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Perspektivwechsel

Woher kommst Du? Ich meine wirklich?

Woher kommst Du? Darf man diese Frage stellen? Ist das einfache Neugier oder steckt mehr hinter dieser Frage? Tupoka Ogette kennt diese Frage zur Genüge, die Motivation dahinter auch – ein neuer Perspektivwechsel:

Es ist 6.30 Uhr Samstagmorgen. Ich steige – herausgeputzt und mit meiner Flipchartrolle im Gepäck – in das Taxi, das mich erwartet.

„Zum Hauptbahnhof.” sage ich. „Nehmen Sie bitte die Stadtautobahn, das geht um diese Uhrzeit meistens schneller. Danke. „Eine eulenartige Sonnenbrille soll meine noch müden Augen vor dem Tageslicht schützen. Ich bemerke, wie der Taxifahrer immer wieder neugierig in den Rückspiegel schaut, um mich zu betrachten. Er rutscht auf seinem Fahrersitz hin und her, ich merke, ihm brennt etwas auf den Lippen. Oh nein, denke ich. Nicht vor dem ersten Kaffee.

Aber da kann er sich schon nicht mehr bremsen. „Sagen se mal, aus welchem schönen Land kommen SIE denn?”. Ich blicke kurz hoch und sage mit freundlicher aber wie ich finde fester Stimme: „Aus dem schönen Land Deutschland!”

Ich schaue weiter nach draußen. Ich versuche entspannt zu wirken. Innerlich aber bin ich angespannt. Der Taxifahrer scheint unzufrieden. Er rutscht weiter auf seinem Sitz hin und her. „Naja, ich meine, ich wollte eigentlich wissen, wo ich denn demnächst mal gut Urlaub machen kann? Da wo sie herkommen, ist es doch sicher warm?” Ich schweige. Leicht verunsichert, aber nur leicht, fährt er fort: „ Sie haben doch noch was anderes in Ihrem Blut. Was ist denn das?” Ich seufze resigniert. Um diese Uhrzeit und ohne wenigstens ein Gramm Koffein in mir, schaffe ich es nicht mehr, dagegen zu halten. Also spule ich die Antwort ab, die er hören will. „Meine Mutter ist Deutsche und mein Vater ist…. aus Tanzania.” „Aha!” ruft er. Sichtlich erleichtert, als fallen ihm drei Zentner Gewicht von den Schultern. „Wusste ich es doch. Ich war schon mal in Kenia. Schön da. Die Menschen sind so offen….. „ er redet weiter, aber ich höre nicht mehr zu.

Wenn ich (weißen) Menschen in meinen Workshops und Seminaren sage, dass mich die Frage „Woher kommst Du?” und alle ihre verschiedenen Variationen nervt und dass das auch mit einer Form von Rassismus zu tun hat, die sich „othering”1 nennt, treffe ich oft auf eine Welle der Empörung. Selbst Workshopteilnehmer, die bis jetzt gutwillig zugehört und wirklich versucht haben, sich auf das Thema einzulassen, streiken oft spätestens jetzt.

„Das wird man ja wohl noch fragen dürfen!” „Ich bin eben interessiert an anderen Menschen!” oder „Jetzt hört es aber auf, ich bin doch nur neugierig!”.

Also erzähle ich Ihnen folgende Geschichte:

Ein vierjähriger Junge wird von einer erwachsenen Person gefragt: „Woher kommst Du?” Er antwortet: „Vom Spielplatz”. Der gleiche Junge wird zwei Jahre später gefragt: „Woher kommst Du?” „Aus Vietnam!” „Wie alt bist Du?” „Sechs.” „Wie lange bist Du schon hier?” „Zehn Jahre!”. Eine kuriose Konversation mit einem verwirrten Kind? Nein. Das Kind hat gelernt, dass es aufgrund bestimmter äußerer Merkmale mit Informationen zu einer Migrationsgeschichte antworten soll. Obwohl er in Deutschland geboren ist.

„Ist doch nicht schlimm.” lese ich aus den Augen der Teilnehmenden meines Workshops. Ist doch interessant. Und das Kind soll sich doch nicht dafür schämen wo es herkommt.

Also erzähle ich weiter: Ich selbst bin in Leipzig geboren. Ich sprach Deutsch wie alle, dachte und träumte in Deutsch, aß gern Leipziger Allerlei und konnte bei Bedarf einen phänomenalen sächsischen Dialekt hinlegen. Leipzig war meine Heimat. Die Menschen außerhalb meiner Familie, im Kindergarten, auf der Straße, in der Straßenbahn, sahen das anders. Ständig und immer wieder suggerierten sie – mal mehr und mal weniger subtil, dass ich nicht so aussah, wie man hier aussieht, und ergo nicht von hier sein konnte. Unzählige Male wurde ich gefragt, wo ich denn WIRKLICH herkam, was für eine „Mischung” ich war, wo meine Wurzeln liegen und ob ich denn nicht mal wieder zurück wolle. Ich wurde für mein gutes Deutsch gelobt.

Im Gymnasium, später in Berlin, sollte ich im Geschichtsunterricht über meine Heimat erzählen. „Also in Leipzig…” fing ich an. „Nein, sagte die Lehrerin mit ernstem Blick, Deine richtige Heimat, im Busch.”

Meine Erfahrungen decken sich oft eins zu eins mit denen meiner Schwarzen oder PoC2-Workshopteilnehmern. Seien es Erwachsene oder Kinder. Letztens, in einem Seminar der Heinrich-Böll-Stiftung, bat ich die Schwarzen und die Teilnehmenden of Color mal Sprüche aufzuschreiben, die sie nie wieder hören wollen. Die Frage „Woher kommst Du, war in verschiedenen Versionen in vier der 15 genannten Sätze enthalten.

