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Extremismus

Warum radikalisieren sich Jugendliche?

Es gibt viele Faktoren, warum sich Jugendliche radikalisieren. Egal ob rechter, linker oder religiöser Fanatismus, die Muster scheinen gleich zu sein. Daher sind auch die Rattenfängermethoden dieser Gruppierungen identisch. Nur Namen, Begriffe und die Semantik ändern sich. Selbst bei religiösen Fanatikern sind die gleichen Gründe ersichtlich. Selten geht es um theologische Gründe.

Besonders „anfällig“ für radikale Gruppen sind männliche Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren. Häufig sind es Jugendliche, die nach Orientierung und nach einem Sinn im Leben suchen.

Diese Sinnsuche wird verknüpft mit der Sehnsucht nach Geborgenheit, Anerkennung, Vertrauen, Fürsorge und Liebe. Viele Jugendliche erhoffen sich durch den Anschluss an eine radikale Gruppe, die viel ersehnte familiäre Wärme zu finden. Sie suchen in der Gruppe Geborgenheit, ein Gefühl, das ihnen in der eigenen Familie oder im Freundeskreis verwehrt geblieben ist.

Auf Grund einer entfremdeten oder Konflikt-Biographie erhalten die Jugendlichen in der radikalen Gruppe eine selbststärkende Identität. Obwohl sie auch hier eine entfremdete Identität, ja fast eine Schizophrenie ausleben, vorspielen und inszenieren, wird dies durch die Erfahrene Geborgenheit unterdrückt. Meist dient dann auch die Religion nur als Identitätsstifter. Das heißt, diese Personen handeln dann nicht aus tiefstem inneren oder aus Überzeugung religiös, sondern, weil ihnen Religion eben diese Identität liefert. So bieten radikale Gruppen eine einfache und klare Antwort auf die Identitätssuche vieler Pubertierender an.

Die Gruppe bietet zudem Sicherheit. Es gibt ein einfaches Weltbild, das aus Gut und Böse besteht. Alles scheint klar und ersichtlich zu sein. Die Regeln sind klar, die Wahrheiten einfach. Diese dichotome Weltsicht ist für viele Jugendliche ein wichtiger Anziehungspunkt, weil sie in der undurchsichtigen modernen Gesellschaft diese Gewissheit nicht haben. Daher bietet ihnen die Gruppe eine Komplexitätsreduzierung an.

Bei Eintritt dieser Gruppen wird das „Wir“-Gefühl gestärkt. Hier finden die Jugendlichen gehör. Hier sind sie willkommen, werden nicht ausgestoßen. Sie gehören dazu. Sie sind wichtig, was noch einmal das Selbstwertgefühl steigert. Daher ist die Radikalisierung auch eine Gegenreaktion zur Ausgrenzung. Zudem ist der Mensch ein soziales Wesen, das sich in einer Gruppe anpasst, auch wenn es den Werten der Gruppe nicht glaubt. Gruppenzwang ist hier eine einflussreiche Größe. Hinzu kommen Jugendbedürfnisse, wie z.B. Protestbedürfnis, Abenteuerlust, Zugehörigkeit zu einer Clique. Radikale Gruppen stillen diese Bedürfnisse.

Ein anderer Faktor, was bei Radikalen – egal ob Jugendlich oder nicht – eine immense Rolle spielt ist das Gerechtigkeitsempfinden. Viele gehen davon aus – auch auf Grund der dichotomen Weltsicht – dass es nur Ungerechtigkeit in der Gesellschaft gibt. Sie wollen dann mit Hilfe ihrer Gruppe „die Welt retten“. Ihr Tun soll die Gesellschaft „verbessern“; obwohl sie sie zerstören. Dies wird damit legitimiert, dass einige geopfert werden müssen, damit es besser wird.

Viele Radikale geben an, dass sie sich vor ihrem Eintritt in die Gruppe ungerecht behandelt fühlten. Wenn dieses Gefühl ein hohes Maß annimmt, verknüpft mit fehlender Geborgenheit, Sicherheit und Vertrauen, suchen sie nach alternativen Wegen, um diese zu erfüllen. Sie lehnen also die Ungerechtigkeit ab und suchen andere Gerechtigkeitsmodelle. Dies ist der größte Nährboden für Radikalisierungen jeglicher Art.

Eine Studie über den Radikalisierungsprozess bestätigt dies. Marc Sagemen interviewte 500 Gewalttäter aus Terrornetzwerken. Er kam zum Ergebnis, dass Faktoren wie Bildung oder theologisches Wissen keine Rolle spielen. Das einzige was zählt ist Gerechtigkeitsbedürfnis.