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Michael Walzer, Sphären der Gerechtigkeit, 2006

Bades Meinung

Nachruf auf eine Ente: Islamkritik und Meinungsfreiheit im Kabarett

Es rauschte kurz im Blätterwald. Ein Muslim aus Osnabrück hatte den Kabarettisten Dieter Nuhr angezeigt wegen Verunglimpfung des Islams. Viele haben ihre Meinung dazu gesagt. Und viel Aufregung ging am Kern des Problems vorbei. Eine Klarstellung von Prof. Klaus J. Bade.

VONKlaus J. Bade

 Nachruf auf eine Ente: Islamkritik und Meinungsfreiheit im Kabarett
Prof. Dr. Klaus J. Bade, geb. 1944, ist Migrationsforscher, Publizist und Politikberater. Er lehrte bis 2007 Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück und lebt seither in Berlin. Er war u.a. Begründer des Osnabrücker Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS), des bundesweiten Rates für Migration (RfM) und bis 2012 Gründungsvorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) in Berlin. Bade hatte Fellowships/Gastprofessuren an den Universitäten Harvard und Oxford, an der Niederländischen Akademie der Wissenschaften sowie am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Er hat zu Migration und Integration in Geschichte und Gegenwart viele Forschungsprojekte geleitet, einige Dutzend Bücher und zahlreiche kleinere Arbeiten veröffentlicht. Für sein Engagement in Forschung und kritischer Politikbegleitung hat er diverse Auszeichnungen erhalten u.a. das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse (www.kjbade.de). Aktuell ist sein neues Buch "Kritik und Gewalt. Sarrazin-Debatte, ‚Islamkritik‘ und Terror in der Einwanderungs- gesellschaft", Schwalbach i. T. 2013 (ergänzte 3. Aufl. als eBook 2014).


DATUM10. November 2014

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RESSORTAktuell, Feuilleton, Meinung

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Andere ‚Islamkritiker‘ machen das auch so wie z.B. der Welt-Kolumnist Henryk. M. Broder, der seinen „lieben muslimischen Mitbürgern und Mitbürgerinnen“ erklärt: “Die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus ist oft spitzfindig. Es sind manchmal zwei Seiten einer Medaille.“1 Und wenn dann vor dem Hintergrund islamistischer Radikalisierung über die Frage lamentiert wird ‚Droht eine Spaltung der Gesellschaft?‘2, dann sind die ‚Islamkritiker‘ daran zweifelsohne nicht schuldlos.

All das macht kritischen Geistern immer mehr Sorge, z.B. dem Menschenretter und „radikalen Humanisten“ bzw. „radikalen Christen“ Rupert Neudeck. Er warnt: „Mich beunruhigt, wie wir mit dem Islam umgehen“ und fügt an: „Ich finde es ganz furchtbar, wenn man die Taliban, Boko Haram oder Isis ‚radikal islamisch‘ nennt. Diese Menschen sind Verbrecher, und sie müssen Verbrecher oder Terroristen genannt werden. Die Serben, die im Bosnienkrieg Muslime vergewaltigt und ermordet haben, haben wir auch nicht radikal christlich genannt. Ich möchte gerne radikal christlich sein, aber ich möchte, dass das ein Ehrentitel ist.“3

Ich schätze Dieter Nuhr als Kabarettisten, aber nicht seine sogenannte Islamkritik. Dazu habe ich eine ganz andere Position, über die man sich anhand der einigermaßen umfangreichen Publikationsliste auf meiner Website informieren kann und vor allem in meinem Buch: Kritik und Gewalt. Sarrazin-Debatte, ‚Islamkritik‘ und Terror in der Einwanderungsgesellschaft, Wochenschau Verlag, Schwalbach i. Ts. 2013 (3. Aufl. als eBook 2014).

Der Kern des Problems

Kern des Problems: Nuhr bedient sich zum Teil ähnlicher Argumente und Argumentationstechniken wie die bekanntesten ‚Islamkritiker‘ Kelek, Broder, Giordano, Sarrazin, Journalisten der ‚Achse des Guten‘ und andere. Sie haben mit ihrer zwischen Kritik und Denunziation oszillierenden Antiislam-Agitation über Jahre hinweg den Resonanzboden geschaffen, auf dem dann die Horrormeldungen über ‚Boko Haram‘ in Afrika und den ‘Islamischen Staat‘ im arabischen Raum wie Bestätigungen ihrer Menetekel klingen konnten.

Dazu gehörten auch führende Journalisten der FAZ wie z.B. der kürzlich verstorbene, blitzgescheite und zeitweise scharf ‚islamkritische‘ Mitherausgeber der FAZ und ehemalige Kelek-Protegé Frank Schirrmacher. Der im gleichen Fahrwasser schreibende stellvertretende Feuilletonchef der FAZ Jürgen Kaube glaubte in einem tausendfach von Usern auf Facebook geteilten, in einiger Hinsicht schiefliegenden Kommentar dem (angeblichen „Osnabrücker“, in Wirklichkeit Berliner) „Migrationsforscher Bade“ wegen dessen Warnung vor einer Gleichsetzung von Islam und verbrecherischem Islamismus empfehlen zu sollen: „Professor Bade sollte unbedingt zum Seniorenstudium der Logik zugelassen werden.“

Das sind in Inhalt und Stil die ‚islamkritischen‘ Spuren von Necla Kelek in der FAZ. Mein Buch berichtet davon. Diverse Kommentare im Netz zu dem Schmähartikel von Kaube aber blieben überraschend differenziert bzw. kritisch und die aus der ‚islamkritischen‘ Linie laufende Kommentarspalte wurde alsbald geschlossen.4

Die Gefahr wächst, dass pauschalisierende denunziative ‚Islamkritik‘ das kritische Denken blockiert und Kritik dieser ‚Islamkritik‘ sofort ‚kulturelle‘ Selbstverteidigungsreflexe auslöst. Das aber sind die besten Voraussetzungen für einen ‚Kulturkampf’ in der Einwanderungsgesellschaft, für den dann wieder nur ‚dem Islam‘ und nicht etwa der ‚Islamkritik‘ die Schuld zugewiesen werden wird.

