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Das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese. Der ist drei Jahre hier – als Wirtschaftsflüchtling. Den kriegen wir nie wieder los

Andreas Scheuer, CSU-Generalsekretär, PresseClub Regensburg, 15.9.2016

Rezension zum Wochenende

Die Zukunft ist bunt

Amelie Constant und Klaus Zimmermann decken mit ihrem Übersichtsband wichtige Aspekte der Zuwanderung ab und räumen mit falschen Annahmen auf. Reiner Klingholz hat das Buch, in dem fast vier Dutzend Autoren zu Wort kommen, rezenisert.

Zuwanderung wird für das alternde Europa immer wichtiger. Insbesondere Deutschland, wo sich die Bevölkerung ohne Zuwanderer schon seit 1972 rückläufig entwickeln würde, ist mit seiner gut aufgestellten Wirtschaft auf junge, kreative und leistungswillige Fachkräfte in Forschung, Pflege und im Gesundheitssektor aus dem Ausland angewiesen – der Mittelstand noch mehr als große Unternehmen. Die Amerikanerin Amelie Constant und Klaus Zimmermann vom Institut für die Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn, die sich seit vielen Jahren mit der Entwicklung der Arbeitsmärkte auf der ganzen Welt beschäftigen, haben jetzt einen Übersichtsband herausgegeben, der sehr viele Aspekte der Zuwanderung abdeckt und fast vier Dutzend Autoren zu Wort kommen lässt. Das 500-seitige „International Handbook on the Economics of Migration“, beschäftigt sich, wie der Titel nicht verheimlicht, überwiegend mit der ökonomisch motivierten Migration.

Im Zuge der Globalisierung sind alle für die Wirtschaft relevanten Faktoren mobil geworden. Investoren können Wissen, Kapital und Arbeitskräfte an fast jeden Ort der Welt verschieben, in der Hoffnung, dort die günstigsten Produktionsbedingungen zu finden. Das klappt längst nicht immer. In ihrem eigenen Beitrag zeigen die Herausgeber, dass gerade der Prozess der Migration nicht immer problemlos vonstattengeht. Denn was sich volkswirtschaftlich rechtfertigen lässt, findet nicht immer Gefallen in den Zielländern der Migranten. Zum einen scheint die Skepsis vor Fremden eine anthropologische Konstante zu sein, zum anderen haben gerade schlecht qualifizierte Einheimische immer die Furcht, von billigen aber trotzdem motivierten Arbeitskräften aus ihren Jobs verdrängt zu werden. Migranten ihrerseits klagen überall auf der Welt darüber, dass sie von der Mehrheitsbevölkerung zu wenig akzeptiert werden.

Tatsächlich ist die Integration, die eine Voraussetzung für das Ankommen in einer neuen Gesellschaft ist, ein langwieriger Prozess. Die Herausgeber schreiben, dass es Zuwanderer weltweit erst einmal schwer haben, einen passenden Arbeitsplatz zu finden, und dass sie in ihren Einkommen im Schnitt stets der einheimischen Bevölkerung hinterherhinken: „Kaum eine Migrantengruppe erreicht je eine ökonomische Assimilation, zumindest nicht in der ersten Generation.“ Dies ist allerdings auch gar nicht unbedingt das Ziel der Zuwanderer, wollen sie doch zunächst einmal ihre Lebenssituation gegenüber jener im Herkunftsland verbessern.

