MiGAZIN

Das Fachmagazin für Migration und Integration in Deutschland

[Die Verhinderung der Sesshaftmachung] würde den Vorteil haben, dass das Interesse an einer Familienzusammenführung zurückgeht und damit uns erheblich geringere Infrastrukturkosten entstehen würden.

Ein Vertreter der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Weber, 1974

Falsche Bilder

Rassismusforscher fordert Abbau von Vorurteilen gegen Roma

Vorurteile gegen Sinti und Roma sind in Deutschland noch immer weit verbreitet. Rassismusforscher Wolfgang Benz macht sich daher für einen Abbau dieser Vorurteile stark: „Allein der Tatbestand, dass einige von ihnen seit Jahrhunderten in großer Armut leben, hat ausgereicht, sie zu stigmatisieren.“

In der deutschen Bevölkerung halten sich nach Ansicht des Rassismusforschers Wolfgang Benz hartnäckig Vorurteile über den Zuzug von Sinti und Roma. So sei die Meinung weit verbreitet, die Menschen würden illegal nach Deutschland einreisen, sagte der langjährige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin dem Evangelischen Pressedienst. „Doch es handelt sich um EU-Bürger, und die Europäische Union hat auch deren Freizügigkeit gewollt.“

Verantwortliche in Politik und Gesellschaft müssten deutlich machen, dass Sinti und Roma das Recht auf einen Zuzug nach Deutschland hätten, forderte Benz. Ebenso stehe es den Familien zu, Kindergeld zu beziehen. Eine solche Klarstellung sei vor allem deshalb dringend nötig, weil die Bevölkerungsgruppe ohnehin seit Jahrhunderten massiver Diskriminierung ausgesetzt sei, sagte der Historiker und Vorurteilsforscher.

Den geschichtlichen Hintergrund von Antiziganismus zeigt Benz in seinem neuen Buch über Sinti und Roma auf, das er am Mittwochabend in Dortmund vorstellen sollte. „Allein der Tatbestand, dass einige von ihnen seit Jahrhunderten in großer Armut leben, hat ausgereicht, sie zu stigmatisieren“, sagte Benz.

Doch das Bild des mittellosen Zigeuners, wie Roma lange genannt wurden, halte einer historischen Überprüfung nur bedingt stand, erläuterte der Rassismusforscher. „Beispielsweise waren sie in Ungarn einst gut verdienende Handwerker oder Mitarbeiter in der Industrie.“ Auch in Deutschland „haben es eine ganze Reihe von gebürtigen Sinti und Roma zu etwas gebracht, aber die wenigsten trauen sich, ihre ethnische Identität offenzulegen.“

Bild vom fahrenden Volk „eine Mär“
Als Mär bezeichnet der Wissenschaftler die Annahme, dass Sinti und Roma ein fahrendes Volk seien. „Das Gros von ihnen ist sesshaft“, sagte Benz. „Wenn sie jetzt vom Balkan nach Mitteleuropa kommen, verstärkt das natürlich den Eindruck, sie seien ein umherziehendes Volk.“ Benz kritisierte, dass die Migranten in Deutschland häufig in die Hände dubioser Geschäftemacher gerieten, die ihnen billigen Wohnraum und gute Arbeit versprechen. „Sie landen aber schließlich in Schrottimmobilien und kriegen bei den Jobs einen Hungerlohn.“

Die Kommunen könnten aufgrund der Freizügigkeit nur begrenzt positiv Einfluss auf die Ansiedlung der Sinti und Roma nehmen, sagte Benz. Als positives Beispiel nannte der Rassismusforscher die Stadt Münster, die eine Koordinierungsstelle für Migration und interkulturelle Angelegenheiten eingerichtet hat. Deren Leiter kümmere sich auch um die Unterbringung der Roma. (epd/mig)

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

3 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Matthias sagt:

    Roma sind nicht zwangsläufig EU-Bürger. Viele kommen vom Balkan, insbesondere vom Kosovo.

    Doch selbst wenn sie EU-Bürger sind, sind sie den Voraussetzungen des Freizügigkeitsrechts unterworfen. Diese Hürden sind zwar nicht hoch, aber vorhanden.

    Es reicht m.E. nicht aus, der Bevölkerung deutlich zu machen, dass bei den EU-Bürgern ein Recht auf Zuzug besteht. Ich wüsste auch nicht, wie man damit Vorurteilen begegnen kann. Ich habe nun mehrfach einen plötzlichen und umfangreichen Zuzug von Romafamilien erlebt und kann mich nicht einmal daran erinnern, dass irgendjemand an der Legalität der Einreise zweifelte.

    Leider ist es hier so, wie bei vielen anderen Bevölkerungsgruppen:

    Die überwiegende Mehrheit fällt gar nicht auf, zumindest nicht negativ. Es fällt nur auf, wenn viele Familien plötzlich zuziehen, Schulen, Jugendämter, Ordnungsämter und Polizei kurzfristig einen erheblichen Mehraufwand betreiben müssen. Die Bevölkerung überträgt dies auf die Masse.

    Dies ist allerdings kein spezifisches Problem von Roma, sondern ein Problem dass die Bevölkerung insgesamt betrifft.

    Dem Abhilfe zu verschaffen ist schwierig, der Ansatz aus Münster erscheint mir vielversprechend.

  2. lupa sagt:

    Roma und SInti, wurden wie seinerzeit auch die Juden, verfolgt und ins KZ gebracht. Leider wird davon wenig berichtet. Man will diese Gruppe hier nicht haben und basta. Genau das konnte man in den vergangenen Jahren mitverfolgen, fast alle Roma und SInti wurden ausgewiesen.

    Hier wird mit zweierlei Maßstab gerechnet:

    Juden haben alle Freizügigkeit
    Roma und Sinti nicht.

    Warum eigentlich?
    Ich verstehe bis heute nicht warum das so ist?

    haben wir Deutsche nicht auch eine Mitschuld für das was den Roma und Sinti im dritten Reich angetan wurde?

    Hier gilt wie so oft in der deutschen Politik:
    gleich ist noch lange nicht gleich …

    eine Schande ist das – eine Schande h³

    persönlich habe ich als Kind Roma und Sinti in meiner Nachbarschaft gehabt und niemals wurden wir weder belästigt noch sonst was, das Gegenteil ist der Fall – es war eine schöne Zeit …

  3. Mike sagt:

    Das Ergebnis der Studie wurde bewusst von der Antidiskrimienierungsstelle des Bundes vrrfremdet wiedergegeben vgl SPIEGEL vom 6. Oktober 2014 Nr. 41 Seite 42 f



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...