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Migration und Integration in Deutschland

Die Wirtschaft entschied über die Anzahl der angeworbenen Gastarbeiter wie über deren Verteilung innerhalb der Bundesrepublik.

Ursula Mehrländer, Ausländerpolitik im Konflikt, 1978

Spezies von Experten

Pegida-Versteher und Euroislamisten unter sich

Hysterisch aufgemascherlt spazieren Pegida-Sympathisanten durch die Zeitungen in Deutschland und Österreich. Ihnen – nicht den Stimmen gegen Rassismus – wird die Aufmerksamkeit zuteil. So mehren sich die Pegida-Versteher. Wissenschaftler unter ihnen sollen uns verstehen lassen, worum es bei Pegida geht. In Österreich entsteht mitunter eine besondere Spezies von Experten: die Euroislamisten.

VONHelga Suleiman

Die Autorin schreibt aus Österreich für das MiGAZIN. Sie publizierte über Integrationspolitiken, u.a. Musliminnen in der Arbeitswelt. Über den Aufbau einer Migrantinnen-Selbstorganisation war sie in der Jugendarbeit, in der antirassistischen Beratung und internationalen Lernwerkstätten tätig. Sie arbeitet als Bildungsberaterin und ist in der Friedensbewegung aktiv. Geschichtestudium.

DATUM5. Januar 2015

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RESSORTAktuell, Meinung

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Sowie der Medienhype um den irakisch-syrischen IS seine Zerfallszeit für Aufmerksamkeit in der westlichen Medienwelt erreicht hat, ist nun sein Folge-Aufschreier da: Pegida. Eine Schelmin, die hier einen Zusammenhang vermutet? Nein. Es ist Realismus pur, der Pegida als eine Antwort auf die ausufernde Berichterstattung zu IS versteht.

Im Hintergrund ist freilich eine andere Regel wirkmächtig: Krieg nach Außen bedingt den Krieg im Innern. Je mehr Aufrüstung, je mehr Export von Rüstungsgütern, je mehr EU/Nato-Einsatztruppen in die Welt hinaus, desto mehr steigert sich die Aggressivität innerhalb der Schengengrenzen. Die wirtschaftliche Krisenlage trägt das ihre dazu bei. Bedrohungs- und Neidszenarien haben Hochkonjunktur. Aufgewiegelt wird gegen Minderheiten, alte Feindbilder wiederbelebt, Sündenböcke konstruiert.

In Kommentaren und Politforen weiss man da oft nicht recht, wie mit der aufgerührten Menge umgehen. ‚Man müsse die Sorgen der Menschen ernstnehmen‘, heißt es, oder ‚Die Forderungen sind ja gar nicht rassistisch‘ und die gern von allen Seiten zitierte, immer gleich falsche sogenannte ‚Angst vor dem Fremden‘ wird herbeigerufen, um zu rechtfertigen, was sich da abspielt.

Gefährlich sind dabei nicht solche recht leicht zu entkräftenden Argumente. Gefährlich sind Experten und Wissenschafter, die sich aufmachen, den Pegida-Parolen ein wissenschaftliches Rückgrat zu verleihen. So findet Ethnologe Hausschild im Deutschlandfunk Gründe für Pegida-Zulauf darin, dass Weihnachts- in Wintermärkte umbenannt und in Kindertagesstätten die Abschaffung von Martinsbräuchen und Adventsdekorationen diskutiert wird.

Abgesehen davon, dass in Dresden, dessen Migrantenanteil minimal ist, solche Diskussionen sehr unwahrscheinlich sind, ist es einfach absurd, auf dieser Ebene ein „folkloristisches Bedürfnis“ auszumachen, welches sich geradezu äußern müsse, eben weil es bedroht sei.

Der Ethnologe rudert im Teich der Pegidas mit. Seine und die Argumentationen anderer Pegida-Versteher täuschen vor, dass der Aufruhr gegen „Islamisierung“1 ja doch irgendwie seine Berechtigung hätte. In Wirklichkeit zerstören sie damit Errungenschaften für Akzeptanz und Respekt, die sich Menschen mit verschiedenen Kulturen und Religionen gemeinsam erarbeitet haben. In Folge liegt die alte Täter-Opfer-Umkehr wieder auf der Hand: Muslime sind doch selbst schuld daran, dass so was kommt. Was verlangen sie auch so Ungeheuerliches, dass in einer mehrheitlich oder überhaupt nur aus Muslimen bestehenden Kindertagestätte eben kein Martinsfest mit christlicher Bedeutung abgehalten wird?

