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Ossi-Diskriminierung

Nicht nur Migranten haben es schwer, auch Ostdeutsche massiv unterrepräsentiert

Nicht nur klassische „Migranten“ sind Diskriminierungen ausgesetzt, sondern auch „Ossis“. 25 Jahre nach dem Mauerfall stammen nur 2,8 Prozent aller Entscheidungsträger in Deutschland aus Ostdeutschland. Das belegt eine bisher kaum beachtete Studie. Von Marcel Helbig

VONMarcel Helbig

Der Verfasser, Jahrgang 1980, ist Thüringer und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Projektgruppe der Präsidentin. Als Bildungssoziologe untersucht er Fragen der Ungleichheit, der Schulsysteme und der Schulpolitik.

DATUM21. Januar 2015

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RESSORTGesellschaft, Leitartikel, Studien

QUELLE Erstveröffentlichung: WZB Mitteilungen

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25 Jahre sind vergangen, seitdem wir Ossis dem Geltungsbereich des bundesdeutschen Grundgesetzes beigetreten sind. Auf dem Leipziger Parteitag der SPD am 24. Februar 1990 hatte uns Günter Grass „vor der Gefahr des bloßen Anschlusses der DDR an die Bundesrepublik“ und der „Kolonialherrenmentalität“ der Wessis gewarnt. Dass derartige Aussagen von SPD-Größen zu ihren Wahldebakeln am 18. März in der DDR und am 2. Dezember 1990 in der neuen Bundesrepublik führten, ist längst Geschichte.

War aber die Warnung vor der Kolonialherrenmentalität der Wessis berechtigt? Kurz nach der Wende hatte man schon das Gefühl. Die hohen und höheren Positionen in vielen gesellschaftlichen Bereichen wurden im Osten stark von den Westdeutschen beherrscht. Das Wort „Buschzulage“ landete auf Platz zwei bei der Wahl zum Unwort des Jahres 1994. Für uns Ossis war dies jedoch kein Unwort. Es war die Beschreibung real existierender gesellschaftlicher Ungerechtigkeit. Westdeutsche Beamte aus den alten Bundesländern erhielten neben ihrem ohnehin höheren Westgehalt auch noch weitere Zulagen, damit sie uns beim Aufbau Ost helfen konnten. Diese Ungleichheit war jedoch nicht nur auf den öffentlichen Dienst beschränkt. 1994 befanden sich 6,8 Prozent aller großen ostdeutschen Betriebe (über 400 Beschäftigte) noch in ostdeutscher Hand. Bei dieser Akkumulation von Betriebskapital hat auch die Treuhandgesellschaft, deren hohe Positionen fast ausschließlich von Westdeutschen besetzt waren, eine unrühmliche Rolle gespielt. Ebenfalls 1994 befanden sich im ostdeutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk nur 4 Ostdeutsche unter den 21 Inhabern hoher Positionen – bei den Intendanten kein einziger.

Die Ungleichheit im Transformationsprozess betraf nicht nur den Zugang zu den Positionen der gesellschaftlichen Elite. Jedes Jahr durften wir uns aufs Neue anhören, ob wir nun 28, 29 oder 30 Prozent weniger verdienten als die Wessis. Neben der geringeren Bezahlung waren auch die Arbeitsbedingungen ostdeutscher Arbeitnehmer deutlich schlechter. Die Angst vor der allgegenwärtigen Arbeitslosigkeit ließ ostdeutsche Arbeitnehmer Arbeitsbedingungen hinnehmen, die im Westen zu einem Aufschrei geführt hätten.

Wie immer man diese Ungleichheiten nun bewerten oder rationalisieren will, jedenfalls haben sie dazu geführt, dass 1998 in einer Studie mehr als die Hälfte aller 25-jährigen Sachsen angaben, die Ostdeutschen würden von den Westdeutschen als Bürger zweiter Klasse behandelt, und nur 20 Prozent angaben, einen gerechten Anteil am gesellschaftlichen Wohlstand zu erhalten. Auch wenn mir einige Ostdeutsche widersprechen mögen, aus meinem ostdeutschen Umfeld kenne ich dieses diffuse Deprivationsempfinden ebenfalls. Geschichte. Vergangen. Wirklich?

