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Migration und Integration in Deutschland

Warum werden sie hineingelassen? Um die Bürger des Staates von harter und unangenehmer Arbeit zu befreien?

Michael Walzer, Sphären der Gerechtigkeit, 2006

Musikvideo

Man vermittelt uns ein falsches Bild // über den Islam ich begreif es nicht

Matondo ist 21 Jahre alt, angehender Sozialarbeiter und Rapper. Er schreibt seit einigen Jahren Texte über Rassismus, Diskriminierung und den sozialen Problemen in seinem Berliner Heimatbezirk Tempelhof. Sein neustes Werk „ISLAM & ICH“ feierte am Sonntag Premiere. Darin verarbeitet Matondo seine Gedanken zum Attentat in Paris auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo und die zunehmende Islamfeindlichkeit in Deutschland, die er verspürt. Ein Gespräch mit ihm:

Was war deine Motivation, einen Song über Islamophobie in den Medien zu schreiben, im Kontext von Charlie Hebdo?

Matondo: Als Christ ist mir Religion und Glaube sehr wichtig. Ich kann daher die Verletzung von Muslimen sehr gut nachvollziehen, die sie empfinden, durch Karikaturen, die ihren Propheten beleidigen. Für mich hört hier die Meinungsfreiheit auf, da es eine Beleidigungen dieser Religionsgesellschaft ist. Ich bedauere und verurteile die Morde an den Menschen in Paris sehr und gleichzeitig war es mir ein Bedürfnis mit diesem Song zu zeigen, dass ich es falsch finde, eine Religion so zu verspotten.

Du kritisierst ja nicht nur die Satire, sondern die Medien im Allgemeinen. Warum?

Matondo: Nach den Attentaten von Paris verspürte ich eine Welle der Islamophopie in den Medien. Viele stellen den Islam falsch dar, denn was in den Medien abgebildet wurde, hat nichts mit dem Islam zu tun, den ich kenne, durch meine muslimischen Freunde und ihren Familien. Der Islam respektiert alle anderen Religionen. So habe ich das von meinen Freunden gelernt.

Du beziehst Dich auch auf Politiker in deinem Song…

Matondo: Ich bin kein Verschwörungstheoretiker, aber ich glaube den Medien und den Politikern einfach nichts mehr. Ich habe kein Vertrauen in das, was sie sagen, weil es so vieles gibt, das ich einfach anders erlebt habe. Ich wurde auch einmal ganz direkt von einer Politikerin enttäuscht: Als ich in der 1.Staffel von RAPutation.TV mitgemacht habe, durfte ich Renate Künast treffen und ihr mein „Kiez“ Tempelhof zeigen. Ich habe mit ihr über die Probleme gesprochen, die Jugendliche dort haben und sie hat mir versprochen, sich noch einmal bei mir zu melden. Das war vor 2 Jahren und ich habe seitdem nichts mehr von ihr gehört. In Tempelhof gibt es immer noch keine vernünftigen Jugendeinrichtungen und die Kids hängen immer noch auf der Straße ab. Nichts hat sich durch mein Gespräch mit ihr verändert.

Wie haben deine muslimischen Freunde auf das Attentat in Paris reagiert?

Matondo: Viele waren geschockt, andere waren wütend. Die meisten kritisieren wie ich auch, die Karikaturen. Sie verurteilen gleichzeitig das Attentat.

Hat sich seitdem etwas für sie verändert?

Matondo: Nein, die wurden schon vorher von vielen Menschen diskriminiert, z..B. werden Mädchen mit Kopftuch in der U-Bahn schief angeguckt und muslimische Männer mit Bart haben es weiterhin schwerer einen Job zu finden, so z.B bei meinem Kumpel.

Was müsste getan werden, damit sich Muslime in Deutschland wohler fühlen?

Matondo: Die Menschen müssen aufeinander zu gehen und Interesse füreinander haben. Die Leute von PEGIDA zum Beispiel, die kennen doch kaum muslimische Menschen. Ich wette, die meisten haben noch nie mit einem Moslem geredet. Das sind alles Vorurteile. Und die Muslime, die ich kenne, sind sehr tolerant und offen. Ich bin einer der wenigen Christen in meinem Freundeskreis, aber wir tauschen uns ganz normal über unsere Religionen aus, über die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten. Man lernt immer wieder etwas Neues. Wir respektieren uns gegenseitig.

Du bist RAPutation.TV seit der 1.Staffel eng verbunden. Was magst du an diesem Projekt?

