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Migration und Integration in Deutschland

Und die einzige Leitkultur, die wir allen Menschen in Deutschland abverlangen müssen, steht in den ersten 20 Artikeln des Grundgesetzes.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), dpa, 7. Oktober 2010

Geld, Land und Nahrung

Die Lüge von der Bevölkerungsbombe

In Zeiten der Dauerkrise ist die Klage vor „zu vielen Menschen“ eine ebenso beliebte wie verklärende Strategie, um von den wahren Gründen für Armut, Hunger und Naturzerstörung abzulenken. Von Patrick Spät

VONPatrick Spät

 Die Lüge von der Bevölkerungsbombe
Der Verfasser, geboren 1982 in Mannheim, Promotion in Philosophie 2010 an der Uni Freiburg, lebt als freier Journalist und Buchautor in Berlin. Zuletzt erschien von ihm das Buch: Und, was machst du so? Fröhliche Streitschrift gegen den Arbeitsfetisch, Zürich: Rotpunktverlag, 2014. Seine Internetseite finden Sie hier./

DATUM19. Januar 2015

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RESSORTGesellschaft, Meinung

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Malthus‘ abstruse und menschenfeindliche Thesen haben ihre Wurzeln im Denken der Aufklärung. Schon zu Lebzeiten der Aufklärer blieben deren Thesen nicht unkommentiert, zumal die These, dass die Armen zu viele Kinder in die Welt setzten. Jonathan Swift, der kapitalismuskritische Autor des Romans Gullivers Reisen, schrieb darüber 1729 eine tiefschwarze Satire, in der er empfiehlt,
„daß ein junges, gesundes, gutgenährtes Kind im Alter von einem Jahr eine äußerst wohlschmeckende, nahrhafte und bekömmliche Speise sei, gleichviel, ob geschmort, gebraten oder gekocht, und ich zweifle nicht, daß es in gleicher Weise zu Frikassee oder Ragout taugt. […] Ein Kind reicht für zwei Gerichte zur Bewirtung lieber Gäste, und wenn die Familie allein speist, so ergibt ein Vorder- und ein Hinterviertel ein annehmbares Gericht. […] Ich gebe zu, daß diese Speise etwas teuer wird, und eben deshalb ist sie für Gutsbesitzer besonders geeignet; denn da sie bereits die meisten Eltern verschlungen haben, steht ihnen gewiß auch das erste Anrecht auf die Kinder zu.“

Wann immer bestimmte symbolische Zahlen der Weltbevölkerung überschritten werden, machen sie die Runde in den Medien. Dort liest man dann von der „größten Bedrohung für die Menschheit“, einer „Bevölkerungsexplosion“ oder einer „Bevölkerungsbombe“ – im Jahr 1968 veröffentlichte der Schmetterlingsforscher Paul R. Ehrlich ein Buch mit gleichnamigen Titel und behauptete, dass auf der Erde nur Platz für rund 1,2 Milliarden Menschen sei. Demgegenüber steht ein anderer Extremwert des Systemanalysten Cesare Marchetti, der 1979 davon ausging, dass auf der Erde Platz für rund 1.000 Milliarden Menschen sei. Diese Prognose ist natürlich ziemlich spekulativ; doch soweit wird es vermutlich gar nicht kommen.

Denn entgegen aller Panikmache zeichnet sich seriösen Studien zufolge schon jetzt ab, dass die Weltbevölkerung bald nicht mehr wachsen, sondern sogar wieder schrumpfen wird. Schon seit Jahrzehnten verlangsamt sich die globale Wachstumsrate, so dass die Bevölkerungszunahme – in absoluten Zahlen ¬– bereits jetzt abnimmt. Im Jahr 1972 befeuerte der Club of Rome noch die Bevölkerungsdebatte mit seinem Bericht über die „Grenzen des Wachstums“. In seinen aktuellen Prognosen geht der Club of Rome davon aus, dass die Weltbevölkerung 2042 ihren Höchststand mit 8,1 Milliarden Menschen erreichen und danach wieder abnehmen wird. Gründe hierfür seien unter anderem die zunehmende globale Urbanisierung, die Übernahme westlicher Lebensmodelle (Stichwort Kleinfamilie) in den Entwicklungsländern und die sich ändernde Rolle der Frauen, die zunehmend berufstätig sind.

