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Der Erhalt der deutschen Kultur

Eine der lautesten Klagen der deutschen „Patrioten“ ist, Deutschland sei gar nicht mehr richtig deutsch. Dank der „schleichenden Islamisierung“. Ist das wirklich so? Was ist dran an dieser „Angst“? Anja Seuthe auf Spurensuche.

VONAnja Seuthe

Die Verfasserin studierte in Köln Völkerkunde, Soziologie und Islamwissenschaften. Nach dem Studium bereiste sie unter anderen Saudi Arabien und den Jemen, in Ägypten lebte sie zwölf Jahre. Journalistisch und literarisch setzt sie sich vor allem mit interkulturellen sowie interreligiösen Themen auseinander. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern in Essen.

DATUM8. Januar 2015

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RESSORTAktuell, Meinung

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Was man unter „richtig deutsch“ versteht, bleibt jedem selbst überlassen. Häufig wird über die selbsternannten Patrioten gesagt, sie wünschten sich zurück in die 50er Jahre. Nun gut, zu sagen, sie wünschten sich zurück in die 30er Jahre, wäre gemein. In den 40er Jahren herrschte Krieg, und in den 60er Jahren kamen dann die Türken und die Hippies. Die 50er Jahre klingen also realistisch. Zeitalter der wöchentlichen Autowäschen, der Brieftaubenzüchter, der Gartenzwerge. Da verorten die „Patrioten“ die christlich-abendländische Kultur.

Anfang der 50er Jahre gehörten immerhin noch 96,4 % der westdeutschen Bevölkerung einer der zwei christlichen Großkirchen an, evangelisch oder katholisch. Nur 3,6% waren konfessionslos. Das hat sich mittlerweile geändert. Heute bekennen sich nur noch knapp 60% der deutschen Bevölkerung zum Christentum, Tendenz fallend, und da sind die orthodoxen Kirchen schon bei. Ein klares Anzeichen für Islamisierung? Wohl eher nicht. Nur gut 4% der deutschen Bevölkerung bekennen sich zum Islam. Ein Drittel dagegen ist konfessionslos. Die DDR lässt grüßen, liebe Dresdner Pegida-Fans. Eure Staatsführung ließ die Weihnachtsengel in“ Jahresendflügelfiguren“ umbenennen. Und euer schöner „Striezelmarkt“ sollte Ende der 70er noch sozialistische Verhaltensweisen fördern und russische Märchen im Adventsprogramm thematisieren. Ja, euer Weihnachtsmarkt HEISST ja noch nicht einmal „Weihnachtsmarkt“. Und im Leipzig der 80er Jahre war der „Weihnachtsrummel“ genau das, ein Rummelplatz mit Schießbude und Losverkauf. Hier sehr schön im Bild festgehalten vom Fotografen Mahmoud Dabdoub. Für diejenigen, die es interessiert, Dabdoub ist arabisch und bedeutet „Bärchen“.

Mit der christlichen Religion scheint auch der Wert „Familie“ an Bedeutung verloren zu haben. Jede achte Schwangerschaft wird in Deutschland mit einer Abtreibung beendet. Während Anfang der 50er Jahre statistisch pro Frau 2,5 Kinder geboren wurden, davon 90% ehelich, bekommt heute eine Frau durchschnittlich nicht mal mehr 1,5 Kinder, und davon jedes dritte Kind außerhalb einer Ehe. In den neuen Bundesländern, liebe Dresdner, werden gar 60% der Kinder unehelich geboren. In guter deutscher Tradition? Mit dem Islam hat das jedenfalls nichts zu tun.

Die „patriotischen“ Vaterland-Fans sind wahrlich keine Vaterschaft-Fans. Im Gegenteil, eine der häufigsten Klagen über „den Islam“ ist, dass dessen Kinder zu laut spielen und so die Mittags- bzw. Sonntagsruhe stören. „Kinderreichtum“ wird nicht mehr als Bereicherung empfunden. Stattdessen diskutieren wir Kinderarmut in Deutschland. Mit der Begründung, dass Kinder ein Hobby seien, und auch Hundebesitzer selbst für ihr Haustier aufkommen müssten. Wahrlich ein Armutszeugnis.

