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Bei dem Lebensalter der ausländischen Arbeitnehmer wirkt sich das z. Z. vor allem für die deutsche Rentenversicherung sehr günstig aus, weil sie weit höhere Beiträge von den ausländischen Arbeitnehmern einnimmt, als sie gegenwärtig an Rentenleistungen für diesen Personenkreis aufzubringen hat.

Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände, 1966

Von Mensch zu Mensch

Günter Wallraff und die Flüchtlinge von nebenan

Die Zahl der Asylsuchenden hat zugenommen. Das war absehbar. Trotzdem haben es die Kommunen versäumt, sich darauf vorzubereiten. Jetzt rumort es in einigen Kommunen. Nicht so bei Günter Wallraff. Flüchtlinge sind seine unmittelbaren Nachbarn.

VONBarbara Driessen

DATUM4. November 2014

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Die schönste Feier seines Lebens hat Günter Wallraff mit Asylbewerbern aus einem benachbarten Flüchtlingsheim verbracht. „Das war meine Hochzeitsfeier im September ’91. Eigentlich bin ich gar kein Partymensch. Aber das war einfach toll.“ Er und seine Gäste tanzten zu afrikanischer Musik. „Und für die Kinder des Heims hatten wir extra ein Kinderkarussell besorgt.“

Der Journalist Wallraff hat noch immer einen guten Draht zu den Flüchtlingen, seinen unmittelbaren Nachbarn, die in einem von außen trübselig aussehenden ehemaligen Schulgebäude im Kölner Stadtteil Ehrenfeld untergebracht sind. Natürlich kann es mal zu Konflikten kommen: „Aber dann muss man das halt ansprechen“, sagte der 72-Jährige dem Evangelischen Pressedienst.

Wenn es im Sommer bei offen stehenden Fenstern mal zu laut wird, geht der Enthüllungsjournalist und Autor schon mal hin und bittet darum, etwas ruhiger zu sein: „Die Verständigung läuft dann nur mit Händen und Füßen. Aber es klappt.“ Und natürlich hat Wallraff dann auch immer eine Kleinigkeit dabei für die Kinder. Doch auch zu ernsthaften Problemen kann es kommen: „Das wollen wir auch mal nicht schön reden.“ So fühle sich ein Ladeninhaber in derselben Straße von einigen Heimbewohnern regelrecht bedroht: „Und der ist ganz bestimmt kein Rassist, sondern ein netter Typ“, meint Wallraff.

In einigen Kommunen Deutschlands rumort es, denn die Zahl der Asylsuchenden hat zugenommen: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge rechnet damit, dass bis Ende 2014 insgesamt 200.000 Flüchtlinge in Deutschland Asyl beantragt haben werden. Allein für Nordrhein-Westfalen geht man von 40.000 Anträgen aus. Zum Vergleich: Im Jahr 2011 waren es in NRW noch rund 10.000 Anträge, 2013 dann fast 24.000. Vom Hoch aus dem Jahr 1992 mit etwa 440.000 ist man zwar weit entfernt, dennoch ist die aktuelle Wahrnehmung eine andere: „Die Zahlen sind ganz enorm gestiegen“, sagt Birgit Axler vom NRW-Innenministerium.

„Das ist allerdings wenig überraschend, sondern war völlig absehbar“, kommentiert Claus-Ulrich Prölß vom Kölner Flüchtlingsrat der evangelischen Kirche. Die Zahl der Flüchtlinge steige seit 2008 unaufhörlich. Die Landesregierung habe sich einfach nicht ausreichend darauf eingestellt. Auch die Skandale um das Sicherheitspersonal in mehreren Flüchtlingsheimen in NRW sei das Resultat dieser Unterbringungspolitik: „Die Aufnahmeeinrichtungen sind mit 300 bis 500 Menschen viel zu groß. Wenn es keine Rückzugsmöglichkeiten gibt, stehen Konflikte natürlich auf der Tagesordnung.“

In Nordrhein-Westfalen sei das Problem, dass das Land seine Pflichten zur Kontrolle von Heimbetreibern vernachlässige, kritisiert auch Birgit Naujoks vom Flüchtlingsrat NRW in Bochum: „Sie sind so damit beschäftigt, nach weiteren Plätzen zu suchen, dass sie vergessen, sich in bestehenden Heimen umzugucken.“

In der Bevölkerung nimmt sie gespaltene Reaktionen wahr, etwa wenn es um die Einrichtung neuer Heime geht: „Es kommt immer darauf an, wie abgelegen das Heim liegen soll. Bei direkter Nachbarschaft kommt es oft zu Protesten der Anwohner.“ Diese fürchteten dann um den Wert ihrer Immobilien, hätten Angst vor Vermüllung oder steigender Kriminalität. Oft informierten Städte und Kommunen die Anwohner auch zu spät: „Je besser die Leute eingebunden und informiert sind, desto besser klappt es“, ist Naujoks‘ Erfahrung.

„Wenn sachliche Informationen fließen, gehen Bedenken ganz schnell zurück“, bestätigt auch Prölß. Es sei aber wichtig, Bedenken der Bevölkerung ernst zu nehmen. „Und das können die Kommunen nicht allein leisten. Hier sind auch die Kirchen und anderen Träger gefragt, um Netzwerke entstehen zu lassen, die sich um die Menschen kümmern.“ Und tatsächlich gebe es bereits ein großes bürgerliches Engagement, nicht nur über Spenden, sondern auch über Angebote aus der Nachbarschaft, um Flüchtlinge etwa willkommen zu heißen.

Gut wäre es, Menschen zu haben, die zwischen Flüchtlingen und Anwohnern vermittelten, findet Günter Wallraff: „Man weiß ja gar nichts über die Leute dort, etwa: was sind das für Menschen, woher kommen sie, wie lange bleiben sie?“ Seiner Meinung nach würde es zum Beispiel helfen, wenn man jemanden hätte, der Kontakte vermittelt: Ganz kleinteilig, ganz bescheiden – „von Mensch zu Mensch“. (epd)

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