Matondo: Ich finde es sehr gut, dass hier politische und sozialkritische Rapper gesucht werden und der Erfolg der beiden Staffeln zeigt ja, dass Interesse an dieser Hip Hop-Richtung besteht. Das Team von RAPutation.TV hat schon so viele gute Rapper gefördert. Ich durfte ISLAM & ICH produzieren und dabei mit Amewu zusammenarbeiten. Er hat mir gezeigt, was ich inhaltlich noch verbessern kann. Das hat mir viel gegeben! Ich denke, dass RAPutation.TV viele junge Rapper dazu animieren kann, sich mehr mit Politik zu beschäftigen. Und es ist auch gut, wenn sich Politiker die Texte anhören, aber sie sollten das dann auch ernst nehmen und nicht gleich wieder vergessen.

Möchtest du später gern mit Rap dein Geld verdienen?

Matondo: Nein, das ist nur ein Hobby. Ich möchte als Sozialarbeiter mein Geld verdienen und den Kids von der Straße helfen. Außerdem will ich eine Familie gründen. Aber eigentlich nicht in Berlin, sondern irgendwo, wo sie es besser haben. Ich möchte nicht, dass sie in solchen Verhältnissen aufwachsen müssen, wie ich.

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8 Kommentare
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  1. surviver sagt:

    Das nennt man „Mediale Gehirnwäsche“.

    Die zeigen in den Medien nur „Salafisten“ und verschleierte Mumien, bei denen nur noch die Augen sieht.
    Eine blonde Tagesschausprecherin in der Türkei wird ganz „gezielt“ vertuscht.

  2. Kritika sagt:

    Geiles Video, cooler Typ. Sein Lied vertritt voll meine Meinung. Ich schalte schon seit Jahren in den Nachrichten und Dokus usw direkt um, sobald ich auch nur etwas über den Islam höre. Grund: Sobald ich im deutschen Fernsehen Islam höre, weiß ich automatisch, daß es wieder um eine negative Darstellung dieser Religion oder um irgendwelche durchgeknallten Fundamentalisten usw geht. Die deutschen Medien schüren m.E den Hass der Unwissenden auf diese Weltreligion. Kann sowas nicht ernst nehmen. Das ist für mich nur Hetze und Stimmungsmache im ganz großen Stil.

  3. Volker sagt:

    Matondo wettet also, daß Leute die sich um eine Islamisierung Sorgen machen noch nie mit Anhängern dieser Religion gesprochen haben. Wäre die Aussage von der „anderen Seite“ gekommen, dann wäre es für die meisten Stammtischgequatsche. In diesem Artikel ist es bestenfalls eine Nebenbemerkung bei der viele Leser verständnisvoll mit dem Kopf nicken. Warum immer diese einseitige, unreflektierte Betrachtung? Es gibt genügend Menschen – und dazu zähle ich mich selbst – die gerade durch intensive Gespräche mit Islamgläubigen dazu bewegt wurden sich kritisch mit dem Islam auseinandezusetzen. Seit ich die Grundlagen des Islams kenne, kann ich gar nicht anders als diese Religion mit dem in Verbindung zu setzen, was wir fast täglich in den Nachrichtensendungen ertragen müssen. Man kann das als negative Darstellung bezeichnen und als das Schüren von Hass, aber man kann das auch als ein Abbild der Realität betrachten. Die Frage ist nur, wer fällt am Ende auf Propaganda herein? Matondo sollte sich diese Frage stellen. Er scheint ja ein cleverer Kerl zu sein. Vielleicht ist er auch clever genug um sich nicht blenden zu lassen. Denn es nutz ja nicht viel ein wirklich cooles Video zu machen, was am Ende leider eine vollkommen falsche Information transportiert.

  4. posteo sagt:

    @ surviver

    Und woher wissen Sie, dass die blonde Nachrichtensprecherin nicht nur die Quotenblondine des türkischen Staatsfernsehens ist, bzw. welcher Religion diese Nachrichtensprecherin angehört?
    Die Menschen springen grundsätzlich eher auf Skandale an, als auf das viele Gute, das im Stillen geleistet wird. So finden auch Rechtsextremisten viel mehr Interesse, als die unzähligen Menschen, die als ehrenamtliche Helfer für und in Flüchtlingsheimen und anderen sozialen Einrichtungen für Migranten und sozial Schwache engagieren.

  5. posteo sagt:

    Volker sagt: „Matondo wettet also, daß Leute die sich um eine Islamisierung Sorgen machen noch nie mit Anhängern dieser Religion gesprochen haben.“

    Auch dazu möchte ich mit Verlaub meine Erfahrungen und Überlegungen beisteuern. Natürlich ist Integration ohne Beteiligung der Mehrheitsgesellschaft nicht möglich. Dies gilt aber in beide Richtungen. Der integrierte Muslim hat täglich mit Nachbarn, Kollegen, Kunden, Vereins- und informellen Kollegen und Freunden zu tun, die ihrerseits aber ebenso im Kontakt zu ihm stehen. Daher ist für mich die Vorstellung geradezu kurios, dass eine nennenswerte Anzahl Nichtmuslime noch nie mit einem Muslim ins Gespräch gekommen seien. Ich selbst stehe seit über 30 Jahren mit Musliminnen in Kontakt, nur wurde die Religionszugehörigkeit damals viel mehr als Privatsache betrachtet, als heute.

