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Nach dem SZ-Artikel

„Es gab die üblichen Abwehrreaktionen, sobald das Gespräch auf Rassismus kommt.“

Alex Müller ist ein schwarzer Deutscher, 32 Jahre alt und lebt in Leipzig. In einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung beschreibt er den Rassismus, der ihm im Alltag widerfährt. MiGAZIN sprach mit ihm über die Reaktionen auf seinen Text und sein Verständnis von Rassismus.

MiGAZIN: In Ihrem Artikel „Warum Alltagsrassismus keine Einbildung ist“ in der Süddeutschen Zeitung schreiben Sie über Rassismus, den Sie täglich am eigenen Leibe erleben. Wie haben andere auf Ihren Text reagiert?

Alex Müller1: Es gab die üblichen Abwehrreaktionen, mit denen man konfrontiert wird, sobald das Gespräch auf Rassismus kommt. Übliche Ausflüchte waren:

Überraschend fand ich aber das enorme Feedback auf den Artikel. Bisher gab es mehr als 20.000 Social-Media-Aktivitäten (Facebook, Twitter, Google Plus und inklusive der verwursteten Artikel bei der Huffington Post) und unfassbar viele Menschen haben den Artikel geteilt, ohne zu widersprechen. Außerdem haben viele mutmaßliche Mehrheitsdeutsche Internetrollen Paroli geboten, wenn die versuchten, das Problem wegzudiskutieren oder mir die Schuld für Rassismus zu geben.

Außerdem hat mir die Redaktion Leserbriefe weitergeleitet, in denen sich Menschen bei mir bedankten. Da waren andere Rassismus-Betroffene, die meine Erfahrungen bestätigten und ganz besonders auf den empfundenen Ost-West-Unterschied eingingen. Da war ein Mann, der schrieb, dass er sich auch dabei erwischt hat, wie er sich nie neben Nichtweiße gesetzt hat. Er wolle jetzt, da er meine Erfahrungen kennt, darauf achten, dass er sich nicht mehr so verhält. Viele haben ihre Anteilnahme ausgedrückt.

Wo fängt Rassismus Ihrer Meinung nach an?

Müller: Kurz gesagt: Rassismus ist Vorurteil plus Macht. Ich als Schwarzer kann zwar eine weiße Person als „Kartoffel“ bezeichnen. Das mag vielleicht eine Beleidigung sein, aber was fehlt, ist die Dimension Macht. Und die findet sich in umgekehrter Richtung, wenn z.B. weiße Richter entscheiden, dass ein bestimmtes Verhalten oder Wort nicht rassistisch ist, dann kann man sich dagegen nur schwer oder gar nicht wehren. Denn an den solchen Machtzentren sitzen nun mal in der Regel weiße Menschen, siehe etwa die Richterin in Eisenhüttenstadt, die ihre Macht missbraucht, indem sie rassistisch motiviert Gerichtsurteile fällt, und dabei von der Staatsanwaltschaft gedeckt wird. Macht heißt auch, dass weiße Menschen in der Regel sicher sein können, schwarze anzugreifen und die herbeigerufene Polizei erst einmal sie, womöglich nur sie, befragt, was denn der Schwarze angestellt hat. Eine Studie der Polizeihochschule Sachsen-Anhalt hat da wenigstens ein ekelhaftes Beispiel parat.

Wo sehen Sie in Deutschland bewusste und unbewusste Vorurteile?

Müller: Ein Fass ohne Boden. In der Regel gehen bewusste und unbewusste Vorurteile ineinander über. In Leipzig erlebe ich z.B. täglich wie Menschen ihre Wertsachen (z.B. Handtaschen) festkrallen, sobald sie mich erblicken. Es spielt da auch keine Rolle, wie viele Weiße vorher da waren. Wichtig ist es den Menschen, ihre Wertsachen vor mir, dem Schwarzen zu retten. Das geht dabei fast automatisch. Spricht man die Menschen darauf an, werden sie sich verteidigen. Entweder, sie hätten das gar nicht getan oder sie wären immer vorsichtig, oder sie verteidigen ihre Handlung, indem sie sagen, dass Ausländer nun mal kriminell sind. Dass ich weder Ausländer noch kriminell bin, interessiert nicht.

