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Spezies von Experten

Pegida-Versteher und Euroislamisten unter sich

Hysterisch aufgemascherlt spazieren Pegida-Sympathisanten durch die Zeitungen in Deutschland und Österreich. Ihnen – nicht den Stimmen gegen Rassismus – wird die Aufmerksamkeit zuteil. So mehren sich die Pegida-Versteher. Wissenschaftler unter ihnen sollen uns verstehen lassen, worum es bei Pegida geht. In Österreich entsteht mitunter eine besondere Spezies von Experten: die Euroislamisten.

Sowie der Medienhype um den irakisch-syrischen IS seine Zerfallszeit für Aufmerksamkeit in der westlichen Medienwelt erreicht hat, ist nun sein Folge-Aufschreier da: Pegida. Eine Schelmin, die hier einen Zusammenhang vermutet? Nein. Es ist Realismus pur, der Pegida als eine Antwort auf die ausufernde Berichterstattung zu IS versteht.

Im Hintergrund ist freilich eine andere Regel wirkmächtig: Krieg nach Außen bedingt den Krieg im Innern. Je mehr Aufrüstung, je mehr Export von Rüstungsgütern, je mehr EU/Nato-Einsatztruppen in die Welt hinaus, desto mehr steigert sich die Aggressivität innerhalb der Schengengrenzen. Die wirtschaftliche Krisenlage trägt das ihre dazu bei. Bedrohungs- und Neidszenarien haben Hochkonjunktur. Aufgewiegelt wird gegen Minderheiten, alte Feindbilder wiederbelebt, Sündenböcke konstruiert.

In Kommentaren und Politforen weiss man da oft nicht recht, wie mit der aufgerührten Menge umgehen. ‚Man müsse die Sorgen der Menschen ernstnehmen‘, heißt es, oder ‚Die Forderungen sind ja gar nicht rassistisch‘ und die gern von allen Seiten zitierte, immer gleich falsche sogenannte ‚Angst vor dem Fremden‘ wird herbeigerufen, um zu rechtfertigen, was sich da abspielt.

Gefährlich sind dabei nicht solche recht leicht zu entkräftenden Argumente. Gefährlich sind Experten und Wissenschafter, die sich aufmachen, den Pegida-Parolen ein wissenschaftliches Rückgrat zu verleihen. So findet Ethnologe Hausschild im Deutschlandfunk Gründe für Pegida-Zulauf darin, dass Weihnachts- in Wintermärkte umbenannt und in Kindertagesstätten die Abschaffung von Martinsbräuchen und Adventsdekorationen diskutiert wird.

Abgesehen davon, dass in Dresden, dessen Migrantenanteil minimal ist, solche Diskussionen sehr unwahrscheinlich sind, ist es einfach absurd, auf dieser Ebene ein „folkloristisches Bedürfnis“ auszumachen, welches sich geradezu äußern müsse, eben weil es bedroht sei.

Der Ethnologe rudert im Teich der Pegidas mit. Seine und die Argumentationen anderer Pegida-Versteher täuschen vor, dass der Aufruhr gegen „Islamisierung“1 ja doch irgendwie seine Berechtigung hätte. In Wirklichkeit zerstören sie damit Errungenschaften für Akzeptanz und Respekt, die sich Menschen mit verschiedenen Kulturen und Religionen gemeinsam erarbeitet haben. In Folge liegt die alte Täter-Opfer-Umkehr wieder auf der Hand: Muslime sind doch selbst schuld daran, dass so was kommt. Was verlangen sie auch so Ungeheuerliches, dass in einer mehrheitlich oder überhaupt nur aus Muslimen bestehenden Kindertagestätte eben kein Martinsfest mit christlicher Bedeutung abgehalten wird?

Die Frage stellt sich, ob sich solcherart argumentierende Experten jemals mit der vornationalsozialistischen Epoche beschäftigt haben. In den 30iger Jahren wurden Stimmen aus dem Wissenschaftsbetrieb immer lauter, die meinten, man müsse die sich mehrenden Nazi-Sympathisanten schon verstehen, da sei ja wirklich was dran, an den Anwürfen gegen Juden, Roma-Sinti, Kommunisten…

Das „Wehret den Anfängen“ blieb in den Seiten der Geschichtsbücher hängen.

Gleiches gilt nicht minder für das andere Land mit derselben Historie: Österreich. Auch hier gibt es Personen aus dem universitären Milieu, die unter liberalem Gebaren einen rechtsstrebenden Keim pflegen. Nicht näher definierte Konstrukte eines Euroislams dienen der Abgrenzung hin zu muslimischen Vereinigungen, bevorzugt der Islamischen Glaubensgemeinschaft Österreichs (IGGÖ) und neuerdings der Muslimischen Jugend (MJÖ). Sie sind wohl deshalb Dornen in den Augen, weil sie von den politischen Verantwortlichen im Land als offizielle bzw. stimmächtige Organisationen ernst genommen werden müssen. Der Zurichtung der Vereinigungen hin zu ruhigen angepassten Ja-Sagern widersetzt sich die Jugend. Ihr, obwohl seit Jahrzehnten aktiv für Partizipation und Inklusion, will der Soziologe Kenan Güngör „erzkonservative Schließungsprozesse“ unterstellen.

Es ist wohl kein Zufall, dass dieser, wie ebenso der heftig unter Kritik geratene Religionspädagoge Ednan Aslan von konservativen Kräften in Politik und Medien gehätschelt werden. Beide treten für ein diskriminierendes Islam-Gesetz ein. Die damit einhergehende ständige Ausgrenzung und tendenzielle Kriminalisierung aller Muslime, die sich nicht den Euroislam-Konstrukten unterwerfen wollen, fördern islamhetzerische Gesinnungen im Land.

Und also: Mittlerweile haben sich in Österreich Pegida-Ableger gegründet. Mit ihnen sympathisiert eine Gruppe namens „Identitäre“. Mit nächtlichen Transparentaktionen traten diese genau dort auf, wo sich einige vorbildliche gastfreundliche Aktivitäten für Flüchtlinge entfalten: Im steirischen Weiz setzt sich die christliche Initiative „way of hope“ für syrische Flüchtlinge ein, in Leibnitz sieht es der Bürgermeister als seine Pflicht an, zu helfen; – nur zwei Beispiele für solidarisches Handeln. In ganz Österreich entwickeln sich immer mehr Initiativen in Gemeinden, die ohne Vorbehalte Flüchtlinge bei sich aufnehmen.

Solche zivilgesellschaftlichen Aktivitäten seien den selbst- und medienbekrönten universitären Experten und Pegida-Verstehern eine Aufforderung zum Nachdenken darüber, welchen Beitrag Wissenschaft in Zeiten von Krise und Krieg leisten kann und soll.

  1. Ein Begriff, der von US-amerikanischen Rechtszionisten und Neokonservativen in die Welt gesetzt wurde, wie Knut Mellenthin in der jungenwelt.de analysiert. []