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Wenn die deutsche Gesellschaft die Muslime toleriert, hat das noch nichts mit Gleichberechtigung zu tun.

Prof. Dr. Hans-Peter Großhans, MiGAZIN, 20. Januar 2010

Pegida

Neonazis und Bürgertum

Heute wäre das Bürgertum die Gemeinschaft aller deutschen Staatsbürger, unabhängig von der Abstammung, der Rasse, der Sprache, der Heimat und Herkunft, des Glaubens, der religiösen oder politischen Anschauungen. So bestimmt es unser Grundgesetz. Wer ein Problem damit hat, ist selbst das Problem und das muss dann auch so benannt werden, liebe Journalisten!

VONAnja Seuthe

Die Verfasserin studierte in Köln Völkerkunde, Soziologie und Islamwissenschaften. Nach dem Studium bereiste sie unter anderen Saudi Arabien und den Jemen, in Ägypten lebte sie zwölf Jahre. Journalistisch und literarisch setzt sie sich vor allem mit interkulturellen sowie interreligiösen Themen auseinander. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern in Essen.

DATUM4. Dezember 2014

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RESSORTAktuell, Meinung

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Die patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes, kurz PEGIDA, haben es in alle Medien geschafft. Das ist unschön, aber berechtigt. Wer wöchentlich mehrere Tausend Menschen zu „Spaziergängen“ gegen die Islamisierung zusammenbringen kann, und das auch noch in mehr als einer deutschen Stadt, hat Aufmerksamkeit verdient.

Auf die Frage, wer denn diese Menschen seien, heißt es: „Da marschiert das Bürgertum mit den Neonazis.“

Aha. Wohl kaum. Fragt man die Veranstalter, dann marschiert da nur das Bürgertum. Schließlich hat man mit Nazis nichts am Hut. Dass extrem rechte Parteien wie die NPD, Die Rechte und Pro NRW die Aufmärsche unterstützen, hilft allerdings nicht gerade dabei, ein „sauberes“ Image zu bewahren. Nun gut, da können die PEGIDA Aktivisten nichts zu, dass „ungebetene Gäste“ in großen Zahlen an ihren Spaziergängen teilnehmen. Andererseits wiederum muss man sich die Frage stellen, WARUM denn unsere extrem rechten Mitbürger sich durch den Aufruf der PEGIDA angesprochen fühlen?

Die Frage ist nicht schwer zu beantworten. Dazu reicht ein Blick auf die Internetseite der PEGIDA. Da heißt es: „Für unser Vaterland, für Deutschland, es ist unser Land, das Land unserer Ahnen, Nachfahren und Kinder…“. Das klingt schon ziemlich eindeutig. Eindeutig ausländerfeindlich! Migranten haben nun mal per Definition keine Ahnen in Deutschland. Die PEGIDA selbst betont zwar, es ginge einzig und allein gegen die Islamisierung, nicht aber gegen Ausländer, lässt aber dann Sprüche los wie: „Wir sind nicht gegen Griechen, wir sind nicht gegen Italiener…“ Aha. Vielleicht ist man doch rassistisch unterwegs? Zumindest ein kleines Bisschen? Mit dem Islam hat diese Argumentation auf jeden Fall nichts zu tun.

Genau so wenig, wie die Aufmärsche etwas mit Bürgertum zu tun haben. Die PEGIDA hat recht. Da marschiert nicht das Bürgertum mit Neonazis. Da marschieren schlicht und ergreifend Neonazis. Wer denkt, vom Alter und Geschlecht auf die Gesinnung schließen zu können, ist nicht viel besser als die Rassisten auf der Straße. Da waren nicht nur Hooligans unterwegs? Sondern auch ältere „gutbürgerliche“ Ehepaare? Wer sagt, denn, dass nur junge gewaltbereite Männer Neonazis sein können? Was macht denn einen Neonazi aus? Und vor allem, inwiefern unterscheidet sich das „gutbürgerliche“ Ehepaar von den Neonazis, wenn es durch die Straße zieht und „Ausländer raus!“ skandiert?

Meine Bitte an die Journalisten, benennt die Dinge so, wie sie sind. Das Bürgertum bezeichnete ursprünglich eine mittelständische Bevölkerungsschicht, die im Schutze der Burgmauern besondere Rechte genoss. Heute wäre das die Gemeinschaft aller deutschen Staatsbürger, unabhängig von der Abstammung, der Rasse, der Sprache, der Heimat und Herkunft, des Glaubens, der religiösen oder politischen Anschauungen. So bestimmt es unser Grundgesetz. Rechtsextreme Demonstranten, die das offensichtlich anders sehen, „Bürgertum“ zu nennen, ist ein Schlag ins Gesicht für alle diejenigen, die daran glauben, dass ein friedliches Zusammenleben auf der Basis unseres Grundgesetzes in Deutschland möglich ist.

