MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Gedenken an Holocaust Teil unserer gemeinsamen Leitkultur.

Armin Laschet, Nordrhein-Westfälischer Integrationsminister, MiGAZIN, 28. Januar 2010

Perspektivwechsel

Woher kommst Du? Ich meine wirklich?

Woher kommst Du? Darf man diese Frage stellen? Ist das einfache Neugier oder steckt mehr hinter dieser Frage? Tupoka Ogette kennt diese Frage zur Genüge, die Motivation dahinter auch – ein neuer Perspektivwechsel:

VONTupoka Ogette

Die Verfasserin berät als Expertin für Vielfalt und Antidiskriminierung vor allem in den Bereichen Antirassismus, vorurteilsbewusste Bildung, Diversity und Empowerment. Als Trainerin und Beraterin ist sie neben dem Unternehmensbereich vor allem in Bildungsstätten (Schulen, Kitas,) Stiftungen und NGO's tätig. Mehr über sie unter: tupokaogette.de.

DATUM13. November 2014

KOMMENTARE37

RESSORTGesellschaft, Leitartikel, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , ,

Seite 1 2

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Es ist 6.30 Uhr Samstagmorgen. Ich steige – herausgeputzt und mit meiner Flipchartrolle im Gepäck – in das Taxi, das mich erwartet.

„Zum Hauptbahnhof.” sage ich. „Nehmen Sie bitte die Stadtautobahn, das geht um diese Uhrzeit meistens schneller. Danke. „Eine eulenartige Sonnenbrille soll meine noch müden Augen vor dem Tageslicht schützen. Ich bemerke, wie der Taxifahrer immer wieder neugierig in den Rückspiegel schaut, um mich zu betrachten. Er rutscht auf seinem Fahrersitz hin und her, ich merke, ihm brennt etwas auf den Lippen. Oh nein, denke ich. Nicht vor dem ersten Kaffee.

Aber da kann er sich schon nicht mehr bremsen. „Sagen se mal, aus welchem schönen Land kommen SIE denn?”. Ich blicke kurz hoch und sage mit freundlicher aber wie ich finde fester Stimme: „Aus dem schönen Land Deutschland!”

Ich schaue weiter nach draußen. Ich versuche entspannt zu wirken. Innerlich aber bin ich angespannt. Der Taxifahrer scheint unzufrieden. Er rutscht weiter auf seinem Sitz hin und her. „Naja, ich meine, ich wollte eigentlich wissen, wo ich denn demnächst mal gut Urlaub machen kann? Da wo sie herkommen, ist es doch sicher warm?” Ich schweige. Leicht verunsichert, aber nur leicht, fährt er fort: „ Sie haben doch noch was anderes in Ihrem Blut. Was ist denn das?” Ich seufze resigniert. Um diese Uhrzeit und ohne wenigstens ein Gramm Koffein in mir, schaffe ich es nicht mehr, dagegen zu halten. Also spule ich die Antwort ab, die er hören will. „Meine Mutter ist Deutsche und mein Vater ist…. aus Tanzania.” „Aha!” ruft er. Sichtlich erleichtert, als fallen ihm drei Zentner Gewicht von den Schultern. „Wusste ich es doch. Ich war schon mal in Kenia. Schön da. Die Menschen sind so offen….. „ er redet weiter, aber ich höre nicht mehr zu.

Wenn ich (weißen) Menschen in meinen Workshops und Seminaren sage, dass mich die Frage „Woher kommst Du?” und alle ihre verschiedenen Variationen nervt und dass das auch mit einer Form von Rassismus zu tun hat, die sich „othering”1 nennt, treffe ich oft auf eine Welle der Empörung. Selbst Workshopteilnehmer, die bis jetzt gutwillig zugehört und wirklich versucht haben, sich auf das Thema einzulassen, streiken oft spätestens jetzt.

„Das wird man ja wohl noch fragen dürfen!” „Ich bin eben interessiert an anderen Menschen!” oder „Jetzt hört es aber auf, ich bin doch nur neugierig!”.

Also erzähle ich Ihnen folgende Geschichte:

Ein vierjähriger Junge wird von einer erwachsenen Person gefragt: „Woher kommst Du?” Er antwortet: „Vom Spielplatz”. Der gleiche Junge wird zwei Jahre später gefragt: „Woher kommst Du?” „Aus Vietnam!” „Wie alt bist Du?” „Sechs.” „Wie lange bist Du schon hier?” „Zehn Jahre!”. Eine kuriose Konversation mit einem verwirrten Kind? Nein. Das Kind hat gelernt, dass es aufgrund bestimmter äußerer Merkmale mit Informationen zu einer Migrationsgeschichte antworten soll. Obwohl er in Deutschland geboren ist.

