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Sisyphus lässt grüßen

Wie ein Wanderprediger alles wieder auf Anfang setzt

Der Medienhype über den frauenfeindlichen Prediger in Berlin sagt nichts über die Muslime in Deutschland aus, dafür umso mehr über das Bild von Muslimen, das in Deutschland reproduziert wird oder werden soll. Von Gabriele Boos-Niazy

VONGabriele Boos-Niazy

Die Autorin ist Sozialwissenschafterlin und im Vorstand des Aktionsbündnis muslimischer Frauen in Deutschland e.V.

DATUM9. Februar 2015

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RESSORTAktuell, Meinung

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Jahrzehnte der Dialogarbeit, unzählige Artikel, Bücher und Vorträge muslimischer Referenten vor interessierten und kritischen Zuhörern in Frauengruppen, Kirchengemeinden, Rotaryclubs, wissenschaftlichen Tagungen und Seminaren. Tausendfach wiederholte Quranverse, die das Geschlechterverständnis in der islamischen Theologie deutlich machen: Die Schaffung von Mann und Frau aus einem Wesen, einer Seele (4:1; 7:189), die gleichen religiösen und moralischen Verpflichtungen, der gleiche Bewertungsmaßstab vor Gott (3:195), die Rolle beider als Beschützer und Unterstützer des anderen (9:71), die Verbindung von Ehepartnern auf der Grundlage von Liebe und Barmherzigkeit (30:21; 2:187), gleiche Verantwortlichkeit für die Vorkommnisse im Paradies (7:21-25; 20:116-124). Mehr als 2.500 Moscheen in Deutschland, in jeder davon jeden Freitag eine Ansprache, also rund 130.000 Ansprachen im Jahr und keine davon hat das Medienecho gefunden, das ein Wanderprediger in einer Rede, deren Inhalt indiskutabel ist, in einer Moschee in Berlin hervorgerufen hat.

Jeder, der einen Moment innehält, muss – leider – zu der Erkenntnis kommen, dass dieser Medienhype nichts über die Muslime in Deutschland aussagt, sondern vielmehr darüber, welches Bild von Muslimen in Deutschland reproduziert wird oder werden soll. Es ist das alte Lied: bad news are good news.

Wir sind es leid, in dem nie stillstehenden Hamsterrad von Distanzierungen und Richtigstellungen weiter mitzulaufen. Manchmal geraten wir in Versuchung, den Spieß einfach umzudrehen und zu sagen: In Deutschland besuchen jeden Tag rund eine halbe Million Männer Prostituierte, unter ihnen auch gewiss einige Zwangsprostituierte. Deutlicher lässt sich der Wunsch einer nicht gerade kleinen Gruppe nach einer Frau, die ohne eigene Ansprüche jederzeit verfügbar ist, kaum dokumentieren. Dennoch unterstellen wir nicht, dass dies ein tragendes Ideal dieser Gesellschaft sei, denn wir wissen, dass das, was Menschen tun und reden, sich häufig nicht nach den schönen Worten und hehren Prinzipien von Idealen, Gesetzen oder Religionen richtet. Wir sind uns darüber im Klaren, dass das Abweichen individueller Handlungen vom Ideal nicht das Ideal selbst in seinem Anspruch und seiner Wertigkeit mindert. Ein solches Handeln offenbart nur den Charakter desjenigen, der sich Inhalte nach seinen Vorstellungen zurechtbiegt. Es wäre schön, wenn die Gesellschaft diese Erkenntnis auch auf Muslime anwenden würde. Falls das zu anspruchsvoll ist, gibt es noch ein einfacheres Rezept, den gesellschaftlichen Frieden nicht andauernd auf die Probe zu stellen: Stell Dir vor, jemand redet Blödsinn und keiner berichtet darüber.

Das Aktionsbündnis muslimischer Frauen kümmert sich, wie viele andere muslimische Organisationen und auch Moscheegemeinden, tagtäglich um die brennenden Probleme, denen sich Muslime gegenüber sehen. Muslimische Frauen sind seit Jahrzehnten in- und außerhalb von islamischen Gemeinden, Moscheegemeinden, Verbänden, Initiativen und politischen Parteien aktiv. Sie setzen sich für Partizipation, Geschlechtergerechtigkeit, das Selbstbestimmungsrecht der Frau und deren Chancengleichheit in allen ihren Lebensbereichen ein. Das geschieht weitestgehend ohne finanzielle Unterstützung und ohne, dass die Gesellschaft diese Bemühungen wahrnimmt. Oft stoßen gerade muslimische Frauenorganisationen auf taube Ohren, wenn es z.B. darum geht, wie die strukturelle Diskriminierung, insbesondere Kopftuch tragender Frauen, abgebaut werden kann.

So vielfältig in der Herkunft und unterschiedlich in ihrer Zielsetzung die engagierten Frauen auch sein mögen, es eint sie die Überzeugung, dass Frauenfeindlichkeit sich nicht mit islamischen Prinzipien begründen oder vereinbaren lässt.

Wir muslimischen Frauen wünschen uns Unterstützung bei unserer Arbeit gegen jedwede Beschneidung der Rechte von Frauen und lehnen es ab, immer nur dann nach unserer Einschätzung gefragt zu werden, wenn es darum geht, auf Zuruf O-Töne zu liefern.

Außenseiter, die es in jeder Gruppe gibt, haben nur so viel Macht, wie ihnen durch unser aller Aufmerksamkeit eingeräumt wird. Es ist an der Zeit, von liebgewonnen Reflexen Abschied zu nehmen und die „Normalmuslime“ als Regelfall wahrzunehmen und nicht denjenigen, der seine individuelle Meinung mit aus dem Zusammenhang gerissenen und willkürlich interpretierten religiösen Versatzstücken als den wahren Islam propagiert.

Ja, es ist uns bewusst, dass es innerhalb der muslimischen Community vielfältige Probleme zu lösen gilt und ja, die Al Nur Moschee wird sich kritischen Fragen von Muslimen stellen müssen. In welcher Form und mit welcher Beteiligung der Öffentlichkeit das geschieht, muss – sofern keine rechtlichen Grenzen überschritten wurden – jedoch den Muslimen selbst überlassen bleiben. Es ist für viele Muslime enttäuschend, aber bezeichnend, dass Gesellschaft und Politik genau dies jedoch fortgesetzt vorschreiben wollen.

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2 Kommentare
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  1. melmec sagt:

    @ Frau Boos-Niazy

    „der gleiche Bewertungsmaßstab vor Gott (3:195)….
    ….. setzen sich für Partizipation, Geschlechtergerechtigkeit…

    Eben, Frau Boos-Niazy,

    Bewertungsmaßstab VOR GOTT, aber nicht im Leben,
    GeschlechterGERECHTIGKEIT, aber eben nicht
    Geschlechtergleicheit !

    Da liegt der Unterschied im musl. Verständnis, wie es auch
    in der sog. Isl. Charta der Verbände zu lesen ist. Von
    GleichBERECHTIGUNG ist nicht die Rede.

  2. karakal sagt:

    Der Fall zeigt, daß die Masse der Medien immer nur ein Negativbild vom Islam wiedergeben möchte. Eigentlich bedeutet dies nicht, daß man „wieder“ bei null anfangen muß, sondern daß der Eindruck, über null hinausgekommen gewesen zu sein, eine Illusion war.



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