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Fachmagazin für Migration und Integration in Deutschland

Die Zerteilung der Arbeit in kurze und ständig zu wiederholende, gleichförmige Handgriffe ermöglicht es, Arbeiter ohne Qualifikation und ohne Kenntnis der deutschen Sprache einzusetzen; die Art der Arbeit erfordert es vielleicht sogar.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Immigrierte Chefs

Gibt es eine deutsche Mentalität?

Was macht die Deutschen wirtschaftlich so relativ stark und erfolgreich? Sind es die Qualität der Ausbildung und der Universitäten, die technische Tradition, das relativ unproblematische Klima, die geografische Lage mitten in Europa?

VONTobias Busch

 Gibt es eine deutsche Mentalität?
Der Verfasser ist nach vielen Jahren in internationalen Führungspositionen deutscher Konzerne heute als Personalberater mit der Personalglobal GmbH auf internationales Top Management spezialisiert, besonders gerne mit China - Bezug. Er hat Recht studiert, über Kriminologie promoviert und u. a. in England, China und Indien gelebt. Er glaubt fest daran, dass Menschen, die in mehreren Kulturen zu Hause sind, für deutsche Unternehmen ein wertvolles Kapital darstellen. Chancen, die sich dadurch bieten, sollte die Wirtschaft viel konsequenter und im Eigeninteresse nutzen. Ein besonders aktuelles Beispiel sind die Sinodirektoren, deren Arbeitsfähigkeit im boomenden China und im konservativen Europa sie für international ausgerichtete Unternehmen hochinteressant macht. Aber das Gleiche gilt natürlich im Grundsatz für alle bi-kulturellen Fachleute mit Führungspotential. Mehr über ihn...

DATUM23. September 2014

KOMMENTARE11

RESSORTAktuell, Meinung

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Wenn ich ausländische Gesprächspartner frage, antworten die Meisten: es ist vor allem die deutsche Mentalität! Dann kommen die üblichen Schlagworte wie Sorgfalt, Prozesstreue, konsequente Planung, Arbeit als Lebensinhalt, Hang zum Perfektionismus usw..

Natürlich sind das Stereotypen und – da verallgemeinernd- auch Vorurteile, in denen sich der Einzelne nicht wiederfindet. Aber andererseits stimmt es natürlich, dass die vorherrschenden Einstellungen und Wertmaßstäbe, die Mentalität also, mit der Art des Wirtschaftens im jeweiligen kulturellen Umfeld eng verbunden sind.

Leider sind nicht alle Komponenten der deutschen Mentalität uneingeschränkt sympathisch und die Geschmäcker diesbezüglich auch noch individuell verschieden. Das gibt aber Migranten und allen, die nicht seit Generationen deutsch sind, die Möglichkeit, sich die ihnen sympathischen Anteile für die eigene Persönlichkeit herauszupicken. Genau das tun nach meinem Eindruck viele der jungen Chinesen in Deutschland. Sie sind – mit oder ohne deutschen Paß – meist nur für einen begrenzten Zeitraum von 10 oder 15 Jahren hier, was sie von vielen anderen Migranten unterscheidet. Trotzdem bin ich immer wieder beeindruckt, wie es vielen von ihnen gelingt, neue Einstellungen bewusst aufzunehmen und sich dabei selbst treu zu bleiben.

Viele Chinesen haben Freude am Lernen
Vielleicht sind sich die chinesische und die deutsche Mentalität sich in vielem näher als die meisten Deutschen das wahrhaben wollen. Wichtig sind in beiden Kulturen Arbeit, Familie und materieller Erfolg. Die Menschen haben oft ein starkes Pflichtgefühl und überbordende südliche Lebensfreude gilt eher nicht als Tugend. In einem Punkt aber unterscheiden sie sich aber deutlich: Die chinesische Tradition des ständigen Lernens ist vielen Deutschen zwar recht sympathisch, aber bei uns hat man inzwischen häufig das Gefühl, dass das Lernen als Last und nicht als Vergnügen gilt und irgendwie uncool geworden ist. Als sei es besonders vergnüglich, seine Zeit ohne geistige Anstrengung zu verbringen.

Es gibt auch sehr spezifisch deutsche Traditionen, die den Chinesen eher fern liegen. Z. B. geht in Deutschland fast jedes Kind eine Zeit lang in einen Sportverein und ein beachtlicher Teil betreibt irgendwann im Leben sogar Leistungssport. Hier gibt es in China und in den meisten anderen Zuwanderungsländern ganz andere Traditionen. In China wird viel Sport getrieben, aber fast alles ist durch die Schule und Jugendorganisationen organisiert. Und Tischtennis oder Badminton sind definitiv populärer als Bergsteigen. Umso schöner, wenn chinesische Ingenieure in Deutschland Mitglied im Alpenverein werden und jedes Wochenende mit anderen in den Bergen klettern gehen!

