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Migration und Integration in Deutschland

[Es würde im Interesse der deutschen Arbeiter liegen, wenn wir sie zu Fachkräften ausbilden.] Dafür müssen wir natürlich dann die relativ primitiveren Arbeiten … von ausländischen Arbeitskräften besorgen lassen.

Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, NWDR-Interview vom 9. April 1954

Meine kosmische Identität

Eine migrantische Lesart des Koran

Als gläubiger Mensch mit Migrationshintergrund fragte ich mich, was der Koran zu territorialen oder nationalen Identitäten sagt? Sind sie wirklich so bedeutend? Oder bietet der Koran Alternativen zu diesen modernen Konstrukten? – von Zeyneb Sayılgan.

VONZeyneb Sayılgan

 Eine migrantische Lesart des Koran
Die Verfasserin ist Islamwissenschaftlerin und promoviert derzeit zum Thema Vergleichende Theologie und Migration an der katholischen Georgetown Universität in Washington, DC. Sie ist Senior Fellow und Henry Luce Professor für Islamwissenschaft am Anglikanischen Priesterseminar in Alexandria, Virginia. Sie ist Buchrezensent für das akademische Journal „Studies in Interreligious Dialogue“ und „Journal for Ecumenical Studies“. Sie ist zudem Mitarbeiterin am „US Institut fur religiösen Pluralismus“- einem Programm des US Aussenministeriums. Von 2010-2014 war sie mit ihrem Mann Salih muslimischer Seelsorger und Studienberater auf dem Georgetown Campus. Beide leiten jährlich interreligiöse Studienreisen durch. In 2006 zog sie in die USA um ihr Studium zu vertiefen. Nach ihrem Islamwissenschaft Studium in Mainz, absolvierte sie einen zweiten Master am Hartford Seminary im Bundesstaat Connecticut.

DATUM17. Oktober 2014

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RESSORTAktuell, Meinung

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Siehst Du dich als Deutscher oder eher als Türke, Kurde, Araber? Fühlst Du dich in der Türkei, Marokko, Ägypten wohl oder hier in Deutschland? Kommt Dir dieses Entweder/Oder bekannt vor? Diese Fragen bekommt jedes Migrantenkind in seinem Leben zu hören. Für viele Jahre hatte ich auch das Gefühl, ich müsste mich entscheiden. Meine hybride Persönlichkeit verstand ich erst viel später als Segen und Privileg.

Ich denke, dass der Migrant auf eine Art der Identität zurückgreift, die vielleicht in Vergessenheit geraten ist und die nun durch das Phänomen der Massenmigration erneut an der Oberfläche erscheint. Ich möchte sie eine Ur-Identität, eine kosmische Identität nennen. Sie ist de-territorial, geht weit über nationale Grenzen hinaus und ist imstande, einen Solidaritätsgeist mit allen Geschöpfen zu schaffen.

Als gläubiger Mensch und jemand, in dessen Leben Migration ein zentraler Bestandteil ist, wandte ich mich mit diesen Fragen an die Offenbarung. Wie stand der Koran zu diesen territorialen oder nationalen Identitäten? Waren sie so bedeutend, wie es meine Umgebung mir einzutrichtern versuchte? Oder bietet der Koran Alternativen zu diesen modernen Konstrukten? Ich probierte mich daher in einer Migrantenlesart des Koran.

Schnell fiel mir auf, dass der Koran keinerlei Interesse an topographischen, geografischen oder nationalen Details oder Identitäten hatte. Ägypten fand mit drei oder vier Passagen die höchste Erwähnung in den ca. 600 Seiten des Korans. Die Pluralität und Verschiedenheit der Völker und Nationen wird nicht geleugnet. Im Gegenteil, sie wird positiv herausgehoben aber sie ist eher zweitrangig wenn man sie im Ganzen des Korans analysiert:

“O ihr Menschen, Wir haben euch von einem Mann und einer Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, auf dass ihr einander erkennen möget. Wahrlich, der Angesehenste von euch ist vor Gott der, der sich Ihm vollkommen hingibt. Siehe, Gott ist Allwissend, Allkundig.” (Koran 43:13)

