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Migration und Integration in Deutschland

Er [ein Paß] kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.

Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche, 1940

Perspektivwechsel

Woher kommst Du? Ich meine wirklich?

Woher kommst Du? Darf man diese Frage stellen? Ist das einfache Neugier oder steckt mehr hinter dieser Frage? Tupoka Ogette kennt diese Frage zur Genüge, die Motivation dahinter auch – ein neuer Perspektivwechsel:

VONTupoka Ogette

Die Verfasserin berät als Expertin für Vielfalt und Antidiskriminierung vor allem in den Bereichen Antirassismus, vorurteilsbewusste Bildung, Diversity und Empowerment. Als Trainerin und Beraterin ist sie neben dem Unternehmensbereich vor allem in Bildungsstätten (Schulen, Kitas,) Stiftungen und NGO's tätig. Mehr über sie unter: tupokaogette.de.

DATUM13. November 2014

KOMMENTARE37

RESSORTGesellschaft, Leitartikel, Meinung

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Passend dazu auch die Erkenntnis von Anja Krause in Ihrem Artikel „Woher kommst Du? – Wie junge Kinder die Herkunftsfrage begreifen.” aus dem Handbuch Kinderwelten: „Die ‚Herkunftsfrage‘ wird denen gestellt, die als ‚natio-ethno-kulturell auffällig‘ eingestuft werden und zielt daher mehr als auf eine Ortsangabe. Sie fordert dazu auf, sich als Angehörige einer bestimmten national ethnisch und kulturell definierten Gruppe, die NICHT deutsch ist, darzustellen oder zuordnen zu lassen. Und diese Zuordnung ist verbunden mit Zuschreibungen, Bewertungen und Erwartungen.”1

Denn es gibt eine – fiktive – Vorstellung des „normgerechten Deutschen”. Alle, die diesem Idealtyp zu sehr abweichen, müssen irgendwohin verortet werden, wo nicht Deutschland ist. Hinter der Frage verbirgt sich, wenn wir mal ehrlich sind, nicht nur reine Neugier. Hinter der Frage befindet sich ein Wunsch. Der Wunsch nach Ordnung. Der Wunsch zu wissen, mit wem ich es denn da zu tun habe. Der Wunsch, das Gegenüber in (m)eine imaginäre Kiste zu packen. Und auf der Kiste steht „die Anderen”. Da gehörst Du hin. Ich finde Dich interessant, exotisch, spannend, lustig,…. aber eines bist Du nicht (so richtig): Eine von uns. Und diese Verortung hat auch mit Macht zu tun. Denn anerkannter Teil des Clubs „Deutschsein” zu sein, hat einige Vorteile. Zum Beispiel den, Teil der Norm zu sein. Den Schutz der Mehrheit zu genießen. Hierher zu gehören. Und viele mehr. Und wie bei jedem Eliteclub, hat auch nicht jeder so einfach Zutritt.

Das erklärt auch das erleichterte „Aha” des Taxifahrers oder das verwirrte und oft scheinbar endlose Nachfragen nach dem „wirklichen Ursprung”, wenn die Antwort der Schwarzen Workshopteilnehmer „München”, „Hamburg” oder „Rostock” ist.

Die Deutsche und den Deutschen gibt es nicht. Deutschland ist ein Land, in dem inzwischen jeder fünfte Mensch, also immerhin 16 Millionen Menschen, einen sog. Migrationshintergrund nach der Definition im Mikrozensus 2005 hat. Das sind „alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil“.

Laut einer Studie des OECD ist Deutschland das zweitbeliebteste Einwanderungsland der Welt. Deutschland ist außerdem der „zentrale Motor der Migrationsentwicklung Europas” und damit verändert sich die Demografie unseres Landes rapide. Zudem gibt es Schwarze Menschen in Deutschland bereits seit dem 15. Jahrhundert. Es gibt eine Schwarze deutsche Geschichte.

