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Weltweites Problem

Die lange Tradition der Kinderarbeit

Weltweit arbeiten etwa 215 Millionen Kinder. Dahinter steckt System, das mitunter auch von den reichen Industrienationen gestützt wird. Das Hauptproblem ist mangelnde Bildung und fehlende weltweite Standards.

DATUM22. Oktober 2014

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Nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung arbeiten weltweit etwa 215 Millionen Kinder regelmäßig mehrere Stunden am Tag. Sie knüpfen Teppiche, machen den Haushalt oder bewirtschaften große Plantagen.

Etwa die Hälfte arbeitet unter gefährlichen oder gesundheitsschädlichen Bedingungen. Und sie werden ausgebeutet, was schwere körperliche und seelische Schäden verursacht. Die Wurzeln der Kinderarbeit liegen im System der globalisierten Welt begründet, sagen die Hilfsorganisationen.

Das soziale Ungleichgewicht zwischen Ost und West, Nord und Süd erzeugt einen Kreislauf aus mangelnder Bildung, Armut und Hoffnungslosigkeit sowie Abhängigkeit. In den Entwicklungsländern hat ein Fünftel der Bevölkerung weniger als 79 Cent pro Tag zur Verfügung. Davon eine Familie zu ernähren, ist unmöglich, von einer Schulausbildung ganz zu schweigen. Viele Kinder müssen also von klein auf mitarbeiten, um das tägliche Brot der Familie zu erwirtschaften, aber auch oft, um die Schulden der Eltern abzuarbeiten.

Gerade in Südasien werden Kredite von Arbeitgebern an Arbeitern zu Wucherzinsen vergeben. Diese begeben sich in Schuldknechtschaft und geben diese Schulden an ihre Kinder und deren Kinder weiter, da sie nie genug verdienen, um die Zinsen zu tilgen. So wird die Abhängigkeit von Generation zu Generation weitergereicht.

Mangelnde Bildung ist ein zentraler Aspekt der Kinderarbeit, denn die meisten Kinderarbeiter haben wenig oder gar keine Schulbildung und damit niemals eine Chance auf einen Ausbildungsplatz. Die Industrienationen begünstigen, ob gewollt oder unabsichtlich, dieses System, indem sie Produkte kaufen, die durch Kinderarbeit erzeugt wurden. Diese Produkte zu boykottieren führt jedoch vor allem dazu, dass den Kinderarbeitern und deren Familien die Existenzgrundlage entzogen wird. Die Leidtragenden sind diejenigen, denen eigentlich geholfen werden soll.

Weitaus hilfreicher sind Umstrukturierungsmaßnahmen, die in den Projekten von Hilfsorganisationen wie unter anderen bei SOS Kinderdörfer in Angriff genommen werden. Diese setzen sich für die Rechte der Kinder ein. Dazu gehören auch immer Bildungs- und Sozialmaßnahmen. Die UN-Kinderrechtskonvention beinhaltet aus diesem Grund folgende wichtige allgemeingültige Rechte der Kinder weltweit, die hier im Konkreten nachgelesen werden können.

  • Gleichberechtigung
  • Bildung
  • Angemessener Lebensstandard
  • Gewaltfreie Erziehung
  • Schutz vor Ausbeute
  • Freie Meinung
  • Und weitere

Durch immer mehr Druck auf die Unternehmen konnte in den vergangenen Jahren bei einigen von ihnen erreicht werden, dass sie keine illegale und ausbeuterische Kinderarbeit mehr zulassen. Kinderarbeit gibt es dennoch bereits seit Menschengedenken, doch seit der Industrialisierung in Europa und den USA im 18./19. Jahrhundert nahm diese Ausmaße an, die die Gesundheit und Bildung der Kinder massiv beeinträchtigten.

In der Blütezeit wurden schon Vierjährige in der Textilindustrie, in Minen und Kohlebergwerken eingesetzt. In der heutigen Zeit gibt es vor allem in Asien und der Pazifikregion (etwa 130 Mio.), in Afrika (60 Mio.) und in Lateinamerika (7 Millionen) Kinderarbeiter.

