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[Die Verhinderung der Sesshaftmachung] würde den Vorteil haben, dass das Interesse an einer Familienzusammenführung zurückgeht und damit uns erheblich geringere Infrastrukturkosten entstehen würden.

Ein Vertreter der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Weber, 1974

Widerstand wächst

Bundesweiter Protest gegen „Pegida“

Der Widerstand gegen „Pegida“ wächst. Allein in Dresden, Frankfurt am Main und Bremen demonstrierten weit über 40.000 Menschen gegen die ausländer- und islamfeindliche Bewegung. Derweil löst ein Treffen von Sachsens Innenminister Ulbig mit Pegida heftigen Protest aus.

Bundesweit wächst der Widerstand gegen die anti-islamischen Demonstrationen der „Pegida“-Bewegung. Rund 22.000 Menschen setzten am Montagabend in Dresden ein Zeichen für Weltoffenheit. Bei einem vierstündigen Open-Air-Konzert standen sie bei anhaltendem Nieselregen dicht gedrängt vor der Frauenkirche. Aus Protest gegen „Pegida“ gingen auch in Frankfurt am Main allein rund 15.000 Menschen auf die Straße. Wie Bielefelder Forscher herausfanden, spielt in der anti-islamischen Bewegung zunehmend auch Antisemitismus eine Rolle.

Unter dem Motto „offen und bunt“ riefen in Dresden zahlreiche Künstler zu Toleranz und Mitmenschlichkeit auf. Höhepunkt des Abends war ein Auftritt von Sänger Herbert Grönemeyer. Er verstehe, dass Menschen Ängste und Sorgen haben und sich von der Politik nicht mehr wahrgenommen fühlen. „Wenn aber mal wieder eine religiöse Gruppe als Sündenbock und Zielscheibe ausgemacht wird, das ist eine Katastrophe“, sagte der Sänger. Das sei „absurd, zutiefst undemokratisch und unrecht“.

Kurzzeitig wurde die Veranstaltung durch Rufe „Wir sind das Volk“ – offenbar von „Pegida“-Anhängern – gestört. Das Publikum reagierte mit Buh-Rufen. Das „Pegida“-Bündnis hatte seine Demonstration auf Sonntag vorverlegt und auf dem Dresdner Theaterplatz rund 17.300 Menschen versammelt. Ihnen hatten sich am Wochenende etwa 5.000 Gegendemonstranten entgegengestellt.

Auch in zahlreichen anderen deutschen Städten fanden am Montagabend Anti-„Pegida“-Proteste wie auch Kundgebungen der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands“ selbst statt. In Frankfurt am Main standen den rund 15.000 Gegendemonstranten etwa 100 Anhänger der islamfeindlichen Bewegung „Pegida“ gegenüber. In Bremen demonstrierten nach Polizeiangaben rund 7.000 Menschen für Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit. Nach Angaben der Polizei versammelten sich in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofes rund 1.100 Menschen, die gegen einen zeitgleich stattfindenden Aufzug des Berliner „Pegida“-Ablegers „Bärgida“ protestierten. Dazu kamen nach Polizeiangaben rund 550 Anhänger.

Die „Pegida“-Initiative in Leipzig hat unterdessen ihren wöchentlichen Aufzug von Mittwoch auf Freitag verlegt. Angemeldet wurden laut Stadtverwaltung 15.000 Teilnehmer, die über Abschnitte des Innenstadtrings durch das Leipziger Zentrum ziehen wollen.

Eine Analyse der Kommunikation der „Pegida“-Bewegung zeigt, dass in der anti-islamischen Bewegung Antisemitismus an Bedeutung gewinnt. So kämen 3,5 Prozent der Kommentierenden auf der „Pegida“-Facebook-Seite von Nutzern, die auch auf der Seite der NPD aktiv seien, sagte der Computerlinguist David Schlangen am Dienstag in Bielefeld. Hochgerechnet hätten etwa 150.000 Facebook-Nutzer an der Kommunikation auf der „Pegida“-Seite teilgenommen, sagte Schlangen. Nationalistische Tendenzen, wie sie sich in der „Pegida“-Bewegung zeigten, seien gefährlich für die Demokratie, warnte Konfliktforscher Andreas Zick von der Universität Bielfeld.

Ein überraschendes Treffen von Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) mit der „Pegida“-Spitze löste heftigen Protest bei Grünen und Linken aus. Der Grünen-Landesvorsitzende Jürgen Kasek bezeichnete das Treffen am Dienstag als einen „Kniefall vor Pegida“, das an „Zynismus nicht zu überbieten“ sei. Rico Gebhardt, Vorsitzender der Linksfraktion im sächsischen Landtag, erklärte: „Der öffentlich zelebrierte Schulterschluss des sächsischen Innenministers mit den ‚Pegida‘-Köpfen ist ein Rechtsrutsch ohnegleichen.“

Ulbig hatte am Montagabend nach dem Treffen mit „Pegida“-Mitbegründerin Kathrin Oertel und Vorstandsmitglied Achim Exner erklärt: „Der Dialog kann auf der Straße beginnen, kann aber dort nicht als verständiger Austausch von Meinungen und Argumenten geführt werden. Ziel ist es – bei aller Meinungsverschiedenheit – die Bürgerschaft wieder aufeinander zu zubewegen.“ Zugleich warb Ulbig für verbesserte Dialogangebote der Stadt und des Landes.

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Ein Kommentar
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  1. H.P.Barkam sagt:

    Und wenn ich mir den Mund fusselig rede und die Finger wund schreibe, ich werde es nicht leid, meine Abscheu gegen die Scheinheiligkeit Markus Ulbigs immer und immer wieder herauszubrüllen.
    Dieser Mann ist einer der ultrarechtesten Politiker Deutschlands, der sich verlogen nach Außen hin als Bewahrer Deutschen Rechts darstellt, in Wahrheit aber der sächsischen extremen Rechten einen unglaublichen Schutzschirm durch Polizei und Justiz zur Verfügung stellt. Dieser Mann, der sogar einen Pastor in einem anderen Bundesland durch seine Schergen verfolgen lässt, weil dieser friedlich gegen Nazis protestiert, gehört angeprangert, und zwar als Freund und Förderer des Rechtsextremismus und der Fremdenfeindlichkeit.



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