MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Geschichte

Die Einwanderung der Hugenotten nach Deutschland

Angesichts der aktuellen Debatten um Migration könnte man meinen, Einwanderung nach Deutschland sei ein Phänomen jüngerer Geschichte. Dabei gab es schon im 17. Jahrhundert eine große Einwanderungswelle. Seitdem prägen Hugenotten Deutschland.

VONMichael Lausberg

Der Verfasser, Politikwissenschaftler und freier Publizist, Dr. phil, studierte Pädagogik, Philosophie, Politikwissenschaften und Neuere Geschichte sowie den Aufbaustudiengang Interkulturelle Pädagogik an den Universitäten Aachen, Köln und Amsterdam. Er promovierte an der RWTH Aachen mit einer Arbeit mit dem Titel „Die extreme Rechte in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Seit 2007 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS). Regelmäßige Veröffentlichungen im Migazin, DISS-Journal, bei Kritisch Lesen und in der Tabula Rasa.

DATUM30. Juli 2014

KOMMENTARE7

RESSORTAktuell, Gesellschaft

SCHLAGWÖRTER , , ,

Seite 1 2 3

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Die Flucht der protestantischen Hugenotten aus Frankreich ist ein wesentlicher Bestandteil der Migrationsgeschichte in der Frühen Neuzeit. Für die Einwanderung der Hugenotten aus Frankreich in nahezu alle protestantischen Staaten Deutschlands war ein nahezu hundertjähriger Religionskrieg im Frankreich des 16. und 17. Jahrhunderts verantwortlich.

Der französische König Ludwig XIV vertrat gegenüber dem Protestantismus eine ablehnende Haltung, da er die Einheit des Reiches durch die Hugenotten gefährdet sah und somit sein Absolutheitsanspruch in Frage gestellt wurde.1 Die verschärften Maßnahmen Ludwigs XIV gegen den französischen Kalvinismus mündeten in das Revokationsedikt von Fontainebleau 1685, das jegliche Kultfreiheit der Hugenotten untersagte und lediglich die individuelle, nicht die öffentlich praktizierte Gewissensfreiheit im französischen Staat tolerierte. Protestantische Geistliche wurden vor die Wahl gestellt, dem Kalvinismus abzuschwören oder das Land innerhalb von zwei Wochen zu verlassen. 200.000 bis 300.000 Kalvinisten flüchteten deshalb unter lebensbedrohlichen Umständen ins protestantische Ausland. Das Revokationsedikt von Fontainebleau und die daraus resultierende Emigration vieler Hugenotten bedeuteten eine Zäsur in der französischen Geschichte. Der Protestantismus wurde als Faktor des gesellschaftlichen und politischen Lebens in Frankreich für längere Zeit ausgeschaltet.

Die Stadt Frankfurt am Main stellte ein wichtiges Durchgangszentrum für die Glaubensflüchtlinge aus Frankreich dar. Aufgrund der günstigen geographischen Lage, der Bedeutung Frankfurts als europäisches Handelszentrum sowie der großen Autonomie der Stadt wählten viele Hugenotten die Stadt als vorübergehenden Zufluchtsort. Die französische Gemeinde in Frankfurt/Main unterstützte ihre Glaubensbrüder direkt nach ihrer Ankunft. Für die meisten stellten die Generalstaaten der Niederlande, Brandenburg-Preußen und Hessen-Kassel die bevorzugtesten Bestimmungsorte dar. Diese Staaten entsandten Vertreter, die besonders Handwerker und Fabrikanten unter den Flüchtlingen zu einer Ansiedlung in ihrem Territorium bewegen wollten.

