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Michael Walzer, Sphären der Gerechtigkeit, 2006

IS-Terror im Nord-Irak

Muslime sollten Solidarität nicht auf Palästinenser beschränken

Muslime sollten zeigen, dass der IS-Terror im Nord-Irak nicht der Islam ist. Das gelingt aber nur, wenn sie sich ehrlich und aufrichtig mit den Opfern solidarisieren. Mizgîn Çîftçîs Appell an die Muslime, auch sich selbst einen Gefallen zu tun.

VONMizgîn Çîftçî

Der verfasser ist Student der Politikwissenschaft und Redakteur des yezidischen Nachrichtenportals ezidipress.com

DATUM1. September 2014

KOMMENTARE6

RESSORTAktuell, Meinung

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Im heiligen Koran heißt es in Sure 2: „Es gibt keinen Zwang in der Religion.“ Die Milizen des ‘Islamischen Staates’ aber zwingen im Nord-Irak Christen, Turkmenen und Yeziden, den Islam anzunehmen. Geschieht dies nicht, drohen ihnen die selbst ernannten Gotteskrieger mit dem Tod. Diese Situation ist in zweierlei Hinsicht problematisch:

Erstens wird der Islam politisch instrumentalisiert und für die Rechtfertigung grausamer Verbrechen an unschuldige Menschen herangezogen. Gläubige Muslime werden vom ‘Islamischen Staat’ in ihrer Menschenwürde und ihren religiösen Gefühlen zutiefst verletzt. Denn der Islam gilt in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend als „Religion des Krieges, des Mordens und der Vernichtung von Andersdenkenden“.

Zweitens sterben heute zu Tausenden Christen, Turkmenen und Yeziden durch den Terror des ‘Islamischen Staates’. Frauen werden in Kerkern vergewaltigt und auf öffentlichen Märkten zum Verkauf für wenige Dollar zur Schau gestellt. Zu Hunderttausenden fliehen Menschen aus ihren Dörfern. Sie werden wohl für immer Heimatlose sein. Der Nahe Osten, die Wiege der menschlichen Zivilisation mit ihren Jahrtausende alten Religionen und Kulturen, wird heute ‘ethnisch gesäubert’.

Der Plan der Terrormilizen ist es, die Bevölkerung zu ‘bereinigen’, sie ‘rein zu waschen’ von ‘heidnischem Götzendienst’ und der ‘Verehrung des Teufels’. Doch wie sieht die Situation in Deutschland aus, einem Land, in dem mehr als 200.000 orientalische Christen, Yeziden und Angehörige anderer bedrohter Minderheiten des Nahen Ostens leben und zugleich über 3 Millionen Muslime ihre Nachbarn stellen?

Muslime in Deutschland: Schweigen statt Solidarität

Seit dem 2. August, dem Einmarsch der IS-Milizen in den bis dahin weitestgehend sicheren Nord-Irak, protestieren Christen und Yeziden beinahe jeden Tag auf unseren Straßen. Sie halten Mahnwachen ab, sammeln Spenden und Hilfsgüter, organisieren Benefiz-Veranstaltungen und wollen nicht mehr, als auf die dramatische Lage ihrer Angehörigen in den Krisenregionen aufmerksam machen.

Und die Vertreter der Muslime in Deutschland? – Sie sind damit beschäftigt, in Talk-Shows immer wieder mit Nachdruck darauf hinzuweisen, dass dieser Schrecken im Namen Gottes nicht „der Islam sei“, dass „Islam doch Frieden, und nicht Terror bedeute“. Nun, das wissen wir alle. Doch warum reagieren wir erst, wenn die zwielichtige Frage im Raum steht, ob der Islam nicht Schuld an dieser humanitären Katastrophe sei, ob nicht der Koran die legitimatorische Grundlage für einen solchen Völkermord liefert.

Dass dies natürlich nicht der Fall ist, wissen Christen und Yeziden besser als viele andere selbst ernannte Nahost-Experten: Über Generationen hinweg lebte man in Dörfern friedlich zusammen, schloss Blutbrüderschaften und pflegte eine freundschaftliche Nachbarschaft. Warum also melden sich muslimische Vertreter erst dann zu Wort, wenn die Frage diskutiert wird, ob die Gräueltaten der IS ihre Ursachen im Islam haben? Warum protestieren muslimische Verbände nur dann lautstark, wenn ein solcher Vorwurf im Raum steht, um anschließend – wenn weitere Opfer der IS bekannt werden – wieder still zu sein?

