MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Nur die wenigsten dieser deutschen Arbeiter werden in dieser Situation mit den Ausländern solidarisch sein. Die meisten werden sich aggressiv von den Ausländern abgrenzen und bei ihnen die Verantwortung für die eigene schlechte Position suchen.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Gegen den Terror

„Ich distanziere mich nicht als Muslima, sondern als Mensch“

Nach dem Anschlag von Paris erleben Muslime denselben Reflex wie nach jedem Terrorakt, der im Namen des Islam begangen wird: Muslime werden aufgefordert, sich von den Gewalttätern zu distanzieren. Das ist ärgerlich und verletzend. Von Canan Topçu

VONCanan Topçu

 „Ich distanziere mich nicht als Muslima, sondern als Mensch“
Die Verfasserin ist Journalistin und widmet sich seit vielen Jahren den Themen Migration, Integration und Islam. Sie lebt in Hanau und arbeitet für unterschiedliche Medien.

DATUM12. Januar 2015

KOMMENTARE3

RESSORTLeitartikel, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Zwei Täter riefen „Allah ist groß“ und schossen gezielt auf Menschen. Kaum war die Nachricht vom Attentat in der Redaktion der Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo in Umlauf, schon wurde es eingeordnet als Angriff auf die Presse- und Meinungsfreiheit. Diese Auslegung ist naheliegend – schließlich ermordeten die Terroristen die Mitarbeiter eines Magazins, das keine Rücksicht darauf nahm, ob sich Muslime, Christen und Juden verletzt fühlten.

Ich aber habe – im Gegensatz zu all den Kollegen – das Attentat in Paris nicht sogleich und vorrangig als Attacke auf fundamentale Werte der Demokratie interpretiert, sondern als einen Angriff auf Muslime. Und als ich meiner abweichenden Wahrnehmung bewusst wurde, zweifelte ich an meinem Urteilsvermögen; erst Gespräche mit meinesgleichen erleichterten mich, denn ich stellte fest, dass ich – eine Journalisten mit muslimischem Hintergrund – nicht allein bin mit meinen Überlegungen: Die islamistischen Terroristen haben zwar die Meinungsfreiheit attackiert und zwölf Menschen getötet, getroffen haben sie vor allem auch uns Muslime. Sie haben uns an rechtspopulistische Politiker, Pediga-Anhänger und alle jene ausgeliefert, die im Islam die größte Bedrohung des Abendlandes sehen und meinen, dass wir nicht hierher gehören, obwohl viele von uns hier aufgewachsen, hier geboren und sogar Deutsche sind.

Schon bald nachdem das Attentat die Nachrichten in allen Medien dominierte, hatte ich einen weiteren Gedanken: Dass irgendwelche Leute aus den muslimischen Kreisen Verschwörungstheorien in Umlauf bringen würden. So war es denn auch! In Sozialen Netzwerken kursierte die Behauptung, verantwortlich für das Attentat sei der israelische Geheimdienst. Die Morde würden Muslimen zugeschoben. Dass eine seriöse Zeitung in ihrer Sonntagsausgabe die Verschwörungstheorien der Muslime zum Aufmacher macht, befremdet mich nicht weniger als die Unterstellung, Mossad stecke hinter den Morden.

Kein Recht, über das Leben zu entscheiden

Zwölf Menschen mussten sterben, weil… Ja warum eigentlich? Weil zwei Brüder sich einig darüber waren, dass über den Islam keine Witze gemacht werden dürfen und der Prophet Mohammed keine Folie für Lacher bieten darf? Warum denn nicht? Wie und warum entsteht eine so hohe Empfindlichkeit in Bezug auf die Religion? Ich habe mehr Fragen als Antworten. Mich verletzen Karikaturen über Mohammed nicht! Warum aber verletzen sie andere, die für sich in Anspruch nehmen, Muslime zu sein und mit Gewalt auf die angebliche Gottes- und Prophetenlästerung reagieren? Reicht als Erklärung, dass sich Verlierer dieser Gesellschaft entwertet fühlen, dass die vom sozialen System Abgehängten mit ihrer Kränkung nicht anders umgehen können? Die Abwertung des Islams als Religion durch die westliche Welt? Die arrogante Haltung gegenüber Muslimen?