Als Kind habe ich oft gedacht, dass ich vielleicht tatsächlich nicht hierher gehöre, wenn es doch so viele sagen. Ich kam ins Zweifeln. Jetzt, als erwachsene Frau, Mutter von zwei Schwarzen deutschen Söhnen und Antirassismustrainerin, fordere ich den Mainstream heraus umzudenken. Lasst uns das Verständnis, was und vor allem wer Deutsch ist, erneuern.

In einem Interview fragte mich die Journalistin letztens : „Was bedeutet Heimat für Sie?” Ich sagte: „Heimat ist der Ort, an dem ich mich nicht erklären muss.”

Kurz danach ging ich zum Arzt wegen Magenproblemen. Noch bevor sie mich begrüßt und mir einen Sitz anbietet, sagt die Ärztin: „So, und wo sind Ihre Wurzeln?”

„In Deutschland”, sage ich.

„Nein nein, da ist doch noch mehr.” sagt sie.

„Tanzania“ ,sage ich resigniert.

„Aha.“ sagt sie, sichtlich erleichtert.

„Und wo sind Ihre Wurzeln?“, frag ich.

„Das werden Sie nicht kennen, in der Lausitz, bei Dresden”.

”Oh” sage ich, „Ich bin in Leipzig geboren, dann sind unsere Wurzeln ja gar nicht so weit voneinander entfernt.“

„Na ja, aber NUR DIE HALBEN!” ruft sie entsetzt.

Nach einer gefühlten Ewigkeit fragt sie: „Warum sind Sie heute hier in der Praxis?”

„Magenprobleme.” sage ich.

„Könnte Stress sein.” sagt sie.

„Ja”, sage ich nachdenklich. „Könnte.”

  1. Anke Krause. „Woher kommst du? – Wie junge Kinder Herkunftsfragen begreifen” aus Handbuch Kinderwelten. 2008. Herder Verlag  []
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37 Kommentare
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  1. Nils sagt:

    Super Artikel! In der Soziologie lässt sich das theoretisch fassen als ethnic oder symbolic boundary making. Die Frage „Woher kommst Du?“ stärkt dann diese Grenze.

  2. Karim sagt:

    Ja in der Soziologie. Die Soziologie hat heute leider nur noch einen Zweck: So viele Opfer wie möglich zu kreieren, um öffentliche Gelder locker zu machen – zum Beispiel für Seminare der Heinrich-Böll-Stiftung. (Ich bin selbst Soziologe)

    Zum Thema: Ich kenne dieses Problem, aber es ist längst kein Problem mehr für mich. Ich sage dann einfach: Ich komme aus Deutschland, aber mein Vater ist Marokkaner. Früher habe ich das auch als Rassismus wahrgenommen. Bis ich mich irgendwann fragte: Was können die Menschen eigentlich für deine Identitätskomplexe? Wenn du Deutscher sein möchtest, dann bist du das auch, also was interessieren dich die Schubladen der anderen? Es gibt feinfühlige Menschen, die die Frage durchaus gekonnt umgehen und trotzdem herausfinden, was sie wissen möchten, und es gibt Idioten, die das eben nicht können. Solche Artikel bewirken doch nur, dass die Menschen dauer-empört durch das Leben laufen. DAS macht kaputt, nicht die doofe Nachfrage eines Taxifahrers. Außerdem finde ich es bemerkenswert, dass die Autorin selbst zugibt, am beschriebenen Morgen genervt gewesen zu sein. Ich frage mich: Welches Recht haben wir, unseren Mitmenschen fragen verbieten zu möchten, weil wir sie unbequem finden und unseren Kaffee noch nicht hatten? Ich finde das höchst dekadent.

  3. Vielen Dank für diesen Artikel. Ich beschäftige mich noch nicht sehr lange mit kritischem Weißsein und merke, wie sehr ich immer wieder solche Schilderungen brauche, um langsam aber sicher zu begreifen, wie alltäglicher Rassismus funktioniert. Und dass ich mich selber noch oft genug so verhalte.