Bewusste Vorurteile sind zum Beispiel: Ausländer sind kriminell, unsere deutschen Frauen und Kinder sind in Gefahr, Schwarze handeln mit Drogen, Schwarze stinken, Schwarze sind dreckig, Schwarze sind hässlich. Solche Vorurteile werden oft unbewusst eingepflanzt, aber oft erlebe ich Menschen, dass sie sich mit voller Absicht aussprechen.

Das Thema Rassismus ist ja auch recht diffus. Es gibt nicht nur die einen, die fremdenfeindlich sind und die anderen, die es nicht sind. Dazwischen gibt es viele Nuancen. Wie sollte man das Thema angehen?

Müller: Am wichtigsten finde ich es, Mehrheitsdeutsche mit nichtweißen Menschen zusammenzubringen. Gerade in Ostdeutschland, wo es kaum nichtweiße Deutsche, Migranten und Ausländer gibt, müsste man die Menschen zu ihrem Glück zwingen. In Leipzig-Wiederitzsch zum Beispiel formiert sich gerade Widerstand von Einfamilienhaus-Rassisten, die kein Erstaufnahmelager in ihrer Nähe dulden wollen. Sie tun zwar auf besorgte Bürger, argumentieren aber mit den gleichen rassistischen Argumenten – Kinder sind gefährdet, die Kriminalität könnte ansteigen usw. Ich wünsche den Menschen, dass sie gar nicht anders können, als in Kontakt mit anderen Kulturen zu kommen, anders lernen sie es nicht. Die Menschen sollten nicht nur mit anderen Kulturen in Kontakt kommen müssen, sondern ganz generell mit Menschen, die nicht weiß sind.

Ansonsten ist es wichtig, Kinder von klein auf mit nichtweißen Kindern zusammenzubringen, weil Kategorisierungen schon früh eingeprägt werden und sie so schon lernen können, wie normal es ist, nicht weiß zu sein. Daneben ist es wichtig, dass endlich Diversität in die Medienlandschaft kommt. Noch immer sind schwarze Schauspieler auf Klischeerollen wie Asylsuchende, Prostituierte, Dealer usw. abonniert. Rollen wie Rechtsanwalt, Ärztin und Polizisten bringen viele Verantwortliche gar nicht mit einer schwarzen Hautfarbe zusammen. Der Zuschauer würde es ja nicht verstehen. Daneben braucht es mehr Journalisten mit Migrationshintergrund, damit Themen auch mal aus anderen Blickwinkeln betrachtet werden, oder auch nichtweiße Experten zu Wort kommen können.

Gibt es auch Rassismus-Vorwürfe in Deutschland, die Sie für übertrieben halten?

Müller: Grundsätzlich halte ich Rassismus-Vorwürfe nicht für übertrieben, allenfalls für diskutabel, weil es darum geht, wie der Empfänger eine Nachricht auffasst. Wenn eine Person sagt, dass sie etwas als rassistisch empfindet, dann habe ich das zu akzeptieren, sofern es sich nicht um Ablenkungsmanöver weißer Menschen handelt oder ein Vorwurf an der Sache vorbeigeht. Ich selbst bin bei einigen Dingen eher entspannt. Ich verzeihe z.B. Günter Wallraff Blackfacing, der damit auf Rassismus aufmerksam gemacht hat. Ich kann aber alle schwarzen Menschen verstehen, die Blackfacing grundsätzlich ablehnen, und ich akzeptiere das. Ein diskutabler Fall war der Imagefilm der AStA Hamburg, in dem schwarze Menschen ausgerechnet als Putzkräfte porträtiert wurden. Also könnten die nicht auch als Dozenten auftreten. Ein Kritikpunkt, den ich nicht nachvollziehen kann, bezieht sich auf die Verwendung des Begriffs „Urgewalt“, der sich eindeutig auf die Werktätigkeit bezieht und nicht auf die schwarzen Menschen. Hier wurde aber unterstellt, dass „Urgewalt“ nur deshalb gewählt wurde, WEIL schwarze Menschen dargestellt wurden. Der Film wie auch das Verhalten des AStA, damals vertreten durch Timo Hempel sind ohne Frage kritikwürdig, hier aber nicht.