Die Frage stellt sich, ob sich solcherart argumentierende Experten jemals mit der vornationalsozialistischen Epoche beschäftigt haben. In den 30iger Jahren wurden Stimmen aus dem Wissenschaftsbetrieb immer lauter, die meinten, man müsse die sich mehrenden Nazi-Sympathisanten schon verstehen, da sei ja wirklich was dran, an den Anwürfen gegen Juden, Roma-Sinti, Kommunisten…

Das „Wehret den Anfängen“ blieb in den Seiten der Geschichtsbücher hängen.

Gleiches gilt nicht minder für das andere Land mit derselben Historie: Österreich. Auch hier gibt es Personen aus dem universitären Milieu, die unter liberalem Gebaren einen rechtsstrebenden Keim pflegen. Nicht näher definierte Konstrukte eines Euroislams dienen der Abgrenzung hin zu muslimischen Vereinigungen, bevorzugt der Islamischen Glaubensgemeinschaft Österreichs (IGGÖ) und neuerdings der Muslimischen Jugend (MJÖ). Sie sind wohl deshalb Dornen in den Augen, weil sie von den politischen Verantwortlichen im Land als offizielle bzw. stimmächtige Organisationen ernst genommen werden müssen. Der Zurichtung der Vereinigungen hin zu ruhigen angepassten Ja-Sagern widersetzt sich die Jugend. Ihr, obwohl seit Jahrzehnten aktiv für Partizipation und Inklusion, will der Soziologe Kenan Güngör „erzkonservative Schließungsprozesse“ unterstellen.

Es ist wohl kein Zufall, dass dieser, wie ebenso der heftig unter Kritik geratene Religionspädagoge Ednan Aslan von konservativen Kräften in Politik und Medien gehätschelt werden. Beide treten für ein diskriminierendes Islam-Gesetz ein. Die damit einhergehende ständige Ausgrenzung und tendenzielle Kriminalisierung aller Muslime, die sich nicht den Euroislam-Konstrukten unterwerfen wollen, fördern islamhetzerische Gesinnungen im Land.

Und also: Mittlerweile haben sich in Österreich Pegida-Ableger gegründet. Mit ihnen sympathisiert eine Gruppe namens „Identitäre“. Mit nächtlichen Transparentaktionen traten diese genau dort auf, wo sich einige vorbildliche gastfreundliche Aktivitäten für Flüchtlinge entfalten: Im steirischen Weiz setzt sich die christliche Initiative „way of hope“ für syrische Flüchtlinge ein, in Leibnitz sieht es der Bürgermeister als seine Pflicht an, zu helfen; – nur zwei Beispiele für solidarisches Handeln. In ganz Österreich entwickeln sich immer mehr Initiativen in Gemeinden, die ohne Vorbehalte Flüchtlinge bei sich aufnehmen.

Solche zivilgesellschaftlichen Aktivitäten seien den selbst- und medienbekrönten universitären Experten und Pegida-Verstehern eine Aufforderung zum Nachdenken darüber, welchen Beitrag Wissenschaft in Zeiten von Krise und Krieg leisten kann und soll.

  1. Ein Begriff, der von US-amerikanischen Rechtszionisten und Neokonservativen in die Welt gesetzt wurde, wie Knut Mellenthin in der jungenwelt.de analysiert.  []
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5 Kommentare
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  1. Sabine sagt:

    Hausschild versucht, Entstehungsgründe für das soziale Phänomen namens „PEGIDA“ zu finden und zu verstehen. Die von ihm genannten Beispiele dienen der Nachvollziehbarkeit des Entfremdungsgefühls, dass bei vielen Mitläufern offenbar aus bloßem Hörensagen entstanden ist. An keiner Stelle behauptet er, dass die Angst begründet ist, im Gegenteil: Er betont ja gerade das subjektive Empfinden und die mangelnde Bildung der Mitläufer.