Ähnliches gilt auch für andere Immigrantengruppen. In der Türkei etwa war in alten Zeiten der Sport eher militärisch geprägt – Reiten, Ringen, Speerwerfen, um die Soldaten stark zu machen. Seit dem Untergang des Osmanischen Reiches hat sich dann nach und nach ein vergleichsweise passives Freizeitverhalten durchgesetzt und heute ist selbst der Fußball – obwohl hochpopulär – eher Zuschauersport. In Deutschland aber tragen die jungen Deutschen mit türkischen Eltern beträchtlich dazu bei, dass die deutschen Fußballvereine weniger Nachwuchssorgen haben. Der aktive Sport ist also offenbar für viele ein attraktiver Teil der hiesigen Lebensform und Mentalität.

Ist es uncool, sich anzustrengen?
Außerhalb des Sports aber scheint es in Deutschland für viele junge Leute – unabhängig von ihrer Herkunft- nicht attraktiv zu sein, sich zu verausgaben und sich anzustrengen. Es mag der Ehrgeiz, den manche bürgerliche Eltern in Deutschland für ihre Kinder entwickeln, mintunter etwas albern wirken. Aber er ist wahrscheinlich für uns alle recht gesund in einer globalisierten Welt mit ständig steigenden Anforderungen an die nachwachsenden Generationen. Die gegenteilige Haltung ist viel problematischer als elterlicher Ehrgeiz. Wenn nämlich ganze Milieus und damit ein beachtlicher Teil der jungen Menschen rein gar nichts von Ausbildung oder gar Bildung hält. Das ist kein Migrationsthema, weil das Problem quer durch alle Schichten geht. Aber für Jugendliche mit Migrationshintergrund ist es ohne Freude am Lernen fast unmöglich, später beruflichen Erfolg zu haben. Ihre privilegierteren Altersgenossen können das eher kompensieren.

Wie wir diese Freude – wieder – zum Teil der deutschen Mentalität machen können, weiß ich auch nicht. Klar ist aber, dass wir es uns einfach nicht leisten können, dass die Hälfte des ohnehin zu wenigen Nachwuchses nichts vom Lernen hält.

Mentalität ist der entscheidende Erfolgsfaktor
Im Sport gewinnt meist nicht das absolut bessere Team, sondern dasjenige, das den stärkeren Willen zum Sieg hat. Das Ziel jeder demokratischen Gesellschaft ist Chancengleichheit. Dieses Ziel ist nicht erreichbar und es hat sie noch nie irgendwo auf der Welt gegeben. Neben Talent und Begabung ist aber die Mentalität der wichtigste Faktor, um wenigstens in die Nähe von Chancengleichheit zu kommen – wichtiger als Wohlstand! Das scheinen viele zu übersehen. Für die Kinder mit Migrationshintergrund ist das besonders fatal, weil sie ohnehin schon einen weiteren Weg zum Erfolg haben.

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11 Kommentare
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  1. Nichtdenker sagt:

    „Wichtig sind in beiden Kulturen Arbeit, Familie und materieller Erfolg“

    Entschuldigung, aber seit wann ist ein stark ausgeprägter Familiensinn ein Bestandteil der deutschen Mentalität?

    Mit den anderen zwei Punkten bin ich trotzdem einverstanden.

  2. Horrawitz sagt:

    Das was man unter „Arbeit“, „Leistung“, „Pflicht“ etc. versteht, ist kulturell höchst unterschiedlich konnotiert. Die Bereitschaft, Steuern zu zahlen, die Kinder auf die Schule zu schicken, keine Gewalt auszuüben, sich angepasst zu verhalten, dem Staat bzw. der Allgemeinheit zu dienen usw. ist kulturell bedingt. Im Grunde ist alles „Kultur“.

  3. Destructor sagt:

    “ Das ist kein Migrationsthema, weil das Problem quer durch alle Schichten geht. Aber für Jugendliche mit Migrationshintergrund ist es ohne Freude am Lernen fast unmöglich, später beruflichen Erfolg zu haben. Ihre privilegierteren Altersgenossen können das eher kompensieren.

