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Wir haben unsere Behörden über Jahrzehnte in eine Abschottungskultur hineinentwickelt. Man hat gesagt: Haltet uns die Leute vom Hals, die wollen alle nur in unsere Sozialsysteme einwandern. Jetzt müssen wir deutlich machen, dass wir Fachkräfte brauchen, dass wir um sie werben müssen.

Peter Clever, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, April 2013

Protestforscher

Höhepunkt von Pegida überschritten

Einer aktuellen Studie zufolge sind die typischen Pegida-Demonstranten männlich, mehrheitlich Angestellte, Arbeiter oder Beamte, zwischen 25 und 64 Jahren alt, gehören dem Mittelstand an und verfügen über eine gute Ausbildung. Zudem sind sie islamfeindlicher eingestellt als die Gesamtbevölkerung.

Der Berliner Protestforscher Dieter Rucht rechnet mit einem Abflauen der „Pegida“-Demonstrationen in Dresden. „Der Höhepunkt ist überschritten“, sagte der Sozialwissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin am Montag in Berlin bei der Vorstellung einer Studie über die islamfeindliche Bewegung. Die Aufzüge in Dresden würden an Zulauf verlieren und sich ausdünnen. Gleichzeitig würden sich aber die „Pegida“-Ableger in anderen deutschen Städten weiter etablieren, lautet seine Prognose. Auch das grundsätzliche Potenzial für „Pegida“ werde weiter fortbestehen.

Gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universitäten von Chemnitz, Bochum und Frankfurt/Main hatten die Forscher des Wissenschaftszentrums im Januar Dresdnern „Pegida“-Symphatisanten online befragt. Ergänzt wurde das Vorgehen durch Demonstrations-Beobachterteams vor Ort. Von insgesamt 3.500 Handzetteln, die zu der anonymisierten, mit einem personalisierten Code geschützten Online-Befragung einluden, konnten die Teams nur 670 unter den Demonstranten verteilen. Der Rest lehnte eine Annahme unter anderem mit der Begründung der „Lügenpresse“ ab. Die eigentliche Rücklaufquote war dann so niedrig wie nie zuvor, sagte Rucht. Ganze 123 Personen beantworteten online Fragen zu persönlichen Lebensverhältnissen, politischen Einstellungen oder zur „Sonntagsfrage“.

Die Ergebnisse seien deshalb auch nicht repräsentativ, betonte der Protestforscher ausdrücklich. „Wir können nichts über die ‚Pegida‘-Demonstranten sagen, nur über die, die geantwortet haben.“

Diese sind in der Regel männlich (80 Prozent), mehrheitlich Angestellte, Arbeiter oder Beamte, zwischen 25 und 64 Jahren alt, gehören dem Mittelstand an und verfügen über eine gute Ausbildung. Knapp 60 Prozent sind Mitglied in einem Sport- oder Freizeitverein, über 25 Prozent engagieren sich in Kunst-, Musik- oder anderen Kulturvereinen, über 20 Prozent sind Kirchenmitglieder. In ihrer politischen Einstellung verortet sich die Mehrheit in der Mitte und rechts von der Mitte (über 80 Prozent).

Bei rechtsextremen Einstellungen bewegen sich die Befragten allerdings in der Regel weit weg vom Bevölkerungsdurchschnitt. So stimmen 41 Prozent bei den nichtrepräsentativem Befragung der Feststellung zu, die Bundesrepublik sei durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet. Im Bevölkerungsdurchschnitt liegt die Zustimmung bei 27,5 Prozent. 81 Prozent der „Pegida“-Anhänger fordern demnach zudem Mut zu einem starken Nationalgefühl (29,8 Prozent). 98 Prozent der Befragten äußerten die Meinung, dass eine muslimische Lehrerin kein Kopftuch im Unterricht tragen dürfe, 93 Prozent wollen den Bau von sichtbaren Moscheen verbieten.

Auch das Vertrauen in die Institutionen ist der Studie zufolge gering, mit Ausnahme von Gericht, Bürgerinitiative und Polizei. 97 Prozent der Befragten finden zudem den Ausdruck „Lügenpresse“ zutreffend. Wären am Sonntag Bundestagswahlen, würden 89 Prozent der „Pegida“-Anhänger ihr Kreuz bei der AfD machen. Als einzige Oppositionspartei würde es mit fünf Prozent die rechtsextreme NPD in den Bundestag schaffen. In der vergangenen Woche hatte bereits die TU Dresden eine Studie zu „Pegida“-Demonstranten veröffentlicht, deren Relevanz für die Berliner Protestforscher allerdings zweifelhaft ist. (epd/mig)

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