„Ist doch nicht schlimm.” lese ich aus den Augen der Teilnehmenden meines Workshops. Ist doch interessant. Und das Kind soll sich doch nicht dafür schämen wo es herkommt.

Also erzähle ich weiter: Ich selbst bin in Leipzig geboren. Ich sprach Deutsch wie alle, dachte und träumte in Deutsch, aß gern Leipziger Allerlei und konnte bei Bedarf einen phänomenalen sächsischen Dialekt hinlegen. Leipzig war meine Heimat. Die Menschen außerhalb meiner Familie, im Kindergarten, auf der Straße, in der Straßenbahn, sahen das anders. Ständig und immer wieder suggerierten sie – mal mehr und mal weniger subtil, dass ich nicht so aussah, wie man hier aussieht, und ergo nicht von hier sein konnte. Unzählige Male wurde ich gefragt, wo ich denn WIRKLICH herkam, was für eine „Mischung” ich war, wo meine Wurzeln liegen und ob ich denn nicht mal wieder zurück wolle. Ich wurde für mein gutes Deutsch gelobt.

Im Gymnasium, später in Berlin, sollte ich im Geschichtsunterricht über meine Heimat erzählen. „Also in Leipzig…” fing ich an. „Nein, sagte die Lehrerin mit ernstem Blick, Deine richtige Heimat, im Busch.”

Meine Erfahrungen decken sich oft eins zu eins mit denen meiner Schwarzen oder PoC2-Workshopteilnehmern. Seien es Erwachsene oder Kinder. Letztens, in einem Seminar der Heinrich-Böll-Stiftung, bat ich die Schwarzen und die Teilnehmenden of Color mal Sprüche aufzuschreiben, die sie nie wieder hören wollen. Die Frage „Woher kommst Du, war in verschiedenen Versionen in vier der 15 genannten Sätze enthalten.

  1. othering = andern, jemanden zu dem/der Anderen machen, durch Ausgrenzung in Sprache und Aktion. []
  2. PoC- Person of Color (Plural: people of color) ist ein Begriff aus dem anglo-amerikanischen Raum für Menschen, die gegenüber der weißen Mehrheitsgesellschaft als nicht-weiß gelten und sich wegen ethnischer Zuschreibungen („Sichtbarkeit“) alltäglichen, institutionellen und anderen Formen des Rassismus ausgesetzt fühlen. []
Seite: 1 2
Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

37 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Ramona sagt:

    Mir wird diese Frage auch gestellt- na und? ich komme aus osteuropa und man sieht es. na und? ich frage auch einen menschen mit bayrischen Dialekt ob er aus bayern kommt. meistens sind die leute dann nicht beleidigt. Vielleicht ist es ja einfach das interesse am Fremden und an anderen Kulturen oder wirklich nur Smalltalk.
    Scheinbar legt der Autor des Artikels viel Wert darauf, dass er aus Leipzig kommt. Vielleicht ist das eigene Heimatbewusstsein so groß, dass er das gleiche von anderen erwartet…
    Der heutigen Generation gehört die ganze Welt, die interessieren sich nicht für Wurzeln sondern für Kulturen und was man erleben kann. Ok Ältere gehen mit dem thema vielleicht anders um, aber das liegt einfach an der Geschichte, die sie durch gemacht haben. Für micht macht der Artikel aus einer kleinigkeit einen Elefanten, für den sich eigentlich keiner mehr interessiert. Wenn man jemanden nicht mal mehr fragen darf wo er her kommt fängt eine ganz andere Art von Intolleranz aus einer ganz anderen Ecke wieder von neuem an.

  2. gabyz sagt:

    @Songül Ich verstehe Ihre Gedanken sehr gut und bin da ganz bei Ihnen. Ich habe den Artikel aber ganz anders gelesen. Als Stück über das Thema Schwarze Haare und Rassismus. Als Aufsatz über den Schmerz und die Verzweiflung, den eine Mutter tragen muss und in die sie getrieben wird durch alltäglichen, banalen und doch so einschneidenden Rassismus, der oft so gedankenlos daher kommt. Es gibt tatsächlich Familien mit Schwarzen Kindern, die die Haare der Kinder kurz halten, damit diese ein bisschen geschützter sind vor Übergriffen. Das ist sehr, sehr traurig, aber ich würde das wohl kaum den besorgten Eltern anlasten… ich kenne die Autorin übrigens persönlich und kann Ihnen versichern, dass ihr Sohn wunderbare, lange Locken hat 😉

  3. Andy sagt:

    Die Frage ist mir auch schon oft gestellt worden… wegen meinem Dialekt!
    Ich finde wichtig, dass man für das Stellen einer solchen Frage nicht verurteilt wird sondern einfach die Frage beantwortet. Ich würde gerne wissen, wie die Autorin reagiert hätte wenn der Taxifahrer ebenfalls offensichtliche äußere Merkmale gehabt hätte, die auf seine Wurzeln in einer anderen Region hingewiesen hätten.