    Wie wir diese Freude – wieder – zum Teil der deutschen Mentalität machen können, weiß ich auch nicht. Klar ist aber, dass wir es uns einfach nicht leisten können, dass die Hälfte des ohnehin zu wenigen Nachwuchses nichts vom Lernen hält. “

    wie wäre es mal den lehrern das zu vermitteln .

    kann mich noch gut daran errinern vor nicht allzulanger zeit 90er anfang 2000 erinnern

    „du wirst straßenreiniger wenn du glück hast “
    “ ja deine bemühungen sind gut aber das brauchst du eh nicht “
    „du willst doch taxifahrer oder gemüsehändler werden “
    „willst nicht nach der schule in die alte heimat zurückfahren ? “
    „wir wollen leute wie dich hier nicht haben und brauchen sie auch nicht “

    wie inkompetent muss man als lehrer ( unabhängig von der eigenen politischen ansicht oder orientierung und gesinnung ) muss man sein um seinen frust oder aversion an kindern ablassen , oder ihnen ständig einreden sie wären nichts wert und könnten nichts erreichen .

    kein wunder das der großteil der betroffenen die schule als einzigen bildungsträger skeptisch gegenübersteht . da schule für die betroffenen ungleich berufliche chance entwicklung ist .

  4. Um wieder Spaß in die Schulen zu kriegen sollte man zuerst das mühselige Lehramtsstudium entschlacken. Dort werden Wissenschaftler herangezüchtet, was man in der Schule aber braucht sind Lehrer und Erzieher. Es ist auch Quatsch, dass nur Abiturienten Zugang zum Lehramtsstudium haben, Realschüler können genau so gut Lehrer werden. Man könnte das Studium von der Uni auf die Fachhochschulen verlagern, 50% der Lehrinhalte rausschmeißen und 50% mehr der Sachen reinbringen, die man als Lehrer wirklich braucht. Aber der Sinn des deutschen Schulsystems besteht ja gerade darin, dass diejenigen, die unten sind, auch unten bleiben. Soziale Mobilität ist ja gerade nicht gewünscht. So gesehen fügt das Schulsystem der Gesellschaft Schaden zu, weil es Potentiale brach liegen lässt. Aber das ist ja ein alter Hut…

  5. Erzieherin sagt:

    @Destructor wenn ich den Schülern erst einmal Respekt vor dem Lehrer einbläuen muss oder sie ermahnen muss, die Präsenz des Lehrers zu akzeptieren, ist jeder Unterricht sinnlos. Alles erlebt.

  6. Erzieherin sagt:

    @ Niedermüller Eine Universität ist etwas ganz anderes als eine Hochschule, da es an der Uni um Forschung und Spezialistentum geht. Wer Leute ohne „Schliff“ haben will, soll es anders machen … Jeder xy ein Lehrer, ich glaube der Schuss geht nach hinten los!
    Die Demokratie mag viele Vorteile haben, einer der Nachteile liegt darin, dass wirklich jeder von vornherein zum Genie erklärt wird, besonders in den Medien und in der Politik. Das bringt doch nichts. Es kann nun mal nicht jeder alles. Der Bauarbeiter soll am Bau arbeiten und in der Professor in seiner Studierstube. Alles andere ist einer hochspezialisierten Gesellschaft unwürdig.

  7. Praktiker sagt:

    Blöde Frage: Gibt es eine typisch „migrantische“ Mentalität?

  8. Saadiya sagt:

    @Praktiker: Klare Antwort: Nein.

    Menschen können, eagl welcher Herkunft, sehr verschieden sein. Es gibt weder eine „typisch deutsche Mentalität“ noch eine „typisch migrantische“.

  9. Praktiker sagt:

    @Saadiya Menschen können sehr verschieden sein, doch so verschieden sind sie dann auch nicht. Es ist einfach evident, dass Leute aus bestimmten Ländern andere Familienvorstellungen haben, bereitwillig Steuern zahlen, für die Ausbildung ihrer Kinder sorgen, auf die Kleidung achten usw. Mentalitäten sind Durchschnittswerte und damit sehr wohl aussagekräftig. Wer will denn ernsthaft leugnen, dass z.B. zwischen Berlin-Neukölln und sagen wir einmal Altötting in Oberbayern Unterschiede in der Mentalität herrschen?

  10. Saadiya sagt:

    @Praktiker: Durchschnittswerte in der globalisierten Welt????

    Sie vergessen, dass auch Menschen mit anderer Herkunft, Kultur oder Glauben heute Deutsche sind. „Typisch“ ist ein Begriff, der soweit gefasst ist, dass Schubladendenken kaum funktioniert.


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