  4. Eric W. sagt:

    Da ich optisch relativ wenig von meiner japanischen Mutter geerbt habe (weder schwarze Haare noch Augen) wurde ich zwar nie gefragt woher ich wirklich komme, dafür aber ob ich adoptiert bin. Ist das jetzt auch Rassismus? Falls ja, gibts dafür auch so einen tollen Begriff? Reverse-Othering?

  5. Zwiebelchen sagt:

    Die Diskussion über dieses „Woher kommst du“ ist ja nicht ganz neu, erreicht aber gerade wohl einen neuen Höhepunkt. Sie verknüpft die Aspekte Anderssein (also subjektiv „anders als ich“) und Neugierde. Ab wo Neugierde belästigend wird, ist ja auch bei anderen Themen eine eigene Diskussion. Andererseits ist Neugierde das, was die Menschen vorran bringt – halt nicht alle Formen von Neugierde.

    Ich bin „weiß“, also in Deutschland „natio-ethno-kulturell“ unauffällig. Nun lebe ich aber nicht nur in Deutschland, sondern ich wohne auch in Bayern. Ich bin aber nicht in Bayern geboren. Das sieht man mir nicht an, aber man hört es an der Sprachfärbung. Und das führt nun dazu, dass ich schonmal gefragt werde „Wo sind Sie dann her?“.

    Ist das jetzt auch Rassismus? Muss ich mich deswegen beschweren? Sollte ich die Leute, die so etwas fragen zurecht weisen? Es ist klar – solange die eingeborenen Bayern sich nicht als extra Rasse definieren, sind es zwei verschiedene Ebenen (allerdings das auch nur in den Köpfen einiger Leute, die sich über Begriffe wie „Rasse“ selber definieren). Letztlich ist die Frage, wo die Grenze ist. Neugierde ist eben nicht nur schlecht und manchmal macht der Ton die Musik.

    Und ja: mit nur ein wenig Einfühlungsgefühl kann man sich denken, dass manche Fragen einfach nur nerven. Werden sie trotzdem gestellt, ist das aber eher individuelles Fehlverhalten (es ist einfach, Trottel zu finden), und kein gesamtgesellschaftliches Versagen.

    Vielleicht kann Tupoka Ogette oder jemand anders auch mal einen Artikel schreiben über die vielen Leute, die nicht „Woher kommst du“ fragen, denen die Hautfarbe so egal wie die Haarfarbe ist. Ach ja: die meisten Bayern fragen mich nicht nach meinem nicht 100-prozentig bayerisch klingenden Slang. Aber Bayern gehört ja schon eine Weile zu Deutschland.

  6. caro sagt:

    ich finde es mal wieder typisch, dass unter den artikel, wo eine person über ihre eigenen erfahrungen schreibt, und wie sie sie einordnet,dann gleich jemand anderes meint, schreiben zu müssen, dass das nicht so ist.
    warum kann das nicht einfach so stehen bleiben? natürlich ist es nervig und übergriffig, andauernd nach der „herkunft“ gefragt zu werden, obwohl die antwort für den_die fragesteller_in schon feststeht: „nicht von hier/keine_r von uns“ und das ist das problem! so wie es auch oben im text beschrieben steht. und das hat nichts mit persönlichen identitätskonflikten zu tun, weil man eben nicht in deutschland einfach so deutsch sein kann, wenn man das will, weil diese unsägliche blut-und-boden-ideologie noch so fest in den köpfen sitzt, dass es eben auch ein bestimmtes bild davon gibt, wie ein_e deutsche_r aussieht, auch wenn das nichts mit der realität zu tun hat.