Was die bedrohten Menschen im Nord-Irak jetzt brauchen, ist keine Verteidigungsrede, die uns erklärt, „dass diese Schreckenstaten mit dem Islam unvereinbar seien“. Die Menschen brauchen vielmehr die Solidarität der Muslime mit den Opfern der IS-Verbrechen, mit den Tausenden enthaupteten, lebendig begrabenen und zutiefst gequälten und gepeinigten Menschen im Nord-Irak. Die Menschen brauchen die Solidarität der Muslime mit den über 300.000 sich weiterhin auf der Flucht befindenden Christen und Yeziden. Diese Menschen kämpfen noch immer um ihr Leben, ohne Wasser und ohne Nahrungsmittel.

Christen, Yeziden und Muslime: Gemeinsame Opfer des IS-Terrors

Die Forderung an moderate Muslime sollte daher lauten, dass auch sie in ihren Gotteshäusern Geld- und Sachspenden für die Flüchtlinge im Nord-Irak sammeln, dass sie ihre Solidarität nicht mehr nur auf muslimische Palästinenser beschränken und dass sie sich von nun an auch an Demonstrationen der Christen und Yeziden beteiligen. Muslime sollten ehrlich und aufrichtig zeigen, dass dieser Schrecken im Nord-Irak natürlich nicht der Islam ist.

Ein solches ehrwürdiges Handeln käme nicht nur den notleidenden Menschen im Nord-Irak zu Gute, sondern ebenso der Mehrheit der Muslime, die in diesen Tagen von den Verbrechen der IS ebenso in ihrer religiösen Würde verletzt wird wie die verfolgten Christen, Yeziden und anderen Minderheiten in Nahost. Die Solidarität der Christen und Yeziden jedenfalls gilt auch ihnen, denn – und das sollte uns allen klar sein – wir sitzen im gleichen Boot!

Bleibt aber das Schweigen unserer muslimischen Schwestern und Brüder, bleibt die fehlende Solidarität auf Demonstrationen und Benefiz-Veranstaltungen, so festigt sich das Bild, das viele Menschen heute schon im Kopf haben: „Die ‘IS’ handelt im Sinne des Islams“ – ein Bild, das wir alle nicht an der Wand hängen sehen wollen, Christen und Yeziden ebenso wie Muslime.

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6 Kommentare
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  1. Saadiya sagt:

    Ich möchte den Artikel ergänzen durch ein Zitat von Aiman Mazyek ( siehe: http://islam.de/24088)

    „Wer als Muslim für seine Rechte eintritt, darf nicht schweigen, wenn Unrecht anderswo geschieht. Er steht auf, wenn Brandsätze auf Moschee geworden werden, wenn Menschen in Syrien, Irak oder Gaza zu Unrecht getötet werden; er erhebt seine Stimme und hält dagegen, wenn gruppenspezifische Menschenfeindlichkeit wie Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und Rassismus – auch oder gerade wenn dies der eigene Glaubensbruder verbreitet; er verurteilt und verabscheut (und nicht nur im stillen Kämmerlein) Gewalt im Namen einer ideologisierten und durch und durch verrohrten Islam-Auslegung.

    Wer nur für die eigenen Rechte einsteht und das anderer auslässt, geht zwar mit unserem Rechtsstaat dacore, ob unsere Gesellschaft das noch mitmacht ist eine ganz andere Frage. Wer beides zusammen gestaltet, schafft Glaubwürdigkeit, entzieht Misstrauen und eröffnet eine reale Chance, dass die Entfremdung zwischen Muslimen und Nichtmuslime in unserem Land nicht weiter zunimmt.

    Solidarität mit allen Menschen in Notsituationen ist ein elementares Gebot im Islam. Verweisen möchte ich in diesem Zusammenhang auf eine gesicherte Aussage des Propheten Muhammad (Hadith), wonach dieser Muslime ermahnt sich gegen diejenigen zu stellen, die Nichtmuslimen Unrecht antun, sie diskriminieren, ihnen etwas auferlegen, was sie nicht zu tun vermögen oder ihnen etwas rauben, gegen diesen werde er „der Ankläger am Tage der Auferstehung sein“.

