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Migration und Integration in Deutschland

Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), Die Zeit, 16.09.2010

Rassismus an der Discotür

Polizei: Sie haben nun einmal einen ausländischen Touch

Hamburger Kiez. Samstagabend. Haluk und seine Freunde von der Uni wollen feiern. Sie kommen nicht weit. An der Discotür ist Schluss. Sie werden nicht reingelassen. Der Ausländeranteil sei zu hoch. Haluk beschwert sich. Die Polizei kommt und macht ihn zum Täter.

Hamburger Kiez an einem typischen Samstagabend Anfang September. Haluk (21) hat sich mit Freundinnen und Freunden aus der Uni (alle zwischen 21 und 24) verabredet. Sie möchten feiern, weg vom Prüfungsstress und dem Studenten-Alltag. Gegen 0:30 Uhr stehen sie im Foyer eines Szenen Clubs an der Simon-von-Utrecht Straße. Der Türsteher zögert nicht lange und sagt es geradeaus: „Tut mir leid, ich würde euch gerne rein lassen, aber der Ausländer-Anteil ist schon zu hoch“.

Die Studenten sind überrascht und suchen das Gespräch. Vergeblich. Drei von ihnen haben keinen Migrationshintergrund. Sie trauen ihren Ohren nicht. Sie sind verunsichert und beschämt zugleich. Hätten sie es nicht selbst erlebt, würden sie es nicht glauben. Wären sie doch bloß wegen der Kleidung zurückgewiesen worden, denken sie sich. Auch am „Männeranteil“ liegt es nicht; Haluk ist mit mit vier Frauen und drei Männern unterwegs. Ein Versuch, die Club-Leitung zu überzeugen, endet immer wieder in der Sackgasse. Die Studenten geben auf. Die Nacht ist noch jung und Hamburg groß; es gibt auch andere Discos.

Gegen 1:30 Uhr stehen sie vor einem anderen Club am Reeperbahn und mit anderen Türstehern aber mit demselben Szenario. „Tut mir leid Leute. Ihr seht gut aus und ich würde euch sofort rein lassen, aber wir haben einen gewissen Anteil, der schon überschritten ist“, sagt eine Türsteherin in freundlichem Ton. Haluk und seine Freunde haben schon eine Vermutung, wollen aber genau wissen, was gemeint ist. Der „Ausländer-Anteil“, sagt die Türsteherin nach kurzem Zögern.

Ich bin Deutscher, kein Ausländer!

Das ist zu viel. Haluk zückt seinen Personalausweis: „Ich bin Deutscher, kein Ausländer!“, beschwert er sich. Vergeblich. Der Türsteherin sind offensichtlich die Hände gebunden. Haluk und seine Freunde sind sauer und wollen diese Praxis offiziell zur Sprache bringen. Als sie die Türsteherin nach ihrem Namen fragen, zieht sie sich zurück und verlässt den Eingangsbereich. Auch die anderen Türsteher weigern sich, ihre Namen zu nennen. Als die Studenten nicht nachgeben und auf ihr Recht bestehen, rufen die Türsteher zur Überraschung aller Anwesenden die Polizei.

‚Das ist ein Schuss nach hinten für die Türsteher‘, sind Haluk und seine Freunde überzeugt. Damit dürfte sich der Fall erledigen. Die Polizei wird schon dafür sorgen, dass diese Diskriminierung ein Ende findet, denken sie sich. Schließlich verbietet es das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), Menschen aus Gründen der ‚Rasse‘ oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu benachteiligen. Eine Anzeige sollte genügen, sind sie sich sicher.

Die Polizei kommt

Als die Polizei zu dritt eintrifft, ist die Erleichterung bei den Studenten groß. Sie suchen gleich das Gespräch mit den Ordnungshütern in Uniform. In einem Eins-zu-Eins-Gespräch mit einem der Beamten erklärt Haluk immer noch fassungslos, was sich ereignet hat. Ihm fällt es schwer, seine Gefühle im Zaum zu halten: „Deutschland ist meine Heimat und ich bin kein Ausländer“, erklärt er dem Beamten und macht klar, dass er die Diskriminierung nicht hinnehmen möchte. Er bittet die Polizei, eine Anzeige aufzunehmen. Die Personalien der Türsteher könne die Polizei ja ohne Weiteres feststellen und die diskriminierende Einlasskontrolle dokumentieren. Doch es kommt anders.

Die Türsteher müssten ihre Namen nicht nennen, wird Haluk von einem der Polizisten belehrt. Der Club mache von seinem Hausrecht Gebrauch. Da könne die Polizei nichts machen. Haluk versteht die Welt nicht mehr. Er weiß nicht, worüber er sich inzwischen mehr aufregt: über die Diskriminierung an der Discotür oder über die Untätigkeit der Polizei. Die Atmosphäre wird zunehmend unerträglich, die Diskussion mit der Polizei immer lauter. Haluk versucht, sich zu beherrschen, nicht ausfallend oder beleidigend zu werden. Seinen Unmut kann er aber nicht gänzlich zurückhalten. Er gestikuliert mit den Händen. Das ist den Polizisten offensichtlich schon zu viel. Plötzlich findet sich der 21-jährige auf dem Boden wieder. Die zwei anderen Ordnungshüter halten ihn fest und legen ihm Handschellen an.

