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Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Deutsche Presse-Agentur (18.01.2013)

Ein historischer Überblick

Von der Judenfeindschaft zum Antisemitismus

Der moderne Antisemitismus beerbt ältere Formen der Judenfeindschaft. Wurzelnd im christlichen Antijudaismus löst sich der neuzeitliche Judenhass von religiösen Motiven ab, gipfelt im NS-Vernichtungsantisemitismus und wirkt bis in die Gegenwart fort – von Prof. Gideon Botsch

VONGideon Botsch

Dr. phil., geb. 1970; Politikwissenschaftler, Forschungsschwerpunkt Antisemitismus- und Rechtsextremismusforschung, Moses Mendelssohn Zentrum – Universität Potsdam

DATUM21. Juli 2014

KOMMENTARE7

RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. Gideon Botsch für bpb.de

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Antisemitismus ist eine verbreitete Bezeichnung für Judenfeindschaft. Ein weiter Begriff des Antisemitismus, wie er in den Politik-, Sozial- und Kulturwissenschaften üblich ist, umfasst sämtliche Formen von Hass, Vorurteilen und Ressentiments gegen Juden, egal in welchen historischen Kontexten sie auftreten. In diesem Sinne wird Antisemitismus auch in der öffentlichen Debatte wahrgenommen. Demgegenüber untersucht die geschichtswissenschaftliche Antisemitismusforschung ihn zumeist als spezifische Form der modernen Judenfeindschaft.1 Einer möglichen Universalisierung als quasi zeit-, ort- und kontextloses Phänomen begegnet sie mit Skepsis. Beide Perspektiven können, je nach Fragestellung, sinnvoll sein.2

Für den vorliegenden Beitrag wird die historische Terminologie maßgeblich sein, die für ältere oder anders gelagerte Phänomene Begriffe wie Antijudaismus oder Judenfeindschaft verwendet.3

Damit sollen historische Kontinuitäten nicht geleugnet werden. Die Judenfeindschaft hat „ihre Wurzeln in religiösen Vorurteilen und Stereotypen, in der christlich-jüdischen Differenz, oder genauer: in der traditionellen Ablehnung des Judentums durch das Christentum und die christliche Welt“.4 Der moderne Antisemitismus hat sie im 19. Jahrhundert beerbt, in sich aufgenommen und tendenziell abgelöst.

Dabei lassen sich mehrere „Schichten“ erkennen: erstens, vorchristliche antike Judenfeindschaft; zweitens, spätantiker und mittelalterlicher christlicher Antijudaismus; drittens, neuzeitliche Judenfeindschaft, die noch im christlichen Antijudaismus wurzelt, aber schon moderne Formen des Judenhasses aufnimmt; viertens, der moderne Antisemitismus, der im Rassenantisemitismus und schließlich in der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik kulminiert; fünftens, Antisemitismus „nach Auschwitz“, mit seinen beiden bedeutendsten Erscheinungsformen, sekundärem und israelbezogenem Antisemitismus.

Antike Judenfeindschaft

In der „jüdischen“ Wahrnehmung handelt es sich beim Antisemitismus um ein universales Phänomen. Dies ergibt sich aus der kulturellen Überlieferung des Judentums. Schon die Bibel schildert Anfeindungen und Verfolgungen des Volkes Israel durch seine Nachbarvölker. Und erzählt nicht die Geschichte der Esther, derer beim Purim-Fest gedacht wird, von einem in letzter Minute vereitelten Anschlag eines grausamen Vernichtungsantisemitismus? Mit Rasseln und Lärm übertönen die Kinder den Namen Hamans, des Anstifters dieses legendären Pogroms. Verbreitet ist die Wendung: In jeder Generation gibt es einen Haman.

Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive handelt es sich bei den biblischen Überlieferungen um Mythen, deren möglicher historischer Kern sich nicht belegen lässt. Fixierbar wird Judenfeindschaft, wo ergänzende Quellen und Überlieferungen sie bestätigen. Dies gilt für die hellenistisch-römische Epoche, vor allem die Zeit nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahr 70 unserer Zeitrechnung (u.Z.) und der Zerstreuung der Juden über das Römische Reich. Der römisch-jüdische Historiker Flavius Josephus (etwa 37/38–nach 100) dokumentierte in seiner Schrift „Gegen Apion“ bereits um 96 u.Z. antijüdische Stereotype. Einige davon, wie die berüchtigte Ritualmordlegende, ziehen sich dann hartnäckig durch die Geschichte des Judenhasses beziehungsweise werden später neu belebt.5

Der Ägyptologe Jan Assmann führt antike Formen von Judenfeindschaft auf eine „mosaische Unterscheidung“ zurück. Aus Perspektive des heidnischen Polytheismus, mit seiner prinzipiellen Akzeptanz anderer Götter, sei der jüdische Monotheismus eine Provokation gewesen. Diese These legt nahe, das Judentum als Religion zu verstehen, die sich „im Besitz einer absoluten, in geoffenbarten Schriften niedergelegten Wahrheit“6 befindet. Die These bleibt umstritten.7 So verkündet das rabbinische Judentum im Unterschied zu Christentum und Islam keine offenbarte Wahrheit, diese muss durch Disput und Rechtsauslegung vielmehr ständig gesucht werden. Hier besteht ein bis heute wirksames grundsätzliches Missverständnis christlicher Theologie gegenüber dem Judentum. Die wohlwollende Betonung der Verwandtschaft beider Religionen kann derartige Unterschiede nicht nivellieren.