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6 Kommentare
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  1. Pegida wurde gegen die linke, kurdische PKK gegründet und nicht gegen islamistischen Extremismus und Terrorismus. Dies gibt der Erfinder von Pegida Bachmann zu. Pegida ist zutiefst rassistisch und fremdenfeindlich. Es stellt sich auch die Frage: Ist es bürgerlich hinter einem als Einbrecher und Drogendealer verurteilten Kriminellen herzulaufen, der Kontakte ins Rotlicht Milieau hat, im Moment sich noch auf Bewährung auf freien Fuß bewegt und aktuell nicht gewählt werden kann? Siehe hierzu:

    http://bubgegenextremerechte.blogsport.de/2014/12/01/pegida-pegabpis-platte-europaeer-gegen-asylbewerber-pro-islamischer-staat-oder-eure-menschenverachtende-heuchelei-ist-zum-kotzen/

  2. karakal sagt:

    Was heißt „Islamisierung“? Wird Deutschland von einer äußeren Macht eine islamische Prägung aufgezwungen oder islamisiert sich Deutschland von innen her? Es scheint doch wohl eher letzteres der Fall zu sein. Dies geschieht sowohl durch eine zahlenmäßige Zunahme der Muslime, indem deutsche Nichtmuslime zum Islam konvertieren und die eingebürgerten Muslime im Durchschnitt eine höhere Geburtenrate haben als Nichtmuslime, als auch qualitativ durch eine stärkere Hinwendung vieler Muslime zu ihrer Religion als früher.
    Wenn die PEGIDA-Leute gegen eine „Islamisierung“ sind, dann folgt daraus notwendigerweise, daß sie das im Grundgesetz verankerte Recht auf Religionsfreiheit ablehnen, daß sie es nicht akzeptieren, wenn Deutsche – ihrer Definition nach – sich für den Islam als Religion entscheiden.
    Die Vorfahren der Konvertiten waren überwiegend Christen, und deren Vorfahren – was waren sie, bevor sie vor über tausend Jahren Christen wurden? Heute sind diese Deutschen Muslime, und auch ihre Nachkommen werden höchstwahrscheinlich Muslime sein, deren Heimat Deutschland ist. Die PEGIDA-Leute behaupten, sie seien „das Volk“, aber auch die zum Islam konvertierten Deutschen und die eingebürgerten Muslime und deren Nachkommen sind „das Volk“. Worauf läuft das Ganze hinaus? – Vermutlich darauf: ein Teil des Volkes gegen einen anderen. Derartiges hatten wir bereits mehrmals in der deutschen Geschichte.

  3. Johannes Grunert sagt:

    Indem man die PEGIDA-Marschierer_innen mit Neonazis gleichsetzt, tut man ihnen einen Gefallen! Man muss sie benennen als das, was sie sind: Rassist_innen, Muslimfeind_innen, Chauvinist_innen und noch einiges mehr. Es sind nicht Tausende Neonazis, die dort jeden Montag auf die Straße gehen, sie demonstrieren nicht für den Umsturz des Systems, nicht für den Nationalsozialismus, nicht für die Judenvernichtung, nicht für einen neuen Führer. Und das können sie relativ leicht widerlegen, so kommt es denn zu Aussagen, dass die „Nazikeule“ nicht mehr ziehe.
    PEGIDA besteht aus Rassist_innen, ob nun bürgerlich oder nicht, die mit Neonazis zusammen marschieren und Nährboden für mehr Rassismus bieten und gleichfalls die Distanz des „Otto-Normal-Rassisten“ zum radikalen Neonazi abbaut.
    Die Bezeichnung Neonazis spielt nützt außerdem denen, die sich mit der von PEGIDA verbreiteten rassistischen Ideologie aus ihrer eigenen bequemen bürgerlichen Haltung heraus nicht beschäftigen möchten. Wir haben ein großes Rassismusproblem in der Mitte der Gesellschaft, die hier zu teilen aufmarschiert. Dieses muss an der Wurzel be- und gegriffen und bekämpft werden.

  4. Schweizerin sagt:

    Muss ein Staat in erster Linie nicht für eine einigermaßen fest umgrenzte Gruppe da sein, weil sich die Masse mit ihm auf lange Sicht nur noch unzureichend identifizieren würde?
    Eine Sache, die für alle da ist, ist nun einmal eine Sache mit der man sich nicht oder nur mühsam identifiziert. Tut mir Leid, hier geht es nicht um irgendwelche Ahnen, „Teutschen“ oder Widukindnachfahren, sondern um die Frage, ob es sinnvoll ist, den Zugang zum „Club der Deutschen“ grenzenlos zu gewähren.
    Die Gefahr bei einer völligen „Libertisierung“ deutscher Identität besteht keineswegs in einem flächendeckender „Rassismus“ als Gegenreaktion, sondern in der von Ihnen so gefürchteten Gleichgültigkeit der „Biodeutschen“, die eben aus dem genannten Grund entsteht. Da man eine Identifikation („Nationalismus“, „Patriotismus“) von linker Seite unter allen Umständen vermeiden will, ist Ignoranz die zwangsläufige Folge. Will man das andere nicht, muss man die Identifikation in Kauf nehmen. Und so steckt man dann in der Zwickmühle. Die Linke bietet im Grunde keine politisch überzeugende Identifikationsplattformen und das nützt den Konservativen und Rechten.

  5. Schredder sagt:

    es wird wieder peinlich, sobald die Nachweise kommen über die Verbindungsmänner. Im Rotlicht dreht es sich um Tauschgeschäfte.

  6. Anja sagt:

    @Schweizerin und zur Identität. Die Logik der deutschen Identität wurde schon einmal als Leitkultur diskutiert. Leider kann man sich aber immer nur darauf einigen, was diese Kultur NICHT ist, aber niemand kann definieren, was denn die Leitkultur ist. Denn wir haben in Deutschland viele Kulturen, nicht zuletzt durch die unterschiedliche Geschichte der Regionen. Wir haben Bayern, Berliner, Schwaben, Rheinländer, Friesen, Westfalen und so weiter und so fort. In der Schweiz mag das anders sein, aber in Deutschland hat man viel Erfahrung damit, auch unterschiedliche Kulturen unter einer Identität zu vereinen. Das mag in der Schweiz anders sein, das weiß ich nicht.



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