Der ausländische Touch

Aus Sicht der Polizei „echauffierte“ sich Haluk „so stark, dass eine Gefahrenlage“ hervorgerufen wurde. Daher sei er „kurzfristig in Gewahrsam genommen“ worden, rechtfertigt die Hamburger Polizei das körperliche Eingreifen später gegenüber dem MiGAZIN. An dem Abend sind die Freunde von Haluk aber geschockt. Sie beobachten das Geschehen ungläubig und schalten sich schließlich ein. Die Diskussion wird fortgesetzt. Allen Beteiligten, auch den Polizisten, ist klar, die Studenten haben recht. Natürlich sei es nicht schön, wenn man auf diese Art zurückgewiesen wird, versucht ein Polizist, die Studenten zu beschwichtigen. So seien Türsteher eben. Und „Sie haben nun einmal einen ausländischen Touch, egal ob Sie Deutscher sind oder nicht“, sagt einer der Polizisten.

Die Studenten sind ratlos und verwirrt. Anstatt Unrecht zu bekämpfen, hat die Polizei die Aufnahme der Anzeige verweigert, die Personalausweise der Studenten kontrolliert anstelle die der Türsteher und einen ihrer Freunde gewaltsam mit Handschellen gefesselt. Einen guten Tipp gibt einer der Polizisten den Studenten noch mit auf den Weg, als sie Haluk schließlich befreien. Im Internet könnten die Studenten ja nach dem Impressum des Clubs suchen und sich Adresse und Namen notieren für eine Beschwerde. Würden sich die Beschwerden häufen, würden die Türsteher ausgewechselt, meint einer der Polizisten.

Und wer wechselt die Polizei aus, fragen sich die Jugendlichen.

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26 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Fakt-Checker sagt:

    Was an dem Text nicht stimmt: In Hamburg gibt es keine „Ordnungshüter in Grün“ – Hamburgs Polizei trägt ein tiefes Dunkelblau.
    Zweitens muss ein Discobesitzer nicht jeden reinlassen, er darf zur Ablehnung nur nicht sagen: Du bist Ausländer, zu dick, schwul oder ne Frau. Das sind Diskriminierungen, die nach AGG nicht gehen.
    Drittens: Ein Verstoß gegen das AGG ist keine Straftrat und auch keine Ordnungswidrigkeit. Deshalb KANN der Polizist auch keine Anzeige aufnehmen …. Arschloch sein ist leider nicht strafbar. Haluk könnte nur mit Bezug auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) zivilrechtliche Schritte einleiten, wenn er sich diskriminiert fühlt und auf Unterlassung oder ein Schmerzensgeld klagen. Damit hat die Polizei aber nichts zu tun.
    Viertens könnten sich die jungen Leute des Hausfriedensbruchs schuldig machen, wenn sie zu energisch auf das Betreten des Clubs dringen und die Türsteher bedrängen.
    Fünftens: Wenn Haluk dann auch noch „herumfuchtelt“ und dem Beamten mit Händen vor dem Gesicht herumwedelt, wird der ihn zur Eigensicherung sistieren … Das ist auch klar.
    Die Polizisten zeigen Verständnis für den jungen Mann und sagen, wie doof sie den Türsteher finden. Aber Haluk und Freunde sind moralisch zwar im Recht, juristisch aber schlicht und einfach im Unrecht – so traurig das ist. Deswegen haben sich die Polizisten korrekt verhalten.

  2. Michael Klein sagt:

    In der ehemaligen DDR hiess es: „Die Partei, die Partei, die Partei die hat immer recht!“ Im wiedervereinigten Deutschland heisst es „Die Polizei, die POlizei, die Polizei, die hat immer recht!“ Und das war auch schon vorher in der BRD so, war diese doch jahrzehntelang von AltNazis besetzt, der ganze Polizeiapparat, die ganze Justiz und die Bundesanwaltschaft war durchsetzt von alten NSDAPlern, dafür hatte ja Adenauer bestens gesorgt! Diese sind zwar nicht mehr tätlig, aber deren GEist ist weiterhin dort vorhanden! Und die wenigsten scheint es zu stören, nicht wahr Krause???????

  3. krause sagt:

    @ Michael Klein
    Fact Checker hat die Rechtslage umfassend und korrekt beschrieben. Die Polizei konnte hier gar nicht anders handeln. Inwieweit die Festnahme von Haluk korrekt war, kann ich nicht beurteilen und habe dies auch nicht behauptet. Von daher weiss ich nicht, was ihre ?? sollen.

  4. pling sagt:

    „Die Polizisten haben tatsächlich ihren Job gemacht. […] Haluk kann auf Schadensersatz klagen und würde diesen Prozess auch gewinnen.“

    Falsch. Haluk hat nach dem Bericht um Feststellung der Personalien der Türsteher gebeten. Für die Führung eines Prozesses wären die Türsteher mindestens als Zeugen zu laden. Wie soll das erfolgen ohne Kenntnis der Personen?