Meinungsfreiheit leben heißt Kritik üben und aushalten

Was bleibt jenseits der wichtigeren und zumeist nicht erkannten ‚islamkritischen‘ Gefahrendimension: Wer als Kabarettist sarkastisch verpackte Kritik übt, muss auch selber Kritik aushalten können und braucht nicht von pöbelnden Verteidigern in Watte gepackt zu werden.

Einen Kabarettisten anzuzeigen, wie in Osnabrück geschehen, weil er pointiert, wenn auch oft flach überzieht, ist abwegig. Es ist gut so, dass das Gericht das auch so gesehen hat. Und von einer Unterstützung der Osnabrücker Klage oder gar von einem angeblichen Angriff von Klaus J. Bade auf Dieter Nuhrs Meinungsfreiheit als Kabarettist konnte keine Rede sein.

Die Meinungsfreiheit ist nicht nur für Hochschullehrer, sondern auch und gerade für die Medien, für die Künste und überhaupt für alle Bürgerinnen und Bürger ein hohes und gegen jeden Angriff zu schützendes Gut. Das gilt auch, wenn man dabei, wie in meinem Falle geschehen, selber mal unter die journalistischen Räder kommt. Wer Angst davor hat, soll den Mund halten.

Das Schlusswort überlasse ich gerne Thomas Assheuer:

„Bekanntlich müssen Kabarettisten weder dem gesellschaftlichen Betriebsfrieden dienen noch vor höheren Mächten zu Kreuze kriechen. ‚Einseitigkeit‘ ist für sie ein Ehrentitel, vor allem angesichts der Tatsache, dass der Koran von marodierenden Killern derzeit ohnehin sehr einseitig interpretiert wird. Es ist ihnen gelungen, eine große Weltreligion in Verruf zu bringen, und selbst Wohlmeinende begegnen dem Islam nun mit epochaler Ratlosigkeit. (…)

Es ist unselig, dass der Streit um den Islam nicht politisch geführt wird, sondern als Kampf um die wahre Religion. Islamkritiker verlesen prekäre Koranstellen, und Muslime revanchieren sich mit dem christlichen Schwertvers, der auf den ersten Blick auch nicht gerade gemütlich ist. Das geht immer so weiter, und am Ende geht die Saat der Islamisten auf. Sie träumten schon immer vom planetarischen Religionskrieg, und der Westen war töricht genug, darauf mit einem Kreuzzug für ‚unsere Werte‘ zu antworten.

Statt im Koran nach bösen Suren zu suchen, würde es völlig reichen, sich über die Verletzung von Menschenrechten zu empören, die einst aus den Religionen hervorgegangen sind. Das funktioniert vermutlich sogar im Kabarett, jedenfalls so lange, bis einem das Wort im Halse stecken bleibt.“5

  1. Henryk M. Broder, Offener Brief: Liebe muslimische Mitbürger und Mitbürgerinnen …, in: welt.de, 23.09.14.  []
  2. Angst vor dem Islam: Droht eine Spaltung der Gesellschaft?‘, Talk im Hangar-7, 19.9.2014.  []
  3. Christiane Hoffmans, „Mich beunruhigt, wie wir mit dem Islam umgehen“. Interview mit Rupert Neudeck, in: welt.de, 9.8.2014.  []
  4. Jürgen Kaube, Strafantrag gegen Dieter Nuhr Kabarett mit Pellkartoffeln. In Osnabrück gibt es nicht nur einen Mitbürger islamischen Glaubens, der im Kabarettisten Dieter Nuhr einen Hassprediger sieht und deshalb vor Gericht zieht, sondern auch zwei akademische Mitbürger, denen die Kategorien verrutscht sind. Ein Kommentar, in: faz.net, 27.10.2014.  []
  5. Thomas Assheuer, Dieter Nuhr. Die Frömmigkeit des Aufklärers. Der Kabarettist Dieter Nuhr wird wegen religiöser ‚Hetze‘ angezeigt, in: zeit.online, 30.10.2014.  []
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3 Kommentare
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  1. surviver sagt:

    Diese „Kabarettisten“ (oder vielleicht Kabbalisten) versuchen doch nur Publicity zu machen, genau so wie viele deutsche Politiker, die durch Islamkritik sich mehr Wähler erhoffen.
    (Siehe z.B. Bosbach. Bei genauerer Betrachtung erkennt man bei ihm ein fremdgesteuertes Wesen…).
    Die Resonanz in der Gesellschaft scheint dafür vorhanden zu sein.

  2. all-are-equal sagt:

    Auch pauschlierende und überspitzte Kritik an Religionen und Weltanschauungen ist in einer pluralistischen Demokrie legitim und sogar wünschenswert. Das betrifft nicht nur den Islam. Kürzlich hat Wolf Biermann bei seinem Autritt im Bundestag die Abgeordneten der Linkspartei als „elenden Rest“ der DDR bezeichnet. Im Unterschied zu den Veranstaltungen von Dieter Nuhr handelte es dabei um kein Kabaret. Meinungsfreiheit bedeutet auch offene und klare Konfrontation.

  3. […] Streit hatte sich im Herbst vergangenen Jahres entzündet und bundesweit für Aufsehen gesorgt. Erhat Toka erstattete Anzeige gegen Dieter Nuhr wegen “Beschimpfung einer […]



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