MiGAZIN

Die Bild-Zeitung

Islamfeindlichkeit ist eine Geisteshaltung

Bild am Sonntag veröffentlichte einen islamfeindlichen Artikel. Die üblichen Verdächtigen empörten sich. BILD und BAMS ruderten zurück. Das ist allerdings kein Grund für falsche Hoffnungen – Sanjay Patel kommentiert die Marschroute.

Nicolaus Fest, Vize-Chef der Bild am Sonntag (BAMS), erzeugte mit seinem Kommentar „Islam als Integrationshindernis“ einen „herrlichen Shitstorm“ auf Twitter und auch bei den üblichen Politikern, wie Volker Beck und Özcan Mutlu.

Der Grund der Empörung war die Meinung von Nicolaus Fest über den Islam:

Ich bin ein religionsfreundlicher Atheist. Ich glaube an keinen Gott, aber Christentum, Judentum oder Buddhismus stören mich auch nicht.

Nur der Islam stört mich immer mehr. Mich stört die weit überproportionale Kriminalität von Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund. Mich stört die totschlagbereite Verachtung des Islam für Frauen und Homosexuelle.

Mich stören Zwangsheiraten, „Friedensrichter“, „Ehrenmorde“.

Und antisemitische Pogrome stören mich mehr, als halbwegs zivilisierte Worte hergeben.

Halt die übliche Aufregung, um die üblichen Verlautbarungen über den Islam aus dem Dunstkreis von Bild. Derartige Äußerungen und die Unterstützung von Typen, die sich verächtlich über den Islam äußern, besitzen eine jahrelange Tradition bei Bild. Zum Beispiel wähnte sich Bild als Kämpfer der Meinungsfreiheit in der Rolle, Klartext-Thilo gegen die Sprechverbote der dummen Parteipolitiker verteidigen zu müssen. Dagegen ist nichts einzuwenden, auch Typen wie Klartext-Thilo und Klartext-Nicolaus haben das Recht, ihre Meinung frei zu äußern.

Allerdings bleibt es bei Bild nicht nur beim Kampf für die Meinungsfreiheit. Vermutlich geht es Bild auch überhaupt nicht um dieses hehre Gut, sondern eher darum, ihre Sicht der Dinge als gesellschaftstauglich zu rehabilitieren, nachdem sich ein herrlicher Shitstorm über Sarrazin ergoss. Denn Bild schrieb:

Ich will mich nicht dafür entschuldigen müssen, ein Deutscher zu sein

und nennt solche Formulierungen hart und unbequem. Wer Derartiges in Deutschland sage, werde niedergemacht, ausgebuht, abgesägt!. Deswegen kämpfe Bild nun für die Meinungsfreiheit. Es dürfe auch bei solchen Sätzen keine Sprechverbote geben. Dass Migranten fickrig, faul und fromm seien, müsste diskutiert werden dürfen, erklärt Bild und hält der Parteipolitik von CDU bis Grünen ihre dummen Sätze vor, die wir nicht mehr hören können! [entnommen von Robin Meyer-Lucht, CARTA]. Zu den unbequemen Meinungen und Fakten gehören wie bei Klartext-Nicolaus die überproportionale Kriminalität der Ausländer, vor allem der Türken. Eine weitere unbequeme Meinung ist, dass sich Ausländer anpassen sollen. Dazu zitiert Bild Klartext-Thilo:

Es reicht aus, dass Muslime unsere Gesetze beachten, ihre Frauen nicht unterdrücken, Zwangsheiraten abschaffen, ihre Jugendlichen an Gewalttätigkeiten hindern und für ihren Lebensunterhalt selbst aufkommen. Darum geht es.

Im Umkehrschluss bedeutet das, Muslime – unintegriert wie sie sind – beachten unsere Gesetze nicht, unterdrücken Frauen, haben Zwangsheiraten, sind gewalttätig und liegen auf der sozialen Matte. Es sieht so aus, als ob Thilo Sarrazin die Klartext-Blaupause für die Meinungsschrift 2014 von Nicolaus Fest Meinungsschrift lieferte. Dem ist jedoch nicht so. Denn bereits 2008 äußerte sich Fest ähnlich wie heute, was hier nicht noch einmal wiederholt werden muss.

