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Migration und Integration in Deutschland

In allen Zielstaaten der Arbeitsmigration weisen die Eltern der als Migranten erfassten Jugendlichen eine kürzere Schulbesuchszeit und einen geringeren ökonomischen, sozialen und kulturellen Status auf als die Eltern von Nichtmigranten. Nirgendwo ist dieser Unterschied … aber so stark wie in Deutschland.

Konsortium Bildungberichterstattung, Bildung in Deutschland, 2006

Die Macht der Provokation

Eine andere Perspektive auf den Salafismus

Salafismus. Das ist Wahnsinn. Das ist das Böse unserer Zeit. Das ist der Untergang des Abendlandes. Diese erste, intuitive Regung ist nachvollziehbar: In einem zweiten Schritt sollte man versuchen zu verstehen und sich selbstkritisch fragen:

VONAladin El-Mafaalani

 Eine andere Perspektive auf den Salafismus
Aladin El-Mafaalani, Dortmunder, Professor für Politische Soziologie in Münster.

DATUM19. Dezember 2014

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RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE Erstveröffentlichung: Ruhrbarone

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Wie kann es sein, dass eine Ideologie, die es seit Ewigkeiten gibt, gerade heute bei den Jugendlichen Westeuropas einen Aufschwung erlebt? Warum sehnen junge Männer und Frauen mit und ohne „Migrationshintergrund“ das Frühe Mittelalter herbei und bilden damit eine der dynamischsten gegenwärtigen Jugendbewegungen? Diesen Fragen kommt man näher, ohne theologische Diskurse zu führen. Man muss das Ganze vielmehr mit den Augen der Jugendlichen sehen.

Jugendliche neigen dazu, sich von Vorgängergenerationen abzugrenzen. Dabei können extreme Gegenpositionen zutage kommen. Ein veränderter Lebensstil ist hierfür typisch. Kleidung, Frisuren, Drogen und Musik waren häufig sinnlich wahrnehmbarer Ausdruck von Abgrenzung und Provokation. So war es bei Studentenbewegungen, den Punks, der Hip Hop Kultur. Und heute? Jugendliche haben kiffende Lehrer und Eltern mit Piercing und gefärbtem Haar. Adelige Bundesminister gehen auf Heavy Metal Konzerte, First Ladies sind tätowiert. Sex, Drugs and Rock n Roll – dieser in die Jahre gekommene Spirit lässt sich heute bestenfalls noch auf Ü 40 Partys finden. Alle Kombinationen von Sex, Rauschmitteln und Musik hat es schon gegeben.

Worin steckt heute das größte Provokationspotenzial? Die alltagspraktische Funktion eines Kopftuchs (oder gar einer Burka) weist – bei allen Unterschieden – unglaublich viele Ähnlichkeiten mit dem punkigen Irokesen in den 1970ern auf: Man wird unmittelbar erkannt, erntet skeptische Blicke, offene Ablehnung, tiefe Verachtung und erzeugt Angst. Alle Zutaten für gelungene Rebellion. Sehr schlimm, wenn es unter Zwang geschieht, überaus funktional, wenn man die Öffentlichkeit und die eigenen Eltern provozieren möchte. Emanzipation und selbstbestimmte Abgrenzung, können das Motive sein? Es kommt auf den Kontext an: Im Iran oder in Saudi-Arabien ist eine kopftuchtragende Frau eine anonyme Ameise im Ameisenhaufen; in Deutschland ist sie das auffällige schwarze Schaf. Daher sind die Motive für oder gegen religiöse Radikalisierung je nach Gesellschaft und Zeitgeist ganz unterschiedlich. In der salafistischen Szene gelten strenge Regeln für Mann und Frau – in traditionellen, kaum religiösen Familien häufig nur für das weibliche Geschlecht. Nicht ohne Grund erleben viele junge Frauen in dieser Jugendbewegung ein höheres Maß an Gleichstellung als in ihren zum Teil resignierten Herkunftsmilieus.

Dass dies kaum jemand wahrhaben möchte, ist ein Beleg dafür, dass wir uns für diese jungen Menschen nicht interessiert haben. Nun ist es eine aufgekeimte internationale Jugendbewegung. Das sind junge Menschen, die – ohne sich zu kennen – Ähnliches tun. Das bedeutet, sie haben gleiche Erfahrungen, Problemstellungen und Bedürfnisse. Viele werden es nicht hören wollen: Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen auf der persönlichen Ebene, aber auch nationale und internationale Entwicklungen spielen zusammen. Muslime sind Feindbilder geworden. Sich über sie auszulassen, ist selbstverständlich. Das zwingt viele Muslime in eine defensive Haltung, in der sie klarstellen und zurechtrücken müssen – ein mühsames Geschäft, das einem niemand dankt und bei dieser Gemengelage vielleicht sogar zum Scheitern verurteilt ist. Die anderen, häufig kaum religiösen, aber als solche optisch wahrgenommenen „Fremden“ treibt es in die Offensive. „Wenn schon, denn schon“ oder „Jetzt erst recht!“