Gründe der Aufnahme
Die Motivation der jeweiligen Landesherren, die hugenottischen Glaubensflüchtlinge aufzunehmen, lag in der Kombination aus machtpolitischen Erwägungen, wirtschaftspolitischen Zielsetzungen und konfessioneller Solidarität. Die protestantischen Landesherren sahen in den Hugenotten loyale Staatsbürger und damit Stabilisierungsfaktoren des absolutistischen Herrschaftssystems: „Im Jahre 1700 wurden sie per Gesetz preußische Staatsbürger. Ihren Sonderstatus behielten sie bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Dabei fühlten sich die Refugies allzeit als bewusste und loyale Bürger des Gastlandes, obwohl sie auf ihre Sprache und Kultur weiterhin bestanden.“2 Kurz nach Veröffentlichung des Potsdamer Ediktes im Jahre 1685 wurden ca. 500 hugenottische Soldaten in das preußische Militär aufgenommen, wo sie nach und nach Schlüsselpositionen besetzten. Da sich unter den emigrierten Hugenotten zahlreiche Hochqualifizierte befanden, versprachen sich die jeweiligen Landesherren von ihnen eine kurzfristige Steigerung der Wirtschaftskraft, die Gründung neuer Industriezweige und eine Belebung des Handels. Cohn-Bendit und Schmid bemerkten zu Recht: „Der Aufschwung Berlins von einem gottverlassenen Ackerbaustädtchen zur späteren Kapitale wäre ohne die Hugenotten ebenso wenig möglich gewesen wie etwa die Blüte der manufakturellen Betriebe im Gebiet zwischen Kassel und dem Weserland.“3 Die Hilfsbereitschaft der verschiedenen protestantischen Landesherren für die Hugenotten in Form von Geldspenden und Unterbringungsmöglichkeiten machte eine tiefe Verbundenheit mit ihren Glaubensbrüdern ersichtlich. Friedrich Wilhelm gewährte nicht nur den Hugenotten, sondern auch Protestanten der verschiedensten Richtungen Zuflucht in Brandenburg-Preußen.

Einen überregionalen Charakter für die Ansiedlung der hugenottischen Flüchtlinge besaß das Edikt von Potsdam vom 25.10.1685. Es legte in vierzehn Artikeln die Rahmenbedingungen für die Aufnahme der Exulanten in Brandenburg-Preußen fest. Das Edikt sprach den Hugenotten weitreichende soziale und wirtschaftliche Privilegien zu, eine Möglichkeit der Selbstverwaltung war darin jedoch nicht enthalten. Der Kurfürst übergab den Flüchtlingen verfallene oder verlassene Häuser als erbliches Eigentum. Außerdem erhielten sie die notwendigen Materialien zum Wiederaufbau der Häuser und wurden von allen Abgaben befreit. Der Kurfürst erteilte ihnen das Bürgerrecht und gewährte ihnen den Eintritt in die Zünfte. Manufakturgründungen von hugenottischen Kaufleuten wurden durch umfangreiche Privilegien und finanzielle Zuwendungen unterstützt. Das Edikt beinhaltete ebenso das Recht der Ausübung der reformierten Religion in französischer Sprache und die Ernennung von eigenen Geistlichen. Ein weiteres Privileg des Ediktes war die standesmäßige Gleichstellung mit dem einheimischen Adel. Am 23.11.1685 wurde in Berlin ein Kommissariat für die Angelegenheiten der Flüchtlinge innerhalb des Generalkriegskommissariats gegründet, das als Kontrollorgan die Durchführung der Bestimmungen des Potsdamer Edikts kontrollieren sollte.4

  1. Bluche, F.: Im Schatten des Sonnenkönigs. Alltagsleben im Zeitalter Ludwigs XIV. von Frankreich, Freiburg/Würzburg 1986, S. 24  []
  2. Ebd., S. 72  []
  3. Cohn-Bendit, D./Schmid, T.: Heimat Babylon. Das Wagnis der multikulturellen Demokratie, Hamburg 1993, S. 209  []
  4. Mengin, E.: Das Edikt von Potsdam. Das Edikt von Fontainebleau, Paris 1963  []
Seite: 1 2 3
Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

7 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Bendekit sagt:

    Ein schöner Beitrag — vielen Dank. Sogar die ach so deutschen Märchen der Brüder Grimm gehen auf diese Hugenottenmigration zurück und sind zu einem Gutteil eigentlich französischen Ursprungs (s. http://de.wikipedia.org/wiki/Grimms_M%C3%A4rchen).

    Zudem ist nicht nur Mirgation nach Deutschland kein neues Phänomen, nein: auch sind viele Deutsche im 19. Jhd. selbst — oft aus wirtschaftlicher Not — nach Nord- und Südamerika ausgewandert. Wirtschaftsmigranten, denen heute nach mancherlei Auffassung ihr Asylrecht und/oder Recht auf Freizügigkeit eingeschränkt werden sollte.