>Wie immer gab es bei derartigen BILD-Kampagnen die übliche Aufregung. Doch dieses mal ist etwas anders. Kai Diekmann distanzierte sich:

Marion Horn, Chefredakteurin der BAMS entschuldigte sich:

Anschließend veröffentlichte Bild eine „Klarstellung“ von Kai Diekmann. Nachdem Nicolaus Fest nichts anderes geschrieben hatte, was bereits jahrelang bei Bild zu lesen war und nachdem die üblichen Typen mit der üblich scharfen Kritik dagegen hielten, gab es von den obersten Stellen unerwarteterweise mäßigende Töne. Warum?

Der Meinungsartikel von Nicolaus Fest ist rassistischer Unsinn, wie die zahlreichen Bild-Artikel über den Islam, die Muslime und Türken in den Jahren zuvor. Doch dieses mal wurde der islamfeindliche Artikel in einem anderen Kontext geschrieben, nämlich im Kontext der Bild Kampagne “Nie wieder Antisemitismus” als Antwort auf die antisemitischen Entgleisungen muslimischer Pro-Gaza Demonstranten.

Der Zentralrat der Juden (ZdJ) ist ein Organ, das seine Stimme nicht nur bei Antisemitismus erhebt, sondern regelmäßig auch bei Islamfeindlichkeit. Vertreter des ZdJ haben ihre eigene Geschichte besser verinnerlicht und die richtigen Lehren daraus gezogen, als die Bild, die nicht nur den Hass auf Muslime, sondern auch auf Sinti und Roma Vorschub leistet. Einige Tage zuvor schrieb Kai Diekmann in seinem Kommentar „Niemals wieder!“:

Wir Journalisten bei Bild fühlen uns dem Schicksal Israels besonders verpflichtet! Das Land, der Staat, in dem sich vor fast 70 Jahren die jüdischen Überlebenden des Holocaust zusammengefunden haben.

Diese Verpflichtung, die uns unser Verleger Axel Springer mitgegeben hat, erfüllen wir aus voller Überzeugung und mit Leidenschaft.

Warum? Sehr einfach: Wer als Deutscher die Lehren und die Verantwortung aus dem Holocaust ernst nimmt, dessen Platz muss immer an der Seite Israels sein, wenn die Existenz des jüdischen Staates bedroht ist.

Bild fühlt sich den Sinti und Roma jedoch nicht weiter verpflichtet, obwohl diese Gruppe mit rund 500.000 Opfern die am zweitstärksten betroffene Gruppe waren. Als beispielsweise Ex-SPD Politiker Martin Korol sich ähnlich feindselig wie Sarrazin und Fest über Roma aus Bulgarien und Rumänien äußerte, kämpfte Bild für ihn. Bild hat im Gegensatz zum ZdJ nur gelernt, was man nicht über Juden sagen darf, aber dass man alles, was man über Juden sagte, nun über Muslime und Roma sagen darf.

Es kann nicht im Interesse der deutschen Juden und des ZdJ sein, dass Antisemitismus mit Islamfeindlichkeit begegnet wird. Es ist kaum vorstellbar, dass der ZdJ über diese Form von Solidarität erfreut ist. Denn die logische Konsequenz einer islamfeindlichen Haltung im Kampf gegen den Antisemitismus ist Antisemitismus. Das werden Kai Diekmann und Marion Horn wohl gewusst haben und wenn sie nicht von selbst darauf gekommen sind, wird ihnen das jemand gesteckt haben müssen. Bild konterkariert auf diese Weise seine eigene Anitsemitismus-Kampgane und fördert Judenhass, statt ihn zu bekämpfen. So kommt es dann wohl erstmalig zu einer Entschuldigung von Horn und einer Distanzierung und Klarstellung von Diekmann.

Das Verhältnis von Bild zu Muslimen und dem Islam wird sich dadurch ebenso wenig ändern wie zu Roma aus Südosteuropa. Vielleicht drückt sich Nicolaus Fest in Zukunft ähnlich wie Henryk Broder etwas geschickter aus und schreibt von einigen oder manchen Muslimen statt von den Muslimen. Das ist jedoch belanglos. Denn Islamfeindlichkeit ist eine Geisteshaltung, die Bild hat oder/und zu bedienen versucht und kein rhetorischer Kniff. Entscheidend für Bild ist weiterhin, die Politik über Meinungssteuerung der Bürger zu beeinflussen. Die islamfeindliche Marschroute steht seit Jahren und wird wohl auch noch eine Weile fortgesetzt werden. Aber wir haben nun die Bestätigung von Bild selbst, dass sie jahrelang inakzeptable Artikel über Muslime und den Islam veröffentlichten. Darauf können wir uns in Zukunft berufen.