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Migration und Integration in Deutschland

Die Zerteilung der Arbeit in kurze und ständig zu wiederholende, gleichförmige Handgriffe ermöglicht es, Arbeiter ohne Qualifikation und ohne Kenntnis der deutschen Sprache einzusetzen; die Art der Arbeit erfordert es vielleicht sogar.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Ach was?!

Wenn der Imam blauäugig ist

Wäre der Imam blauäugig und Deutsch, fräge sich der betende orientalische Muslim zu recht, seit wann der Germane doch bereit sei, sich zu verbeugen vor des Schöpfers Gnaden – die Kolumne von Bengü Aydoğdu

VONBengü Aydoğdu

 Wenn der Imam blauäugig ist
Während in den USA Captain Kirk und Mr. Spock erstmals mit „Star Trek“ auf Sendung gehen, macht die in Istanbul frisch geborene Bengü Aydoğdu ihrer Mutter das Leben schwer. Noch heute hört man die Mama sagen: nicht mal meinem ärgsten Feind wünsch' ich ein solches Balg! Später schluckend manch' Staube der Uni-Parkette in Berlin und Düsseldorf, studierte sie Wirtschaft und Jura. Doch der freie, unruhige Geist zwang sie umherzutreiben in manch ausländischen Gefilden. Sie liest, schreibt und dichtet lieber als im Paragrafen-Dschungel und dem Wirtschafts-Wahnsinn mitzustreiten. No lobby no shackles. Unter dem Pseudonym BenSiz erschien 2012 ihr erstes Buch auf türkisch in der Türkei. Weitere folgen. Ihre Brötchen verdient sie als Webdesignerin, Texterin und Jobcoach. Interdisziplinäre Betrachtungen und analoge Weltanschauung sind die Grundpfeiler für die Schreibwerke der Künstlerin. Ach was?!, kommt's über die Lippen, wenn sie aus dem Hexenkessel der Welt erzählt... Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Burkhard Heim oder Sigmund Freud... Oder waren es doch Nietzsche und Rumi...? Sie werden's herausfinden.

DATUM19. Januar 2015

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RESSORTAktuell, Meinung

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Wie sagte doch bereits der Japaner und Meisterredner in der Liga der Unternehmensberater, genannt Minoru Tominaga? Ich zitiere diesen Satz von der Messe ‚Zukunft Personal‚ in Köln vor einiger Zeit: „Wenn die Deutschen Maschinen bedienen, glänzen ihre Augen. Wenn sie Menschen dienen, stehen ihnen die Haare zu Berge.

Wen wundert’s, dass die Douglas-Verkäuferin in overdressed Aufmachung an den Schwarzkopf mit Rollkragenpulli und ausgewaschenen Jeans mit offensichtlicher Abneigung herantritt und rüber piepst: „Kann ich Ihnen helfen?“ und eigentlich doch meint: „Sie haben sich verirrt. Hier gibt es nichts für Sie.“ Vielleicht würde sie in diesem Fall sogar noch von dem edlen „Sie“ auf den doch passenderen „Ey, du“ umsatteln auf ihrem Pegasus, genannt Hochmut, wenn sie durfte wie sie wollte… Wenn sie nur wüsste, dass sie gerade den reichen Besitzer einer bekannten Ladenkette, gebürtiger Pakistani, an gepiepst hat. Eben. Je höher der Flug desto tiefer der Fall.

Nur eine von hunderttausend Alltäglichkeiten im Deutschen Lande, wenn die Meme sich bringen zum Ausdruck nicht nur über die Lippen des Menschenkindes, sondern sich verbreiten über die Gedankenfelder und wie eine Dunstglocke über das kollektive Bewusstsein legen.

Was ein Mem ist? Nun ja, ich vergesse manchmal allzu schnell, wie sehr doch der Ottonormalverbraucher sich nicht mit wichtigen alltäglichen Erkenntnissen der Wissenschaft beschäftigt, um seine pure menschliche Existenz und Funktionsweise zu verstehen. Die Frage wäre: Wer bin ich, woher komme ich und was ist der Sinn meines Seins? Und dabei ist es egal, aus welcher Siedlung das Menschenkind stammt. Ob Blondschopf oder Schwarzkopp, diese Frage wird uninteressant, wenn wir uns einer zutreffenden Beschreibung der meisterhaften Management-Trainerin Birkenbihl bedienen. Ungefähr so beliebte sie zu Lebzeiten zu sagen: „Es gibt nur zwei Arten von Menschen. Die einen sind die Gehirnträger und die anderen sind die Gehirnbenutzer, wobei die Mehrheit der Menschheit der ersten Kategorie zu rechnen ist.“

Nun ja; der Durchschnittsmensch trägt sein Gehirn eben nur spazieren als es zu be-nutzen. Läuft eh alles automatisch: Einatmen-ausatmen; essen-sch…n; schlafen-wachhypnosen…. Moment mal! Wieso wachhypnosen? Was ist das überhaupt für ein Wort?