Notiz am Rande: „Ossi“ steht handschriftlich auf einem Bewerbungsschreiben, und ein Minus-Zeichen (oben nachgestellt). Eine badenwürttembergische Firma hatte eine Bewerberin, die in der DDR aufgewachsen ist, abgelehnt und deren Unterlagen kommentiert. Die Bewerberin klagte gegen die Benachteiligung aufgrund ihrer ethnischen Herkunft – erfolglos.

Letztes Jahr wurde am WZB die deutsche Elite untersucht. Die Studie löste wenig Aufsehen aus. Aus meiner Sicht liefert die Studie knapp 25 Jahre nach der Wende ein desaströses Ergebnis. Nur 2,8 Prozent aller Entscheidungsträger in Deutschland stammen aus Ostdeutschland. Wenn wir die gleiche Chance hätten, in derartige Positionen aufzusteigen, müsste der Anteil eigentlich 17 bis 19 Prozent sein. Betrachtet man die einzelnen Bereiche, verschärft sich die Lage weiter: Anteil Ostdeutscher bei den Wirtschaftseliten 0 Prozent, bei den Wirtschaftsverbänden 0 Prozent, in der Justiz 0 Prozent, im Militär 0 Prozent, in den Medien 0 Prozent, in den Gewerkschaften 0 Prozent, Sonstige Eliten 0 Prozent, Wissenschaft 2,5 Prozent, Verwaltung 4,3 Prozent. Einzig in der Politik (13,8) und überraschender Weise bei den Kirchen (16,7) sind Ostdeutsche nur unwesentlich unterrepräsentiert. Auch wenn nur ein Drittel der deutschen Elite an dieser Studie teilgenommen hat, ist nicht davon auszugehen, dass gerade die ostdeutschen Entscheidungsträger in geringerem Umfang teilnahmen.

Auch eine Ebene unterhalb der in der Befragung betrachteten Eliten ist das Bild nicht viel besser. Das Beispiel der Soziologieprofessoren in Deutschland zeigt: Hier stammten 2009 nur 3,8 Prozent aller Professoren aus Ostdeutschland. Selbst bei den unter 45-Jährigen, die ihr Studium nach der Wende beendet haben, sind nur 5,8 Prozent aus dem Osten.

Im Bereich der gesellschaftlichen Eliten und der Professorenschaft wird gemeinhin die Gruppe der Frauen als besonders benachteiligt definiert. Im Hinblick auf die Unterrepräsentierung von Ostdeutschen haben Frauen heute deutlich bessere Chancen, sich in der Elite Deutschlands oder auf einer Soziologieprofessur wiederzufinden.

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21 Kommentare
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  1. Schlesierin sagt:

    Wenn man die Ostdeutschen miteinbeziehen würde, die vor 1990 geflüchtet sind, sähe das Ergebnis sicherlich ganz, ganz anders aus. Sie vergessen, dass der braindrain während der DDR ungeheuer war. Wer etwas im Kopf hatte, hat sich nicht mit einem System identifiziert, das total leistungsfeindlich war. Das System DDR wird ja jetzt auch noch in schwächerer Form weiterbetrieben, da der Westen ja bekanntlich sehr viel subventioniert. Das fördert eben nicht die Leistungsbereitschaft. Wir leben nicht in einer Netzwerkgesellschaft, sondern in einer Leistungsgesellschaft, nur hat sich das im Osten noch immer nicht herumgesprochen. Fest steht doch, dass Ostdeutschland gravierende Probleme hat, gerade bei der schulischen Ausbildung. Der Leuchtturm Sachsen ragt da auch nur hervor, weil der Anteil derer, die dort zugewandert sind und sich in das neue System noch nicht integrieren konnten, sehr marginal ist. Ohne Subventionen durch den Bund hätten viele Betriebe dort nicht investiert. Da wäre das Licht auch dort „aus“.