Derzeit leben auf der Erde rund 7,28 Milliarden Menschen. Die Zuwachsrate beträgt laut der Stiftung Weltbevölkerung pro Jahr 81.664.687 Menschen, ein Wert, der ungefähr der Gesamtbevölkerungszahl Deutschlands entspricht. Umgerechnet und abzüglich der Sterbefälle beträgt der Zuwachs pro Tag 223.739 Menschen, was 2,6 Menschen pro Sekunde entspricht.

Auf der gleichen Internetseite liest man, dass jährlich etwa 80.000.000 ungewollte Schwangerschaften auftreten, die meisten davon in den Ländern der sogenannten Dritten Welt, also im Globalen Süden. Natürlich nimmt die Bevölkerung in diesen Ländern stärker zu als in den westlichen Industrienationen. Die Verteilung von Kondomen und anderen Verhütungsmitteln wäre sicherlich hilfreich – wird jedoch massiv blockiert von der Kirche, die nur noch in diesen Ländern steigende Mitgliedszahlen hat, weil es in ihren Hallen etwas Brot gibt.

Das große ABER lautet jedoch, dass Verhütungsmittel abermals eine biologische Lösung für ein an sich soziales Problem sein sollen: Die Familien in diesen Ländern sind auf zahlreiche Kinder schlichtweg angewiesen, weil sie ansonsten keine Altersvorsorge haben. Wer keine Kinder hat und alt und schwach wird, kann sich in kein Sozialsystem retten – die Menschen brauchen Kinder, die sie versorgen – oder sie sterben. Und die Anhänger von Ecopop und andere Menschenfeinde fordern allen Ernstes, dass die Geburtenrate in diesen Ländern per gesetzlichen Zwang reguliert werden soll. Angesichts solcher Forderungen übt die in Genf forschende Anthropologin Shalini Randeria deutliche Kritik an der westlichen Doppelmoral:

„Wenn eine Frau aus Kamerun mehrere Kinder zur Welt bringt, trägt sie angeblich zur globalen Überbevölkerung bei, wenn der Schweizer aber zwei Autos kauft, kurbelt er das Wirtschaftswachstum an. Man kann die Frage der vermeintlichen Überbevölkerung nicht vom Ressourcenverbrauch trennen. Die Einwohner der Stadt New York verbrauchen an einem Tag mehr Energie als der gesamte afrikanische Kontinent. […] Überzählig sind immer die Anderen: die Armen, die Ausländer, die Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften. […] Es geht nie nur um die Zahlen, sondern stets um die Frage, wer sich vermehren darf und wer nicht.“

Wenn weltweit eine Milliarde Menschen hungert und fast die Hälfte aller weltweit lebenden Menschen mit 1 US-Dollar am Tag (über-)leben muss, dann lassen sich die Millionen Toten bequem rechtfertigen, indem man das Problem auf die „Überbevölkerung“ schiebt. In den bevölkerungsreichen Staaten des Globalen Südens schuften die Menschen täglich 16 Stunden, um in hochgiftigen Fabrikhallen unsere Smartphones, Spielsachen und Klamotten herzustellen. Wie der schreckliche Hochhauseinsturz am 24. April 2013 in Bangladesch zeigt, können die Sklavenarbeiter froh sein, wenn sie vergiftet, aber lebend aus diesen Sweatshops rauskommen. Aufgrund dieser Verhältnisse ist es gleichgültig, ob nun 1 oder 10 Milliarden Menschen in diesen Ländern leben – sie werden so oder so vom Westen ausgebeutet und müssen hungern.

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6 Kommentare
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  1. Realist sagt:

    Eine Zuwanderung in die Sozialsysteme schadet letztlich den Migranten selbst. Je mehr man verteilt, desto weniger bleibt übrig. Da hilft die selbst definierte „Moral“ nichts, auch kein „Recht“, sondern nur der Realismus einer Partei wie der CSU! Wenn man unbegrenzte Zuwanderung für alle will, bitteschön, dann soll man aber auch nicht jammern.

