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Portrait einer Duisburger Straße

Von neuen Menschen und alten Problemen

Die Wanheimer Straße verläuft mitten durch den Duisburger Problemstadtteil Hochfeld. Das Viertel hat einen schlechten Ruf. Niemals würden sie sich dorthin trauen, erklären Außenstehende, nicht mal zum Einkaufen. Doch was sagen die Bewohner? Jasamin Ulfat hat mit ihnen gesprochen.

Sieben Spielcasinos befinden sich nur wenige Schritte voneinander entfernt. Die Straße ist an Schlaglöchern reich. Plastiktüten liegen in Fetzen auf den Gehwegen. Als ein Mann beginnt, vor seiner Haustür zu kehren, wird er von Passanten angeschimpft: Er solle nicht so viel Staub aufwirbeln. Dieser Satz hat symbolische Kraft. Denn tatsächlich möchte man diese Straße nicht stören, sie nicht zum Leben erwachen lassen. Wer weiß, was sie zu erzählen hat.

Die Wanheimer Straße verläuft mitten durch den Duisburger Problemstadtteil Hochfeld. Neben schönen, aber heruntergekommenen Altbauten, finden sich graue Häuserfassaden, Ladenzeilen mit Rechtschreibfehlern in den Schaufensterbeschriftungen und ein buntes Wirrwarr an Menschen, Kulturen und Sprachen. Laut Einwohnerstatistik der Stadt Duisburg leben in Hochfeld mehr als 16000 Menschen, nur etwa die Hälfte besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. An vielen Ladentheken und Imbissen ist das Bestellen auf Türkisch leichter als auf Deutsch.

Das Viertel hat einen schlechten Ruf. Niemals würden sie sich dorthin trauen, erklären Außenstehende, nicht mal zum Einkaufen. Als Frau würde man abends attackiert, erzählt ein älterer Herr, der als Hausmeister in Hochfeld arbeitet, selbst aber nie hierher ziehen würde. „Das will ich meiner Frau nicht zumuten.“ Ein junger Mann mit türkisch klingendem Namen, Bomberjacke und Kampfhund erzählt, dass Hochfeld nicht mehr sicher sei. „Zu viele Ausländer!“, erklärt er grinsend. Dann wird er ernst und fügt hinzu, dass er mit seiner Frau und den Kindern wegen der steigenden Kriminalität bald fortziehen würde. Tatsächlich bietet sich dem oberflächlichen Betrachter genau dieses Bild: gescheiterte Existenzen warten schon am frühen Morgen vor dem Stehkiosk. Einige sind vom jahrelangen Alkohol- und Drogenkonsum so zerstört, dass sie sich nur noch im Rollstuhl fortbewegen können. Die Wanheimer Straße zieht keine Reichen und Schönen an. Hier geben sich Elend und Versagen die Hand. An vielen Hausecken riecht es streng. Das Schaufenster einer ehemaligen Videothek bewirbt erotische DVDs im Dreierpack für nur 6 Euro. Dieses Angebot ist schon lange nicht mehr konkurrenzfähig. In den kalten, ungemütlichen Männercafés, die den Straßenverlauf zieren, müsse man für echte Frauen jetzt nur noch fünf Euro zahlen. Viele Hochfelder wissen das ‚von einem Freund’. Im Stadtteilbüro bestätigt man das Gerücht.

Früher einmal war es hier gut, schwärmen die Alteingesessenen. Die Nachbarschaft, die Atmosphäre, das Lebensgefühl. Dieses ‚Früher’ ist jedoch schon etliche Jahrzehnte her. Mit der Industrie verschwanden die Jobs, mit den Jobs die Hoffnung. Wer es sich leisten konnte, zog fort. Auch die Zuwanderer – zuerst Türken und Italiener, dann Afrikaner, schließlich Rumänen und Bulgaren – halten es in Hochfeld nicht lange aus. Der Stadtteil wurde zu einem Auffangbecken für diejenigen, die es woanders nicht schafften. Jede neue Zuwanderergruppe brachte eigene Probleme mit sich. Viele Türken und Italiener kamen als Arbeitsmigranten. Nach den Werkschließungen wurden sie arbeitslos, einige machten sich selbstständig. Heute ist das Einkaufsleben der Wanheimer Straße eindeutig türkisch dominiert. In Hochfeld hat man deswegen jedoch keine Angst vor Überfremdung. Die türkischstämmigen Geschäftsleute sind willkommen, bringen sie doch Leben ins Viertel und Steuergelder in Duisburgs Kassen. Überhaupt verstehen sich die vielfältigen Einwohnergruppen Hochfelds erstaunlich gut. Eine Ausnahme gibt es jedoch, von der auch in den Medien vermehrt zu hören, zu lesen und zu sehen war. „Die Roma kommen!“, das titelte die rechtspopulistische Schweizer Weltwoche zum Thema. In Hochfeld sind sie jetzt schon seit einigen Jahren zuhause.