Passend dazu auch die Erkenntnis von Anja Krause in Ihrem Artikel „Woher kommst Du? – Wie junge Kinder die Herkunftsfrage begreifen.” aus dem Handbuch Kinderwelten: „Die ‚Herkunftsfrage‘ wird denen gestellt, die als ‚natio-ethno-kulturell auffällig‘ eingestuft werden und zielt daher mehr als auf eine Ortsangabe. Sie fordert dazu auf, sich als Angehörige einer bestimmten national ethnisch und kulturell definierten Gruppe, die NICHT deutsch ist, darzustellen oder zuordnen zu lassen. Und diese Zuordnung ist verbunden mit Zuschreibungen, Bewertungen und Erwartungen.”3

Denn es gibt eine – fiktive – Vorstellung des „normgerechten Deutschen”. Alle, die diesem Idealtyp zu sehr abweichen, müssen irgendwohin verortet werden, wo nicht Deutschland ist. Hinter der Frage verbirgt sich, wenn wir mal ehrlich sind, nicht nur reine Neugier. Hinter der Frage befindet sich ein Wunsch. Der Wunsch nach Ordnung. Der Wunsch zu wissen, mit wem ich es denn da zu tun habe. Der Wunsch, das Gegenüber in (m)eine imaginäre Kiste zu packen. Und auf der Kiste steht „die Anderen”. Da gehörst Du hin. Ich finde Dich interessant, exotisch, spannend, lustig,…. aber eines bist Du nicht (so richtig): Eine von uns. Und diese Verortung hat auch mit Macht zu tun. Denn anerkannter Teil des Clubs „Deutschsein” zu sein, hat einige Vorteile. Zum Beispiel den, Teil der Norm zu sein. Den Schutz der Mehrheit zu genießen. Hierher zu gehören. Und viele mehr. Und wie bei jedem Eliteclub, hat auch nicht jeder so einfach Zutritt.

Das erklärt auch das erleichterte „Aha” des Taxifahrers oder das verwirrte und oft scheinbar endlose Nachfragen nach dem „wirklichen Ursprung”, wenn die Antwort der Schwarzen Workshopteilnehmer „München”, „Hamburg” oder „Rostock” ist.

Die Deutsche und den Deutschen gibt es nicht. Deutschland ist ein Land, in dem inzwischen jeder fünfte Mensch, also immerhin 16 Millionen Menschen, einen sog. Migrationshintergrund nach der Definition im Mikrozensus 2005 hat. Das sind „alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil“.

Laut einer Studie des OECD ist Deutschland das zweitbeliebteste Einwanderungsland der Welt. Deutschland ist außerdem der „zentrale Motor der Migrationsentwicklung Europas” und damit verändert sich die Demografie unseres Landes rapide. Zudem gibt es Schwarze Menschen in Deutschland bereits seit dem 15. Jahrhundert. Es gibt eine Schwarze deutsche Geschichte.

Als Kind habe ich oft gedacht, dass ich vielleicht tatsächlich nicht hierher gehöre, wenn es doch so viele sagen. Ich kam ins Zweifeln. Jetzt, als erwachsene Frau, Mutter von zwei Schwarzen deutschen Söhnen und Antirassismustrainerin, fordere ich den Mainstream heraus umzudenken. Lasst uns das Verständnis, was und vor allem wer Deutsch ist, erneuern.

In einem Interview fragte mich die Journalistin letztens : „Was bedeutet Heimat für Sie?” Ich sagte: „Heimat ist der Ort, an dem ich mich nicht erklären muss.”

Kurz danach ging ich zum Arzt wegen Magenproblemen. Noch bevor sie mich begrüßt und mir einen Sitz anbietet, sagt die Ärztin: „So, und wo sind Ihre Wurzeln?”

„In Deutschland”, sage ich.

„Nein nein, da ist doch noch mehr.” sagt sie.

„Tanzania“ ,sage ich resigniert.

„Aha.“ sagt sie, sichtlich erleichtert.

„Und wo sind Ihre Wurzeln?“, frag ich.

„Das werden Sie nicht kennen, in der Lausitz, bei Dresden”.

”Oh” sage ich, „Ich bin in Leipzig geboren, dann sind unsere Wurzeln ja gar nicht so weit voneinander entfernt.“

„Na ja, aber NUR DIE HALBEN!” ruft sie entsetzt.

Nach einer gefühlten Ewigkeit fragt sie: „Warum sind Sie heute hier in der Praxis?”

„Magenprobleme.” sage ich.

„Könnte Stress sein.” sagt sie.

„Ja”, sage ich nachdenklich. „Könnte.”

  1. othering = andern, jemanden zu dem/der Anderen machen, durch Ausgrenzung in Sprache und Aktion.  []
  2. PoC- Person of Color (Plural: people of color) ist ein Begriff aus dem anglo-amerikanischen Raum für Menschen, die gegenüber der weißen Mehrheitsgesellschaft als nicht-weiß gelten und sich wegen ethnischer Zuschreibungen („Sichtbarkeit“) alltäglichen, institutionellen und anderen Formen des Rassismus ausgesetzt fühlen.  []
  3. Anke Krause. „Woher kommst du? – Wie junge Kinder Herkunftsfragen begreifen” aus Handbuch Kinderwelten. 2008. Herder Verlag  []