    Ferner sagt er: „Ein Muslim ist derjenige, vor dem andere Menschen IN SICHERHEIT sind!“

  2. Distanzierungsfiktion sagt:

    Rückzug, Versorgung, Transfer laufen weiterhin über Nato-Territorium (Grenze zur Türkei). Anlässe und Wege zur Intervention gibt es offenbar viele.

  3. […] – IS-TERROR IM NORD-IRAK – Muslime sollten Solidarität nicht auf Palästinenser beschränken – Migazi… […]

  4. Saadiya sagt:

    Eigentlich sind konkrete Hilfen für die Opfer – unabhängig der Religionszugehörigkeit – wichtiger als bloße Lippenbekenntnisse. Distanzierung von Muslimen einzufordern deutet darauf hin, dass der Islam in der westlichen Öffentlichkeit nur so wahrgenommen und missverstanden wird, wie die IS Truppen ihn interpretieren.

    Dabei ist der Islam kein einheitlicher Glaube, sondern durchzogen von diversen Strömungen und Richtungen, die jeweils ihre eigene Deutungshoheit zu ihrem Glaubensverständnis zum Ausdruck bringen. Leider ist er daher auch ein idealer Nährboden für Machtfanatiker, die in benutzen, um ihre politischen Ziele mit allen Mitteln zu erreichen oder durchzusetzen. Letzteres ist kritikwürdig. Dafür dem Islam generell die Schuld zu geben oder Distanzierungen von andersdenkenden Islamgläubigen einzufordern, halte ich für den falschen Ansatz, denn er suggeriert, dass jeder Muslim beweisen muss, dass er kein Extremist, Terrorist und Fanatiker ist.

  5. Saadiya sagt:

    Solidarität mit den Opfern beweisen andersdenkende Muslime in anderen Staaten des Nahen und Mittleren Ostens, indem sie ohne großes mediales Aufsehen Hilfstransporte organisieren oder Flüchtlingslager und medizinische Hilfen in den Nachbarländern zur Verfügung stellen.

  6. aloo masala sagt:


    Bleibt aber das Schweigen unserer muslimischen Schwestern und Brüder, bleibt die fehlende Solidarität auf Demonstrationen und Benefiz-Veranstaltungen, so festigt sich das Bild, das viele Menschen heute schon im Kopf haben: „Die ‘IS’ handelt im Sinne des Islams“ – ein Bild, das wir alle nicht an der Wand hängen sehen wollen, Christen und Yeziden ebenso wie Muslime.

    Solidarität ja, in jedem Fall.

    Demonstrationen sind nicht notwendig, weil weitgehend Konsens darüber herrscht, dass die IS eine Monstertruppe ist.

    Distanzierungen von der IS sind ebenfalls nicht notwendig, weil man sich nur von etwas distanzieren kann, womit man in einer Beziehung steht, wo also eine Nähe besteht. Ich sehe allerdings weder eine Beziehung noch eine geistige Nähe zwischen Muslimen, den Hauptleidenden der IS und der IS selbst, außer dass beide „einer Religion“ angehören. Warum sollte ein türkischstämmiger Muslim in Deutschland sich von den Gräueltaten einer Terrortruppe in der arabischen Welt distanzieren, mit der er nichts zu schaffen hat?

    Wer es wagt, von redlichen Muslimen eine Distanzierung zum islamistischen Terror einzufordern, von dem fordere ich eine Entschuldigung dafür ein, dass er es wagt, redliche Muslime in die geistige Nähe der Terroristen zu rücken, so dass eine ausdrückliche Distanzierung erforderlich erscheint. Davon abgesehen handelt es sich bei den Menschen, die Muslime zu allem möglichen verdonnern ohnehin um Gestalten, die jegliche rechtschaffene Bekenntnisse auf muslimischer Seite als Lippenbekenntnis und Taqqiya abtun. Auf einen Kotau vor solchen Typen sollte jeder Muslim verzichten, der nur halbwegs seine Würde wahren möchte.



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