Das Thema ist heikel und wer sich kritisch äußert, riskiert es in die rechte Ecke gestellt zu werden. So zumindest machen es einem die Medien weis. Wenn sich Boulevardmagazine mit dem Thema beschäftigen, zeigen sie aufgebrachte Duisburger und unverschämte aber bettelarme Einwanderer aus dem EU-Osten. Wer nach diesen Fernsehbildern nach den Roma fragt, erwartet wutschäumende Antworten und verzweifelte, drohende Anklagen. Tatsächlich ist man erstaunt, wie sensibel viele Duisburger mit dem Thema umgehen. Klar gäbe es Probleme, sicher würde man sich aufregen, leider sei auch die Kriminalität gestiegen. Müll auf den Straßen mag keiner, und wenn dann als Folge Ratten in die heruntergekommenen Mehrfamilienhäuser Einzug halten, ist niemand froh. Aber, so betonen beinahe alle Befragten und Betroffenen immer wieder, man habe auch Verständnis. Diese Menschen hätten in der Heimat nichts, sie bräuchten Hilfe, sie würden ausgebeutet. Man fühlt sich in Duisburg hilflos, ist aber nicht feindselig. Wenn rechte Gruppen die Situation ausnutzen, um deutschlandweit Meinungsmache zu betreiben, werden viele Duisburger wütend. Sie sind gastfreundlich, möchten auch den Roma helfen – mit rechten Parolen wollen sie nicht assoziiert werden. Aber die Stadt ist arm, und für umfassende Maßnahmen fehlt das Geld.

Wer Lösungen finden will, muss die Probleme richtig verstehen. Und auch wenn Hochfeld, und insbesondere die Wanheimer Straße auf den ersten Blick als hoffnungslose Orte erscheinen, so sieht auf den zweiten und dritten Blick vieles anders aus.

Hoffnung für die Hoffnungslosen

Heiner Augustin war fast acht Jahre lang Pfarrer der evangelischen Pauluskirche, die mit ihrem imposanten Bau und ihrem einladenden Vorplatz so etwas wie das Herz der Wanheimer Straße ist. Im Sommer finden hier Nachbarschaftsfeste statt, sogar im Winter sammeln sich die Einwohner, ganz gleich welchen Glaubens, unter den hohen Bäumen vor den Kirchentreppen zum Lachen, Reden und Trinken. „Das ist manchmal etwas laut“, erklärt der Pfarrer mit einem Lächeln. In seiner Zeit in Hochfeld sei dies für ihn aber schon das Unangenehmste gewesen. Alle anderen Probleme hat er mit Elan und Zuversicht angepackt und sieht auch heute noch sehr viel Gutes in Hochfeld.

„Die Menschen dort haben Probleme, aber sie sind nicht das Problem.“ Und so erzählt er von den positiven Veränderungen im Viertel, vom enormen Willen und Bürgerengagement der Hochfelder – und prognostiziert, dass die Wanheimer Straße vom jetzigen Ort der Verzweiflung in den nächsten Jahren zum Szeneviertel des Ruhrgebiets werden kann.

Hochfeld ist heterogen. Hier existiert keine einzelne Parallelgesellschaft sondern so viele, dass man sie an einer Hand nicht aufzählen kann. Berührungspunkte gibt es wenige, seit die Arbeitsplätze weggefallen sind. Früher, so erzählt der Pfarrer, haben sich Einwanderer und Deutsche noch auf der Arbeit kennengelernt. Das sei zwar nicht immer ohne Spannungen verlaufen, aber man habe sich zusammengenommen. Schließlich arbeitete man gemeinsam und hatte eine gemeinsame Zukunft. Seit den Werkschließungen hörte das Miteinander auf. Die ansässige, deutsche Gruppe unterteile sich mittlerweile in zwei Parallelgesellschaften, die nichts mehr miteinander gemein hätten. „Da gibt es die Qualifizierten, die an Hochfeld hängen und nicht weggehen möchten. Und da gibt es die Abgehängten, die den Tag nach der Flasche und den Öffnungszeiten der Trinkhallen strukturieren, und nicht aus Hochfeld weggehen können“, erläutert Pfarrer Augustin. Ähnliche Spaltungen entlang der Bildungsgrenzen gäbe es in allen Gruppen. „Von außen könnte man meinen, dass es eine Spaltung zwischen ‚den Deutschen’ und ‚den Einwanderern’ gäbe – aber das stimmt nicht. Tatsächlich läuft die Zersplitterung viel tiefer.“ Gebildete und ungebildete türkische Einwanderer lebten genauso nebeneinanderher wie gebildete und ungebildete Rumänen und Bulgaren. „Das ist ohnehin die größte Fehleinschätzung: natürlich gibt es unter den neusten Zuwanderern auch Menschen, die ohne Chancen dastehen. Die meisten von ihnen aber haben höhere Bildungsabschlüsse oder sind als Handwerker Spezialisten in ihrem Gebiet. Sie arbeiten hart, oft für Hungerlöhne. Sie sind nicht hierhergekommen, um sich auszuruhen und dem Staat auf der Tasche zu liegen.“