  2. G. H. sagt:

    Ich finde, das ist ein sehr gutes, weiteres Beispiel dafür, dass die Lösung nicht in Anti-Diskriminierung liegt – also dem Abbau von Hemmnissen – sondern in Diversity Management – also die Veränderung, Öffnung der Institutionen. Das fängt damit an, dass wir mehr Wert darauf legen, dass Auswahl anhand von Kriterien gefällt werden, und nicht aufgrund von gefühlten Mehrwerten, wenn irgendwelchen Dumpfbacken die Intelligenz ihrer berühmten Bekannten und Verwandten unterstellt wird…

  3. Isetta sagt:

    @schlesierin: Das heisst aus Ihrer Sicht der Dinge, das die Ostdeutschen nicht leistungsfähig sind und dazu noch nicht einmal gut gebildet ? Das halte ich, mit Verlaub, für ziemlich weit hergeholt. Oder habe ich Sie einfach nur falsch verstanden ? Wenn dem so ist, dann helfen Sie mir bitte Sie richtig zu verstehen.

  4. Schlesierin sagt:

    @Isetta Na dann beschäftigen Sie sich mal mit diversen Studien zur Situation von Schulkindern in Mecklenburg-Vorpommern oder Berlin. Unsere hohe Zahl an faktischen Analphabeten fällt nicht vom Himmel. Man kann diese Probleme nicht schönreden! Selbstverständlich sind die Ostdeutschen nicht „blöd“, aber es gab halt wie gesagt den braindrain, der sich bis heute in Bildungsdingen auswirkt.

  5. guter100 sagt:

    Da kenne ich aber ganz andere diverse Studien. Nicht zufällig wird das Schulsystem der DDR nach 25 wiederentdeckt.

  6. sigi sagt:

    @guter100 Ostdeutschland und Westdeutschland sind hier kaum vergleichbar schon wegen des unterschiedlichen Migrationsniveaus und verschiedener Traditionen.

  7. andreas sagt:

    @schlesierin: der Osten hatte das beste Bildungssystem und genau da werden wir in spätestens 10 Jahren wieder sein.
    Analphabeten gab es im Osten kaum, da wir durch die politsche Vergangenheit einen hohen Grad in der Integration hatten. Schwächere Schüler wurden von Mitschüler unterstützt.
    Probleme in Mecklenburg-Vorpommern entstehen durch die hohe Arbeitslosigkeit in der ländlichen Umgebung. Berlin hat als Hauptstadt andere Ursachen und ist mit Ostdeutschland gar nicht mehr vergleichbar.

  8. Erzieherin sagt:

    @Andreas

    1. Sämtliche Bildungsstudien bestätigen, dass die Stratifikation im Westen deutlich anders ist. Dort hat man im oberen Level wesentlich bessere Schüler, dafür aber im unteren Level wesentlich schlechtere. Der relative Vorsprung Ostdeutschlands (keine wirklichen Großstädte, wenig Migranten) hat nichts mit der DDR zu tun, sondern damit , dass der Osten in Sachen Bildung vor 1945 weltweit führend war. Eine bildungsbürgerliche Tradition ließ sich auch in einer DDR Diktatur nicht beseitigen. Sie ist aber nicht mehr so stark, wie das früher der Fall war.

    2. Davon dass schwächere Mitschüler von stärkeren unterstützt werden, halte ich nichts. Besser wäre es schwache Schüler in gesonderten Klassen von guten Lehrern unterrichten zu lassen, wie das ja auch in Finnland der Fall ist. Das Problem ist ja auch kein rein schulisches, sondern auch das eines des sozialen Milieus und seiner Wertvorstellungen. Schauen Sie, was tut man z.B. in Bayern mit einem Bäcker, einem Schreiner oder einem Maurermeister aus Sachsen? Handwerksbetriebe gibt es in Bayern wie Sand am Meer, weil es in den 60er, 70er und 80er Jahren einen großen Bauboom gab. Hinzu kommt, dass die Bauwirtschaft deutlich weniger Personal benötigt als früher. Wieso soll man da jemand einstellen, den man erstens nicht benötigt und zweitens gar nicht kennt?

    3. Dort wo wirklicher Fachkräftemangel existiert, in den „oberen“ Berufen, gehen die Ossis nicht in den Süden, sondern meist in die ostdeutschen Zentren oder gleich nach Berlin.

