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Wahn & Sinn

Nippel für die Massen

Endlich wissen wir, wie die Krankheiten dieser Welt zu heilen sind: Mit harten Nippeln unter nassen T-Shirts und Spam auf Facebook. Halleluhja!

Dieser Tage passierte etwas Seltenes: Krankheiten bestimmten die Schlagzeilen, vom Boulevard bis hin zur richtigen Presse. Zum Einen die fortdauernde Ebola-Epidemie, die sich langsam in den afrikanischen Ländern ausbreitet und kaum zu kontrollieren ist, und zum Anderen die amyotrophe Lateralsklerose, eine Nervenkrankheit, die Facebooknutzer, Promis und solche, die es gern wären, zu begossenen Pudeln degeneriert.

Dabei mag es ja durchaus sein, dass ALS eine schlimme Sache ist, dass sie plötzlich zur Schlagzeile tauge, ist ein Riesenschwachsinn und seinerseits Zeichen von Degeneration – wer bei einer Eiseimerherausforderung, neudeutsch: Ice bucket challenge, mitgemacht hat und tatsächlich weiß, was ALS ist, werfe den ersten Stein; denn um die Krankheit selbst geht es ja gar nicht. Vielmehr geht es um den Darstellungsdrang der soziopathischen Opfer einer verlorenen Generation von Castingopfern. Um F-Promis, die sich für einen vermeintlich guten Zweck in einem verkappten Wet-T-Shirt-Contest für die RTL2-Nachrichten prostituieren, und um Follower, die nun jene fünfzehn Minuten einfordern, die ihnen Warhol einst versprochen hat, jene konformistischen Nullen von denen Nietzsche sagte, man möge sie suchen, wolle man sich multiplizieren.

Sicher, das Ganze hat einen positiven Kollateraleffekt, jenen, dass die Social Media Zombies mit ihren Spenden helfen, eine Hirnkrankheit zu bekämpfen – welche Ironie; einen guten Zweck vermag ich jedoch nicht zu erkennen.

Derweil wütet eine der tödlichsten bekannten Krankheiten in Afrika. Quarantäneversuche und andere Strategien waren bisher kaum von Erfolg geprägt, immer mehr Länder sind betroffen, eine Eindämmung scheint kaum noch möglich – fast tausend Menschen starben bereits, offiziell. Und in Zeiten weltweiter Vernetzung durch Fluglinien ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis der Sprung auf einen anderen Kontinent gelingt und die Epidemie endgültig außer Kontrolle gerät. Eine Frage der Zeit ist es deswegen, weil die finanziellen Möglichkeiten fehlen. Für Ebolakranke macht sich nämlich kaum einer das Fell nass; bei der Eiswasserherausforderung hingegen – noch mehr Ironie – sind ihrerseits bereits Menschen gestorben.

Besonders tragisch daran ist, dass es vermutlich nicht einmal etwas mit Rassismus zu tun hat, dass sterbende Afrikaner der Welt ziemlich egal sind, während ein paar weiße Spastiker jederzeit für ein hohes Spendenaufkommen gut sind. Vielmehr sind es die Regeln unserer perversen Mediengesellschaft, in der es eben normal ist, Schwarzafrikaner krepieren zu sehen: und Normalität ist keine Nachricht.

Helene Fischer im nassen T-Shirt allerdings, das ist was anderes. Und dann geht’s ja auch noch um den guten Zweck. Das ist eine gute Nachricht.