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Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Startup verspricht Lösung

Rücküberweisungen: weiterhin steigende Gebühren

Immer mehr Migranten überweisen Geld in ihre Herkunftsländer – Tendenz weiter steigend. Davon profitieren vor allem Banken durch immer weiter steigende Gebühren für Rücküberweisungen. Ein britisches Startup hat die Probleme erkannt.

Reichtum © Nicola @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
Gebäudekomplex © Nicola @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Millionen Migranten überweisen so oft wie möglich und trotz anhaltender Wirtschafts- und Währungskrisen Geld in ihre Herkunftsländer – Tendenz weiter steigend. Für das Jahr 2014 prognostiziert die Weltbank entsprechende Rücküberweisungen in Höhe von rund 436 Milliarden US$, bis zum Jahr 2016 soll das Volumen sogar weiter auf etwa 540 Milliarden US$ steigen. Das Geld kommt allerdings nicht nur den Empfängern zugute: In vielen Fällen erhalten die ausführenden Banken und Finanzdienstleister einen verhältnismäßig großen Teil der Gelder in Form von Gebühren – Tendenz ebenfalls steigend. G8 und Weltbank haben die Bedeutung von Rücküberweisungen schon 2009 erkannt und für gedeckelte Kosten geworben – mit wenig Erfolg, viele Überweisungen werden stetig teurer, nicht zuletzt durch das aktuelle Geldwäschegesetz.

Was die Rücküberweisungen für Familien und Staaten bedeuten

Laut Weltbank übersteigt bereits seit Ende der 1990er Jahre das Überweisungsvolumen in Entwicklungsländern die Höhe offizieller Entwicklungshilfe deutlich, wir hatten hier bereits darüber berichtet. Rücküberweisungen leisten damit einen wichtigen Beitrag zur sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung vieler Regionen und Staaten. Die Unterstützung von Freunden, Verwandten und Bekannten aus dem Ausland ermöglicht vielen Menschen in wirtschaftlich weniger entwickelten oder stabilen Ländern z.B. eine ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln, ein Dach über dem Kopf, eröffnet Bildungschancen an Schulen oder Universitäten und fördert den Aufbau kleiner Unternehmen.

Entgegen der ursprünglichen Prognosen steigen Kosten weiter

Einer Auswertung des britischen Guardian zufolge flossen 2012 durch Rücküberweisungen gut 69 Milliarden US$ allein nach Indien und gut 60 Milliarden US$ nach China. Die größte Summe (22,81 Milliarden US$) wurde von den USA nach Mexico transferiert. Davon entfielen 1,66 Milliarden US$ allein auf Transfergebühren. Im Klartext: Für Rücküberweisungen aus den USA ins Nachbarland Mexico fielen im Schnitt 7,26% Gebühren an. Dieser Prozentsatz wirkt hoch, liegt im weltweiten Vergleich allerdings nur im Mittelfeld.

Während Rücküberweisungen von Russland nach Armenien lediglich mit 1,72% Gebühren zu Buche schlagen, werden für Transaktionen von Südafrika nach Botswana im Schnitt rund 22,7% Gebühren fällig. In keiner anderen Region der Welt sind Rücküberweisungen so teuer wie in afrikanischen Ländern: Durchschnittlich 11,55% verlangen Banken und Finanzdienstleister für länderübergreifende Überweisungen. Obwohl vor 2 Jahren noch prognostiziert worden war, dass die Gebühren langfristig sinken würden, erweist sich das nun als problematisch. Die Zahlen der vergangenen Jahre sind alarmierend: Gerade in den Ländern, in denen die Transfer- und Bearbeitungsgebühren besonders hoch ausfallen, steigen eben diese Gebühren weiter. Bestes Beispiel ist Südafrika, wo die Gebühren allein zwischen 2009 und 2014 um 6,1% Prozent angehoben wurden, als Reaktion der Banken auf das Geldwäschegesetz.

Ein britisches Startup hat die Probleme erkannt

Der in Großbritannien ansässige Dienstleister für Geldtransfer Azimo hat die Probleme erkannt. Sein Geschäftsmodell: Rücküberweisungen zu fairen Konditionen. Dazu setzt der von der britischen Finanzaufsicht autorisierte Dienstleister auf einen reinen Onlineservice ohne teure Repräsentanten und Infrastruktur in den einzelnen Ländern. Das Prinzip ist einfach erklärt: Nach der Registrierung geben Nutzer die Details der Transfers in ein Online-Formular ein. Jede beliebe Summe kann auf Konten, an kooperierende Geldempfangsstellen, Mobile Wallets und sogar an Privatadressen versendet werden. Der Sender erhält dann automatisierte Statusmeldungen. Die Überweisung trifft in der Regel binnen eines Werktages beim Empfänger ein. Um das Geld in Empfang zu nehmen, benötigt der Empfänger einen Ausweis und die Folio, eine Art PIN-Nummer.

Skeptiker kritisieren allerdings die Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Unternehmen Facebook. Denn Azimo-Nutzer können sich mit ihrem Facebook-Account anmelden und mit Kreditkarte oder Bankkonto beliebige Geldbeträge an Kontakte in ihrer Liste versenden. Nach Informationen von TechCrunch analysiert Azimo dabei auch Facebook-Profile zur Überprüfung der Identität. Azimo versichert jedoch, keine persönlichen Informationen wie z.B. Statusmeldungen zu analysieren, keine Postings zu generieren und keine Informationen über Transaktionen an Facebook weiterzureichen.

Für mehr als 112 Länder gilt bei Azimo derzeit eine pauschale Überweisungsgebühr von 1EUR. Wie hoch die Gebühr pro Transaktion genau ausfällt und welche Zahlungs- und Auszahlungsmethoden zur Verfügung stehen, erfahren Nutzer vorab beim Klick auf das jeweilige Land, in das eine Rücküberweisung gesendet werden soll. Soweit das Geschäftsmodell von Azimo. Ob es sich durchsetzt und dem Ärgernis vieler Verbraucher über die hohen Transfergebühren ein Ende bereitet, wird die Zeit zeigen.

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