Eine hochgepriesene „Leitkultur“, wie sie von manchen in ihrer Arroganz beworben wird, gibt es im Koran nicht. Auch Migranten tendieren manchmal dazu, ihre „Heimatkultur“ zu absolutisieren oder zu romantisieren. Auch wenn dies eine Reaktion auf Diskriminierungen oder Fremdheitsgefühle sein mag, sie ist nicht gerechtfertigt. Bescheidenheit und Demut sind Eigenschaften eines Gläubigen und Gott als gerechter Schöpfer hat jeder Kultur Schönheiten und Reichtümer aller Art geschenkt. Man muss nur imstande sein, sich für diese zu öffnen.

Dass auch religiöse Menschen in Hochmut und Arroganz verfallen können und andere aufgrund dessen mit Missgunst betrachten, ist dem Koran nicht fremd. Das Medienspektakel um Enthauptungen, die im Namen des Islam von fanatischen Kriegern ausgeführt werden, beweist das nur zu gut. Der Prototyp solch eines Verhaltens im Koran ist Iblis selbst – auch bekannt als Satan. Im koranischen Kontext war Iblis ein Dschinn – ein übernatürliches Wesen, geschaffen aus Feuer und einer Entscheidungsfreiheit, Gutes oder Schlechtes zu tun. Iblis verehrte Gott in solch einem Maße, dass er auf den gleichen Rank der Engel erhoben wurde. Nachdem Gott den Menschen erschuf, rief Er alle Engel auf, sich vor Adam – dem Prototypen der Menschheit – niederzuwerfen. Alle Engel warfen sich nieder – außer Iblis. „Ich bin besser als er. Mich hast du aus Feuer erschaffen, ihn nur aus Lehm,“ erwidert Iblis und weigert sich, dem Gottesruf Folge zu leisten. Diese Iblis Logik nimmt auch heute noch verschiedene Formen an – Rassismus, extremer Nationalismus oder religiöse Intoleranz und Arroganz sind weit verbreitet und religiöse Menschen sind nicht immun gegen diese Tendenz. Iblis war ein Gläubiger. Man hat die Wahl, in dem Andersdenkenden sehr viele verwandte Merkmale zu entdecken oder eine Mauer der Fremdheit zu kreieren.

Dass Gott den Menschen mit der Einhauchung einer Seele gewürdigt hat und dass diese Würde fundamental ist, scheint solchen, die Iblis folgen, nichts zu bedeuten. Der Mensch ist keine kosmische Suppe, die über Millionen Jahre zufällig von blinden und tauben Kräften entstanden ist. Die fundamentale Würde und Ehre des Menschen ist gottgegeben und heilig, „Und Wir (Gott) haben den Kindern Adams Ehre erwiesen; Wir (Gott) haben sie auf dem Festland und auf dem Meer getragen und ihnen (einiges) von den köstlichen Dingen beschert, und Wir haben sie vor vielen von denen, die Wir erschaffen haben, eindeutig bevorzugt.“ (Koran 17:70).

Reicht diese fundamentale Basis nicht aus, in jedem Menschen das Heilige zu erkennen und auf ihn einzugehen und zu würdigen? Stattdessen werden Barrieren konstruiert, um Menschen voneinander zu distanzieren – nationale, politische, soziale Labels werden eingesetzt, um die Andersartigkeit stärker hervorzuheben und einen inhumanen Diskurs zu schaffen.

Die Beschaffenheit des Menschen – seine Seele, sein Herz, seine Emotionen, sein Intellekt und sein Körper – deutet auf diese kosmische Identität hinaus. Diese Seele ist von Gott eingehaucht, sie ist nicht materiell oder physisch greifbar und kann daher nicht in eine territoriale oder geografische Ecke platziert oder begrenzt werden. Sie ist de-territorial, sie wandert und ist mit dem ganzen Kosmos verbunden.