Na ja; wie sollte man sonst den Zustand nennen, in der sich die Disputanten allen Couleurs verhalten, wenn sie derart menschen- und lebensfeindlich tätig werden? Auf der einen Seite die Gutmenschen und die Selbstgerechten, auf der anderen Seite die Schnorrer und die Bösen dieser Welt. Der Haken hierbei ist aber, dass der Böse aus Sicht des einen, der Gutmensch für den anderen ist. Eben je nach Mem ändert sich das, was wir meinen wahr-zunehmen. Wahr? Im Angesicht all dieser weltlichen Widersprüche und Unvereinbarkeiten, sollte Mensch sich fragen, was dieses „wahr“ doch in Wahrheit tatsächlich ist. Schwer ist es wahrlich nicht.

Rülpst der Chinese genüsslich am Tische seines Gastgebers und ehrt diesen damit, ist es für den Türken als Gastgeber eine große Peinlichkeit und Unart seines Gastes. Auch in Anwesenheit einer anderen Person sich laut die Nase zu putzen und den Nasenschleim in das Taschentuch zu schnäuzen mag für den Deutschen eine normale, also eine im Deutschen Lande genormte Tat sein, der orientalische Türke jedoch fühlt sich beleidigt, weil Respektlosigkeit dem Schnäuzer unterstellt wird, obwohl der Deutsche doch keineswegs dieses je vor hatte. Wenn der Inder sich permanent verbeugt zum Gruß zu seinen Mitmenschen, bekommt der Ottonormaldeutsche bei soviel Beugerei nur ein zischen durch die Lippen: „Mein Gott, ist das kitschig. Das ist für meinen Geschmack zu viel des Guten.“ Über Geschmack sollte man sich eben nicht streiten.

Und doch haben wir oft den Salat. Kriegen sich zwei in die Haare wegen völlig unterschiedlichen Memen, weil weder der eine noch der andere sich machte die Müh‘, zu verstehen des anderen Kulturgut, dann ist der Streit vom Zaun hausgemacht! Wer aber vermag zu verstehen, des Menschen Programme, der lebt wahrlich viel glücklicher! Und ist nicht nur eine Wohltat in der eigenen Familie, sondern dient dem Guten der ganzen Sippe.

Hier sollte das Wort Wohlfahrt vielleicht doch neue Meme setzen in diese Weltenschlacht. Und zwar nicht das konzeptionelle Wirtschaften riesiger Verwaltungsapparate, sondern eher die Mem-Durchschauer, die der Wohlfahrt dienen im Namen jedes einzelnen Menschenkindes. Und politisch korrekt muss dies keineswegs sein. Im Gegenteil. Wer sagte einst diesen Ausspruch, der sich windet in meinen Gedächtnisgärten? „Die Politiker werden die letzten sein, die das Himmelreich erreichen.“ Vielleicht war ich es, die einst müde ward des Geschreis vom Felde der Agitatoren oder vielleicht der ruhige Weise vom Fuße des Himalaya. Egal. Auf den Inhalt kommt es an und nicht auf die Verpackung. Denn schon oft haben wir doch gesagt: „Außen hui, innen pfui!

Also, noch mal zurück zu den Memen. Kurz gesagt ist ein Mem ein kulturelles Gen, den jeder Mensch in sich und mit sich trägt. Sogar der Wolfsmensch. Nur mit dem Unterschied, dass er das Glück hatte, von echten Wölfen aufgezogen worden zu sein im Lebensraum der Wölfe. Der normale, also der genormte Mensch, aufgewachsen unter Menschen und in allzu menschlichen Siedlungen, wird nun mal die Meme seiner Siedlung aufgedrückt bekommen, ob es ihm passt oder nicht. Beigebracht durch Erziehung und Werteselektion. Dabei wird nicht einmal hinterfragt, ob diese Meme richtig oder falsch sind. Der Glaube, der Unglaube, das praktische Wissen, die theoretischen Annahmen, die Erfahrungen, die Werte, die Abneigungen, der Hass, der Nationalismus, die Feindbilder, die Vorbilder, die Idole, der Fußballverein… Alles Meme.

Und wer kann von sich schon behaupten, dass er sich alles Angeeignete bereits in frühester Kindheit freiwillig und bei vollem Bewusstsein selbst ausgesucht und seinem kleinen Persönlichkeits- Ich an verleibt hat im wahrsten Sinne des Wortes? Das gibt es nicht!

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2 Kommentare
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  1. surviver sagt:

    Verstehe die headline in Bezug auf die „Blauäugigkeit der Imame“ nicht so ganz, da etwas zweideutig zu verstehen, aber wenn der Text einen Beitrag für Integration und Alltagsrassismuss,, was ein sehr dehnbarer Begriff ist, leisten möchte, finde ich das Beispiel mit „douglas“ gut ausgewählt, da das schon den Alltag DEs widerspiegelt.
    Man sollte sich hierbei nur fragen, wieso sehen viele Deutsche die Welt „schwarz-weiss“?

  2. Magistrat sagt:

    Das Beispiel aus dem Douglas am Anfang ist sehr alltäglich. Es ist zutiefst verletzend und rassistisch nach welchem Raster die Damen – übrigens nicht nur im Douglas sondern in diversen „Parfumläden“ – regelmäßig vorgehen und optisch unerwünschte Kunden penetrant angehen!! Da hilft nur: meiden!

    Ansonsten erschließt sich mir der Sinn des Textes auch nach voller Lektüre nicht so ganz. Insbesondere was der Appetiser in der Überschrift mit dem Inhalt zu tun haben soll bleibt schleierhaft.



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