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"Kirchenasyl"

Juden geben Muslim aus dem Sudan Zuflucht

Während der Krieg zwischen der israelischen Armee und der Hamas seit Wochen die Schlagzeilen beherrscht, gedeiht in der schleswig-holsteinischen Kreisstadt Pinneberg bei Hamburg ein einzigartiges Pflänzchen jüdisch-muslimischen Zusammenlebens. Seit Ende Juni beherbergt die Jüdische Gemeinde einen muslimischen Flüchtling aus dem Sudan und gewährt ihm Kirchenasyl.

Der 34-jährige Ashraf O. hat eine Odyssee durch Europa hinter sich. Als Hirte verkleidet war er aus seiner Heimat nach Griechenland geflohen, wo er sich ohne gültige Papiere mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser hielt. Nach Gefängnisaufenthalten zog er weiter über den Balkan nach Ungarn. Von dort kam er über Frankfurt (Oder) und Braunschweig Ende vorigen Jahres ins niedersächsische Buchholz südlich von Hamburg. Dort wurde er ins Flüchtlingslager Heideruh eingewiesen.

Im Sudan, so seine düstere Prognose, würde er umgehend im Gefängnis landen, wenn er nicht gar um sein Leben fürchten muss. Doch weil Ungarn zur EU zählt, wollte der Landkreis Harburg ihn nach dem Dublin-III-Abkommen von Heideruh nach Ungarn abschieben. Nach dem Abkommen muss ein Flüchtling in dem europäischen Land das Asylverfahren durchlaufen, in dem er zuerst angekommen ist.

Eine Abschiebung nach Ungarn hätte für Ashraf O. schlimme Folgen, sagt sein Anwalt Dieter Priem. Die Lebensbedingungen für Flüchtlinge dort seien unzumutbar. Sie erhielten keinerlei staatliche Unterstützung und seien sich selbst überlassen.

Als die Duldung für Ashraf O. auslief, suchten Unterstützer aus Heideruh ein Kirchenasyl, um ihn vor einer Abschiebung in Sicherheit zu bringen. Dutzende von Anfragen seien abgelehnt worden, erklärt Anwalt Priem. Am Ende habe der Sudanese Aufnahme in der Jüdischen Gemeinde in Pinneberg gefunden. Am 25. Juni traf er dort ein.

Erst im Juni 2010 hatte die Jüdische Gemeinde ihr neues Zentrum eingeweiht, ein schlichter Zweckbau in einem Wohngebiet. Die ehemalige Altenbegegnungsstätte am Ufer der Pinnau wird seitdem für Gottesdienste, Religionsunterricht, Sprachkurse und Feiern genutzt. Mit 220 Mitgliedern hat Pinneberg eine der größten Jüdischen Gemeinden in Schleswig-Holstein.

Ashraf O. hat sich auf einer Couch im Gemeindezentrum eingerichtet. Der Gemeindevorsitzende Wolfgang Seibert (66) selbst kümmert sich um seinen Gast, kauft ein und bringt ihn auch zum Freitagsgebet in die benachbarte Moschee. Am Anfang sei es recht schwierig für ihn gewesen, weil er vorher immer in einer Gruppe gelebt habe, sagt Seibert: „Bei uns war er plötzlich viel allein.“ Offiziell gewährt die Jüdische Gemeinde in ihrer Synagoge Kirchenasyl. Ihm gefalle das Wort auch nicht, räumt Seibert ein. „Aber so heißt der Fachbegriff.“

Dass die Jüdische Gemeinde einem Muslim hilft, ist für Seibert selbstverständlich: „Es geht um einen verfolgten Menschen in Not. Da spielt die Religion keine Rolle.“ Zwar seien der aktuelle Nahost-Krieg und die judenfeindlichen Reaktionen Thema für die Gemeinde. Für das Verhältnis zu den Muslimen in Pinneberg spiele es jedoch keine Rolle. Seibert: „Manche sagen sogar: Schön, dass wir gerade jetzt einen Muslim aufgenommen haben.“

Wie es mit Ashraf O. weitergeht, soll in der kommenden Woche entschieden werden. Nach Angaben seines Anwalts darf er sein Asylverfahren in Deutschland betreiben, wenn er sechs Monate in Deutschland gelebt hat. Diese Frist ende demnächst. Flüchtlinge aus dem Sudan hätten gute Chancen auf ein Aufenthaltsrecht. Priem: „Fast alle Asylanträge sudanesischer Flüchtlinge werden hier anerkannt.“ (epd)