MiGAZIN

NSU

Kai Dalek – zwischen staatlichem und neonazistischem Untergrund

Kai Dalek steht als Zeuge im NSU-Prozess vor Gericht. Er ist nicht nur für die Nebenklage von besonderer Bedeutung. In der Neonaziszene ist er ein „Führungskamerad“, ein Bindeglied zwischen neonazistischen Kameradschaften und terroristischem Untergrund. Und für den Geheimdienst?

Kai Dalek war „einer der Führungsköpfe der 1984 vom damaligen Neonazi-Führer Michael Kühnen gegründeten Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front (GdNF) und Mitglied der 1989 aus dem Bremer Landesverband der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) heraus gegründeten Kühnen-treuen Deutschen Alternative (DA). Der umtriebige Neonazi leitete ab 1988 die GdNF-Vorfeldorganisation Antikommunistische Aktion (ANTIKO), eine Vorläuferorganisation der Anti-Antifa.“1

In den 90er Jahren hatte er enge Kontakte zum Thüringer Heimatschutz (THS). Er nahm über Jahre an deren „Mittwochstreffen“ teil. 1992 beteiligte er sich an „Wehrsportübungen“ des THS in Jena.

Besonders verdient machte sich Kai Dalek, als er in derselben Zeit maßgeblich daran beteiligt war, ein internes, nach außen hin abgeschottetes Kommunikationssystem für Neonazis aufzubauen: das Thule-Netz. Ziel war es, die verschiedenen neonazistischen Gruppierungen bundesweit miteinander zu koordinieren.

Diese Führungsarbeiten brachten ihn in engen Kontakt zum späteren NSU. Er hatte nicht nur direkte Verbindungen zu den namentlich bekannten NSU-Mitgliedern, sondern auch zu den Neonazis Tino Brandt und Thomas Dienel.

Wie eng Kai Dalek im NSU-Netzwerk integriert war, welches Vertrauen er dort genoss, belegt auch ein weiterer Umstand: Sein Name findet sich auf der konspirativen Adress- und Telefonliste, die man 1998 in der Garage in Jena gefunden hatte: Das „Who is Who“ des späteren NSU-Netzwerkes.

Der NSU-VS-Komplex. Wo beginnt der Nationalsozialistische Untergrund – wo hört der Staat auf? Unrast Verlag 2013/2. Auflage

All das wäre für eine typische Neonazikarriere nichts besonders auffälliges. Das besondere an Kai Dalek ist, dass er – aller Wahrscheinlichkeit nach – gar kein Neonazi war. Viele Belege führen eher zu der Annahme, dass er gezielt als verdeckter Ermittler in die Neonaziszene eingeschleust wurde und immer wieder genaue Anweisungen erhielt, in welche Richtung er sich weiter bewegen sollte.

Zu diesem Schluss kommt auch die Recherche von Gamma: „Er hat eine interessante Biographie: Erst war er Spitzel links, dann Spitzel rechts, schließlich Spitzel im Bereich organisierte Kriminalität, sein ganzes Leben lang. Mit anderen Worten ist er wahrscheinlich kein V-Mann, sondern ein verdeckter Ermittler.“

Fakt ist bis zum heutigen Tag, dass Kai Dalek im Dienst des Landesamtes für Verfassungsschutzes in Bayern neonazistische Strukturen mit aufgebaut hatte. Ob er als V-Mann tätig war, also als Neonazi angeworben wurde, oder als Geheimdienstmitarbeiter dort eingeschleust wurde, um u.a. das Thule-Netz aufzubauen, lassen sein Dienstherr und er unbeantwortet. Soweit reiche seine „eingeschränkte Aussagegenehmigung“ nicht.

Das spottet zwar jeder angemahnten und versprochenen lückenlosen Aufklärung, aber wer glaubt daran noch.

Seinen Angaben vor Gericht zufolge habe (er) seine Nazi-Aktivitäten 1987 im Auftrag des Landesamtes aufgenommen, er habe im Auftrage des Landesamtes auch den Kontakt zu Brandt und dem THS aufgenommen. Die Frage, ob er im Auftrage des Landesamtes den Aufbau des Thule-Netzes betrieben habe, verneinte er nicht, sondern verweigerte die Antwort unter Hinweis auf die eingeschränkte Aussagegenehmigung. Er gab aber an, über das Thule-Netz habe Brandt und unter Umständen auch andere THS-Mitglieder kommunizieren können, auch eine verschlüsselte Kommunikation sei möglich gewesen. Es habe für Uwe Mundlos oder andere THSler auch die Möglichkeit gegeben, über einen anderen Thule-Netz-Betreiber, beispielsweise in Erlangen, Zugang zu bekommen. Die Aussage verweigerte Dalek auch auf die Frage, ob er dem BayLfV technische Möglichkeiten eingerichtet habe, alle angemeldeten Benutzer des Thule-Netzwerkes zu identifizieren und allen Datenverkehr zu kopieren bzw. zu speichern.2

Dass Kai Dalek als verdeckter Ermittler in neonazistischen Strukturen agierte, legt er mit seiner Wortwahl sehr nahe. Das hieße in aller Konsequenz: Alles, was Kai Dalek gemacht hat, hatte den operativen Sinn, gerade auch konspirative Strukturen neonazistischer Gruppierungen für den Geheimdienst zugänglich zu machen. Wenn Kai Dalek also zu der Frage nach seinem genauen Arbeitsauftrag keine Angaben macht, dann hat das einen sehr verfassungsfeindlichen Grund:

Er will und muss verheimlichen, dass der Geheimdienst beim Aufbau konspirativer Strukturen von Neonazis maßgeblich beteiligt war – also alles andere als ahnungslos und blind war. Schließlich macht seine Beteiligung nur Sinn, wenn er diese Führungsfunktion dazu nutzte, seinem Dienstherrn den freien Zugang zu diesem konspirativen Kommunikationssystem zu gewährleisten – beispielsweise durch entsprechende Quellcodes.

Und auch hier stellt sich einmal mehr die Frage: Was ist an diesem Untergrund staatlich lizenziert, was ist an dem Untergrund neonazistisch?

An der Person Kai Dalek zeigt sich dies auch auf eine andere Weise: In seinen Aussagen fallen die Namen mehrerer Neonazis, zu denen er Kontakt aufnehmen sollte, zu denen er Kontakt hatte: u.a. zu Tino Brandt und Thomas Dienel, die allesamt im NSU-Netzwerk aktiv waren … und gleichfalls als V-Leute geführt wurden.

Wer traf sich also dort jeweils? Ein verdeckter Ermittler mit zwei V-Leuten oder drei V-Männer in neonazistischem Ambiente?

  1. bnr.de vom 17.10.2012  []
  2. Mehr vom ›Führungskameraden‹ Dalek, Nebenanklage NSU-Prozess vom 19.11.2014  []