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Die Schweiz

Stubenreine Heimat

Erneut steht die Schweiz vor einem Volksentscheid gegen Einwanderung. So zumindest nach dem Willen der Initiative Ecopop – wenn man sonst nichts zu tun hat … sollte man vielleicht mal einen Blick auf das Schwarze Brett im Supermarkt um die Ecke werfen.

„Keine Zeit für Reinigung Ihrer Heimat?“ Was für eine Frage. Hängt harmlos am Schwarzen Brett eines Zürcher Supermarkts zwischen dem Flyer für Frauen-Yoga und der günstig abzugebenden Schrankwand. „Keine Zeit für Reinigung Ihrer Heimat? Ich mach das gern.“

Die Fantasie schickt Bilder von Heidi, Rütli, Tell und Winkelried, die aus dem filzigen Mythenteppich geklopft werden, von SVP-Socken, die nach einem Intensiv-Schleudergang auf der Wäscheleine hängen, immer noch leicht müffelnd, von einer direkten Demokratie, fadenscheinig geworden wie eine zu lang getragene Anzugjacke, und nun geflickt und aufgefrischt wieder tragbar. Die entstaubten Büsten der Liberalen von 1848 glänzten neben der Bundesverfassung in der Vitrine. Einen Allzweckreiniger gegen Verteidigungswahn und Verstopfungen aller Art hätte die Heimat-Reinigerin natürlich auch.

Die Gratis-Pendlerzeitungen kämen aufs Altpapier der Geschichte, und sogar den hässlichen Grauschleier aus der Gastfreundschaft kriegte sie mühelos raus. Porentief rein stünde sie dann wieder da, die Schweiz. Die Heimat-Reinigerin ist gründlich, diskret und diplomatisch. „Sie haben es dringend nötig“, steht nicht auf ihrem Aushang. In großen Druckbuchstaben hat sie die Worte gemalt: „Ich mach das gern. Portugiesische Putzfrau für alle Tage, Tel. …“

Da hätte sie gut zu tun:

Montag: Kehraus im Berner Bundestag
Dienstag: Dichtestress lüften
Mittwoch: Kantönligeist schrubben
Donnerstag: Schweizer Kreuz bleichen
Freitag: Helvetia polieren

Durch das ganze Land würde ein Citrusduft wehen, und James Joyce zu Ehren löffelten alle Zürcher eine Minestrone direkt von der Bahnhofstraße.

Nach zwei Wochen ist der Aushang vom Schwarzen Brett verschwunden. Vermutlich gab es genügend Interessenten, und die gründliche Portugiesin lüftet nun Schweizer Fonduegeruch aus Schweizer Stuben, kratzt Schweizer Urinstein aus Schweizer Keramik und putzt Schweizer Staub von Schweizer Fenstern für klare Sicht auf Schweizer Berge.

Über die Plakate für die Mindestlohninitiative staunt die Portugiesin. 4000 Franken, so hoch etwa waren ihre gesamten Ersparnisse, mit denen sie in die Schweiz kam, und hier sollen die Menschen das in einem Monat verdienen. Nicht sie, nein, nicht als Putzfrau jedenfalls, aber vielleicht später irgendwann. Und weil sie auf dieses Irgendwann hofft, ist sie auch gegen die Masseneinwanderung von Heimat-Reinigern, die ihr Konkurrenz machen könnten. Selber reich werden wird sie nie, aber den Schweizer Reichtum verteidigt sie trotzdem gern.

„Keine Zeit für Reinigung Ihrer Heimat?“ Doch! Die Zeit, die Schweizer einsparen könnten, weil ihre Wohnungen geputzt, ihre Kranken behandelt, ihre Alten gepflegt und ihre Häuser gebaut werden, könnten sie nutzen, um ihre Heimat zu putzen.