  2. Thomas Rindt sagt:

    Hervorragender Artikel!!

    …und er lässt mich ziemlich ratlos zurück – wissen und nicht handeln ist eigentlich schon eine Missetat! Ich weiß – und spätestens nach diesem Artikel kann jeder wissen – und dennoch „genieße“ ich den Überfluss unserer Industriegesellschaft – ich rede gegen „unsere“ Flüchtlingspolitik, kritisiere den Kapitalismus – dieses Grundübel und Monster unserer Zeit – aber handele ich radikal genug? Ganz bestimmt nicht! Nicht mal ansatzweise!

  3. H.P.Barkam sagt:

    @ Realist

    Zuwanderung in die Sozialsysteme? Abgesehen davon, dass Fakten und Zahlen anderes belegen, gerade auch hier immer wieder nachzulesen,
    geht es doch wohl in erster Linie um Zuwanderung in die Menschlichkeit,
    solange es weltweit über 45 Millionen Verfolgte und Kriegsflüchtlinge gibt.
    Übrigens, dass die meisten Nörgler in den neuen Bundesländern sitzen und als Pegida oder gleich als Nazis über die Ausnutzung deutscher Sozialsysteme meckern, liegt ja wohl daran, dass gerade vieler dieser Rechtsextremen selbst die Sozialkassen plündern – die sie für scheinbar als ihr Eigentum betrachten, ohne je selbst darin eingezahlt zu haben oder sich direkt als V-Leute und Informanten vom Staat bezahlen lassen.

    In diesem Sinne

  4. Poser sagt:

    Das Hauptproblem liegt darin, dass wir Menschen denken intelligenter und weniger instinktgeleitet zu sein als Tiere. Aber schlussendlich leben wir auch nur nach dem Motto „survival of the fittest“. Wir sind nicht sozialere oder bessere Erdenbewohner als der Hund der in einem youtube-video einen anderen Hund von der Autobahn zieht. Wir besitzen nur die Arroganz zu behaupten wir wären was besseres und könnten mehr leisten.

  5. Realist sagt:

    @ H.P. Barkham „Abgesehen davon, dass Fakten und Zahlen anderes belegen“

    Ihre Aussage verstehe ich nicht. Ich habe nur behauptet, dass eine Zuwanderung in die Sozialsysteme schlecht ist. Wo mehr verteilt wird als vorher, muss folgerichtig weniger pro Kopf verteilt werden. Diese Tatsache werden Sie ja wohl kaum abstreiten. Wer so sozial ist, dass er an alle verteilt, handelt im Endeffekt zwar theoretisch sozial, aber nicht praktisch sozial. Was soll an dieser Haltung besonders „menschlich“ sein?
    Der „Ossi“ kennt dieses System. Die Ostdeutschen haben sich den Sozialismus als System nicht ausgesucht. Wenn sie heute relativ arm oder wirklich arm sind, dann ist das nicht die Schuld irgendwelcher Großkapitalisten, sondern das der SED-Sozialisten. Der Sozialismus funktioniert nicht, weil er von falschen Grundannahmen ausgeht, deren Richtigkeit noch niemals belegt werden konnte. Im Übrigen möchte ich darauf hinweisen, dass die meisten Pegidaanhänger ganz normale Arbeitnehmer sind. Hier marschiert der Mittelstand!

  6. Stogumber sagt:

    „Wenn in milliardenschweren Schwellenländern wie Indien oder China jeder Bewohner ein Auto, ein Haus, ein Smartphone und ein Steak haben möchte, wer vermag ihm dann diesen Wunsch abzustreiten, solange “wir” dieses Übermaß vorleben und sonntags unseren Zweitwagen waschen?“

    Eine sehr „weiße“ Überlegung. Wir sollen also unseren Zweitwagen abschaffen (ich hab gar kein Auto), damit sich die Bewohner der Schwellenländer ein Beispiel nehmen und ebenfalls auf weiteres Wirtschaftswachstum verzichten. Die Probleme der Afrikaner lassen sich dann anschließend durch bloße Umverteilung erledigen.

    Das zentrale Problem, was der Verfasser bekämpft, ist offenbar nicht die Armut, sondern das Wachstum.



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