    „Verstehen“ kann bedeuten, dass ich Mitgefühl habe. Es kann aber auch bedeuten, dass ich gewisse Gedankengänge nachvollziehen will, ohne sie zu bewerten oder zu übernehmen. Genau das macht die Sozialwissenschaft.

    Es ist nicht die Aufgabe der Wissenschaft, soziale Phänomene inhaltlich zu bewerten. Sie liefert nur die Fakten, sofern sie kann. Ansonsten spricht man nicht umsonst von „Erklärungsansätzen“. Nur das ist die gesellschaftliche Aufgabe der Wissenschaft. Die übrige Bewertungs- und Handlungsarbeit verbleibt bei der Bevölkerung und der Regierung.

    Tatsächlich lassen sich viele Sozialwissenschaftler dazu verleiten, eine weitergehende Einschätzung zum Thema ihrem Erklärungsversuch hinzuzufügen, eben genau deshalb, um solchen Vorwürfen sofort etwas entgegenzusetzen. Gewöhnen müssen wir uns deshalb aber nicht daran, dass reine Beobachter uns mehr als eine Analyse liefern. Alles weitere ist Aufgabe der Politik.

  2. Simone sagt:

    @Sabine Wenn sich der Wind dreht, wechseln alle Deutschen ihre politische Meinung um 180 Grad. Das hat meine Großmutter schon gesagt. Sie hat recht behalten. Warum soll es mit Sozialwissenschaftlern anders sein?
    Ich weiß nicht, ob es ein Zeichen „mangelnder Bildung“ ist, wenn man sich die Bücher von Sarrazin, Buschkowsky, Ulfkotte, Kirsten Heisig usw. durchgelesen hat. Man muss ja den dortigen Thesen nicht zustimmen. Aber gelesen sollte man die Bücher schon haben bevor man sie kritisiert. Mangelnde Bildung würde ich diesen Autoren jetzt nicht unterstellen – auch wenn sie sich ungefähr auf der Pegidalinie bewegen.

  3. Tai Fei sagt:

    Simone sagt: 5. Januar 2015 um 20:28
    „Aber gelesen sollte man die Bücher schon haben bevor man sie kritisiert.“
    Aha, also MUSS ich „Mein Kampf“ auch gelesen haben um den zu kritisieren?

  4. Magistrat sagt:

    Das ist die bisher treffendste, beste und tiefgründigste Auseinandersetzung mit dem organisierten Idiotismus, der sich PEGIDA nennt. Vielen Dank Frau Suleiman! Auch ich finde es zunehmend heuchlerisch, wie sich die Politiker einerseits darin überbieten, gegen den Islam zu wettern, vor ihm Panikmache zu betreiben und auf dem Rücken der muslimischen Minderheit in Sachen Populismus wetteifern (man denke nur an die absolut lächerliche Burka-Diskussion der CDU!). Auch die Medien wundern sich nur vordergründig über die feindselige Stimmungsmache, haben sich in den letzten Jahren um die Wette gegen den Islam gewettert und ihn gezielt als Bedrohung stilisiert, wie zahlreiche Statistiken belegen (z.B.: http://de.ejo-online.eu/8005/ethik-qualitat/deutsche-islamberichterstattung-negativ-wie-nie; http://www.20min.ch/wissen/news/story/Islam-Berichterstattung-ist-zu-einseitig-30457338). Doch am absurdesten ist die „PEGIDA-Bewegung“ selbst: Aufgestachelt von den mediengemachten Ressentiments, während sie gleichzeitig ihre offenbar einzige Informationsquelle als „Lügenpresse“ diffamieren.
    Es läuft einfach zu viel falsch hier… Das stinkt schon

    Danke nochmal, für die geniale Analyse – und der Begriff Euroislamisten passt einfach perfekt auch auf zwielichtige Leute wie Frauen Kelek und Ates oder Herrn Abdel-Samed hier in Deutschland.

  5. Realist sagt:

    @Tei Fei Wenn Sie sich mit Ihrer Kritik auf „Mein Kampf“ beziehen, selbstverständlich. Außerdem handelt es sich bei den Büchern von Sarrazin und Co. nicht um „Mein Kampf“.



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