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Migration und Integration in Deutschland

Wenn die deutsche Gesellschaft die Muslime toleriert, hat das noch nichts mit Gleichberechtigung zu tun.

Prof. Dr. Hans-Peter Großhans, MiGAZIN, 20. Januar 2010

Portrait einer Duisburger Straße

Von neuen Menschen und alten Problemen

Die Wanheimer Straße verläuft mitten durch den Duisburger Problemstadtteil Hochfeld. Das Viertel hat einen schlechten Ruf. Niemals würden sie sich dorthin trauen, erklären Außenstehende, nicht mal zum Einkaufen. Doch was sagen die Bewohner? Jasamin Ulfat hat mit ihnen gesprochen.

VONJasamin Ulfat

 Von neuen Menschen und alten Problemen
Jasamin Ulfat, im hessischen Gelnhausen geboren, Kind eines afghanischen Vaters und einer deutschen Mutter. Derzeit Promovierende der Postcolonial Studies an der Universität Duisburg-Essen.

DATUM27. August 2014

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RESSORTGesellschaft, Leitartikel

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Sieben Spielcasinos befinden sich nur wenige Schritte voneinander entfernt. Die Straße ist an Schlaglöchern reich. Plastiktüten liegen in Fetzen auf den Gehwegen. Als ein Mann beginnt, vor seiner Haustür zu kehren, wird er von Passanten angeschimpft: Er solle nicht so viel Staub aufwirbeln. Dieser Satz hat symbolische Kraft. Denn tatsächlich möchte man diese Straße nicht stören, sie nicht zum Leben erwachen lassen. Wer weiß, was sie zu erzählen hat.

Die Wanheimer Straße verläuft mitten durch den Duisburger Problemstadtteil Hochfeld. Neben schönen, aber heruntergekommenen Altbauten, finden sich graue Häuserfassaden, Ladenzeilen mit Rechtschreibfehlern in den Schaufensterbeschriftungen und ein buntes Wirrwarr an Menschen, Kulturen und Sprachen. Laut Einwohnerstatistik der Stadt Duisburg leben in Hochfeld mehr als 16000 Menschen, nur etwa die Hälfte besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. An vielen Ladentheken und Imbissen ist das Bestellen auf Türkisch leichter als auf Deutsch.

Das Viertel hat einen schlechten Ruf. Niemals würden sie sich dorthin trauen, erklären Außenstehende, nicht mal zum Einkaufen. Als Frau würde man abends attackiert, erzählt ein älterer Herr, der als Hausmeister in Hochfeld arbeitet, selbst aber nie hierher ziehen würde. „Das will ich meiner Frau nicht zumuten.“ Ein junger Mann mit türkisch klingendem Namen, Bomberjacke und Kampfhund erzählt, dass Hochfeld nicht mehr sicher sei. „Zu viele Ausländer!“, erklärt er grinsend. Dann wird er ernst und fügt hinzu, dass er mit seiner Frau und den Kindern wegen der steigenden Kriminalität bald fortziehen würde. Tatsächlich bietet sich dem oberflächlichen Betrachter genau dieses Bild: gescheiterte Existenzen warten schon am frühen Morgen vor dem Stehkiosk. Einige sind vom jahrelangen Alkohol- und Drogenkonsum so zerstört, dass sie sich nur noch im Rollstuhl fortbewegen können. Die Wanheimer Straße zieht keine Reichen und Schönen an. Hier geben sich Elend und Versagen die Hand. An vielen Hausecken riecht es streng. Das Schaufenster einer ehemaligen Videothek bewirbt erotische DVDs im Dreierpack für nur 6 Euro. Dieses Angebot ist schon lange nicht mehr konkurrenzfähig. In den kalten, ungemütlichen Männercafés, die den Straßenverlauf zieren, müsse man für echte Frauen jetzt nur noch fünf Euro zahlen. Viele Hochfelder wissen das ‚von einem Freund’. Im Stadtteilbüro bestätigt man das Gerücht.

Früher einmal war es hier gut, schwärmen die Alteingesessenen. Die Nachbarschaft, die Atmosphäre, das Lebensgefühl. Dieses ‚Früher’ ist jedoch schon etliche Jahrzehnte her. Mit der Industrie verschwanden die Jobs, mit den Jobs die Hoffnung. Wer es sich leisten konnte, zog fort. Auch die Zuwanderer – zuerst Türken und Italiener, dann Afrikaner, schließlich Rumänen und Bulgaren – halten es in Hochfeld nicht lange aus. Der Stadtteil wurde zu einem Auffangbecken für diejenigen, die es woanders nicht schafften. Jede neue Zuwanderergruppe brachte eigene Probleme mit sich. Viele Türken und Italiener kamen als Arbeitsmigranten. Nach den Werkschließungen wurden sie arbeitslos, einige machten sich selbstständig. Heute ist das Einkaufsleben der Wanheimer Straße eindeutig türkisch dominiert. In Hochfeld hat man deswegen jedoch keine Angst vor Überfremdung. Die türkischstämmigen Geschäftsleute sind willkommen, bringen sie doch Leben ins Viertel und Steuergelder in Duisburgs Kassen. Überhaupt verstehen sich die vielfältigen Einwohnergruppen Hochfelds erstaunlich gut. Eine Ausnahme gibt es jedoch, von der auch in den Medien vermehrt zu hören, zu lesen und zu sehen war. „Die Roma kommen!“, das titelte die rechtspopulistische Schweizer Weltwoche zum Thema. In Hochfeld sind sie jetzt schon seit einigen Jahren zuhause.

Das Thema ist heikel und wer sich kritisch äußert, riskiert es in die rechte Ecke gestellt zu werden. So zumindest machen es einem die Medien weis. Wenn sich Boulevardmagazine mit dem Thema beschäftigen, zeigen sie aufgebrachte Duisburger und unverschämte aber bettelarme Einwanderer aus dem EU-Osten. Wer nach diesen Fernsehbildern nach den Roma fragt, erwartet wutschäumende Antworten und verzweifelte, drohende Anklagen. Tatsächlich ist man erstaunt, wie sensibel viele Duisburger mit dem Thema umgehen. Klar gäbe es Probleme, sicher würde man sich aufregen, leider sei auch die Kriminalität gestiegen. Müll auf den Straßen mag keiner, und wenn dann als Folge Ratten in die heruntergekommenen Mehrfamilienhäuser Einzug halten, ist niemand froh. Aber, so betonen beinahe alle Befragten und Betroffenen immer wieder, man habe auch Verständnis. Diese Menschen hätten in der Heimat nichts, sie bräuchten Hilfe, sie würden ausgebeutet. Man fühlt sich in Duisburg hilflos, ist aber nicht feindselig. Wenn rechte Gruppen die Situation ausnutzen, um deutschlandweit Meinungsmache zu betreiben, werden viele Duisburger wütend. Sie sind gastfreundlich, möchten auch den Roma helfen – mit rechten Parolen wollen sie nicht assoziiert werden. Aber die Stadt ist arm, und für umfassende Maßnahmen fehlt das Geld.

Wer Lösungen finden will, muss die Probleme richtig verstehen. Und auch wenn Hochfeld, und insbesondere die Wanheimer Straße auf den ersten Blick als hoffnungslose Orte erscheinen, so sieht auf den zweiten und dritten Blick vieles anders aus.

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