  4. Hamdi sagt:

    Die Frage „woher kommst du?“, empfinde ich durchaus als nervig, die Frage „woher kommen Sie wirklich“ schon als penetrant und unverschämt.

  5. Hendrik sagt:

    Nicht fragen zu dürfen ist aber auch eine Ausgrenzung!

  6. nanni60 sagt:

    Fahren sie mal in die Türkei, da werden sie immer und überall gefragt, woher sie kommen. Einerseits ists Interesse, andererseits wohl die Möglichkeit, einen potenziellen Käufer richtig einschätzen zu können. Ist das dann auch Rassismus oder einfach nur Gewohnheit? Und dann bleibts nicht bei dieser Frage, nein, man wird auch noch gefragt, ob man Kinder hat, verheiratet ist u.s.w.u.s.f.. Wird dieser Korb nur bei uns so hoch gehängt und anderswo empfindet man das als nett? Ich empfinde das nicht als rassistisch, aber als lästig.

  7. Fiona W. sagt:

    Vielen Dank für den Artikel.

    Ich habe die Nase voll von der Frage ‚Woher kommst du?‘, die ich fast jeder Woche höre. Nicht nur diese Frage mich nervt, sondern auch die nachfolgende Fragen, ‚Ich meine, woher kommst du ursprunglich?‘ und ‚Warst du da geboren?‘ – und eine der schlimmste, die ich bisher bekommt habe: ‚Woher kommen deine Vorfahren?‘

    Diese nachfolgende Fragen höre ich ungerne, weil es mir deutlich ist, dass meine erste Antwort nicht die erwartete Antwort war, und deshalb wurde nicht im Ernst genommen.

  8. […] Woher kommst Du? Ich meine wirklich?: […]

  9. Conny sagt:

    Ich habe den Eindruck, dass viele hier schreibende nicht verstehen, dass es nicht darum geht, irgendwo im Urlaub zu sein und DANN gefragt zu werden, woher man kommt. Ich denke, dass jeder von uns als Tourist gerne Auskunft darüber gibt, woher er kommt. Aber das ist doch hier eine ganz andere Situation: Wenn man (wie es meinem Schwarzen Mann vor kurzem ging) beim Aldi in der Schlange vor der Kasse ansteht, und dann von einem komplett unbekannten Mann mehrfach penetrant gefragt wird, woher man kommt und als mein Mann dann endlich die Neugierde dieses Mannes und 10 weiterer Wartender befriedigt hat, noch gefragt wird, wo man denn arbeitet, ob man überhaupt arbeitet oder man wohl ein Sozialschmarotzer sei, dann ist das doch wohl ein Grund für hohen Blutdruck. .. Übrigens mischten sich dann doch einige Umstehende ein und fanden diese Frage sehr übergriffig, das gibt mir Hoffnung.
    Und nein, Schwarze Menschen müssen diese Frage nicht beantworten. Weder einem unbekannten Taxifahrer noch sonst jemanden. Sie KÖNNEN das beantworten, wenn sie jemanden näher kennen lernen und dieses Thema aufkommt. Ehrlich gesagt hatte ich schon Kontakt zu Schwarzen Menschen und habe sie im Laufe eines Jahres nicht gefragt, was sie für Wurzeln haben. Und das geht auch. Klar wird in den USA ständig gefragt, woher man kommt, allerdings wird das auch dort von vielen als stark übergriffig empfunden, besonders wenn aus dem Aussehen die rassische Zugehörigkeit nicht erkennbar ist und gefragt wird: What are you ?

    Man sollte sich die Situation einfach mal umgedreht vorstellen, wenn eine weiße Person täglich – möglicherweise mehrfach – diese Frage beantworten müsste und wie lustig sie es dann noch empfinden würde. Nur weil man Schwarz ist, ist man nicht exotisch und aufregend, sondern trotzdem nur ein ganz normaler Mensch. Ich danke Tupoka Ogette sehr für ihren Artikel, der mir nur aus der Seele spricht. Ich würde mir wirklich wünschen, dass die Lesenden die Lebenswirklichkeit anderer einfach mal stehen lassen könnten.

  10. Joshua sagt:

    @Conny

    „Schwarze Menschen“… so so. Also ich würde sagen, diese Aussage ist so ziemlich das rassistischste, was ich hier bisher gelesen habe. Sie meinen es nicht so, aber das offenbart ja eigentlich alles. Solange man selbst noch so eine Unterteilung im Kopf hat, sind wir noch weit davon entfernt, den Alltagsrassismus aus den Köpfen zu bekommen. Das betrifft auch diesen Artikel, auch dieser sagt „Wir-Ihr“. Schade!


Seite 3/4«1234»

Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...