    4. Bleibt jede Schicht im Allgemeinen unter sich. Das hat mit bewusster Exklusion nichts zu tun, sondern damit, dass die Vorstellungen von Beruf und Bildung einfach fundamental andere sind. Wer aus einem Milieu stammt, in dem praktische Arbeit einen hohen Wert hat, wird nur wenig Verständnis dafür aufbringen, wenn Sohn und Tochter als Vollblutakademiker bis zu ihrem 30 oder 35 Jahren für Ihre „Ausbildung“ sorgen. Das sind einfach andere Welten.

    5. Sind die „soften“ Faktoren nicht zu unterschätzen. Ein Beamtenkind weiß im Allgemeinen viel besser wie es mit Behörden umgehen muss, ein Juristenkind weiß, wie man sich vor Gericht benehmen muss und ein Handwerkerkind weiß, wie man mit der Kundschaft umgehen muss. Das sind einfach soziokulturelle Besonderheiten, die eine gewisse „Überlegenheit“ erzeugen. Die lassen sich auch nicht von der Politik beseitigen, da es der schlicht und ergreifend am know how fehlt, um diesen Gruppen vorschreiben zu können, was sie zu tun haben.

  9. Tai Fei sagt:

    Erzieherin sagt: 23. Januar 2015 um 15:32
    „5. Sind die “soften” Faktoren nicht zu unterschätzen. Ein Beamtenkind weiß im Allgemeinen viel besser wie es mit Behörden umgehen muss, ein Juristenkind weiß, wie man sich vor Gericht benehmen muss und ein Handwerkerkind weiß, wie man mit der Kundschaft umgehen muss. Das sind einfach soziokulturelle Besonderheiten, die eine gewisse “Überlegenheit” erzeugen. Die lassen sich auch nicht von der Politik beseitigen, da es der schlicht und ergreifend am know how fehlt, um diesen Gruppen vorschreiben zu können, was sie zu tun haben.“

    Und deswegen werden Ossis in der BRD immer Bürger zweiter Klasse bleiben, weil so ein soziokultureller Schwachsinn hier tatsächlich noch ernst genommen wird. Möge jeder in seiner gottgewollten Position verharren, typische dt. Untertanenmanier. Das Einzige was uns zu unserem Glück noch fehlt ist halt wieder ein Kaiser, da der ja weiß, wie man regiert, verdammte Demokraten!

  10. Samuel Moishe Goldstein sagt:

    @ Tei Fei Man kann halt ein Land nicht verstehen, wenn man seine Geschichte nicht kennt. Das ist ist halt mal so. Jeder, der sich z.B. nur mal ansatzweise mit jüdischer oder hugenottischer Geschichte auseinandergesetzt hat, weiß, dass diese Bevölkerungsgruppen in Bildungsdingen erfolgreich waren, weil sie von vornherein in eine aktiv praktizierte Buchkultur eingebunden waren. Mit „Geld“ hatte das nichts zu tun, sondern mit soziokultureller Prägung. Natürlich kann man das Gegenteil annehmen, aber irgendwann gerät man dann halt in Erklärungsnöte. Menschen sind nun mal unterschiedlich, Gruppen sind unterschiedlich und Kulturen auch. Das macht die Welt nun mal bunt.

    Jeder der sich mit der Geschichte des deutschen Ostens auseinander gesetzt hat, weiß, dass es dort ein sehr aktives bürgerliches Leben gab, das von der SED Diktatur stark beeinträchtigt wurde. Fest steht, dass Halle, Leipzig, Dresden, Berlin und andere Städte früher weltweit führend waren, jetzt aber international bedeutungslos sind. Wenn man immer der Ansicht ist, dass der Staat für alles zuständig ist, sollte man sich lieber gleich ins Feudalzeitalter zurückbeamen lassen. Ihren Vorwurf des „Schwachsinns“ können Sie keineswegs empirisch belegen.

    Wieso soll z.B. der „fiktive Durchschnittssohn“ eines Handwerkers einer „fiktiven Durchschnittstochter“ eines Professors in praktischen Dingen nicht überlegen sein? Der Staat kann diesen Unterschied nicht übertünchen, weil sein Ausbildungssystem die Erfahrung und die Tradition gar nicht ersetzen kann, die es in einer Familie gibt. Das ist völlig logisch.


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