Bei den Diskussionen über die Roma fällt immer wieder unter den Tisch, dass es schon vorher große Probleme in den Stadtteilen gab. Hochfeld wurde schon vor Jahren abgehängt, das ist nicht die Schuld der Roma. Durch ihren Zuzug verschärfen sie lediglich ein bereits vorhandenes Problem. Die Angst, von den Roma ‚überrannt’ zu werden, sei unbegründet. Tatsächlich sind es gar nicht so viele, in ganz Duisburg nur etwa 4000 Menschen. „Wenn diese Menschen in eine gute, in sich gefestigte Nachbarschaft ziehen geschieht das, was immer geschieht: die Einwanderer passen sich an. Sie sehen die Sauberkeit auf der Straße, sie beginnen, die Zyklen der Müllabfuhr zu verstehen – und sie machen mit. Sie fangen an, Gärten zu pflegen, das Straßenbild mit Blumenkästen im Fenster zu verschönern. Auch Roma leben gerne hübsch!“ Die Probleme entstünden erst dann, wenn zu viele dieser armen Einwanderer auf einem einzigen Platz zusammengepfercht würden. „Aber das ist kein kulturelles Problem. Stellen Sie sich vor, man würde 600 arme Deutsche in ein Mehrfamilienhaus mit 20 Wohnungen quetschen – keine Hoffnung auf Arbeit, kein Geld, kaum staatliche Hilfe. Da würde es bald nicht anders aussehen, als in den Roma-Siedlungen“, ist sich der Pfarrer sicher. Unter den Abgehängten des Viertels gehören die Roma zu den größten Verlierern. Keiner möchte ihnen Wohnungen vermieten, und selbst diejenigen mit Bildungsabschlüssen stellt kaum jemand gerne ein. „Man muss diesen Menschen Anknüpfungspunkte geben, damit sie sich integrieren können, und darf nicht zulassen, dass skrupellose Vermieter ihnen die größten Schrottimmobilien für Wucherpreise vermieten.“ So bemüht sich die Pauluskirche, zu den vielen Problemen der Roma einige Lösungen zu finden. Auch die neuen Zuwanderer sind in sich heterogen. Einige von ihnen organisieren sich in einer evangelischen Freikirche. Diesen Menschen stellt die Pauluskirche in ihren Räumen Platz für regelmäßige Gottesdienste und Versammlungen zur Verfügung. „Noch ist das Sprachvermögen der meisten Neuen nicht sehr gut, aber ihre Kinder lernen schnell, und werden bald zu Übersetzern.“

In den Schulen fallen die Roma-Kinder auf, wenn sie es denn schaffen, diese regelmäßig zu besuchen. Sie sind schlau, lernen schnell. Mit ihren neu erworbenen Kenntnissen helfen sie den älteren Generationen, sich in Deutschland zurechtzufinden. Alleine deshalb ist es wichtig, die gesetzliche Schulpflicht auch für die Roma-Kinder durchzusetzen. Das gestaltet sich allerdings schwierig. Denn neben den üblichen Problemen, die Einwanderergruppen mit sich bringen, wenn sie einen neuen Anfang in einem neuen Land wagen, haben es die Roma in einer Hinsicht besonders schwer. Hier geht es nicht nur um Zuwanderung, sondern auch um organisierte Kriminalität. Das, so erklärt der Pfarrer, ist das hauptsächliche Problem, auch wenn die größten Opfer dieser Kriminalität die Zuwanderer selbst sind.