Glauben Sie, dass die Fremdenfeindlichkeit durch Brennpunkte mit einem hohen Migrantenanteil zunimmt?

Müller: Studien zeigen ja immer wieder, dass die „Fremdenfeindlichkeit“ (der Rassismus) dort am höchsten ist, wo die Menschen am wenigsten Kontakt zu Ausländern und solchen Menschen, die man dafür hält, haben. Es verwundert mich daher nicht, dass ausgerechnet in Halle-Silberhöhe Kinder und Jugendliche eine Roma-Frau und ihr Kind angriffen haben. Bei meiner Arbeit merke ich immer wieder, dass die Menschen recht offen gegenüber als fremd empfundenen Menschen sind, die selbst eine Weile im Ausland (etwa im Rahmen von Erasmus) waren oder die schon früh Kontakt mit nichtweißen Menschen hatten. Wenn ich durch Berlin-Wedding laufe, dann begegnet mir in einer Woche vielleicht mal eine Frau, die ihre Handtasche festkrallt, wenn sie mich sieht. In Leipzig, egal wo, ist das an der Tagesordnung.

Der Begriff „Fremdenfeindlichkeit“ sagt es ja schon: Der Hass gegen das Fremde. Liegt hinter diesem Hass die Angst vor dem Fremden? Warum gibt es diese Angst?

Müller: „Fremdenhass“ trifft es meistens nicht, weil der suggeriert, dass hier nur „Fremde“ betroffen seien, also Menschen, die nicht Deutsch wären. Als nichtdeutsch gilt noch immer, wer nicht weiß ist. Von Fremdenhass zu sprechen bietet eine super Gelegenheit zu tun, als seien da nur ein paar Idioten am Werk, die nicht auf dem Boden der freiheitlichen demokratischen Grundordnung stünden. Rassismus, das System, das Wirkung aus einer Kombination aus Vorurteilen und Macht bezieht, ist dagegen ein gesamtgesellschaftliches Problem. Deutschland weigert sich bis heute, dieses Problem anzugehen, siehe die abweisenden Antworten auf Fraktionsanfragen zu Racial Profiling. „Fremdenhass“ klingt so nach Nazi, Rassismus ist überall zu finden, wird aber abgestritten. Deshalb reagieren meiner Meinung Menschen auch so bösartig, wenn man sie auf rassistisches Verhalten oder Wörter hinweist.

Angst speist sich aus Unkenntnis. In Leipzig sieht man kaum schwarze Menschen im normalen Leben. Man verlässt sich entsprechend auf rassistisch gefärbte Medienberichte auf das, was der Stammtisch so von sich gibt. Darüber hinaus wird darum gekämpft, nichtweiße Menschen aus Positionen rauszuhalten, in denen sie in Kontakt mit weißen Menschen kommen. Für mich war es Zeit meines Lebens schier undenkbar, einen Nebenjob in Läden oder auch nur einfache Hilfsjobs zu kriegen. Typische Sätze sind: „SO WAS kann ich meinen Kunden nicht antun“, oder „Da bleibt mir die Kundschaft fern.“ Ikea war eine Ausnahme, das aber auch nur, weil sich die Firma als solches gern einen Anstrich von Diversität gibt. Aber auch dort blättert der Lack.

  1. Der Autor schreibt unter Pseudonym, weil er sonst mit Veröffentlichung dieses Textes den Anfeindungen und Drohungen derer ausgesetzt wäre, über die er schreibt. []