Der Mensch ist daher so vielschichtig wie das Universum. Er kann sich engelsgleich verhalten, satanisch handeln, hat animalistische Züge und kann sich zum niedrigsten Wesen degradieren und als einzige Spezies dieses Universum ins Chaos stürzen. Aber er hat auch das enormale Potenzial, Gutes zu vollbringen und ist mit Fähigkeiten und Emotionen ausgestattet, die ihn privilegieren. Der Mensch steht in seiner Natur mit den Mineralien, Pflanzen, Tieren, Planeten und allen Wesen in Verbindung. Die Ernährung und Gesundheit des Menschen ist mit dem Wohlbefinden des Universums verbunden. Das moralische und ethische Handeln des Menschen hat auch Einfluss auf das Gleichgewicht im Universum. Falls eine Tier- oder Pflanzenart am anderen Ende der Welt ausstirbt betrifft dies auch unser Leben.

Die kosmische Identität ist in dieser Hinsicht eine, die weit über menschliche Beziehungen hinausgeht. Sie sieht die Heiligkeit von allen Wesen und ist sich daher über ihre wichtige Rolle als Statthalter Gottes auf Erden bewusst. Anstelle von Arroganz sollte dies Bescheidenheit und Verantwortungsgefühl auslösen.

Der Koran konstruiert den Westen nicht in ein Territorium der Ungläubigkeit und Unmoral. Die „muslimische Welt“ – wie man sie auch immer definieren mag – ist genauso wenig dargestellt als ein Ort der Moral und des Glaubens. Solch Dualität und Opposition existiert vielleicht in den Köpfen einiger Menschen, wie sie auch einst in der klassischen islamischen Theologie mit den Begriffen Dar al-harb (Ort der Auseinandersetzung) oder Dar al-Islam (Ort des Islam) zu finden war. Damals war dies eher eine pragmatische Einteilung, doch sie ist im Zeitalter der Massenmigration nun überholt und nach Meinung vieler Wissenschaftler irrelevant.

Für den Koran heißt es schlicht und allumfassend: „Gott gehört der Osten und der Westen. Wohin ihr euch auch wenden möget, dort ist das Antlitz Gottes. Gott umfasst alles und weiss alles.“ (Koran 2:115) oder „Gott ist das Licht der Himmel und der Erde. Sein Licht ist einer Nische vergleichbar, in der eine Lampe ist. Die Lampe ist in einem Glas. Das Glas ist, als wäre es ein funkelnder Stern. Es wird angezündet von einem gesegneten Baum, einem Ölbaum, weder östlich noch westlich, dessen Öl fast schon leuchtet, auch ohne dass das Feuer es berührt hätte. Licht über Licht. Gott führt zu seinem Licht, wen Er will, und Gott führt den Menschen die Gleichnisse an. Und Gott weiß über alle Dinge Bescheid.“ (Koran 24:35).

Diese kosmische Identität ist es, die Menschen mit einem vielschichtigen Hintergrund neue Perspektiven verleihen kann. Sie inspiriert, aufeinander zuzugehen und das Patchwork von multikulturellen Gesellschaften als Segen und Privileg und nicht als Bürde zu verstehen.

Dr. Martin Luther King Jr. hat auf diese kosmische Identität in einer seiner bewegenden Ansprachen aufmerksam gemacht: Wir müssen alle lernen, miteinander als Geschwister zu leben, oder wir werden alle zusammen als Narren untergehen. Wir sind in einem einzigen Gewand des Schicksals, in einem unentrinnbaren Netz der Gegenseitigkeit miteinander verbunden. Und was auch immer einen direkt betrifft, betrifft alle auf indirekte Art. Aus irgendeinem seltsamen Grund kann ich nie das sein, was ich sein soll, bis Du das bist, was Du sein sollst. Dies ist die Weise, in der Gottes Universum erschaffen wurde; so ist es strukturiert.

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18 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Höhner sagt:

    Für mich ist die Nation die Summe aller Steuerzahler. Steuerzahlen ist keine Fiktion, sondern eine bittere Realität. Geld regiert die Welt, nicht die Ideologie.