    „Dass Haluk sich “echauffiert” hat, bestätigt allerdings mal wieder das Vorurteil, dass man gegenüber bestimmten Migranten hat und gibt den Türsteher insgeheim recht.“
    Wie, wenn man auf Rassismus trifft und die Polizei nicht ihren Aufgaben hinterher kommt, darf man sich nicht aufregen. Und sich aufregen ist jetzt ein Merkmal für Migranten?

  5. Rainer Möller sagt:

    Wenn man ein absolutes individuelles Zutrittsrecht will, verzichtet man damit allerdings auf jede Form von Proportionalität zwischen den Geschlechtern, Rassen und Ethnien. Orientalische Männer würden dann in einer Disco u.U. nur noch auf andere orientalische Männer treffen und fast nie mehr auf die (vielfach doch erwünschten) ethnodeutschen Frauen. Wäre das wirklich eine akzeptable Lösung? Oder eher eine gutgemeinte Regelung, die sich selbst ad absurdum führt? Wäre es nicht pragmatisch geschickter für orientalische Männer, wenn sie sich freiwillig etwas zurücknehmen, damit auch noch andere in die Disco gehen?

  6. Fakt-Checker sagt:

    Eine zivilrechtliche Klage wg Verstoßes gegen das AGG würde sich immer gegen den Clubbetreiber oder Discobesitzer richten, der sich das Verhalten seiner Türsteher zurechnen lassen muss. Die Personalien dieser Türsteher tun dabei nichts zur Sache. Die Polizei hatte also keinen Grund, diese festzustellen.
    Dass Haluk die Rechtslage im Detail nicht kennt, finde ich verständlich. Die aufgeregte Autorin des obigen Textes hätte sich aber doch sachkundig machen sollen. Schließlich gibt es eine jiurnalistische Sorgfaltspflicht!

  7. Roman sagt:

    @Fakt-Checker

    Offensichtlich haben Sie den obigen Text der Autorin nicht zu Ende gelesen. Es gibt noch eine zweite Seite des Textes. Da steht alles drin – inkl. Statement der Polizei – Stichwort: journalistische Sorgfaltspflicht 😉

    http://www.migazin.de/2014/09/23/rassismus-discotuer-polizist-sie-touch/2/

  8. Tai Fei sagt:

    krause sagt: 23. September 2014 um 10:23
    „Dass Haluk sich “echauffiert” hat, bestätigt allerdings mal wieder das Vorurteil, dass man gegenüber bestimmten Migranten hat und gibt den Türsteher insgeheim recht.“
    Das bestätigt gar nichts. Hätte ich nämlich ähnlich gemacht.

    So auch neulich am Flughafen bei der Passkontrolle. Der Typ hat doch tatsächlich meine Frau angemacht, weil sie sich mit mir und unserer Tochter am EU-Bürger-Schalter angestellt hat. Da bin ich dann auch etwas ausfällig geworden.

    So `ne Lächerlichkeit kenne ich sonst überhaupt nicht. Wenn wir zur Familie meiner Frau fliegen, stehe wir auch immer zusammen am Residents-Schalter. Kein Mensch kommt dort auf die Idee auch nur einen Kommentar abzulassen.

  9. Johanna Walther sagt:

    Die Polizei ist nicht dazu da, diskriminierten Personen einen Discobesuch zu verschaffen. Wer will auch schon in solch einen Laden, um dort „Party zu machen“? Hört sich in meinen Ohren heuchlerisch und selbstverleugnend an.

    Generell dieses diskutieren mit Personal, dass diese Entscheidung überhaupt nicht treffen kann. Der Polizist handelt nach Recht und Gesetz, der Türsteher nach den Vorgaben des Auftraggebers. Passt euch nicht? Geht in die Politik, ändert die Gesetze, setzt euch mit den Hinterleuten auseinander.

  10. Ex-Student sagt:

    Ich habe während meines Studium in mehreren Clubs in Hamburg und Umgebung gearbeitet.

    Auch wenn ich sicher bin, dass Haluk und seine Kollegen nette Leute sind, ist es ein ganz klarer Fakt, dass – je höher der Anteil an jungen arabisch- und türkischstämmigen Männern im Club ist – die Atmosphäre zunehmend agressiv wird und insbesondere für Frauen nur noch anstrengend ist.

    Und da achten Clubbetreiber mit Argusaugen drauf, denn letztlich sind es die jungen Frauen, mit denen ein Club steht oder fällt. Das kann sprichwörtlich über Nacht gehen, dass so ein Club nicht mehr angesagt ist. Und das hat, neben einigen anderen Faktoren, sehr viel mit dem Publikum zu tun. Das ist auch kein absichtlicher Rassismus der Betreiber etc, denn eigentlich kämpfen die ja um jeden Kunden, der Eintritt zahlt und überteuerte Drinks kauft.

    Wenn viele Türsteher aus der Sicht von Haluk eine unentspannte Türpolitik betreiben, dann liegt das in erster Linie an zu vielen negativen Erfahrungen mit zu vielen ähnlich aussehenden Jungmännern und nicht daran, dass sein Geld stinkt.


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