Vor dem Hintergrund dieser persönlichen Erlebnisse werden dann nationale und globale Ereignisse wahrgenommen. Muslime sind die Bösen, solange sie kein Buch gegen den Islam schreiben oder wichtige Geschäftspartner sind. In Syrien und dem Irak wird der „Westen“ erst richtig aktiv, als Nicht-Muslime bedroht oder ermordet werden. Das kann man je nach Betrachtungsweise interessengeleitete Politik oder strategielosen Aktionismus nennen, aber man darf sich nicht wundern, wenn das als unmoralisch und unglaubwürdig wahrgenommen wird. Die Welt(politik) steckt in einer Sackgasse.

Der Gegenentwurf der Salafisten ist denkbar einfach: In der Vergangenheit liegt der Generalschlüssel – eine neue Zukunftsidee gibt es nicht. Allerdings gibt es eine solche nirgendwo. Unsere Visionen sind bestenfalls technologischer Art. Soziale haben auch wir nicht mehr. Nicht einmal zukunftsweisende Jugend- oder Protestbewegungen lassen sich derzeit erkennen. Wir sind aufgeklärte Verwalter von Klimawandel, Wirtschaftskrisen, Konsumterror. Wer diesen Pragmatismus nicht annehmen kann oder will, muss nostalgisch werden. Neo-Puritanismus, Naturreligionen, Esoterik, Bio-Nahrung oder Yoga – alles Ich-bezogene Formen der Sinnsuche. Der Salafismus hat da für Orientierungsuchende eine kollektive Strategie aus einem Guss: Zurück in die Zeit, in der alles vermeintlich gut war, zurück zu den Wurzeln: Klare Regeln, eindeutige Zugehörigkeiten, unhinterfragbare Wahrheiten und gar der sichere Weg zum Paradies. Das sind Dinge, für die es sich – aus der Perspektive vieler Jugendlicher – einzusetzen lohnt. Das gibt eine starke Orientierung und kanalisiert den jugendtypischen Handlungsdrang in eine Richtung: Missionieren, ein göttlicher Auftrag. Wer heute mitmacht, der gehört zur Avantgarde eines sich selbst als progressiv verstehenden globalen Projekts.

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11 Kommentare
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  1. Wiebke sagt:

    Ein kluger Artikel. Sehr schön die Parallelen zu anderen Jugenbewegungen herausgearbeitet. Danke!.

  2. surviver sagt:

    Das ist sicherlich auch eine Art Protest gegen eine intolerante Gesellschaft, die von den Leitmedien unterstützt und gefördert wird.
    Sie fühlen sich missverstanden und dem Versuch der Zwangsassimilation ausgesetzt.
    Die sogenannte „christlich-jüdische“ Abendkultur gibt es in diesem Sinne schon gar nicht mehr.
    Schaut euch doch mal die Geburtenraten, Eheschließungen, Alkohol- und Drogentoten, die TV-Programme im Nachmittagsprogramm mal an…..etc. an.
    Oder wie kann man einen Artikel in der „BLÖD“ kommentieren: „7 Mädchen nach Klassenfahrt schwanger. Die jüngste war erst 13“ ???
    Was ist noch christlich?

  3. karakal sagt:

    Der Verfasser dieses Artikels hat es anscheinend richtig erkannt und treffend beschrieben. Aber gilt dies nur für Jugendliche? Finden wir unter den sog. „Salafisten“ nicht auch einige ältere Muslime? Es gibt manche, die früher nicht religiös waren, und dann plötzlich anfangen, den Islam zu praktizieren, wobei sie sich dieser Richtung anschließen. Obwohl es solchen Personen meist an Grundlagenwissen fehlt, werden sie wegen ihres Alters von den Jugendlichen in Sachen Religion als kompetente Autoritäten angesehen. Wäre es nicht angebracht, daß die muslimischen Dachverbände den genannten Tatsachen Rechnung tragen, um nicht ihre Basis zu verlieren, da die Jugendlichen von heute die Erwachsenen von morgen sind und die Erwachsenen von heute eines Tages das Zeitliche segnen werden? Das würde bedeuten, daß bspw. der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD) sich nicht mehr so „moderat“ wie bisher geben sollte, sondern sich tatkräftiger und offensiver für die Belange der Muslime einzusetzen hat.