  2. Jochen sagt:

    Jaja, als ob man das mit heute 1:1 vergleichen kann. Damals handelte es sich um eine zahlenmäßig sehr beschränkte, kulturnahe Zuwanderung, die sich auf wenige Zentren in Deutschland beschränkte. Ansonsten herrschte alles andere als Freizügigkeit. Ohne Passierschein kam da keiner aus seinem Dorf! Die Hugenotten wurden in erster Linie deshalb vertrieben, weil man in Frankreich konfessionell gespaltene Zustände wie in Deutschland verhindern wollte. die Vertreibung war der Teil der Staatsräson. Acht Hugenottenkriege waren genug!

  3. derspieler sagt:

    „Der Kurfürst erteilte ihnen das Bürgerrecht und gewährte ihnen den Eintritt in die Zünfte. ..“

    sehr interessante passage , man sollte es mal mit den umständen der juden vergleichen die zur selben zeit in preußen lebten . und viola da sieht man , das ehegatten nachzug , eingeschränkte bewegungsfreiheit , eingeschränkte arbeitsfreiheit und der gleichen kein neues phänomen ist !!! nur nannte man es früher anders .

    und wo heute ein unterschied de jure zwar nicht existiert sind die verhältnisse de facto die selben , vorallem was viele berufsfelder betrifft .

  4. Lynx sagt:

    Ein sehr interessanter Beitrag. Beachtenswert ist auch, welche Auswirkung die Gewährung von Privilegien haben kann. In diesem Zusammenhang ist es gut, daß an die Immigranten mit muslimischem Hintergrund und die Muslimen überhaupt in der BRD keine Privilegien verliehen werden, und sie auch keine solchen fordern, da dies die Mißgunst der autochthonen nichtmuslimischen Bevölkerung erregen würde. Auch ohne diese vermuten zu Unrecht manche Nichtmuslime Privilegien, wenn sie bspw. in Fällen von „Ehrenmorden“ fälschlich meinen, den Tätern mit muslimischem Hintergrund würde beim Strafmaß ein „Islambonus“ gewährt. Die Verleihung von Privilegien durch den Staat oder den Herrscher ist eines, das Entgegenkommen von Privatpersonen, Organisationen oder Institutionen zwecks leichteren Zusammenlebens etwas anderes. Aber selbst bei letzterem gibt es Leute, die in an Verfolgungswahn grenzender Einstellung von einem „Einknicken“ vor dem Islam sprechen.
    Bedauerlich ist, daß der derzeitige Bundesminister des Innern, Thomas de Maizière, dessen Vorfahren als Angehörige einer verfolgten religiösen Minderheit aus Frankreich ausgewandert sind, den Muslimen gegenüber nicht mehr Taktgefühl zeigt, sondern zum Scheitern der Deutschen Islamkonferenz beigetragen hat

  5. Leider schon von vielen vergessen,die Massenauswanderungen der Hugenotten u.a. auch nach Deutschland. Die Hugenotten haben die Geschichte Europas und der Neuen Welt seit der Reformation wesentlich mitgeprägt. Heutzutage gelten sie als Wegbereiter der Gewissensfreiheit und als Beispiel für die Notwendigkeit religiöser Toleranz . An vielen Orten ihrer Zufluchtsländer sind sie ein Beispiel für eine gelungene Eingliederung.
    Hätte Deutschland meine Vorfahren damals nicht aufgenommen, würde ich heute nicht hier leben.

    Angélique Duvier

  6. Andreas Klug sagt:

    Ich bin beim Nachforschen. Der Familienname meiner Mutter war „DEPPE“. Angeblich mit hugenottischen Wurzeln lt. Überlieferung. Könnt das eine Verballhornung von „d´épée“ sein – also der Bezeichnung eines Freien mit Berechtuigung zum Tragen einer Waffe ? Meine früheste Urkunde ist die Einbürgerung eines Schlossermeisters in Magdeburg.
    Kann mir da jemand weiterhelfen? Jedenfalls ist die Hinwendung zur Theologie in der Familie verbürgt.

  7. Realist sagt:

    Deutschland war damals total entvölkert heute ist es total übervölkert. Vergleichen kann man das überhaupt nicht. Die Konfession war wichtiger als die Nationalität. Insofern war die Politik der brandenburgisch-preußischen Fürsten sehr wohl egoistisch-chauvinistisch. Mit „wir schaffen das“, Multiulti und Toleranzphilantropie hat das reichlich wenig zu tun. Das war reines Kalkül, anders als heute. @Andres Klug: Wie wäre es mit Djeppe?



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...