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„Gazes that matter“ – ein stiller Bringer im Berliner Ballhaus Naunynstraße

Was macht ein Raum mit einem Publikum? Das ist die erste Frage des Abends. Tribunal werden Ränder eines Rechtsecks bevölkert. Die Situation lädt zur gegenseitigen Betrachtung ein. Die Anordnung diktiert das Bild, das man abgibt. Das ist die erste Antwort in „Gazes that matter“ von Magda Korsinsky. Jeder zeigt sich aufgeräumt, da er sich als Darsteller gespiegelt sieht. Investitionen in den Körper und seine Verpackung rentieren sich unerwartet. „Schau mich an“, sagt beinah jedes Gesicht.

Wer hätte das gedacht? Für mich ist das jedenfalls eine Überraschung. In einer anderen Raumordnung würden viel mehr Interferenzen zum Erlebnis. Die Leute wären demonstrativ abgeschlossener.

Drei Bänke stehen auf dem Bühnenrechteck. Die Inszenierung beweist, dass es nicht egal ist, wie sie da stehen. Murat Seven betritt die Szene wie ein verspäteter Gast. Er fixiert einzelne Zuschauer, so als würde er sich über ihre Anwesenheit wundern. Seven verkörpert den Smarten. Er setzt Impulse und wartet ab. Daraus ergibt sich eine Reihe von Fragen und Antworten und ganz bestimmt kein Schema F. Die Ergebnisse dieser Verhaltensforschung sind nicht vorhersehbar. Es stellt sich auch nicht das Gefühl von Interaktion ein. Seven manipuliert das Auditorium und mechanisiert es.

Ahmed Soura kreuzt auf. Er vermisst den Raum mit verzogenen Bewegungen. Das Publikum scheint ihn zu irritieren. Er ist der Sonderling auf jeder Party und zugleich ihr bester Tänzer. Einmal steht er kurz vor einer mündlichen Überlieferung seiner Empfindungen, aber da ist etwas, das hemmt ihn bis zur Verhinderung des Sprechens. Kurz dreht er durch, Seven sagt nur überlegen: „Geht’s noch?“

Seven vergattert Soura mit den Bänken. Soura zuckt mondgängerisch in seinem Arrest.

Eine Geige liegt herum, Biliana Voutchkova nimmt sie. Sie könnte Straßenmusikerin sein und zugleich Elevin eines Konservatoriums. Nun ergeben sich Paar-plus Außenseiter-Konstellationen, die alle durchgespielt werden. Das Publikum wird weiter angespielt. Das bleibt interessiert: Wer schaut mich wie an und warum? Wen schaue ich wie an und was macht das mit „uns“? Wir reagieren unmittelbar auf Markierungen und markieren selbst. Wir haben keine Zeit, einen exotischen Kode zu dechiffrieren. Unsere Leidenschaft ist die Eindeutigkeit. Mehrdeutigkeit nehmen wir als Versagen des anderen wahr. Die Feststellung von Geschlecht, Schicht, Ethnie, Kultur und Nationalität rappelt in uns wie zerschlagenes Porzellan in einer rutschenden Schublade. Wie schön wäre es, wir könnten das alles vergessen. In „Gazes that matter“ gibt es Augenblicke kurz vor Preisgabe der Kategorien. Wir erkennen, dass diese Kategorien nicht nur identitätsstiftend sind, sondern auch schwer belastend. Wir schleppen uns einen Buckel an unseren Ressentiments. Es lohnt sich sehr, dieses extrem leise Stück zu sehen, das so viel zeigt, ohne etwas zu verdeutlichen.