  4. Magistrat sagt:

    @surviver
    Da haben Sie Recht, das finde ich auch!
    Dies wird regelmäßig unter dem Topos „Die Rückkehr des Religiösen“ diskutiert, mit der Feststellung, dass die jahrzehntelange Säkularisierung in die Hose gegangen ist. Warum wohl, hat sie doch bewiesen, dass die Gottlosigkeit in menschenverachtender Politik endet. Von den Hunderttausend Abtreibungen im Jahr (die schon gar nicht mehr hinterfragt werden), über die Salonfähigkeit der aktiven Sterbehilfe (ein Euphemismus für Euthanasie!), den volkswirtschaftlichen Schaden aufgrund legalem Alkoholkonsum (der den durch vermeintliche „Sozialschmarotzer“ bei Weitem übersteigt!!), die sozialdarwinistische Embryonenpolitik, der Legalisierung der Prostitution (was nichts anderes als Menschenhandel ist!) und den zerstörerischen Imperialismus im Morgenland. Wenn eine Politik die Werte so stark mit Füßen tritt, wenn die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten in den Himmel schreien, wenn vermehrt familiäre Strukturen zerschlagen werden und sich dann eine Jugend vermehrt Gott zuwendet – was ist daran so verwerflich?

  5. Marc Gereon sagt:

    @surviver
    “ Das ist sicherlich auch eine Art Protest gegen eine intolerante Gesellschaft, die von den Leitmedien unterstützt und gefördert wird.“

    Versuchen Sie doch bitte den realtiv guten Kommentar vom Autor nicht für ihre eigenen Verschwörungstheorien zu missbrauchen. Ihr Kommentar sagt viel über Sie aus, aber realtiv wenig über den „Westen“ oder das christlich-atheistische-agnostisch-jüdisches Abendland aus.

    Zum einen kritisieren sie die hiesige Gesellschaft als intolerant und zum anderen aber als angeblich zu tolerant, weil nicht christlich genug. Ja, was denn jetzt? Wollen Sie dass das Abendland christlicher wird oder nicht?

  6. Gilly sagt:

    Ich gebe dem Autor Recht. Eine Dämonisierung der Jugendlichen, die bei den Salafisten gelandet sind, führt keinen Schritt weiter, sondern bedient nur deren Grössenphantasien, die die erlebte Ohnmacht abwehren soll. Wenn ich 15/16/17jährige Buben bei uns in der Fußgängerzone sehe, die den Koran verteilen, denke ich immer, die brauchen einen Job, eine Ausbildung und einen Sozialarbeiter, der ihnen hilft, ihr Leben wieder auf die Reihe zu kriegen, anstatt solchen Verführern, wie den Salafisten hinterher zu rennen. Dennoch -bei aller Analyse- macht mir die Entwicklung auch Angst. Denn mit den Jugendbewegungen haben wir ja so unsere Erfahrung in diesem Land. 1933 sind sie scharenweise in die Naziorganisationen gepilgert und fanden sich ganz geil. Die neue Zeit usw ……
    Ansonsten finde ich so manch einen Kommentar hier doch gelinde gesagt etwas merkwürdig. Es gibt nicht hunderttausende Schwangerschaftsabbrüche, sondern 2013 waren es 103.800 und die Zahlen sind jedes Jahr dank der Prävention rückläufig, es gibt keine Sterbehilfe in Deutschland (und wird es wohl Gott sei Dank nicht geben) und die sieben 13-jährigen Schwangeren leben in Bosnien und passiert ist es vor 1,5 Jahren. Also bitte öfter mal die Bildzeitung weglassen, das bildet wirklich.

  7. Magistrat sagt:

    @Marc G. „christlich-atheistische-agnostisch-jüdisches Abendland“

    dieses Wortspiel klingt wie schlechte Satire auf die politischen Lippenbekenntnisse unserer Politiker seit sie vor knapp 10 Jahren erschrocken entdeckt haben, dass auch Muslime unter ihnen leben und gleiche Rechte einfordern; enthält irgendwie noch eine Note Schizophrenie mit einem faden Beigeschmack von Opportunismus, Doppelzüngigkeit, Widersprüchlichkeit und ein wenig Zynismus… Beist sich irgendwie gewaltig, diese kreative Wortkombination …

  8. Poser sagt:

    @Marc G.

    Wir leben in Europa. Nicht im Westen und auch nicht in irgendeinem Abendland.

    Nur rückständige Spalter gebrauchen diese Worte. Europa ist nicht christlich, jüdisch oder muslimisch, sondern durch und durch humanistisch. Und nur diesem Humanismus haben wir es zu verdanken, dass hier eine derart tolerante Atmosphäre herrscht.

    Religionen sind ein verzichtbares Gut und haben relativ wenig Einfluss auf unser Zusammenleben und unserer Gesellschaft. So sieht die schwer zu akzeptieren de Wahrheit aus.

  9. Peter&Paul sagt:

    so viel zu den wahren Grundlagen des fortschrittlichen Abendlandes:

    https://www.youtube.com/watch?v=J2wEpJc264c

    „… Ohne die Gelehrten des Orients wäre Europa nicht da wo es heute ist …“

  10. Gill sagt:

    Je suis Charly Hebdo


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