Wer soll aber nun die deutsche“ Kültür“ fortführen? „Der Islam“? So wie der iranische Muslim der in Bonn Karnevalsprinz Amir, der Erste, wurde? Oder der türkischstämmige Muslim Mithat Gedik, Schützenkönig in Sönnern, NRW? Ist das nun Integration? Oder Islamisierung?

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5 Kommentare
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  1. karakal sagt:

    Nur assimilierte Muslime werden akzeptiert. Bereits vor mehreren Jahren meinte der ehemals als Botschafter der BRD tätige, zum Islam konvertierte Dr. W. Hofmann:
    „Das deutsche Volk schickt sich an, den Islam wie ein inkompatibles Transplantat abzustoßen. Die Deutsche Islam-Konferenz kann nicht darüber hinwegtäuschen: Assimiliere dich oder stirb.“
    Die meisten verwechseln Integration, d. h. die unversehrte Aufnahme eines neuen Teils in ein bestehendes Ganzes, mit Assimilation, d. h. der Angleichung unter Aufgabe wesentlicher Eigenheiten. Somit wird deutlich, daß nicht die Muslime „integrationsunwillig“ sind, sondern ein Großteil des deutschen Volkes es ist.
    Fälle, wie diejenigen des Bonner Karnevalsprinzen oder des Schützenkönigs würde ich weder als Integration noch als Islamisierung bezeichnen, sondern eher als Assimilation.

  2. Deutschjapanerin sagt:

    Der wenig sachliche Artikel ist mit Einschränkungen ein Unsinn, da er den Sorgen der Menschen nicht gerecht wird. Wer so schreibt, darf sich nicht wundern, wenn er zumindest partiell Antipathie erntet.

  3. Poser sagt:

    @karakal

    Ihre Definition von Integration wird nicht richtiger je öfter Sie diese hier posten. Integration ist eine Teilassimilation. Eine völlige Assimilation verlangt keiner. Kein Einwanderungsland dieser Welt versteht Integration so wie Sie es immer wieder wiederholen. Integration ist eine einseitige Anpassung von demjenigen der sich dazu entschieden hat in eine andere Gesellschaft einzuwandern. Ich geh nicht davon aus, dass irgendjemand auf die Idee kommt irgendwo einzuwandern um dann genau so zu leben, wie er es aus der Heimat kannte und wenn doch, dann war die Einwanderung ziemlich unnötig. Bei Flüchtlingen, die irgendwann vor hatten wieder zurückzukehren oder Gastarbeiter wäre dieses Verhalten wiederum nachvollziehbar.

    Würde Integration so ablaufen wie sie das immer wieder schreiben, dann hätte man wohl niemals zugelassen, dass so viele Menschen aus einem fremden Kulturkreis hier und anderswo hätten einwandern dürfen.

  4. Alex russki sagt:

    „Nur assimilierte Muslime werden akzeptiert.“
    Stimmt in meinem Fall sogar.Bin 1995 mit meinen Eltern nach Deutschland gekommen und bin selber assimiliert.Ich verlange nicht mehr und nicht weniger als das, was ich selber geleistet hab.Mit den Leuten ,die das nicht run, führe ich nur Zweckbekanntschaften.Den gleichen Maßstab leg ich auch innerhalb meiner Familie an.

  5. Haralds sagt:

    Ein schlechter Artikel, sorry. Aber genau so etwas spaltet mehr und mehr. Das mit der geflügelten Jahresendfigur war nicht die Masse. Es wurde Weihnachten gefeiert, Ostern fand statt, Auto wurde am Wochenende gewaschen. Es gab Schweinefleisch in den Kantinen und man konnte nachts ohne Sorge auf die Straße. Spießig? Man mag es dafür halten. Frau Seuthe hat die DDR mit all ihren vom Staat geduldeten Nischen, mit der Fürsorge, mit der der Staat jede Individualität zu ersticken versuchte, nicht selbst erlebt. Da ist es vermessen, sich abfällig zu äußern. Neukölln und Marxloh haben mit Islamisierung nichts zu tun? Auch hier gibt es sicher verschiedene Sichtweisen. Aber Frau Seuthe ist ebensowenig die richtige Person über solche Probleme zu diskutieren wie Herr Pegida-Bachmann.



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