende Zahl französischer Juden, die nach Israel oder Nordamerika auswandern.

Die Berliner Direktorin des American Jewish Committee, Deidre Berger, empfahl ein neues Sicherheitskonzept für jüdische Einrichtungen. Für Juden in Deutschland sei das ein schwieriger Balanceakt, sagte sie dem Kölner Stadt-Anzeiger: „Wir wollen kein jüdisches Leben hinter Mauern, aber wir müssen zugleich unsere Sicherheit schützen.“ Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, appellierte gegenüber Welt online an die Sicherheitsbehörden, weiterhin „wach zu bleiben und die getroffenen Sicherheitsmaßnahmen nochmals kritisch zu überprüfen“.

Direktorin Berger vom Jewish Committee sagte, angesichts der vielen tödlichen Angriffe auf jüdische Einrichtungen in Europa sei ihr vor allem wichtig, „dass überhaupt anerkannt wird, dass das jüdische Leben in Europa gerade gefährdet ist“. Bislang habe sie nicht das Gefühl, dass dem so sei, fügte Berger hinzu, die seit 2000 das Berliner Büro leitet. So glaube sie nicht, „dass es nach den Anschlägen in Paris zu einer so großen Demonstration gekommen wäre, wenn es nur um das Attentat auf den jüdischen Supermarkt gegangen wäre“.

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, die Attentäter von Paris und auch Kopenhagen versuchten, die freie Gesellschaft zu spalten. Dies dürfe und werde ihnen nicht gelingent. Eine Sprecherin von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) ergänzte, es müsse alles dafür getan werden, dass sich Juden hierzulande sicher fühlten und auch bleiben wollten. In der dänischen Hauptstadt Kopenhagen hat ein Attentäter am Samstag und Sonntag zwei Menschen getötet und mehrere verletzt. Der mutmaßliche Täter starb bei einem Schusswechsel mit der Polizei. (epd/mig)