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Friedrich Landwehrmann, Strukturfragen der Ausländerbeschäftigung, 1969

Das ist kein Witz

„Was sagen Sie zu der Aussage, dass Männer im Islam mehr wert sind als Frauen?“

Seit der frauenfeindlichen Predigt eines Imams in der Berliner Al-Nur-Moschee rufen immer mehr „Experten“ Muslime dazu auf, sich kritisch mit dem Frauenbild des Islam zu befassen. So auch ein öffentlicht-rechtliches Kamerateam mitten in Kreuzberg. Von Ozan Keskinkılıç

Kamera, Fernsehen, Lachen, Witzig, Mann, Komik
Das ist kein Witz. Oder doch? © Rosino @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONOzan Keskinkılıç

 „Was sagen Sie zu der Aussage, dass Männer im Islam mehr wert sind als Frauen?“
Der Verfasser studiert Internationale Beziehungen an der Freien Universität Berlin. Er forscht zu globalen Ungleichheiten im historischen Kontext und engagiert sich seit vielen Jahren in antirassistischen Netzwerken und Initiativen.

DATUM6. Februar 2015

KOMMENTARE18

RESSORTLeitartikel, Meinung

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Kreuzberg ist eine Herberge für Komödien. Daran wurde ich gestern gegenüber von Dileks Blumenladen nähe Kotti erinnert. Aus dem Schutz der Anonymität der Berliner Großstadt gerissen, wird mir von einem Fernsehteam eines öffentlich-rechtlichen Senders ein Mikro vor die Nase gehalten. „Was sagen Sie zu der Aussage, dass Männer im Islam mehr wert sind als Frauen?“ Bei jedem nachfolgenden Wort verlangsamt sich die Zeit um mich herum und alles bleibt für einen kurzen Augenblick stehen. In der Stille dieses Moments breitet sich auf meinem Mund ein Lächeln aus.

Ich blicke dem Kameramann in die Augen, und lache herzhaft. Ich lache, drehe mich um und gehe weiter. Der Reporter ist sichtlich empört über die ehrliche, ach so menschliche Geste und ruft hinterher: „Warum lachst du? Das war kein Witz.“ Jetzt sind wir offenbar schon per du. Aber gut genug kennt er mich nicht, um zu verstehen, dass diese Aussage für mich einem Witz gleichkommt, geschmückt mit der unverkennbaren Note rassistischer Ignoranz.

Mittlerweile zähle ich fünfundzwanzig Jahre tiefster Verbundenheit zu dem Fleckchen Erde, das sich Deutschland nennt. Geburtsland und Heimat. Hier habe ich das Licht der Welt das erste Mal erblickt, mit ihr gelacht, geliebt und gelebt. Und hier habe ich gelernt, was es heißt, durch die Blicke anderer zu existieren. Meine Umwelt schien mich besser zu kennen, als ich mich selbst. Sie hatten Wahrheiten über meine Kultur, Religion und Identität – vieles, das in der liebevollen Erziehung meiner Familie vollkommen untergegangen ist.

Wieso haben meine Eltern mir nicht von unseren angeborenen muslimischen Talenten erzählt? Von dieser Macht, ganz Europa im Stillen zu islamisieren. All die Jahre habe ich mich unterschätzt. Ich scheine einer Gruppe von Menschen anzugehören, die das Potential trägt, ganze Welten durch die Invasion kopftuchtragender Gebährmaschinen und ihrer schier endlosen Testosteron überladenen Munition zu erobern. Unter meiner olivgrünen Haut schimmert das Blut eines Gotteskriegers, gefährlich, dunkel, ein Analphabet wenn es um Demokratie, Menschenrechte und Moderne geht. Eine tickende Zeitbombe also, die von einem Moment in den nächsten zu Hulk wird, Dschihad-Hulk. Meine Feinde bezwinge ich mit dem mir angeborenen Sinn für Hass und Terrorismus. Hauptberuflich unterdrücke ich Frauen, nebenher führe ich das Scheinleben eines orientalischen Gemüse- und Blumenhändlers, der durch die von Al-Shabab Milizen gepflückten Rosen aus Kenia Brüder und Schwestern radikalisiert.

Ich lache. Und zwar aufgrund solcher Fantasiefluten, die auch die PEGIDA-kritisierende Medienladenschaft so sehr überschwemmt. Und ich lache, weil ich offenbar all das sein kann, ohne etwas dafür tun zu müssen – einfach „anders“. Mein Lachen richtet sich an die Blindheit von Menschen, die ihren eigenen Feind erfinden und nicht sehen, dass sie den Schlüssel für das Ende dieses jahrhundertealten Unsinns im eigenen Kopf tragen. Und das ist wirklich kein Witz.

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18 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Mika sagt:

    Danke für diesen wunderbaren Artikel! Sie haben noch „vergessen“, dass wir die Sozialkassen plündern, kriminell sind und den Deutschen die Frauen wegnehmen

  2. Kurzschluss sagt:

    Traurig, lieber Autor. Du hast nichts verstanden und darüber hinaus hast du dich der Frage nicht gestellt…

  3. Muslim sagt:

    Und diese ARD und ZDF müssen wir auch noch mitfinanzieren!!! Wir müssen Propaganda gegen uns mitfinanzieren. Jeder Muslim muss sich Widerstand gegen diese GEZ-Abzocke leisten. Aufhören die Zwangssteuer zu zahlen und gerichtlich vorgehen!

