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Mein Tag

Ramadan und die Bild-Zeitung

Seit gestern feiern Muslime eines der höchsten islamischen Feiertage. Zu diesem Anlass wäre im Massenblatt eine Grußbotschaft angebracht gewesen und keine rassistischen Äußerungen – Canan Topçu kommentiert, was heute anders ist.

Am Sonntag wollte ich eigentlich putzen. Aufräumen, Staub wischen und sauber machen, so wie ich es von meiner Mutter gelernt habe. Am Vortag des Ramadan-Festes wird Reine gemacht. Das gehört zur Vorbereitung – wie auch das Zubereiten von Backwaren. Backen stand nicht auf meinem Programm, weil ich am ersten Tag des Festes keine Gäste empfange, sondern zu meiner Familie nach Hannover fahre.

Am Sonntag habe ich mich aber dann doch mit etwas ganz anderem als mit Haushalt beschäftigt. Ich saß viele Stunden vor dem Computer, verfolgte Nachrichten und Reaktionen darauf in den sozialen Netzwerken und kommentierte selbst auch sehr viel. Ich habe also nicht geputzt, sondern, wie viele andere meinesgleichen auch, auf den Putz gehauen!

Weil auch ich es empörend fand, was im deutschen Massenblatt über uns Muslime zu lesen war. In der Bild am Sonntag hetzte Nicolaus Fest gegen den Islam (http://www.bild.de/news/standards/religionen/islam-als-integrationshindernis-36990528.bild.html). Ungefragt lies der Mann aus bildungsbürgerlicher Kinderstube wissen, was er von der Religion halte, der sich in diesem Land mehr als drei Millionen Menschen zugehörig fühlen: Der Islam sei frauen- und homosexuellenfeindlich, gewalttätig und integrationshemmend. Er brauche keinen importierten Rassismus, stellte Fest klar.

Es folgte im Netz eine Welle der Empörung, vor allem von jungen Muslimen in Deutschland, die anders als ihre eingewanderten Eltern oder Großeltern es nicht schweigend hinnehmen, wenn sie oder ihre Religion beschimpft wird. Der Tenor der Kommentare: Nein, Rassismus brauchen wir nicht zu importieren, Herr Fest. Den liefern Sie uns als autochthoner Deutscher mit ihren Zeilen in 1-A-Form!

Fest zeigte sich unbeeindruckt vom Shitstorm, der auf seinen Kommentar folgte. Reagiert hat hingegen Bild-Chefredakteur Kai Diekmann – zunächst via Twitter („Nicolaus Fest ist kein Hassprediger! Seinen Kommentar heute halte ich für falsch.“), am Abend dann auch auf Bild.de in einem Kommentar mit der Überschrift „Keine Pauschalurteile über den Islam“. (http://www.bild.de/news/standards/bild-kommentar/keine-pauschalurteile-ueber-den-islam-36999364.bild.html).

Über den Islam seien in den letzten Jahren viele gesellschaftlich wichtige Debatten geführt worden. „Für BILD und Axel Springer gab und gibt es bei all diesen Debatten eine klare, unverrückbare Trennlinie zwischen der Weltreligion des Islam und der menschenverachtenden Ideologie des Islamismus“, schrieb Diekmann. Und auch: „Wer eine Religion pauschal ablehnt, der stellt sich gegen Millionen und Milliarden Menschen, die in überwältigender Mehrheit friedlich leben.“ Dass Diekmann in seinem Kommentar kein Wort darüber fallen lies, das just dies sein Kollege Fest ein paar Stunden zuvor via Bild am Sonntag praktiziert hatte, sorgte einmal mehr für Empörung.

Es hat sich viel geändert hierzulande. Auch dank des Internets und soziale Netzwerke, über die sich Muslime eigene Medien geschaffen haben, weil sie in Mainstream-Medien noch zu wenig Raum für Ihre Sicht der Dinge bekommen. Die Stimme der empörten Muslime verhallt nicht mehr und bleibt nicht ohne Reaktionen.

Von all dem hat meine türkischstämmige Nachbarin aber nichts mitbekommen. Sie gehört nämlich zu den Muslimen, die zwar hier leben, aber am Leben hier nicht wirklich teilnehmen. Meine Nachbarin ist eine sehr religiöse Frau. Sie ist so alt wie ich, also 48, kam aber, anders als ich, nicht als Kind, sondern als Erwachsene hierher. Mit ihr hatte ich, als ich mir am späten Sonntagnachmittag eine Pause vom Computer verordnete, einen kleinen Plausch am Gartenzaun: Sie sprach davon, wie erschöpft sie sei von der Hausarbeit am Vorabend des Ramadan-Festes. Und sie erzählte, dass sich bei ihr – anders als sonst am Vorabend des Festes – keine Freude aufkomme; sie sei sehr traurig wegen der vielen Menschen im Gaza, die den höchsten Feiertag im Kriegszustand verbringen müssten.

Von meinem Gemütszustand habe ich ihr nichts erzählt. Dass ich den ganzen Tag über Medienberichte verfolgte, kommentierte, auf Postings antworte, weil ich empört war über den medial verbreiteten Rassismus – das hätte meine Nachbarin nicht verstanden. Ablehnung erlebt sie als Kopftuchträgerin immer wieder – angefeuert durch Ansichten, wie sie unter anderem das Massenblatt verbreitet.

Dass just am Vortag des Ramadan-Festes ein Mann aus der Bild-Chefredaktion erlaubt, über Muslime in Deutschland herzuziehen und eine Grundsatzdebatte über die Integrationsfähigkeit von Menschen muslimischen Glaubens anzuzetteln, das hätten früher höchstens die Funktionäre der islamischen Verbände veranlasst, Kritik via Pressemitteilungen zu üben – und das erst mit ein paar Tagen Verzögerung.

Heute ist das anders! Die Hetze bekommen viel mehr Muslime mit, die kommt gar nicht gut an und wird nicht schweigend hingenommen. So viel steht nämlich fest: Meine türkischstämmige Nachbarin, eine fromme Frau, die regelmäßig in die Moschee geht, bei jeder Gelegenheit den Koran liest, aber nicht deutschsprachige Medien verfolgt, gehört zu der Gruppe von Muslimen, die immer mehr zur Minderheit wird in diesem Land. Die Aktivitäten im Netz sind bestes Beispiel dafür, wie sehr Muslime integriert und Teil dieser Gesellschaft sind.

Seit gestern feiern Muslime eines der höchsten islamischen Feiertage. Zu diesem Anlass wäre im Massenblatt eine Grußbotschaft angebracht gewesen und keine rassistischen Äußerungen.

Ich richte von hier aus das Wort an sie: Gesegnetes Fest! Eid Mubarak! Bayramınız kutlu olsun!