Indien – Kinderarbeit mit System

Über die Hälfte der indischen Kinderarbeiter betätigen sich in der Landwirtschaft. Der Härtegrad und das zeitliche Ausmaß der Arbeiten, die sie verrichten, variiert sehr stark. Manche Kinder hüten lediglich für ihre Eltern die Tiere und misten die Ställe aus oder helfen bei der Ernte, andere werden bis zu 14 Stunden am Tag auf Plantagen für einen sehr niedrigen Lohn eingesetzt.

Besonders in der Produktion von Baumwollsamen werden viele Kinder beschäftigt, da es dazu eine große Zahl an Arbeitern braucht und auch eine gewisse Fingerfertigkeit vonnöten ist. Aus diesem Grund werden auch besonders gern Mädchen für diese Tätigkeit eingesetzt, wobei die Pestizide auch dann gesprüht werden, wenn Arbeiter auf den Feldern sind. Vergiftungen sind an der Tagesordnung.

Steinbrüche sind ein weiterer Bereich, in welchem Kinder in Indien arbeiten. Bevorzugt werden die Jungen zum Zerkleinern der großen, herausgesprengten Brocken herangezogen, während die Mädchen die abgehämmerten Kleinteile in Körben wegtragen müssen. Die Kinder sind dabei kontinuierlich dem Staub ausgesetzt, der neben verschiedenen Allergien und Hautkrankheiten auch die Lungenkrankheit Silikose verursacht. In rückläufiger Zahl arbeiten Kinder in der indischen Teppichindustrie, wo noch in den 1990er Jahren schätzungsweise eine Million Kinder 10-14 Stunden täglich in schlecht belüfteten Räumen Teppiche knüpften. Dafür werden in zunehmendem Maße Kinder in der Textilindustrie ausgebeutet.

In Neu-Delhi und Mumbai arbeiten, Schätzungen zufolge, 100.000 Kinder in Stickereibetrieben. Die Meisten stammen aus den armen Staaten Bihar, West-Bengal und Orissa. Mittelsmänner versprechen den Eltern, dass die Kinder in der Stadt ein besseres Leben haben werden, zur Schule gehen und eine Ausbildung zum Sticker erhalten werden. In der Stadt angekommen, müssen die Kinder stattdessen 12-16 Stunden täglich an sechs Tagen in der Woche arbeiten und verdienen damit etwa 5 Euro im Monat.

Der Wohlstand vieler Bewohner der indischen Industriestädte führt außerdem dazu, dass immer mehr Kinder in Haushalten arbeiten. Dort sind sie praktisch Sklaven, müssen rund um die Uhr zur Verfügung stehen, haben kein eigenes Zimmer und essen, was die Familie übrig lässt. Etwa 10 Millionen Kinder arbeiten nach Schätzungen in Haushalten in Indien, die meisten davon sind Mädchen.

Was Kinderarbeit begünstigt

Bereits zu Beginn der 1980er Jahre stellten Verbraucherkampagnen einen Bezug zwischen der Globalisierung und der Kinderarbeit her. Zunächst schossen sich Gewerkschaften und NGOs auf die indische Teppichindustrie ein, später konzentrierten die Aktionen sich auf die Textilindustrie in Bangladesch. Inzwischen werden auch die Exportsektoren der Sportwaren-, Tabak- und der Kakaoproduktion beobachtet und kritisiert. Daraus entstanden viele Initiativen zur Unterbindung von Kinderarbeit.

Im Juli 1995 unterzeichneten die Internationale Labour Organization, die UNICEF und der Verband der Bekleidungsexporteure von Bangladesch eine Vereinbarung zum Schutz der Kinder. Mit wenig Wirkung. Um Kinderarbeit zu unterbinden, müsse das Umfeld dazu mobilisiert werden, Produkte aus fairem Handel zu kaufen, die an einem Siegel erkennbar sind. (sb)

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