  4. deutscher staatsbürger sagt:

    Lieber Kurzschluss, der Autor hat einen ganzen Artikel geschrieben. Wenn sie die Antwort nicht verstanden haben, lesen Sie einfach nochmal.

    Danke Herr Keskinkılıç, ich habe sie verstanden und mir hat ihre Antwort sehr gut gefallen.

  5. Anti sagt:

    @Kurzschluss: Nicht verstanden haben höchstens Sie. Sie haben nicht verstanden, dass schon diese Frage lachhaft ist. Sie haben nicht verstanden wie lachhaft es ist diese Frage einem Menschen auf der Straße zu stellen. UND VOR ALLEM haben Sie nicht verstanden, wie lachhaft es ist, eine ganze Religion und in diesem Fall sogar ein ganzes Konsortium an Ethnien zu verallgemeinen und daher zu glauben, man könne eine Antwort bekommen, in dem man ein zufälliges Individuum herauspickt, dessen Zugehörigkeit man allein durch sein Äußeres ableitet.

  6. humanoid sagt:

    selbst der gebildete mehrheitsdeutsche ist immer noch gefangener seiner eigenen vorurteile und provinzieller vorstellungen und klischees .

    es scheint so das der meinungsfaschismus und profilneurose eine volksseuche in diesem land sind

  7. Poly sagt:

    Ich finde es ja schön, dass der Autor nicht von klein an diese Wert auferzogen bekommen hat, aber kann man das wirklich auf jeden Fall ausweiten?
    Die meisten, die sich über die Thematik informieren, bilden ihre Meinung durch persönliche Erfahrung und/oder Medienberichten und wie sinnvoll das ist, hat sich ja gezeigt…
    Nun nochmal zum Geschehen: Der Interviewer hat schon eine Berechtigung die Frage zu stellen,, aber willkürch zu fragen ist natürlich Unsinn( viele oder einige „Muslime“ trinken ja auch Alkohol und machen vieles, was verboten ist).
    Wer denkt seine Anschauung sei vollkommen bzw. nicht mehr „verbesserbar“, ist einfach nur ein Schwachkopf. (Und wenn man ein Buch, und nichts außer dieses, als Basis nimmt, dann geht das in die Richtung).
    @Muslim
    Es haben schon Leute versucht sich dagegen zu beschweren („Lügenpresse“), also scheint Propaganda in beide Richtungen zu verlaufen 😉

  8. openyourmind sagt:

    Der Autor macht es sich sehr einfach. Anstatt sich mit Kritik an den Geschlechterrollen im real gelebten Islam sachlich und fundiert auseinandersetzen, werden auch all diejenigen Menschen, die anlässlich einer frauenfeindlichen Predigt eines Imams in der Berliner Al-Nur-Moschee sehr berechtigte Fragen stellen, pauschal als vorurteilsbehaftete Ausländerfeinde schubladisiert. Totales Abblocken und ein so plattes Freund-Feind-Schema sind absolut keine brauchbaren Anti-Pegida-Strategien.

  9. Limon (Türkin) sagt:

    „Multiidentitätswahnrealität “

    Offenbar ist all das, was Sie oder ich sein können, ohne man etwas dafür tun zu muss, so real.
    Die Gesellschaft hat aber auch offenbar jede Menge ungeklärte Fragen. ..
    Das ist einfach eine Tatsache…
    Ich habe nichts dagegen, dass diese Fragen gestellt werden. Ich hätte wahrscheinlich einfach beantwortet…

    Nichtdestotrotz, da wir in einer Gesellschaft leben mit Multiidentitäten, sollte man auch überlegen, wer diese Fragen ernsthaft beantworten könnte? Und überhaupt würde die Antwort z. B. des orientalischen Gemüse- und Blumenhändlers den Rest wirklich zufriedenstellen?

    Das Problem ist und bleibt doch, dass frauenfeindliche Imame in Deutschland in einer Moschee predigen können und dass einige Leute zuhören.
    Selbst wenn sich manche distanzieren, ist das Problem und das Bild des frauenfeindlichen Imams und seiner Zuhörer nicht abgeschafft.
    Auch stehen für mich die anderen Teilkulturidentitäten wegen dieser Hasspredigt nicht in Erklärungsnot, sondern in der Not der Wahrnehmung.

  10. mika sagt:

    @openyourmind

    Hmmm…da keimt in mir die Frage auf, ob im Katholizismus auch Männer mehr wert sein sollen als Frauen. Schließlich gibt es nur den männlichen Papst, die männlichen Bischöfe etc. etc. Ach ja, die Nonnen gibt es ja zwar, aber die verhalten sich im Hintergrund, es sei denn, dass sie mal ab und zu von den Bischöfen geschwängert werden. Ach? Die gibt es nur vereinzelt? Ach? Ich soll nicht alle über einen Kamm scheren?
    You should not be narrow-minded and open your mind 😉


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