  7. Songül sagt:

    Schließe mich Karim an.
    „Was können die Menschen eigentlich für deine Identitätskomplexe?“
    Den Eindruck, sie würde ihre afrikanischen Wurzeln am Liebsten unsichtbar werden lassen, hinterließ die Autorin mit einem ihrer vorherigen Artikel hier auf migazin bereits bei mir:

    http://www.migazin.de/2014/09/19/normal-deutschland-warum-sohn-haare/

    Warum unbedingt othering?! Die fragende Person kann durchaus Deutschland als Einwanderungsland verstehen und akzeptieren – und zwar mit all seiner Vielfalt! Schon mal darüber nachgedacht?!

    Ich, selber natio-ethno-kulturell auffällig, frage auch nach, weil ich es spannend finde. Und je selbstbewusster und offensichtlicher, z.B. durch den Kleidungsstil, Haar(schmuck), die Wurzeln nach außen getragen werden, die Traditionen gepflegt werden, umso spannender finde ich es. Das Gegenteil finde ich traurig, wie in dem oben erwähnten Artikel.

  8. Anna Sampori sagt:

    Das Magazin Exberliner hat vor einigen Monaten einen aehnlichen Artikel publiziert (Autorin „Amok Mama“). Ich hatte die Diskussion letztens mit einer Bekannten, in Deutschland geboren, beide Eltern aus Eritrea. Fuer sie war es -wenn feinfuehlig gefragt wurde- kein Problem, sondern Interesse. Sehe ich als Fragende auch so, zumal bei fast jeder neuen Begegnung in einer Stadt auch die Frage kommt: Und, wo kommst du her? Berlin? Kiel? Muenchen? London? Klar geht‘ s hier um Schubladen, aber positiv betrachtet vereinfachen diese das Leben. Solange sie nicht dazu fuehren, dass man mit Vorurteilen konfrontiert wird wie die Schwaben im Prenzlauer Berg, finde ich das in Ordnung. Eine biografische Familieninfo, die nicht ins Detail
    gehen muss. Schade, wenn das von der Autorin als Antirassismustrainerin nicht so gesehen wird.

  9. Thomas sagt:

    @caro:

    Um von „Woher kommen Sie?“ auf „blut-und-boden-ideologie“ zu kommen, benötigt man schon einen gehörigen Identitätskomplex.

    Menschen machen nunmal gerne Konversation. Konversation benötigt Anknüpfungspunkte. Und da ist die Hautfarbe (ähnlich wie Kleidung, Frisur, Wetter, Bahnstreik, etc…) nunmal einer der ersten und offensichtlichsten Punkte, über die man mit Fremden ins Gespräch kommen kann.

    Ich habe absolutes Verständnis dafür, dass man früh morgens keine Lust auf Konversation hat (geht mir nämlich genauso), aber aus den Smalltalk-Versuchen anderer Menschen Rassismus zu konstruieren ist dann doch etwas gewagt.

  10. Annette sagt:

    vielen dank für diesen artikel.
    ich versuche seit jahren kolleg_innen von mir zu vermitteln, dass es halt nicht „einfach nur“ eine freundliche frage ist, sondern viele menschen verletzt.
    ich zum beispiel werde nie gefragt, woher ich komme – außer ein mal. da war ich mit hamburgern unterwegs und als die meine antwort „aus berlin“ nicht zufrieden waren und begannen theorien aufzustellen woher ich meinen akzent haben könnte . da war ich äußerst verwirrt über das infragestellen meiner antwort – und das war nur ein mal!
    es ärgert mich, dass menschen sich trauen auf diesen privaten bericht zu schreiben , dass es was mit persönlicher überempfindlichkeit zu tun hätte…

    mir scheint manchmal, dieses abchecken von menschen im privaten ergänzt auf brutale weise das racial profiling der polizei. beides richtet sich gegen menschen, die nicht „arisch“ genug aussehen . und wir hatten doch gehofft, diese zeiten seien ein für allemal vorbei.


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