  6. surviver sagt:

    @posteo
    Sie scheinen ja besonders schlau zu sein.
    „Mediale Gehirnwäsche“ bedeutet auch, dass z.B. in den Medien kaum die Rede davon ist, dass der Sänger John Lennon von den Beatles von einem „Cristianischen Terroristen“ ermordet wurde, weil er sich mit Jesus verglichen hatte.
    Er soll behauptet haben „die Beatles wären größer als Jesus“.
    Oder war das auch ein Islamist?
    Mann ließt aber in den Nachrichten „ist John Lennon wegen übermäßigem Cannabisconsum gestorben…“?

  7. muslimischer Buddhist christlicher Prägung sagt:

    @suriver – nun, Gehirnwäsche ist sicherlich etwas anderes (das den Kindern im ISIS-Gebiet gesagt wird alle „Ungläubigen“ sind zu töten…) z.B. Aber der Reihe nach – Der „christianische Terrorist“ wie sie ihn nennen war -zeitweise- Mitglied dieser „christlichen Vereinigung“. Wenn Sie sich mit dem Fall auseinandersetzen werden sie aber feststellen – das war sicher nicht der Hauptgrund für das Attentat, sondern eher seine Psychosen, wegen denen er schon vorher (!) in Behandlung war. Er gab John Lennon die Schuld an seinem Versagen.
    Zudem ist ihre Behauptung er (LEnnon) hätte sich mit Jesus verglichen falsch. Er sagte „… more popular than Jesus“. Was übersetzt heißt „bekannter“ – und das zu der Zeit durchaus zutreffen konnte.

    In welchen „Nachrichten“ ließt man denn er wäre wegen Cannabiskonsum gestorben? Bedenken sie, nicht alles was „irgendwo im Netz steht“ sollte man als „seriöse Quelle“ bezeichnen.

    Im übrigen – selbst wenn man das gelten lassen würde -ist das ein Fall, gegenüber Dutzenden, ja eher Hunderten Fällen in denen Muslime Andersgläubige ermordet haben. Mit der einzigen Begründung – es wären in ihren Augen Ungläubige.

    Und viele dieser „Ungläubigen“ waren sogar selber Muslime (nur anderer Stilrichtung) !!!
    Es wird insofern klar – Gewalt ist eine Strömung im Islam, unter vielen friedlichen.
    Man merkt aber – das falsche Bild vom Islam wird nicht durch die Medien, sondern viel zu oft leider von den „Muslimen“ selber gezeichnet. Und die einzigen die daran etwas ändern können – sind eben die vielen friedliebenden Muslime auf der Welt.

  8. Als alter Mann (57) erinnere ich mich natürlich an die Ermordung John Lennons durch einen fanatischen Christen. Wie ich gerade noch mal bestätigt fand (aber nur durch eine Zeitung), war es aber wegen „Imagine there’s no heaven“. Das geht aber in die gleiche Richtung. Es ist natürlich skandalös, wenn fanatisch Gläubige etwas anstellen. Das fängt mit dem Retuschieren von Bildern an (für ein orthodox jüdisches Blatt durfte Merkel nicht auf dem Foto sein, weil sie eine Frau ist) und endet – je nachdem, ob man mehr an Menschen oder an Weltkulturerbe hängt – bei deren oder dessen Vernichtung.

    Aber: Das Gedächtnis vieler ist leider kurz. So konnte die Titanic mal an einer Uni Unterschriften für die Freilassung des politischen Gefangenen Rudi Dutschke sammeln. Mein Gedächtnis erinnert sich aber nicht daran, ob der damals schon tot war. Jedenfalls war er nicht politischer Gefangener.

    Kürzlich habe ich mir antiquarisch ein Buch des Wilhelm-Busch.Museums Hannover von 1980 mit Karikaturen von Behrendt, Gottscheber, Hanel, Leger und Wolf gekauft. Auf S.16 (Kat. Nr. 22) fragt Fritz Behrend (1978): „Mutter bekannt – wer ist der Vater?“ und die Karikatur zeigt eine Frau (auf dem Rock steht „Die Gesellschaft“, das ist also die Mutter) mit einem Kinderwagen, in dem ein Terrorist (Typ Carlos) mit Kalaschnikow sitzt. Zur Verdeutlichung steht noch „Terror“ auf dem Kinderwagen. In der zweiten Reihe stehen wie bei einer Gegenüberstellung die potentiellen Väter: Mao, Castro, Marx, Lenin, Stalin, Hitler, Capone und Mussolini. Kein Kalif oder Ayatollah dabei. Heute würde man vermutlich nur einen Sunniten und einen Schiiten zur Auswahl haben. Woran mag das wohl liegen?



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