Die Autoren räumen auch damit auf, dass Migration eine Entscheidung fürs Leben ist. Und dass sie zu einem schmerzlichen Verlust von Humankapital, von „Brain Drain“ in den Wegzugsländern führt. Diese Vorstellung sei veraltet, heißt es, denn längst spielen die Rückwanderung und die „zirkuläre Migration“ eine wesentliche Rolle. Wenn etwa indische Studenten im Silicon Valley eine Ausbildung zum Software-Ingenieur machen, danach in den USA ein erfolgreiches Startup gründen, viel Geld an ihre Familien in Indien überweisen, natürlich längst auch die US-Staatbürgerschaft neben ihrer indischen haben und dann zurück in ihre Heimat ziehen, um dort ein neues Unternehmen zu gründen, dann entspricht dies eher der heutigen Form der Mobilität. Diese Menschen machen sich für beide Volkswirtschaften nützlich, transferieren Wissen, schaffen Netzwerke und lösen die alten Vorstellungen zwischen „fremd“ und „einheimisch“ langsam aber sicher auf.

Zirkuläre Migration sei zudem die beste Reaktion auf volatile Arbeitsmärkte. Wenn also im Moment hundertausende von jungen, qualifizierten Spaniern, Griechen und Rumänen den Jobs in Deutschland hinterher ziehen, dann hilft das, die Arbeitslosigkeit in diesen Ländern zu reduzieren und es dient der Wirtschaft und dem Finanzminister hierzulande. Es bedeutet aber auch, dass viele derjenigen, die derzeit in Deutschland aushelfen, schnell wieder weg sind, wenn sich die Lage in ihren Herkunftsländern verbessert. Denn moderne Migranten sind vor allem eins: mobil. Interessanterweise, das erklärt der entsprechende Beitrag in dem Handbuch, wandern dann eher Männer als Frauen zurück. Das liegt vermutlich daran, dass Frauen in der Fremde eher einen Partner finden und dann dort Wurzeln schlagen. Der Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft hilft übrigens wenig, die Migranten an die Bundesrepublik zu binden. Im Gegenteil: Er scheint sogar noch mobiler zu machen, haben die Neudeutschen doch im Bedarfsfall die Möglichkeit jederzeit wieder zurückzukehren.

Das Handbuch beleuchtet die Lage von Migranten, die speziell für riskante Jobs angeheuert werden, ebenso wie den Menschenschmuggel und die Wanderung in den Sozialstaat. Es geht in dem Sammelband um die Frage, warum gut qualifizierte Migranten oft keine Jobs finden, die ihren Fähigkeiten entsprechen oder in welcher Form sich die Gesundheit der Zuwanderer durch das Leben in der neuen Heimat verändert und um vieles mehr.

Die meisten Kapitel sind gut und verständlich geschrieben, keine Selbstverständlichkeit in diesem Genre. Das liegt sicher auch an der großen Zahl von angelsächsischen Autoren, die sich generell leichter als deutsche Wissenschaftler damit tun, das Ergebnis ihrer Arbeit einem breiteren Publikum, also der ultimativen Zielgruppe, näherzubringen. Weil das Buch allerdings auf einem längeren Forschungsprojekt beruht und die Fertigstellung eines solchen Werkes eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt, sind einige Daten nicht mehr auf dem aktuellen Stand.

Zum Beispiel erklärt das Kapitel zur flüchtlingsbedingten Migration und Asylbewerbern, warum deren Zahlen deutlich gesunken sind. Tatsächlich machten Asylanten Anfang der 1990er Jahre, also nach dem Ende des Kommunismus, noch elf Prozent aller Zuwanderer aus, während es 2009 nur noch vier Prozent waren. Das Bild hat sich mittelweile allerdings erneut gewandelt, vor allem wegen der Krisen im Nahen Osten und in Afrika. Heute erreicht die Zahl der Flüchtlinge und Asylsuchenden neue Höchststände. Das Handbuch bietet deshalb wenig Information zur jüngsten Debatte, die sich vor allem an den Flüchtlingskatastrophen auf dem Mittelmeer entzündet. Für die grundsätzlichen Fragen zur Migration spielen die „veralteten“ Daten jedoch keine große Rolle. Sie mindern auch nicht den Nutzwert des Handbuchs: Gerade in der oft populistisch aufgeheizten Debatte sind klare, nüchterne und wissenschaftlich fundierte Informationen wichtiger denn je.

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