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Re-Generation

Straßen, auf denen sie nicht stehen

Vor einigen Tagen besuche ich eine Veranstaltung, wo über die Auswirkungen der Staatspräsidentschaftswahl für die türkeistämmigen in Deutschland diskutiert wird. Ich finde es gut, dass verschiedene Meinungen zusammenkommen, um zu reden.

8h morgens in Istanbul.

Ich bin zum Frühstück eingeladen und unterhalte mich vor dem Hotel mit einem Freund, bevor wir losgehen. Direkt gegenüber von uns, auf der anderen Straßenseite, öffnet ein Restaurant seine Türen und stellt gerade seine Tische und Stühle raus.

Ungewöhnlich laute Musik, die mich zwingt, immer lauter zu sprechen, damit mein Freund mich verstehen kann, in einer engen Gasse, wie es sich für Istanbul gehört.

Direkt neben uns schüttelt ein Café-Besitzer verstört seinen Kopf, dreht sich zu uns um und sagt etwas, dass mich höchst schockiert: „Das sind Kurden; die wissen nicht damit umzugehen, auf betoniertem Boden zu stehen“.

Für diesen einen Moment sehe ich in den Augen dieses Mannes meinen Nachbarn, meine Deutschlehrerin, die Kassiererin, den Schaffner und die Eltern meiner Freunde.

Ich erzähle euch nichts Neues. Die Mehrheit wird nicht mit Diskriminierung konfrontiert. Egal wo.

Die in der Minderheit lebenden wissen, wie es sich anfühlt, auf der anderen Seite der Straße zu stehen. Deswegen sind wir eine gute Möglichkeit für Deutschland. Aber der eine und der andere wird auch eine große Chance für das Land seiner Eltern sein. Nur die Menschen, die es am eigenen Leibe ertragen haben, werden eine Lösung finden.

Ich hole aus

Die Türkei ist ein ideologisch tief gespaltenes Land, das die Türken in Deutschland sehr beeinflusst.

Ich habe eigenartige Blicke, aufdringliche Mails, und Entfreundungen aufgrund von Meinungsverschiedenheiten ertragen, bis dieses Dilemma mein Wohnzimmer erreicht hat.

Damit eine Regeneration stattfinden kann, benötigt es mehr Einsicht und Vernunft.

Bei einem Abendessen unterhalte ich mich mit Suat Yılmaz darüber: „Wir müssen Chancen produzieren und sie an unsere Kids vererben, derzeit vererben wir Hass und Spaltung.“

Interessant zu beobachten sind die politischen Diskussionen, die die Türkei-stämmigen unter sich führen und sich selbst ganz oft in dem festfahren, was sie den anderen vorwerfen. Auch die aktuelle Misere in Gaza zeigt, wie schnell wir in rassistische Muster verfallen.

Es ist unbeschreiblich, was an diesen besinnlichen Tagen, kilometerweit von uns entfernt passiert. Keine Frage! Aber wo liegt der Unterschied zwischen denen, die wir kritisieren, wenn wir selbst unkontrolliert Raketen und Bomben auf unser Umfeld loslassen?!

Am 13. Mai 2014 ereignete sich das Grubenunglück in Soma, wo 301 Menschen ums Leben gekommen sind. Tatsächlich hat es diese unfassbare Tragödie nicht geschafft, uns Menschen zu vereinen. Tatsächlich haben wir es geschafft, uns erneut gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.

Ich möchte nicht so pessimistisch klingen, jedoch habe ich viel Hoffnung begraben und die Zahl der Menschen, denen man nicht mehr in die Augen gucken will, ist an diesen Tagen drastisch gestiegen.

Demokratie ist die Meinung anderer zu dulden

Vor einigen Tagen besuche ich eine Veranstaltung, wo über die Auswirkungen der Staatspräsidentschaftswahl für die türkeistämmigen in Deutschland diskutiert wird. Ich finde es gut, dass verschiedene Meinungen zusammenkommen, um zu reden. Besser als Pfefferspray, Schlagstöcke und Molotowcocktails.

Während der Veranstaltung habe ich um mich herum mitbekommen, wie impulsiv die Reaktionen wurden und hin und wieder welche aufstanden und gehen wollten, wenn sie etwas hörten, das nicht ihrer Meinung entsprach.

Nach der Diskussion gab es Fragen aus dem Publikum und ich musste feststellen, wie vorbereitet und informiert die recht jungen Zuhörer waren. Wenn wir ansatzweise so viel Input in die Probleme in Deutschland setzen würden, gäbe es diese Veranstaltung wahrscheinlich gar nicht.

Meiner Meinung nach brachte es Prof. Dr. Hacı Halil Uslucan auf den Punkt: „Wir verschwenden viel Energie für die Politik in der Türkei, die sehr emotional betrieben wird. Diese Ressourcen könnten wir gut für die Politik in Deutschland benötigen“

Ich habe einen Traum

Nein, ich habe einen Albtraum, dass irgendwann Wahlbusse aus der Türkei durch die Keupstraße in Köln fahren. Dass sie irgendwann durch Kreuzberg und Wedding fahren und Wahlpropaganda machen. Ich habe Angst davor, dass die in Deutschland Geborenen von den gebauten Straßen in der Türkei schwärmen, auf denen sie nicht stehen.

Ich bin nicht gegen die wirtschaftliche Entwicklung in der Türkei. Das muss man ja immer dazu sagen, damit zumindest einige Schubladen in den Köpfen geschlossen bleiben. Ich bin viel mehr für Harmonie und Einheit der türkischen Community in Deutschland, weil sie eine große Gelegenheit ist. Für beide Länder.