Christlicher Antijudaismus

Die theologische Differenz liegt in der Frage begründet, ob Jesus der verheißene Messias sei oder nicht. Mit seinem missionarischen Verkündigungsanspruch sah sich das Christentum in Konkurrenz zum Judentum, aus dem heraus es entstanden war, von dem es sich aber bald absetzte. Bereits im 1. und 2. Jahrhundert wuchsen die Spannungen zwischen (Ur-)Christen und Juden. Im Zuge der Verbreitung des Christentums im Römischen Reich und seiner Etablierung als Staatsreligion an der Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert erließen verschiedene Konzile antijüdische Edikte, die aus den Juden eine geduldete, aber diskriminierte Minderheit machten. Theologisch ausformuliert wurde die Verwerfung des Judentums unter anderem durch die Kirchenväter in den Adversos-Iudaeus-Schriften, so bei Johannes Chrysostomos (etwa 349–407) und Augustinus (354–430).

Schon in der Spätantike kam es zu gewalttätigen Übergriffen von Christen gegen Juden. Als im Mittelalter die ersten christlichen Eiferer 1096 zum Volkskreuzzug aufbrachen, vernichteten sie unter dem Schlachtruf „deus lo vult!“ („Gott will es!“) die Zentren jüdischer Gelehrsamkeit am Mittelrhein: Speyer, Worms und Mainz.

  1. Vgl. Werner Bergmann, Geschichte des Antisemitismus, München 20063.  []
  2. Vgl. Samuel Salzborn, Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich, Frankfurt/M.–New York 2010.  []
  3. Auf ausführliche Literaturangaben muss hier verzichtet werden. Für die einzelnen beschriebenen Personen, Ereignisse und Phänomene vgl. mit weiterführenden Literaturangaben unter anderem Wolfgang Benz (Hrsg.), Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, 7 Bde., Berlin u.a. 2008ff.  []
  4. Julius H. Schoeps, Die Juden als konstantes Ärgernis? Christlicher Antijudaismus als historisches, psychologisches und politisches Phänomen, in: Gideon Botsch et al. (Hrsg.), Islamophobie und Antisemitismus – ein umstrittener Vergleich, Berlin–Boston 2012, S. 107–118, hier: S. 108. Vgl. Gerhard Czermak, Christen gegen Juden. Geschichte einer Verfolgung, Frankfurt/M. 1991.  []
  5. Vgl. Hubert Cancik, Der antike Antisemitismus und seine Rezeption, in: Christina von Braun/Eva-Maria Ziege (Hrsg.), „Das ‚bewegliche‘ Vorurteil“. Aspekte des internationalen Antisemitismus, Würzburg 2004, S. 63–79.  []
  6. Jan Assmann, zit. nach: Eine neue Form der Gewalt, in: Der Spiegel, Nr. 52 vom 22.12.2006; vgl. ders., Die Mosaische Unterscheidung oder Der Preis des Monotheismus, München 2003.  []
  7. Vgl. Rolf Schieder (Hrsg.), Die Gewalt des einen Gottes. Die Monotheismus-Debatte zwischen Jan Assmann, Micha Brumlik, Rolf Schieder, Peter Sloterdijk und anderen, Berlin 2014.  []
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7 Kommentare
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  1. Hakki Cavus sagt:

    Ein faschistischer Staat wird gegründet, der das einheimische Volk in die Enge drängt, ihm kein Recht auf Leben zugesteht, das palästinensische Volk zwingt, sich zu radikalisieren, um dann zu sagen, dass man das Recht hätte sich gegen Terroristen vertedigen zu dürfen. Dieses Recht auf Selbstvertedigung räumt das Recht ein, Neugeborene zu ermorden. Die westliche Welt spielt mit und deckt die Ausrottung eines ganzen Volkes. Jeder, der ein Fünkchen Menschlichkeit in sich verspürt und auch nur leiseste Kritik äußert, wird als Antisemit denunziert. Ich verurteule den Holocaust, es waren unmenschliche Greueltaten, die den Juden in Deutschland angetan wurden, aber die Vergangenheit darf uns nicht davon abhalten, heutiges Unrecht zu kaschieren. Die Vergangenheit verpfichtet uns auf das Unmenschliche, das die Palästinenser erleiden müssen, hinzuweisen.

    Vor dem aktuellen Hintergrund der Greueltaten und des Genozids an dem palästinensischen Volk einen Artikel über Antisemitismus herauszubringen und Palästinensern Antisemitismus vorzuwerfen, ist daher mehr als makaber und zynisch.

