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Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Sinti und Roma

Gleichgültigkeit ist nicht weniger handlungsrelevant als Ablehnung

Anfang September erschien eine Studie zu Bevölkerungseinstellungen gegenüber Sinti und Roma. Die Studie stieß in den Medien mehrfach auf Interesse. Ob das erkenntnisfördernd war, darf bezweifelt werden – von Joachim Krauß, Mitautor der Studie:

VONJoachim Krauß

Der Verfasser ist Projekt­mit­ar­bei­ter am Zentrum für Anti­semi­tismus­for­schung der TU Berlin und Mitautor der Studie "Zwischen Gleichgültigkeit und Ablehnung".

DATUM3. Dezember 2014

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RESSORTAktuell, Meinung

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Die Anfang September erschienene Studie „Zwischen Gleichgültigkeit und Ablehnung: Bevölkerungseinstellungen gegenüber Sinti und Roma“ erfreute sich gleich zweifach medialen Interesses, auch auf MiGAZIN. Mediatisierung zeigt sich indessen nicht unbedingt erkenntnisfördernd und auch in diesem Fall blieben wesentliche inhaltliche Aspekte im Schatten der Aufmerksamkeit. Offensichtlich bestanden auch Vorannahmen und Erwartungen, die eine Bevölkerungsumfrage nicht erfüllen kann. Desto wichtiger erscheint es, auf die Möglichkeiten und Grenzen der angewandten Untersuchungsmethoden sowie sich daraus ergebende erkenntnisleitende Konsequenzen hinzuweisen.

Dank der Schlagzeilentauglichkeit ihres Ergebnisformats erfreuen sich Umfragen besonderer Beliebtheit und Aufmerksamkeit. Für die betreffende Studie lautete die mediale Vermittlung: „Jeder Dritte lehnt Sinti und Roma als Nachbarn ab.“ Eine mangelnde Kontextualisierung lässt einen Einzelaspekt einer Umfrage „als unabhängige Wahrheit“ erscheinen, obwohl die Aussage zusätzlicher Informationen und Erläuterungen – kurz: der Einbindung in ihren Referenzrahmen bedarf. Wird das versäumt, entfernen sich die Ergebnisse von den gesellschaftlichen Realitäten aus denen sie resultieren. Dadurch werden Untersuchungen ihrer Analysefähigkeit beraubt.

Eine Studie zu Bevölkerungseinstellungen ist selbstredend keine Minderheitenstudie. Im vorliegenden Fall beinhaltet sie keine Situationsbeschreibung zu Sinti und Roma und ermittelt auch keine reale Diskriminierung. Es handelt sich um eine Studie über die Mehrheit und ihre Einstellungen, Vorstellungen und ihr Wissen bezüglich der Minderheit. Auf diesem Weg analysiert sie Gesellschaft und lässt sich nicht als „Antiziganismus“-Studie einordnen. Eine damit einhergehende thematische Engführung wäre eine Absage an das Erkenntnisinteresse, da sie sich auf den Ablehnungsaspekt beschränkte, der nur einen Teil der Untersuchung bildet.

Umfragen sind eine künstliche Problemsetzung. Man geht davon aus, dass jeder eine Meinung zu dem Thema hat. Weiterhin werden alle Meinungen als gleichwertig erfasst, obwohl sie in Abhängigkeit von der jeweiligen Person nicht dieselbe reale Wirkkraft haben. Es macht einen großen Unterschied, ob sich jemand mit oder ohne Berührung zum Thema äußert. Und die Macht zur wirkmächtigen Artikulation und Handlung ist bei Mandats- und Funktionsträgern um ein Vielfaches größer als beim gesellschaftlichen Durchschnitt. Aber nur den erfasst eine Umfrage, um gesamtgesellschaftliche Tendenzen zu ermitteln.

Im Vorfeld und parallel zur Studie erfassten auch andere Umfragen Einstellungen zu Sinti und Roma. Breiter rezipiert wurden die Ergebnisse zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) aus dem Jahr 2011. Die Abwertung von Sinti und Roma wurde anhand von drei Fragen ermittelt: a) „Ich hätte ein Problem damit, wenn sich Sinti und Roma in meiner Gegend aufhalten, b) Sinti und Roma sollten aus den Innenstädten verbannt werden, c) Sinti und Roma neigen zur Kriminalität“. Die Fragen fanden 2014 in Folgeprojekten mehrfache Anwendung. Sie zeigten dabei einerseits eine deutliche Zunahme der Negativaussagen. In der Reihenfolge die Zunahme von 2011 zu 2014:

  • a) von 40,1 auf 55,4 Prozent
  • b) von 27,7 auf 47,1 Prozent
  • c) von 44,2 auf 55,9 Prozent.

In einem anderen Umfragedurchlauf – gleichfalls aus der GMF-Forschung hervorgegangen – vom Sommer 2014 wurden die Fragen a) und c) wortgleich gestellt. Die Ergebnisse lagen mit 31,1 Prozent (a) und 38,3 Prozent (c) erkennbar niedriger. Eine weitere zeitnahe Untersuchung unter dem Titel „Zugehörigkeit und (Un)Gleichwertigkeit“, fragte ebenfalls wortgleich zur GMF-Studie nach einer Kriminalitätsneigung, während die Frage nach der räumlichen Nähe umformuliert wurde: „In meiner Nachbarschaft sind mir Sinti und Roma genauso recht wie andere Menschen.“ Es zeigten sich deutlich geringere Werte bei den Negativaussagen (23,1 Prozent und 22,1 Prozent). Auf vergleichbarem Niveau liegen die Ergebnisse der Studie „Zwischen Gleichgültigkeit und Ablehnung“, die diesen Aspekt erfassten.

Nicht allein methodisch sind der Vergleichbarkeit zwischen unterschiedlichen Umfragen sehr enge Grenzen gesetzt. Ohne die Berücksichtigung der jeweiligen Studienkonzeption sind darauf basierende Aussagen gehaltlos. Worauf sich das Erkenntnisinteresse einer Umfrage richtet, entscheidet über die methodische Vorgehensweise sowohl bezüglich der Frageformulierung und Frageformate (wie: Ja-Nein/Optionen/Skalierungen/offene Fragen) als auch der Skalenwahl. Diese Merkmale unterliegen nicht der Beliebigkeit und lassen sich nicht nach richtig oder falsch klassifizieren. Im Fall einer auf die Erfassung von Ablehnung und Abwertung angelegten Studie können Drastik und polarisierende Wirkung bei der Frageformulierung adäquate Mittel sein.

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