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Er [ein Paß] kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.

Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche, 1940

"Zwarte Piet" in den Niederlanden

Hat Nikolaus Sklaven als Helfer?

Die Debatte rund um „Zwarte Piet“ hat die Gemüter in den Niederlanden stark erhitzt. Während die einen auf ein traditionelles Kinderfest verweisen, machen die anderen „Zwarte Piet“ für stereotype und rassistische Darstellungen Schwarzer Menschen verantwortlich.

Ein halbes Jahrhundert hat die „Sinterklaas Centrale“ – das Nikolaus-Hauptquartier – Dutzende Männer mit Bart, rotem Mantel und Bischofsmütze ausgesandt. Begleitet werden sie von Helfern mit dunkel geschminktem Gesicht. In diesem Winter aber sind weniger Nikolaus-Teams unterwegs zu Familien und Betrieben in Amsterdam.

„Die Leute haben Angst“, sagt Henk van der Kroon von der Nikolaus-Zentrale. Manche hätten aus Furcht vor Übergriffen ihren Nebenjob als Nikolaus in diesem Jahr gekündigt. Den Stadtteil Amsterdam-Südost, in dem viele Migranten leben, meiden die Teams, um nicht zu provozieren.

Nikolaus, auf Niederländisch „Sinterklaas“, wird von schwarzen Helfern begleitet, den „Zwarte Pieten“. Kinder verkleiden sich und schminken sich das Gesicht schwarz, Familien feiern am Abend des 5. Dezember mit Geschenken. Die Tradition spaltet jedoch das Land: Kritiker sagen, die Darstellung des „Zwarten Piet“ entstamme der Kolonialzeit und erinnere an Sklaven. Befürworter argumentieren, es handle sich um ein harmloses Kinderfest. Der Legende zufolge bringen der Nikolaus und seine Helfer über die Dächer und durch die Schornsteine Geschenke in die Häuser. Der „Zwarte Piet“ sei kein rassistisches Phänomen, sagte Friso Wielenga, Direktor des Zentrums für Niederlande-Studien der Universität Münster, im Deutschlandfunk.

Die öffentliche Debatte begann 2012, als eine kleine Gruppe Niederländer mit dunkler Hautfarbe sich zu Wort meldete: Sie fühlten sich durch die „Zwarte Piet“-Darstellung verletzt. In diesem Jahr aber ist die Auseinandersetzung eskaliert. Beim Einzug von Sankt Nikolaus im November wurden in Gouda 90 Personen festgenommen. In der Stadt Almelo griff ein Mann ein 15 Jahre altes Mädchen an und schlug ihr ins Gesicht, weil es sich schwarz geschminkt hatte. Es gab Todesdrohungen sowohl gegen Befürworter als auch gegen Kritiker der Tradition.

Der Künstler Quinsy Gario gilt als einer der schärfsten Kritiker. Er hat einen Gerichtsprozess angestrengt, an dessen Ende ein Richter erklärte, der „Zwarte Piet“ sei in der Tat verletzend, weil die Darstellung Stereotype über Menschen mit schwarzer Hautfarbe schaffe. Gegen Gario hat sich eine breite Front gebildet; der rechtspopulistische Politiker Geert Wilders hat sogar einen Entwurf für ein „Zwarte Piet“-Gesetz ins Parlament eingebracht, um die Tradition zu schützen.

Die Diskussion werde so emotional geführt, weil es um das Selbstbild eines ganzen Landes geht, sagt Gregor Walz, Forscher am Anti-Diskriminierungsbüro „Radar“ in Rotterdam. Die Niederlande galten lange als eines der offensten und tolerantesten Länder der Welt. „Ereignisse und Entwicklungen in der Vergangenheit zeigen, dass dieses Bild nicht mehr haltbar ist“, sagt Walz.

Hinter der Debatte um den „Zwarte Piet“ verberge sich noch etwa anderes, sagt Walz. Bisher sei Rassismus vor allem individuell empfunden worden – inzwischen fühlten sich ganze Gruppen benachteiligt und setzten sich zur Wehr.

Organisationen wollen deshalb die Wahrnehmung in der Bevölkerung verändern. „Wir können Rassismus nicht direkt messen, aber wir können testen, was die Leute unbewusst denken“, sagt Hiske Arts von der Organisation „Critical Mass“, die die Kampagne anstieß. Unbewusstes Denken könne zu Rassismus führen, sagt sie: beispielsweise wenn Passanten abends die Straßenseite wechseln, wenn ihnen jemand mit dunkler Hautfarbe begegnet. Um Aufmerksamkeit für diese Form des unbewussten Rassismus zu schaffen, arbeitet die Organisation mit Kirchen, Schulen, Sportvereinen und anderen gesellschaftlichen Gruppen in einer landesweiten Kampagne zusammen.

Veränderungen bräuchten aber Zeit, sagt Hiske Arts. Wie die Nikolaus-Tradition: „Zwarte Piet“ trägt keine Ohrringe mehr, um nicht mehr an afrikanische Sklaven zu erinnern. Manche Kinder schminken sich in diesem Jahr in verschiedenen Farben, um eine „bunte“ Gesellschaft zu symbolisieren. (epd/mig)

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