Ich weiß nicht, was in den Köpfen der zwei Brüder vor sich ging, als sie das Attentat planten. Was sie zu dieser Tat tatsächlich motivierte. Ich bin keine Psychologin, verfüge nicht über hellseherische Fähigkeiten und bin auch keine Terrorismus-Expertin. Die Interpretationen über deren Motive und die Hintergründe überlasse ich den Zuständigen, möchte aber meine Empfindungen und Gedanken hier mitteilen.

Der Islam ist mir von meinen Eltern und in der Moscheegemeinde als eine Religion der Nächstenliebe und Barmherzigkeit vermittelt worden. Selbst wenn für Rache und Töten Legitimation im Koran zu finden wäre: Mir käme es nicht in den Sinn, Menschen zu töten, auch wenn ich tausend Gründe dafür fände, die das rechtfertigten. Mein Menschenverstand sagt mir, dass ich kein Recht dazu habe, darüber zu entscheiden, wer leben darf und wer nicht. Was unterscheidet mich von denen, die sich zu Richtern machen? Warum sind diese Menschen so verroht, dass sie im Namen Allahs zur Waffe greifen? Wer stachelt sie auf? Und warum tun die geistigen Brandstifter das? Wer also profitiert von den Gräueln der angeblichen Muslime? Wieder mehr Fragen als Antworten! Es müssen Kräfte sein, die nicht wollen, dass wir – Muslime und Christen und Juden und Atheisten – in Frieden miteinander leben; es müssen Kräfte sein, die den Kampf der Kulturen/Religionen wollen, warum auch immer…

Ich greife zu meiner „Waffe“

So viel steht für mich fest: Wir Muslime sind Leidtragende des islamistischen Terrorismus und werden wieder einmal aufgefordert, uns von Gewalttaten im Namen Allahs zu distanzieren. Ich ärgere mich über die muslimischen Verbandsvertreter und Berufsmuslime, die sich vor den Karren spannen lassen und das machen, was von ihnen erwartet wird: Nämlich sich explizit als Muslime von den Taten distanzieren. Ich distanziere mich auch von diesen Mördern – aber nicht als Muslima, sondern als Mensch!

Die Erwartung von Otto-Normal-Bürgern ärgert mich genauso wie die von hochrangigen Politikern. Ich mache mich, anders als mir unterstellt wird, keineswegs zum Opfer, wenn ich beschreibe, was das Attentat mit mir macht und welche Folgen ich daraus ableite. Wer mir das unterstellt, macht es sich zu einfach und bestätigt mich in meiner Sorge um Ausgrenzung.
Ich fühle mich ausgegrenzt ob der Erwartungen an uns Muslime, uns von den Attentaten im Namen des Islams zu distanzieren, spüre einmal mehr, nicht Gleiche unter Gleichen zu sein in diesem Land.

Ich bin verletzt und verzweifelt und greife zu meiner „Waffe“, dem Wort, um an Sie zu appellieren: Gehen Sie den Provokateuren nicht auf dem Leim, schmeißen sie uns Muslime nicht in einen Topf mit den Irregeleiteten, differenzieren Sie und nehmen Sie uns auf Augenhöhe wahr! Als Individuen! Reduzieren Sie uns nicht auf unseren Glauben und nicht auf unseren Nutzwert für die Gesellschaft. Lassen Sie es nicht zu, dass wir aus ideologischen und parteipolitischen Gründen gespalten werden und die geistigen Brandstifter auf beiden Seiten der Front ihr Ziel erreichen.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

3 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Limon (Türkin) sagt:

    Auch bei mir spüre ich nicht das Gleiche unter Gleichen. Ich versuche die Erwartungen an die muslimischen Verbände und Länder, sich von den Attentaten im Namen des Islams zu distanzieren, zu verstehen und ich finde, es wird sogar mehr erwartet.
    Nach dem Attentat in Paris ist die westliche Welt ein Stück zusammengerückt. In Europa in Paris haben Juden, Christen, Moslems und Atheisten gemeinsam eine beispiellosen Welle der Solidarität gezeigt und mit mehr als drei Millionen Menschen ein Zeichen gegen den Terrorismus gesetzt.
    Währenddessen stirbt, sterben seit Tagen in so vielen Ländern im Nahen Osten jeden Tag so viele Menschen. Die Opfer des Terrors sterben im Stillen. Keine Spur der Solidarität dieser Nachbarländer und ethnischen Minderheiten. Vor einigen Tagen erhielt ein Blogger Badawi in Saudi Arabien, weil er den Islam beleidigt haben soll, 50 Peitschenhiebe. 950 weitere sollen folgen. Vor den Augen viele Muslime passieren noch viele andere unmenschliche, brutale und erniedrigende Taten.
    Dass der Terror auch den Westen angreift, war vorauszusehen, nur sollte jeder immer wieder bewusst werden, wie unsere gemeinsame Zukunft sein sollte und wofür wir auf die Straße gehen. Es wird aber auch Zeit, dass die Muslime auch unter sich aufhören, dass eine Reihe von Menschen im Namen des Islam oder des Antirassismus ihrer Tat mit einem „Aber“ eine gewisse Billigung zu erlauben.

  2. Monika Fares sagt:

    Liebe Frau Topcu,
    ich danke Ihnen für diesen wundervollen Artikel und unterstreiche jede Ihrer Aussage!

  3. zeran sagt:

    Das Sein bestimmt das Bewußtsein. Verstehen und Verständnis haben sind zwei verschiedene Sachen.

    Ideologien und Religionen sind der Konstrukt, um sich Herrschaft zu sichern. Geschichte fängt nicht heute an. Vor dem Islam, vor dem Christentum, vor dem Judentum, vor dem Hinduismus gab es andere Götter, aber es gab die gleichen Existenz- und Überlebenskämpfe wie heute. Das geschieht/geschah im Westen genausso wie im Osten, im Norden und Süden.

    Eine an den Werten des universellen Humanismus ausgerichtete Person kann niemals Verständnnis aufbringen für die Taten von Paris. Unbestritten und hiervon kann kein Milimeter abgerückt werden.

    Er/Sie muss aber genauso „Je suis Charlie“, aufschreien wenn Menschen überall auf den Kontinenten dem Hunger, Elend und Unterdrückung ausgesetzt werden, weil sie eine bestimmte Hautfarbe, eine Religion, ein Geschlecht, andere Meinung oder sexuelle Orientierung haben und niemals eine Chance erhalten ein menschenwürdiges Leben zu führen.
    Solange nicht allen Menschen die gleiche Daseinsberechtigung und gleiche Chance zugesprochen wird, solange die Menschheit nicht als eine Menschheit begriffen wird, solange wird es auch Krieg und Terror geben.

    Wenn 90.000 Polizisten mobilisert werden, und es von vornherin klar ist, dass es ähnlich wie in Boston auf eine militärische und mediale Hinrichtung hinausläuft, dann ist das eine Bestätigung für diese fanatischen Menschenhasser, dass wieder das Leben von einigen mehr wert zu sein scheint als von vielen. Das sie Zulauf bekommen, wird nicht überraschen. Dies ist kein Verständnis aufbringen, sondern trotz der menschenverachtenden Tat eine bittere Erkenntnis.

    Wenn wir Menschnrechte als etwas universelles begreifen, dann darf es keine Grenzen und Nationen geben, wo diese außer Kraft gesetzt werden.
    Dann ist auch in Saudi Arabien jeder Peitschenhieb („Limons Kommentar“) ein menschenverachtender Akt und jede Hinrichtung, wo Menschen geköpft werden (staatlich gebilligt wie in Saudi Arabien) bedingt einen Aufschrei. Es ist kein Unterschied, ob der IS Menschen köpft und damit prahlt oder ein Staat durch ein Gerichtsurteil köpft und mit seinem angeblich legitimierten Recht damit prahlt, dem Strafanspruch zu genügen.

    Solange wir schweigen und bedacht sind unseren Wohlstand zu verteidigen, werden wir im Westen den Menschen nicht erklären, dass Menschnrechte universell und unveräußerlich sind. Wie soll verhindert werden, dass sie menschenverachtenden Ideologien folgen, weil sie glauben dadurch eine bessere Welt für sich zu ergattern. Welche Alternativen bieten wir?
    Der Mensch wird nicht als Terrorist geboren, aber es kann ganz leicht zum Terroristen gemacht werden. Nochmals, das ist keine Rechtfertigung aber ein Erklärungsversuch, wenn man Lösungsansätze in diesen aufgeheizten Zeiten sucht.



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...