Verzweiflung, Armut und mafiöse Strukturen zwingen viele junge Roma in die Straffälligkeit. Neben Nahrungsmitteln im Supermarkt werden Taschen und Portemonnaies gestohlen. Die Diebe selbst haben nicht viel von ihrer Beute. Den größten Teil müssen sie abliefern. „Wenn man teure Autos mit bulgarischen Kennzeichen sieht, dann sind das nicht die üblichen, armen Einwanderer, die darin fahren. Es sind die großen Clanchefs und deren Handlanger, die mit Angst und Terror die Armen regieren und als Sklaven ausbeuten.“ Hier wird der Pfarrer zum ersten Mal wütend. Er erzählt von Niedrigstlöhnen und immer wieder von Prostitution. „Keine Frau verkauft sich freiwillig für fünf Euro“, betont er und erklärt, wie die Banden vorgehen. „Viele dieser Frauen sind alleine in Deutschland. Ihre Familien mussten zurückbleiben. Wenn die Frauen nicht gehorchen, leiden die Familien. Wenn sie durch Prostitution nicht genug Geld verdienen, werden in der Heimat die Organe ihrer Kinder verkauft“, das sei ihm von Betroffenen so zugetragen worden. Beweise dafür gibt es nicht.

Auch im Stadtteilbüro ist man sich sicher, dass die Clanchefs das größte Problem sind. In einer armen Stadt verdient man mit Prostitution nicht viel, weil auch die Freier nicht viel zahlen können. Versteckt, in den Hinterzimmern der Männercafés, müssen immer mehr Minderjährige für noch weniger Geld ihre Dienste anbieten. Sie sind die schwächsten Glieder in der Kette, und damit am einfachsten auszubeuten.

Die Angst ist groß, dass sich in den kommenden Jahren diese mafiösen Strukturen verfestigen. Immer wieder liest man von den Gefahren, die auf Deutschland zukommen, sobald diese EU-Bürger erst einmal so lange hier sind, dass ihnen Sozialleistungen zustehen. Derzeit ist es nur das Kindergeld, aber wenn die Ansprüche steigen, schnellen dann auch die Einwanderungszahlen in die Höhe?

Auch hier bietet sich ein differenzierter Blick an, denn das Beantragen von Sozialleistungen kann auch zur Lösung werden. Langfristig sieht Pfarrer Augustin die Lage positiv. „Familien, die ein stabiles Einkommen haben – und sei es über Sozialleistungen –, sind finanziell unabhängig und können sich am Ende vielleicht sogar aus den Fängen der Clans befreien.“ Sicher ist er nicht, aber die Hoffnung bleibt. Hochfeld sei einer der spannendsten Stadtteile Duisburgs. „Die Menschen, egal welcher Herkunft, identifizieren sich gerne lokal, das heißt mit ihrem Stadtteil. Deutsche, Türken, Bulgaren und Rumänen fühlen diese Verbindung zu Hochfeld, und sehen sich – je länger sie bleiben – tatsächlich als Hochfelder.“ Pfarrer Augustin findet diese Doppel- und Dreifachidentitäten sehr vielversprechend. Für viele Menschen mit Zuwanderungsgeschichte ist es schwer bis unmöglich, ihre Herkunftskultur völlig abzustreifen. Dennoch möchten sie auch deutsch sein und fühlen sich hier zuhause. Wenn eine Doppelidentität möglich wird, die dann auch noch eine ganz starke lokale Bindung hat, ist das Zusammenleben viel leichter.

„Was spricht dagegen, mit Leib und Seele deutsch-türkischer Hochfelder zu sein?“, fragt er und führt die 2006er Fußball-WM als Beispiel an. „Beim Spiel Deutschland-Türkei hatten wir hier an der Wanheimer Straße Angst vor Ausschreitungen. Am Ende haben alle gemeinsam gefeiert, mit einem bunten Mix aus deutschen, türkischen und anderen Flaggen. Ein Hochfelder mit türkischem Migrationshintergrund brachte es auf den Punkt: ‚Weißte, ich hab ja sowieso gewonnen – egal ob Türkei oder Deutschland, mein Herz schlägt für beide!’“ In diesen Momenten wirken die Probleme des Viertels sehr klein. Aber leider ist nicht jeden Tag WM. Dennoch ist Toleranz kein abstrakter Wert, dem wir uns verpflichten müssen, weil es der Geist der Zeit gebietet. Toleranz erlaubt uns, die Wanheimer Straße und ihre Anwohner für das zu schätzen, was sie sind: eine spannende, herzliche, manchmal etwas schwierige Mischung aus Kulturen, Sprachen, Generationen und Traditionen, von denen jeder etwas lernen kann.