  2. surviver sagt:

    Es werden jeden Tag Kinder im Gaza umgebracht und deutsche Politiker und Medien reden von Antisemitismuss.
    Wessen Mariounette sind einige Politiker in Deutschland und die Nachrichtensender- und/oder kanäle eigentlich?
    Was soll die Volksverarschung ? Die halten die Menschen in Deutschlan für Volltrottel. Definitiv.
    Die meisten Nachrichten sind verdreht oder zensiert.

  3. aloo masala sagt:

    @Hakku Cavus

    —-
    Vor dem aktuellen Hintergrund der Greueltaten und des Genozids an dem palästinensischen Volk einen Artikel über Antisemitismus herauszubringen und Palästinensern Antisemitismus vorzuwerfen, ist daher mehr als makaber und zynisch.

    Der aktuelle Hintergrund könnte auch der Judenhass und die antisemitischen Entgleisungen von Pro-Gaza Demonstranten in Europa sein.

    Wenn deutsche Demonstranten bei einer Demonstration gegen islamistischen Terror „Sieg-Heil“ und „Muslime ins Gas“ brüllen, hoffe ich, das Migazin darüber berichtet, auch vor dem Hintergrund der brutalen Verbrechen von Islamisten, die unschuldige Zivilisten umbringen.

  4. Joshua sagt:

    @Hakki

    Haben Sie auch nur einen Funken Ahnung von der Gründung Israels? Von den jüdischen Siedlern und der Prosperität, die auch vielen Arabern Arbeit und Brot brachte? Die gleich am nächsten Tag nach der Unabhängigkeit Israels beginnende arabische Aggression? Sie wissen, dass die Araber jeden Teilungsplan bis heute abgelehnt haben, zb den UN-Teilungsplan von 1947? Sie machen es sich zu einfach, wenn Sie alle Schuld auf Israel schieben.

    Der arabische Antisemitismus in deutschen Städten muss aufs schärfste verfolgt werden. Es darf keinen Unterschied zwischen deutschem und islamischen Antisemitismus bzw. Antizionismus geben. Ich denke, da sind sich alle einig.

  5. Lionel sagt:

    Um es noch einmal ganz klar zu sagen: Juden in Deutschland sind keine Repräsentanten des Staates Israel.
    Wie jeder andere haben sie ein Recht darauf nicht beleidigt, bedroht oder körperlich attackiert zu werden.
    Es spielt daher für das friedliche Zusammenleben in Deutschland überhaupt keine Rolle, welche Konfliktpartei moralisch im Recht ist oder nicht.

  6. Global Player sagt:

    @surviver

    Es werden jeden Tag Kinder und Alte und Frauen in Gaza umgebracht, weil sich die ehrenwerte Hamas hinter diesen versteckt! DAS ist mal ehrenwert…. da werden Schulen, Kindergärten, Wohnsiedlungen und Krankenhäuser zu militärischen Zwecken umgewandelt.

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/krieg-in-gaza-ban-ki-moon-empoert-ueber-raketen-fund-in-uno-schulen-a-982624.html

    http://www.ingenieur.de/Branchen/Luft-Raumfahrt/Hamas-baut-40-Prozent-palaestinensischen-Raketen-im-Gaza-Streifen

  7. Marianne sagt:

    Um es ganz klar zu sagen, Herr Lionel: Wenn sich der Zentralrat auf seiten der menschenrechtswidrigen Politik der israelischen Regierung stellt, und das tut er, ist er zwar kein direkter Repräsentant des Staates Israel, aber ein Verteidiger der menschenrechtswidrigen Politik des Staates Israel. Demzufolge ist es absolut legitim, den Zentralrat scharf zu kritisieren. Dass bei den Demonstrationen Juden in Person körperlich bedroht oder körperlich attackiert wurden, ist mir neu. Sicher können Sie Ihre diesbezüglichen Behauptungen belegen, oder? Und selbstverständlich spielt die Moral für das friedliche Zusammenleben eine Rolle, die entscheidende Rolle sogar, um das klar auszudrücken. Und da Deutschland die Verteidigung der menschenrechtswidrigen Politik der israelischen Regierung seit Jahrzehnten zur Staatsräson erjklärt hat und exakt nach dieser Maxime handelt, ist es bei Demonstartionen in Deutschland selbstverständlich von geradezu entscheidender Bedeutung, welche Konfliktpartei moralisch im Recht ist oder nicht. Von entscheidender Bedeutung ist es außerdem, dass in Gaza unschuldige Menschen nicht nur bedroht, sondern zu Hunderten getötet wurden und weiter werden. Vor diesem Hintergrund erscheint das Antisemitismusgeschrei einer Regierung, die sich nicht dazu aufraffen kann, die Menschenrechtsverletzungen und die Tötung unschuldiger Zivilisten aufs Allerschärfste zu verurteilen, als geradezu makaberes Ablenkungsmanöver.



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