  2. Kati Alt sagt:

    Was für ein wunderbarer Artikel, der mir aus der Seele spricht! Danke!

  3. wiebke sagt:

    Die monotheistischen Religionen, also die Religionen, die nur einen Gott anerkennen, breiteten sich tatsächlich vor allem dort aus, wo es viel Mobilität gab. Die Juden waren ein nomadisches Volk, vertrieben von ihren Weidegründen durch die Ägypter, als sie ihre Religion schufen. Dann kam das Christentum, das vor allem Anklang im riesigen Römischen Reich bei jenen fand (die es auch weiträumig verbreiteten), die mobile Berufe ausübten: Soldaten und Händler.
    Der e i n e Gott operiert immer ortsunabhängig (das taten etwa die griechischen Götter nicht). Und seine Anhänger sind dazu angehalten, den Fremden, der ihn ebenfalls anbetet, mit offenen Armen aufzunehmen und zu unterstützen. Das heißt, diese Religionen entstanden in Zeiten hoher Mobilität, von Flucht, Vertreibung und Migration, und bieten den Gläubgen einen Bund, eine Gemeinsamkeit in der FRemde. Ddie Autorin hat also ganz recht, nicht nur in Bezug auf den Islam

  4. Veritas sagt:

    Hier wird eine problematische Doktrin „dar ul harb“, die einen Bezugsrahmen für Teror und Gewalt liefert, richtigerweise als längst überholt beschrieben und das muss man auch mal anerkennen ! Dank an die Autorin !

  5. Aynur sagt:

    Auf den Punkt gebracht! Danke liebe Zeynep…

  6. Korbinian sagt:

    @Höhner
    An ihrem Einwand ist definitv etwas dran. Gerade wenn man es in Bezug auf Deutschland sieht.

    Wohltuend finde ich wie die Autorin die arabisch-nationalistischen Elemente der Sunna in Bezug auf den Koran hinwegfegt.

  7. memo sagt:

    Richtig GUT !

    Merci-Shukran-Danke-Tesekkürler-Zor Spass

  8. Limon sagt:

    Frau Sayilgan sagt, dass der Mensch im Islam keine topographischen, geografischen oder nationalen Details oder Identitäten hat. Es gibt praktisch keine territorialen oder nationalen Identitäten und keinerlei rassistischen oder nationalistischen Ausgrenzungen, praktisch ohne zwischenmenschliche Barrieren.

    Aber Frau Sayilgan berichtet jedoch nicht über die zwischenmenschliche Barrieren zwischen den Frauen und Männern. Überseht Sie da nicht die soziale Mauer zwischen den Geschlechtern und die Konsequenzen in der Erziehung Arbeit und interkulturellen Dialog mit anderen Nichtmuslimen?

  9. Songül sagt:

    Schließe mich Kati Alt an, vielen lieben Dank!

    In kriegerischen Zeiten wie diesen wundere ich mich nicht selten über das Maß von Hass und Aggressionen des Menschen seinesgleichen gegenüber und denke sehr oft, es könnte doch alles so leicht sein, wenn nur alle …

    Umso mehr freue mich über jeden einzelnen Menschenfreund, wie jetzt gerade!

    Streicheleinheiten für die vom Leid der Welt gepeinigten Seele!

    Danke, danke, danke!

  10. Veritas sagt:

    @Limon

    Das bricht auch auf, diese Barriere zwischen Männern und Frauen im Islam. Sie hier ist ja der beste Beweis. Nach reaktonärer Lesart dürfte sie nicht mal irgendwas veröffentlichen, weil das angeblich andere Männer verführen könnte oder so ähnlich. Der Fundamentalismus ist ein Rückzugsgefecht veralteter Vorstellungen.

    Das Wichtigste überhaupt hat sie benannt: Die aus früherer Zeit übernommene angeblich ewige Feindschaft zwischen Moslems und Nichtmoslems. Das ist überholt und ich finde es beachtenswert, dass eine gläubige Muslimin das so deutlich sagt !


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